E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Welte Das verschwundene Bild
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7245-2715-2
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Li Röstis erster Fall
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7245-2715-2
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beat Welte ist Germanist und arbeitete als Lektor, Redaktor sowie Chefredaktor. Danach war er im Management von globalen IT-Unternehmen tätig. Er schrieb mehrere Sachbücher, nun folgt er seiner neuen Passion: Kriminalgeschichten schreiben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Er erwischte mich auf dem Höhepunkt. Obwohl der Abend noch jung war, versuchte Roli Bucher unseren Clubrekord zu brechen: sturzbetrunken ein Bierglas auf dem Kopf, zum ABBA-Song «Gimme! Gimme! Gimme!» tanzend. Umgeben von den johlenden Mitgliedern unseres Privatclubs «PoorUntamedYouth», kurz PUY. Ich hatte gerade eine Wette am Laufen. Gegen ihn.
Aber der personalisierte Klingelton meines Handys – der Walkürenritt von Richard Wagner – war unbarmherzig: Mein Erzeuger verlangte nach mir.
«Wo bist du?»
«Im Club.»
«Dann kannst du ja schnell im Office sein.»
Klick.
Von unserem Club auf dem Zürcher Sonnenberg zum Rennweg waren es zu dieser Tageszeit knapp zehn Minuten. Mit meinem Alfa Romeo Spider ging es sogar noch etwas schneller. Es war Dienstagabend und nicht viel los in der Stadt. Mein Vater ist der Mitgründer und CEO unseres Multi-Client Family Office, in der pompösen offiziellen Bezeichnung: Swiss Rennweg Capital Preservation Alliance. Zu Deutsch: Die Rennwegkapitalerhaltungsallianz, was noch bescheuerter tönt als das englische Original. Wobei «Capital Preservation» sehr ehrlich und «Alliance» hoffnungslos übertrieben war: In unseren überteuerten Bürofluchten am Zürcher Rennweg arbeiteten dreizehn lohnabhängige Schlaumeier, die alle Schliche des legalen (und manchmal halblegalen) Kapitalerhalts kannten und als Sahnehäubchen auch kunstfertige Verteidigungswälle gegen den Zugriff gieriger Steuervögte errichteten.
Obwohl ich der Sohn des grossen Vorsitzenden war, stand ich in der Hackordnung ganz unten und hatte keinen Parkplatz mit einem eigenen Namensschild in der Tiefgarage. Als aufrechter Schweizer hasste mein Vater Vetternwirtschaft – oder vielleicht sollte ich sagen: Söhnleinwirtschaft. Aber zu dieser Tageszeit waren alle «Masters of the Universe» schon ausgeflogen, und ich schnappte mir den Parkplatz, der dem Aufzug am nächsten lag.
Normalerweise musste ich mich auf dem Weg ins Allerheiligste an einem Vorzimmerdrachen vorbeimogeln. Frau Nadig erinnerte mich mit ihrem Trachtenlook immer an Schweizer Gardisten in Rom. Sie gab mir permanent und wenig subtil zu verstehen, dass ich nur geduldet war im Kreis der Finanzgenies, und blockte mich so von meinem Vater ab, als ob ich ein millionenschweres Sponsoring für irgendeine Miss-Schweiz-Wahl von ihm wollte. Doch heute war der Weg frei und ich trat unbehelligt in sein Büro.
Mein Vater thronte an seinem zweihundert Jahre alten, viel zu tiefen Pult aus Nussbaum mit ziemlich geschmacklosen Swiss-Ethno-Schnitzereien. Ihm gegenüber sass ein Mann mittleren Alters im dunklen Anzug und konservativer Krawatte. Er hatte kurz geschorene Haare, die seinen scharf geschnittenen, attraktiven Charakterkopf bestens zur Geltung brachten. Er mochte fünfzig Jahre alt sein, war schlank, fit mit einer hervorragenden Körperspannung. Tennis oder sehr viele Stunden im Holmes Place, einem angesagten Fitnessstudio in der Innenstadt, dachte ich. Er erinnerte mich an ein Bild des Schriftstellers Hermann Hesse, das ich einmal gesehen hatte. Ebensolche kantigen Züge, aber definitiv weniger intellektuelle Ausstrahlung. Trotzdem: Wenn er sich etwas Mühe gab, konnte er als Intellektueller durchgehen. Er hat sicher viel Erfolg bei Frauen, dachte ich. Die Ähnlichkeit mit Hesse war allerdings rein äusserlich.
«Werisndas?», entfuhr es ihm spontan, als er mich sah.
Natürlich wusste ich genau, dass dies nicht an meinen Balenciaga-Sneakers kombiniert mit einem Prada-Hemd mit digitalen Farbverlauf-Streifen lag, die so gar nicht in ein Umfeld passten, in dem dunkelblaue Anzüge mit diskreten Krawatten und schwarze Schuhe dominierten. Es lag an meinem ausserordentlich anziehenden, aber ebenso exotischen Gesicht: Gestatten, Li Rösti ist mein Name. So heisse ich wirklich, ob Sie es glauben oder nicht. Ich bin die höchst gelungene, aber für einige offenbar ebenso verstörende Kreuzung zwischen einer chinesischen Schönheit und einem konservativen, viele Schweizer Stereotype erfüllenden Chef eines Family Office, das sich um alle Belange – vor allem die finanziellen – der Reichen und Berühmten dieser Welt kümmert.
