E-Book, Deutsch, Band 1, 416 Seiten
Reihe: Wanderers
Wendig Wanderers Buch 1
Neuauflage 2021
ISBN: 978-3-7367-9858-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Schlafwandler
E-Book, Deutsch, Band 1, 416 Seiten
Reihe: Wanderers
ISBN: 978-3-7367-9858-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chuck Wendig ist New-York-Times- und USA-Today- Bestsellerautor. Er schrieb unter anderem die Star Wars: Nachspiel-Saga sowie mehrere Thriller um die paranormale Ermittlerin Miriam Black. Außerdem hat er jede Menge Scripts zu Comics, Computerspielen und TV-Serien beigesteuert. Viel Kritikerbeifall bekam er auch für seine Sachbücher rund ums Thema Schreiben & Autorenschaft. Er lebt mit seiner Familie in 'Pennsyltucky', was eine - meist liebevoll gemeinte - Bezeichnung für die ländlichen Regionen von Pennsylvania und Kentucky, samt deren illustren Einwohner ist. Diese Eindrücke flossen zu einem ganz erheblichen Teil in seinen Wanderers-Zweiteiler mit ein.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Die erste Schlafwandlerin
Letzte Nacht hatten alle Amateurastronomen die Gelegenheit, bei klarem Himmel und Neumond den Kometen Sakamoto zu betrachten. Die letzten drei Großen Kometen waren Lovejoy im Jahr 2011, McNaught im Jahr 2007 und der berühmte – oder berüchtigte? – Hale-Bopp im Jahr 1997, der bekanntermaßen den Heaven’s-Gate-Kult ausgelöst hat. Dessen Anhänger glaubten, durch Massenselbstmord auf ein außerirdisches Schiff gelangen zu können, das dem Kometen folgte. Ihr hört Tom Stonekettle von Stonekettle Radio, 970 BRG.
Stonekettle Radio Show, 970AM WBRG, Pittsburgh
3. Juni
Maker’s Bell, Pennsylvania
Shana starrte auf das leere Bett ihrer kleinen Schwester, und ihr erster Gedanke war: Nessie ist wieder weggelaufen.
Sie rief einige Male ihren Namen. Nachdem Nessie am Vorabend so lange aufgeblieben war, um durch Dads billiges Teleskop den Kometen zu beobachten, hatte Shana ehrlich gesagt damit gerechnet, sie laut schnarchend im Bett vorzufinden. Ihr war völlig schleierhaft, wo in aller Welt Nessie sein konnte. Shana war schon seit einer Stunde auf, hatte das Mittagessen vorbereitet, die Wäsche gemacht und den Müll und Recycling-Abfall zusammengesucht, damit sie alles für die Abholung am nächsten Tag die lange Auffahrt entlang zur Straße schleppen konnte. In der Küche war Nessie daher ganz bestimmt nicht. Vielleicht oben im Badezimmer.
»Nessie?« Shana hielt inne. Lauschte. »Komm schon, Nessie.«
Es war kein Laut zu hören.
Abermals dieser Gedanke: Nessie ist wieder weggelaufen.
Doch das ergab keinen Sinn. Als Nessie das erste Mal weggelaufen war, war das anders gewesen. Damals hatten sie gerade ihre Mutter verloren – verloren im wörtlichen Sinne. Sie waren zu viert einkaufen gegangen und nur zu dritt zurückgekehrt. Zuerst hatten sie befürchtet, Mom sei entführt und verletzt worden, aber auf den Überwachungskameras des Giant Eagle war deutlich zu erkennen, dass es sich nicht um ein Kidnapping handelte. Vielmehr war Mom einfach durch die automatischen Türen geschlendert, als wäre alles in bester Ordnung, und für immer aus ihrem Leben verschwunden. Mom war zu einem großen Fragezeichen geworden, das wie ein Angelhaken in ihrem Fleisch steckte.
