E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Reihe: Das Grubenbuch
Wendig Das Grubenbuch
Neuauflage 2022
ISBN: 978-3-7367-9829-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Reihe: Das Grubenbuch
ISBN: 978-3-7367-9829-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chuck Wendig ist New-York-Times- und USA-Today- Bestsellerautor. Er schrieb unter anderem die Star Wars: Nachspiel-Saga sowie mehrere Thriller um die paranormale Ermittlerin Miriam Black. Außerdem hat er jede Menge Scripts zu Comics, Computerspielen und TV-Serien beigesteuert. Viel Kritikerbeifall bekam er auch für seine Sachbücher rund ums Thema Schreiben & Autorenschaft. Er lebt mit seiner Familie in 'Pennsyltucky', was eine - meist liebevoll gemeinte - Bezeichnung für die ländlichen Regionen von Pennsylvania und Kentucky, samt deren illustren Einwohner ist. Diese Eindrücke flossen zu einem ganz erheblichen Teil in seinen Wanderers-Zweiteiler mit ein.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog 1
Reite den Blitz
Edmund Walker Reese war ein Zahlenmensch. Kein Steuerberater oder Mathematiker, sondern vielmehr ein Mann von schlichten Interessen, und hier und jetzt, im Hinrichtungsraum des Staatsgefängnisses, saß er angeschnallt auf einem elektrischen Stuhl und ging die Zahlen durch.
Drei Wärter hatten ihn hierhergebracht.
Sie waren an sieben anderen Gefangenen im Todestrakt vorbeigekommen, jeder in einer eigenen Zelle.
Es würde auch ein Henker da sein: ein anonymer Mann, der den Schalter umlegte, der Mann, der Edmund Reese’ Leben beendete.
Es war zehn Uhr abends an einem Dienstag. Dem zweiten Dienstag im März 1990.
(Daten waren schließlich auch Zahlen.) Doch es gab Details, die er noch nicht kannte, und so fragte Edmund den älteren Wärter, der ihm gerade den Gefängnisoverall an der Wade aufschlitzte, um Platz für die Elektroden zu schaffen. (Das Bein war am Morgen bereits rasiert worden, unmittelbar bevor Edmund Walker Reese – Eddie für seine Freunde, von denen es keine gab – seine letzte Mahlzeit zu sich genommen hatte, eine einfache Schale gut bekömmlicher Hühnernudelsuppe.)
Die Koteletten des älteren Wärters, eines Mannes namens Carl Graves, waren so grau und flaumig, dass sie Nebelfetzen ähnelten, die sich ihm an die Kinnbacken hefteten. (Sein Haupthaar war allerdings dunkel, noch nicht erfasst vom Alter und seiner Farbe beraubt.) Er war in den Vierzigern, vielleicht Anfang fünfzig, das ließ sich schwer erkennen. Etwas Säuerliches lag in seinem Atem: billiger Whisky, dachte Walker. Carl war niemals betrunken, nicht wirklich, aber er trank ständig. (Rauchte auch, wobei jetzt der Whisky den Rauchgeruch zu übertönen schien.) Der Alkohol war der Grund, warum Graves immer zwischen Erschöpfung und Ärger zu schwanken schien. Aber der Whisky machte ihn auch ehrlich, und das war der Grund, warum Edmund ihn mochte. Jedenfalls soweit er irgendjemanden mögen konnte.
Reese tadelte den Wärter, der das Bein seines Overalls aufschlitzte: »Seien Sie vorsichtig bei meinem linken Bein. Da habe ich eine Verletzung.«
»Ist das die Stelle, an der das Mädchen Sie erwischt hat?«, fragte Graves.