«Das ist mein Sohn», erwiderte mein Vater. «Er übernimmt in der Allianz die heiklen Aufgaben und sorgt für schnelle und diskrete Lösungen. Er hat eine Zulassung als Privatdetektiv und verfügt über beste Kontakte zur hiesigen Polizei. Gleichzeitig ist er immer verschwiegen und absolut loyal gegenüber unseren Kunden», pries mich mein Vater in einer Art und Weise an, die mich unwillkürlich an einen billigen Jakob auf dem Jahrmarkt denken liess. Mein Vater hatte die Ablehnung gespürt und instinktiv mit einer Lobrede auf mich reagiert, die Amerikaner als «overselling», also überverkaufen, bezeichnen würden.
«Aha», meinte der Besucher, offenbar nicht so ganz überzeugt von dieser Einführung. Er straffte sein Veston mit energischem Griff und setzte sich wieder hin.
«Die Sache ist die», meinte mein Vater umständlich. «Alexander Wehrle ist ein geschätzter Kunde unseres Unternehmens. Ihm wurde ein Bild gestohlen, und er möchte, dass wir es wiederbeschaffen.»
«Das scheint mir ein klarer Fall für die Polizei.»
«Auf gar keinen Fall», entfuhr es Wehrle, «unsere Stiftung kann sich absolut keine Schlagzeilen leisten. Und sei es nur die, dass dem Stiftungsratspräsidenten ein Bild gestohlen wurde.»
«Was stimmt denn nicht mit der Stiftung?», fragte ich frech, was prompt zum Saure-Gurken-Gesicht meines Vaters führte, das, ich schwöre es, seine Ohren leicht wackeln lässt.
«Mit unserer Stiftung stimmt alles», dröhnte Wehrle. «Sie fördert Projekte in den Bereichen Kunst, Kultur und Kulturerbe, die den interkulturellen Dialog fördern und den Erhalt von Kulturgütern unterstützen.»
«Das tönt wie aus einer Broschüre», entgegnete ich. «Wo ist der Haken?»
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich in einigen Dingen das Beste aus den beiden Ethnien mitgenommen habe, die sich bei meiner Produktion gekreuzt haben. In einer Hinsicht aber auch das Schlechteste: Meine Alkoholtoleranz ist, wie bei Asiaten nicht unüblich, ausserordentlich gering. Schon ein Bier genügt, um die Hemmungen fallen und mich Dinge sagen zu lassen, die ich normalerweise etwas diplomatischer ausdrücken würde. Hinzu kam der Ärger wegen dem Wetteinsatz, den ich durch den Ruf ins Office verloren hatte. Ich war mir sicher, dass ich gewonnen hätte. Vor allem aber konnte ich den aufgeblasenen Kerl mit den Husky-blauen Augen nicht besonders gut leiden.
«Nun, die Stiftung ist in Ländern des ehemaligen Ostblocks tätig», gab mein ewiggestriger Erzeuger zu bedenken. «Polen, Ungarn, Rumänien …»
«Und auch Russland», liess Wehrle die Katze aus dem Sack. «Trotz der Spezialaktion von Russland gegen die Ukraine haben wir unsere Aktivitäten nicht eingestellt. Es handelt sich ja um alte Kulturgüter, herrgottnochmal, und nicht um Computerchips oder gar Waffen.»
Damit war mir zumindest halbwegs klar, weshalb die Wehrle Stiftung nicht in den Schlagzeilen sein wollte. Unternehmen und Organisationen, die ihre Aktivitäten in Russland nach dem Angriff auf die Ukraine nicht eingestellt hatten, wurden in den Medien regelmässig an den Pranger gestellt. Deshalb scheuten sie jede Art der Publizität.
Mit ein paar kurzen Sätzen setzte er mich über die Umstände des Diebstahls in Kenntnis. Die «Frühlingsklänge» des 1928 verstorbenen Malers Franz von Stuck stellen eine idyllische Szene im Frühling dar. Im Vordergrund des Bildes befinde sich eine junge Frau, gekleidet in ein fliessendes Gewand, auf einer Wiese. Sie habe die Augen geschlossen und scheine andächtig den Klängen der Natur zu lauschen. Ihr Gesicht strahle Ruhe und Gelassenheit aus, erklärte mir Wehrle in schwärmerischen Tönen, die ihn ein bisschen sympathischer erscheinen liessen.
«Um die Frau herum ist eine üppige Natur dargestellt. Frühlingsblumen, wie Tulpen und Narzissen, erblühen in leuchtenden Farben und schaffen einen farbenfrohen Rahmen. Im Hintergrund erstreckt sich ein Wald mit sanften grünen Hügeln, die in helles Sonnenlicht getaucht sind. Es ist ein grosses Bild mit einem schweren, barocken Rahmen.»
Vielleicht hatte dieser Wehrle doch mehr Ähnlichkeit mit Hermann Hesse? Nein, das kaufte ich ihm nicht ab. Seine Beschreibung tönte auswendig gelernt.
«Wie viel?», fragte ich, des Schwärmens überdrüssig.
«Was meinen Sie?»
«Wie viel ist das Bild wert?»
«Nicht viel. Ein paar Tausend Franken vielleicht», stiess Wehrle aus, «aber wie Sie vielleicht bemerkt haben: Es ist nicht der materielle Wert. Ich hänge sehr an diesem Bild – und ich muss...