Aber es war offensichtlich, dass ihre Mutter kein Teil ihres Lebens mehr sein wollte. Shana hatte damals schon gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen war, ganz im Gegensatz zu Nessie, die es selbst heute noch nicht wirklich begriff. Nessie war davon überzeugt, dass Dad die Schuld daran trug. Vielleicht auch Shana. Vor fast auf den Tag genau zwei Jahren, direkt nach Ende des Schuljahrs, hatte Nessie einen Rucksack mit Konserven und Wasserflaschen sowie ein paar Schokoriegeln gepackt und war weggelaufen.
Sie hatten sie vier Stunden später an der Bushaltestelle an der Granger Road gefunden, wo sie sich während eines Regenschauers untergestellt hatte. Zitternd wie ein herrenloses Hündchen. Als Dad sie hochhob, trat und schlug sie wild um sich, was beinahe so aussah, als wollte ein Wrestler einen Tornado festhalten. Aber gleich darauf ließ er sie los und sagte zu ihr: »Wenn du weglaufen willst, dann tu das, aber falls du vorhast, deine Mutter zu suchen, dann solltest du wissen, dass sie meiner Meinung nach nicht gefunden werden will.«
Es war, als würde man dabei zusehen, wie ein Wasserglas in Zeitlupe umkippte. Nessie sank in seine Arme und weinte bitterlich. Ihre Schultern bebten, und sie klemmte die Hände unter die Achseln, als wolle sie sich selbst umarmen. Sie brachten sie nach Hause. Nessie schlief zwei ganze Tage lang und kehrte dann nach und nach ins Leben zurück.
Das war jetzt zwei Jahre her.
Heute fiel Shana jedoch kein Grund ein, aus dem Nessie wieder weggelaufen sein könnte. Sie war nun fünfzehn Jahre alt und schlug nicht wie Shana in ihrem Alter gern mal über die Stränge – Dads Worten zufolge war Shana damals »mit Vollgas zum Teenager« geworden. Trübsinnig und durchgeknallt, während die Hormone in ihrem Inneren ein Chaos veranstalteten. Inzwischen war Shana fast achtzehn, und es ging ihr besser. Meistens jedenfalls.
Nessie war noch immer wie früher und nicht zu einem Werwolf mutiert. Sie wirkte weiterhin glücklich. Optimistisch. Ihre Augen strahlten. Sie hielt in einem kleinen Notizbuch alles fest, was sie erleben wollte – mit Haien tauchen, Fledermäuse beobachten, sich Pantoffeln stricken, wie Mom-Mom es getan hatte) –, welche Orte sie besuchen wollte – Edinburgh, Tibet, San Diego – und welche Menschen sie treffen wollte – den Präsidenten, einen Astronauten, ihren zukünftigen Ehemann. Einmal hatte sie zu Shana gesagt: »Ich habe gehört, Jammern programmiert das Gehirn wie ein Computer-Virus um und man wird nur noch unglücklicher, darum bleibe ich gut gelaunt, weil das andersrum sicher genauso funktioniert.«
Das Notizbuch lag auf ihrem leeren Bett. Neben dem Bett stand ein offener Karton – für Nessie war ein Paket gekommen, irgend so ein Wissenschaftskram, den sie bestellt hatte. Shana hatte sich davon ein kleines Reagenzglas für Gras ausgeborgt. Die narzissengelbe Bettdecke war zerknittert, und man sah, dass sie benutzt worden war. Und in dem rosafarbenen Kopfkissen zeichnete sich noch der Abdruck von Nessies Kopf ab.
Shana warf einen Blick in das Notizbuch. Nessie hatte eine neue Liste begonnen: Jobs, die ich mögen könnte?? Darunter stand: Tierpflegerin, Imkerin, Alpaka-Züchterin, Fotografin. Fotografin? Shana stutzte. Das ist doch mein Ding! Eine seltsame Art von Zorn loderte in ihr auf. Nessie war in allem gut. Wenn sie beschloss, genau das Gleiche wie Shana zu machen, wäre sie darin besser, und das würde nerven, und sie würden sich auf ewig hassen. Na ja, nicht ganz. Shana würde Nessie hassen. Nessie würde sie bedingungslos lieben, weil Nessie nun mal so war.