Aber Reese antwortete nicht. Stattdessen sagte er: »Erzählen Sie mir mehr. Mehr Zahlen. Wie viel Volt kriegt der Stuhl?«
Der Wärter schniefte, stand auf und sagte: »Zweitausend.«
»Kennen Sie die Maße des Stuhls? Gewicht? Breite? Und so weiter.«
»Weiß ich nicht, interessiert mich nicht.«
»Gibt es ein Publikum? Wie viele Leute?«
Graves schaute zu dem Fenster, dem Edmund zugewandt saß – ein Fenster, dessen Stahlrollläden heruntergelassen worden waren. »Sie haben heute ein großes Publikum, Eddie.« Graves benutzte seinen Spitznamen, obwohl sie keine Freunde waren, ganz und gar nicht, aber Edmund protestierte nicht dagegen. »Anscheinend wollen die Leute wirklich sehen, wie Sie brutzeln.« Grausamkeit blitzte in Carl Graves’ Augen auf wie ein angezündetes Streichholz. Edmund erkannte diese Grausamkeit, und sie gefiel ihm.
»Ja, ja«, erwiderte Edmund, außerstande, seinen Ärger zu verbergen. Seine Haut juckte. Sein Kiefer verkrampfte sich. »Aber wie viele? Die Zahl, bitte.«
»Hinter dem Fenster zwölf. Sechs Privatpersonen, eingeladen auf Geheiß des Gefängnisdirektors und des Gouverneurs, außerdem sechs Journalisten.«
»Ist das alles?«
»Es sind noch mehr Leute, die über die Videoüberwachung zusehen.« Carl Graves zeigte auf die Kamera in der Ecke, eine Kamera, deren wachsames Auge den Stuhl genau und, ohne zu blinzeln, beobachtete, als hätte sie Angst zu versäumen, was kommen würde. »Noch mal dreißig.«
Reese addierte die Zahlen. »Zweiundvierzig. Eine gute Zahl.«
»Ach ja? Wenn Sie es sagen.« Graves trat beiseite, und der andere Wärter, ein großer Fleischklops mit Bürstenschnitt, stand mit einem Ächzen auf und machte sich daran, die Elektroden an Edmunds geschorenem Kopf anzubringen. Carl schniefte. »Wissen Sie, Sie sind etwas Besonderes.«
Ich bin etwas Besonderes, dachte Edmund. Er wusste, dass es die Wahrheit war, oder hatte es einmal gewusst. Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher. Einst hatte er eine Mission gehabt. Ihm waren Leben und Licht und eine Aufgabe geschenkt worden. Eine heilige Aufgabe, hatte man ihm gesagt. Gesegnet, geweiht, heilig und unheilig in gleichem Maße, und doch, wenn das der Wahrheit entsprach, warum war er dann hier? Gefangen wie eine Fliege in einer sich langsam schließenden Hand. Zu Fall gebracht bei Nummer fünf. Erst Nummer fünf! Auf ihn wartete noch Arbeit.
»Inwiefern etwas Besonderes?«, fragte er, weil er es hören wollte.
»Dieser Stuhl, Old Smokey – die meisten elektrischen Stühle haben Namen, und viele von ihnen heißen Old Sparky, aber der hier in Pennsylvania heißt Old Smokey –, nun, er hat sich seit 1962 im Lager befunden. Der letzte Wichser, der auf diesem Ding gegrillt worden ist, war Elmo Smith, Vergewaltiger und Mörder. Seitdem ist er nicht mehr benutzt worden. Es gab neun zum Tode Verurteilte seit Elmo, aber bei allen ist dem Gnadengesuch entsprochen worden. Und dann sind Sie aufgetaucht, Eddie. Die Glückszahl zehn.«
Zahlen blitzten durch Edmund Reese’ Kopf und vollführten einen komplexen Squaredance. Noch einmal, nichts Mathematisches. Aber er suchte nach etwas. Mustern. Wahrheit. Einer heiligen Botschaft.
»Die Zahl zehn ist keine klassische Glückszahl«, erklärte Edmund und verzog die Lippen zu einer Grimasse. »Welche Zahl bin ich?«
»Die Zehn. Das habe ich Ihnen doch gesagt.«
»Nein, ich meine, wie viele waren vor mir? Wie viele sind gestorben? Auf diesem Stuhl?«
Graves schaute zu dem großen rothaarigen Wärter, weil er sich von ihm eine Antwort erhoffte. Big Ginger lieferte: »Vor ihm sind dreihundertfünfzig auf dem heißen Stuhl gegrillt worden.«
»Das macht Sie zu Nummer dreihunderteinundfünfzig«, sagte Graves.
Edmund dachte über diese Zahl nach: 351.
