E-Book, Deutsch, 140 Seiten
Werfel Der Abituriententag
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6784-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller - Die Geschichte einer Jugendschuld
E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-80-268-6784-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Der Abituriententag' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Werfels Roman spielt in einer Großstadt zwischen den beiden Weltkriegen. Dort hat der dreiundvierzigjährige, aus Wien stammende Untersuchungsrichter Landesgerichtsrat Dr. Ernst Sebastian von Portorosso im Jahr 1927, an dem Tag, an dem ein Klassentreffen ansteht, einen Festgenommenen zu verhören, der verdächtigt wird, die Prostituierte Klementine Feichtinger in deren Wohnung erschossen zu haben... Das Manuskript des Romans Der Abituriententag schrieb Franz Werfel 1926 innerhalb eines Monats, möglicherweise inspiriert durch ein Treffen mit seinen früheren Klassenkameraden Willy Haas und Ernst Deutsch. Die Schilderungen dessen harter Schulzeit seien Inspiration gewesen. Gleichwohl ist in Werfels Biographie eine auffällige Parallele zu den Romanfiguren zu finden, denn er ist ebenfalls von Wien nach Prag an das deutsche Gymnasium in der Stephansgasse gewechselt und litt unter dem alten Schulsystem. Nicht das Milieu der Schule, nicht die Verwirrungen der Jugend, keinerlei psychologische und weniger noch pädagogische Nebenabsichten bilden den wahren Gegenstand der Geschichte, die eine, nein, vielleicht die allerfuchtbarste Frage des menschlichen Lebens aufzuwerfen wagt. Franz Werfel (1890-1945) war ein österreichischer Schriftsteller jüdischer Herkunft mit deutschböhmischen Wurzeln. In den 1920er und 1930er Jahren waren seine Bücher Bestseller.
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Zweites Kapitel
Als Sebastian das separierte Zimmer des Adriakellers betrat, waren die meisten der zum Jubiläum entschlossenen Herren schon versammelt.
Ein Gruppenbild wanderte gerade von Hand zu Hand, das die stumpfe Pyramide einer symmetrisch aufgebauten Jünglingsversammlung darstellte. Die Titelschrift behauptete, daß diese in drei Schichten hockenden, sitzenden, stehenden jungen Leute die Abiturienten des Jahrgangs neunzehnhundertundzwei des kaiserlich-königlichen Staatsgymnasiums zu Sankt Nikolaus seien.
Alle Gestalten dieser gealterten Photographie hatten durch die Zeit etwas Lächerliches bekommen. Entweder wuchsen sie langstielig aus ihren Kleidern heraus oder sie waren in dem Übermaß der sie bergenden Anzüge sitzen geblieben wie gewisse Kuchen. Die verwegensten Kopfbedeckungen belebten die Reihen: Bäurische Hüte, Sportkappen, Marinemützen. Ein unternehmendes Köpfchen trug sogar einen steifen Paradehut, Melone oder Dohle genannt. Und fünfundzwanzig Jahre lang hatte sich der Fingereindruck auf dem Bild erhalten, der in jener verschollenen Stunde die Ebenmäßigkeit dieser Melone verunziert hatte.
Das Bild war gelb und befleckt. Dennoch schien auf dem vergilbten Glanzpapier jene Feuchtigkeit, jene Ahnung von schlechtem Teint wahrnehmbar geblieben, die für Knabengesichter so charakteristisch ist. Gewiß aber hätte kein gerichtlich-beeideter Sachverständiger den ihre eigene Jugend hier feiernden Herren die richtige Knabenphysiognomie zuzuteilen vermocht.
Sebastian mußte eine Weile lang suchen, ehe er den wildfremden Jungen fand, der er selber gewesen war. Er stand in der dritten Reihe, oberhalb des Klassenvorstands Professor Kio, der in der Mitte des Tableaus saß und mit soldatischem Ingrimm die Unterlippe kaute. Sebastian fand sich reichlich unsympathisch, die schiefe Haltung des Kopfes, die deutliche Blässe der Wangen, die allzu spitze Nase, dies alles bereitete ihm Unbehagen. Wie gut, daß wir älter werden, daß ein allstündlicher Tod unsere Züge immer wieder verlöscht! Man sollte sich niemals photographieren lassen.
Sebastian wollte eben die Erscheinung eines andern Knaben auf dem Bilde erforschen, als es ihm aus der Hand genommen wurde.
Professor Burda begrüßte ihn mit Begeisterung. Sein sanftmütiges Gesicht strahlte. Er lief eilig von einem zum andern. Man sah ihm die Wiedersehensfreude an. Er mochte der Einzige hier sein, der keine Stacheln und Reserven in sich verhielt. Zudem war er auch der Einzige, der Frack trug, den ein wenig schlotternden Frack einer reinen Seele. Wie der aufgeregte Veranstalter eines weiträumigen Festes wirkte er, der sich anschickt, den Einzugsfanfaren das Signal zu geben. Und es waren von den siebenundzwanzig Eleven des Jahrgangs doch nur fünfzehn erschienen. Drei hatten sich der Einladung entzogen, drei waren unauffindbar und sechs durch Tod verhindert.
Burda teilte diese Abgangsstatistik der Versammlung sogleich mit.
Schulhof, Schauspieler und Oberregisseur eines großen deutschen Stadttheaters, meinte daraufhin zu Sebastian:
»Immer noch mehr als genug!«
Und während er mit belustigten Augen auf Burda hinwies, drehte er den alten Spruch um:
»Non vitae, sed scholae discimus.«
Sebastian schüttelte viele Hände und schaltete immer wieder das Licht freundlichen Wiedererkennens in seinen Augen ein. Die meisten erkannte er auch ohne Schwierigkeiten wieder.