Shana rief noch einmal nach ihrer Schwester. »Ness? Nessie?« Ihre Stimme verhallte, und es kam keine Antwort. Scheiße.
Dad war wahrscheinlich schon am sogenannten Melkstand – er war der Ansicht, wenn sie zur Käsekultur-Bewegung hier in Pennsylvania gehören wollten, müssten sie auch wie diese Leute reden – und erwartete, dass Nessie und Shana sich um den kleinen Laden an der Straße kümmerten. Irgendwann würde er eine von ihnen in den Käseschuppen schicken, damit sie die Molke auf dem Gouda abschöpften oder den Blauschimmelkäse entwässerten, falls es nötig war – um danach die Silage anzumischen und die Kühe zu füttern und, ach, verflucht, der Tierarzt sollte heute nach dem verkrusteten geröteten Euter der armen Belinda schauen und …
Vielleicht war Nessie deswegen weggelaufen. Das Schuljahr war zu Ende, und Sommerurlaub machten sie eigentlich so gut wie nie. Immer hieß es nur: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Shana stellte fest, dass Nessies Idee vielleicht gar nicht so blöd war. Sie könnte ebenfalls weglaufen. Und wenn es nur für einen Tag war. Ihren Kumpel Zig mit dem Honda anrufen, etwas Gras rauchen, Comics lesen, über die älteren Schüler lästern, die gerade ihren Abschluss gemacht hatten …
Mann, sie musste hier raus! Wenn sie nicht bald hier wegkäme, würde sie es wahrscheinlich niemals schaffen. Dieser Ort fühlte sich inzwischen an wie Treibsand, in dem sie feststeckte.
Eigentlich war Nessie ein viel zu braves Mädchen, um ein weiteres Mal wegzulaufen. Vielleicht war sie Shana ja auch nur zuvorgekommen und stand längst draußen am Verkaufsstand. Diese kleine, emsige Biene. Wie hieß dieses Lied auf Dads altem REM-Album doch gleich? Shiny Happy People? Genau das war Nessie.
Shana hatte schon etwas gegessen und machte sich auf die Suche nach der Makro-Linse, die sie auf die Kamera ihres Handys klemmen konnte, um damit Dinge ganz nah und wie unter einer Lupe zu fotografieren. Kleine, unbekannte Welten wurden so enthüllt; das Kleine war auf einmal ganz groß. Sie besaß noch keine anständige Kamera, sparte jedoch fleißig, um sich eines Tages eine Spiegelreflexkamera leisten zu können. Bis dahin musste sie mit ihrem Handy auskommen. Vielleicht würde sie im Stall oder im Käseraum etwas finden, das in der Nahaufnahme cool aussah: abblätternder Rost, die rote Nadel des Thermometers, die Blasen oder Kristalle im Käse …
Da fiel ihr ein, wo sie die Linse zuletzt hingelegt hatte: Sie hatte die Zitterspinne an ihrem Fenster fotografiert und die Linse danach auf der Fensterbank liegen lassen. Also ging sie dorthin, um sie holen …
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung auf der Auffahrt. Eine der Kühe ist ausgebüxt, war ihr erster Gedanke.
Shana trat ans Fenster.
Da draußen lief irgendjemand rum.
Nein. Nicht irgendjemand.
Die kleine Pappnase tapste in Schlafanzughose und rosa T-Shirt die Auffahrt entlang. Barfuß, so wie es aussah. Was soll denn der Scheiß jetzt, Nessie?
Shana eilte in die Küche und hatte die Linse schon wieder vergessen. Schnell streifte sie sich die Sneakers über und rannte durch die Hintertür auf die Veranda, stolperte dabei fast, weil sie einen Schuh nicht richtig angezogen hatte, rammte rasch die Ferse hinein und lief weiter.
Sie wollte ihre kleine Schwester schon anbrüllen, entschied sich aber dagegen, da sie damit nur Dads Aufmerksamkeit erregt hätte. Dann würde er merken, dass sie noch nicht im Laden waren, und ihnen deswegen die Hölle heißmachen, und darauf hatte Shana nun...