Was bedeutete das? Es musste etwas bedeuten. Denn wenn es nichts bedeutete, wenn sich das alles zu der Gesamtsumme eines Eimers voll Pisse und Scheiße addierte, würde ihn das umbringen. Es würde ihn auf eine Weise umbringen, wie dieser Stuhl es nicht vermochte. Ihn auf eine schlimmere Weise umbringen als diese Mädchen …
Nein, tadelte er sich. Das waren keine Mädchen. Sie waren nur Dinge. Jedes eine Zahl. Jedes ein Zweck. Jedes ein Opfer. Nummer eins mit Zöpfen. Nummer zwei mit lackierten Nägeln. Nummer drei mit dem Muttermal direkt unter dem linken Auge, Nummer vier mit diesem Kratzer am Ellbogen und Nummer fünf …
Zorn durchströmte ihn, und Edmund verkrampfte sich in dem Stuhl, als würde er bereits von Stromschlägen getroffen.
»Beruhigen Sie sich, Eddie«, sagte Graves. Dann beugte sich der ältere Wärter vor, und wieder schimmerte in seinen Augen dieses Aufblitzen von Gemeinheit. »Sie denken an sie, nicht wahr? An die, die entkommen ist.«
Einen Moment lang hatte Edmund das Gefühl, wahrhaftig gesehen zu werden. Vielleicht verdiente sich Graves das Recht, seinen Spitznamen zu benutzen. »Woher haben Sie das gewusst?«
»Oh. Ich kann es erkennen. Ich bin schon seit einer ganzen Weile als Wärter hier im Todestrakt beschäftigt und war vorher lange Zeit im Normalvollzug. Habe mit achtzehn angefangen. Zuerst hält man alles zurück. Hält es in Schach. Aber es ist wie eine Gezeitenströmung, die einen Strand hinaufspült und immer ein wenig von deinem Sand wegnimmt, Tag für Tag. Schon bald wirst du darin eintauchen. Es geht einem unter die Haut. Also muss man es anerkennen. Das Böse, meine ich. Sie wissen, wie es tickt. Wie es ist. Was es will.« Graves leckte sich die Lippen. »Sie wissen schon, Ihr Jagdgebiet. Wo Sie diese Mädchen hingebracht haben …«
Diese Dinger.
»Es war in der Nähe meines Hauses. Hat meiner Frau Angst gemacht. Hat meinem Kind Angst gemacht.«
»Hinter denen war ich nicht her.«
»Nein, wahrscheinlich nicht. Nur hinter Mädchen. Junge Mädchen. Vier tot. Und was die Fünfte betrifft, tja, sie hatte Glück, nicht wahr?«
»Nummer fünf ist davongekommen«, erwiderte Edmund bekümmert.
»Und als sie davongekommen ist, hat man Sie geschnappt.«
»Ich hätte nicht geschnappt werden sollen.«
Ein gemeines Grinsen glitt über Graves’ Züge. »Und doch sitzen Sie hier.« Mit diesen Worten schlug der Wärter ihm auf die Knie. »Eins sollten Sie wissen, Eddie, dass der Kreis sich immer schließt. Sie kriegen, was Sie geben.«
»Sie geben also, was Sie kriegen.«
»Wenn Sie es sagen.«
Sie zogen alle Gürtel stramm, überprüften noch ein weiteres Mal die Elektroden und informierten ihn darüber, was geschehen würde. Sie fragten ihn ein letztes Mal, ob er die Anwesenheit eines Priesters wünsche, aber er hatte diese Möglichkeit bereits abgelehnt und bettelte auch jetzt nicht darum. Denn wie er ihnen gesagt hatte: Ich habe einen Schirmherrn in diesem Leben, und der Teufel ist nicht hier. Man hatte ihm beinahe scherzhaft erklärt, dass sich im Nebenraum der Gefängnisseelsorger befinde, jederzeit erreichbar vom Büro des Gouverneurs, nur für den Fall, dass es so was wie eine (und an dieser Stelle stieß Graves einen Laut zwischen Schnauben und Lachen aus) »Begnadigung auf die letzte Minute« geben würde. Sie erklärten ihm, dass seine Überreste auf...