Ressl hatte seine angenehme Sphäre von Wohlernährtheit und Luxus behalten. Auch Faltin war ziemlich unverändert geblieben. Seine weichen runden Schwarzaugen weideten unruhig den Raum ab und suchten Gelegenheit, Neuigkeiten zu erfahren oder zu verkünden.
Da trat Sebastian ein hagerer Mann an, der ihm fest in die Augen sah und eine knochige Hand hinhielt. Der Landesgerichtsrat setzte das zuvorkommend gestörte Gesicht auf, das er im dienstlichen Leben zu verwenden pflegte. Zugleich aber ärgerte er sich über dieses Gesicht, denn er wußte, wer dieser Mann war. Der Knochige sagte:
»Komarek! Ich bin Komarek! Erkennen Sie mich nicht?«
»Aber natürlich erkenne ich dich, Komarek!«
Sebastian legte vertraulich wie ein Älterer oder wie ein Vorgesetzter die Hand auf Komareks Schulter. Eine durchaus falsche, eine erlogene Geste, fühlte er. Die Qual dieses Abends begann. Komarek zog sich zurück.
Mit einer verbissenen Unruhe, der er nicht Herr werden konnte, wartete Sebastian, welchen Platz ihm Burda anweisen würde. Es war für ihn eine Erleichterung, als er gebeten wurde, zur rechten Hand des erwarteten Ehrengastes zu sitzen. Sebastian blickte umher. Ihm gegenüber, als nächster im Range, saß Karl Schulhof, oder Karlkurt Schulhof, wie er sich neuerdings nannte, der Künstler, der Schauspieler, der Oberregisseur. Sebastian verspürte eine sarkastische Regung, als er den glänzenden Scheitel und das scharf linierte Schauspielergesicht betrachtete: Überragende Geister hat die Creszenz Neunzehnhundertundzwei zu Sankt Nikolaus nicht hervorgebracht.
Unzweifelhaft parierte Schulhof diese Regung seines Gegenübers mit ähnlichen Erkenntnissen.
Die Gesellschaft wies deutlich zwei Parteien auf.
Den weitaus größeren Teil des Tisches hielt die zweite Partei besetzt. Es waren dies die Zukurzgekommenen, das Kanonenfutter eines knappen und hoffnungslosen Auskommens. Matte, graue Gesichter, in welche eine erfrorene Bitterkeit eingemauert war. Menschen, die weder zu schlafen noch zu wachen schienen, Fixangestellte des Nichts auf unfrohem Ausgang.
Tragisch zu nennen war es, daß auch Fischer Robert, der Hochbegabte, unter diesen Schatten des alltäglichen Hades hockte. Nie hatte es eine Frage gegeben, die Fischer Robert nicht gebändigt hätte, keinen Aorist, dem er nicht gewachsen war. Nicht einmal in der frühesten Pennälerzeit konnte es ihm je zustoßen, ›ut‹ mit dem ›Indikativ‹ zu konstruieren. Sebastian hatte in seinen Reden zwar stets die Vorzugsschüler im Allgemeinen und den Primus Fischer im Besonderen verächtlich gemacht, aber in der Tiefe seines Herzens brannte dennoch sehr oft Bewunderung für Fischers Fassungskraft, Geistesschärfe und Aufmerksamkeit.
Nun saß der Heros, der einst allen Lehrern die Schulheftpakete nach Hause tragen durfte, am unbesonnteren Ende der Tafel und unterhielt sich über den neuen Fahrpreistarif der Straßenbahn und über die Baupolitik der Gemeinde, denn er war Beamter des Magistrats. Er unterhielt sich mit Komarek, dem Auswurf, dem schlechtesten Schüler des Jahrgangs. War es Unachtsamkeit oder ein ironischer Geistesblitz Burdas, daß sie nebeneinander saßen?
Nicht nur das Leben, auch die Sitzordnung hatte die beiden Spitzenleistungen der Klasse, die positive und die negative, einander angeglichen.
Immerhin, Komarek war noch nicht ganz erstorben, etwas von seiner funkelnden Gedrücktheit, von seinem ›catilinarischen Feuer‹ war am Leben geblieben.
Als ein Heilloser und Armer hatte er schon in frühester Jugend erkannt, daß Gott in seiner unermeßlichen Unberechenbarkeit zwei Parteien der Menschheit geschaffen habe, die Glücklichen und die Unglücklichen, von denen er es aber nur mit der ersteren hielt. Zu den Glücklichen gehörten vorzüglich die Reichen, aber nicht nur die Reichen. Was diese jedoch anbetrifft, so äußerte sich ihr Reichtum nicht allein in dem Aufwand, den sie trieben, sondern mehr noch in der unbewußten Fröhlichkeit, mit der sie ihn trieben. Nicht nur die köstliche Tatsache der schmackhaft belegten Frühstücksbrötchen war maßgebend für das unerforschliche Wesen der Welt, die wohlüberlegt-sorgfältige Verpackung, die zärtlichen Hüllen von Öl- und Seidenpapier waren in Komareks Augen fast noch bedeutsamer. Überhaupt, wer könnte die tausend heimlichen Zeichen des Reichtums ermessen? Der runde rosige Schnitt der Fingernägel! Der milchige Glanz der Haut, der von geräumigen Zimmern, kultivierter Nahrung, reichlichen Bädern, unverbindlichen Gesprächen, gesichertem Zukunftsgefühl und weichem Schlaf herrührte! Das Unnachahmliche der Kleidung, selbst wenn sie vernachlässigt war! (Wenn ein Prolet hingegen einen feinen Anzug trug, wirkte er doppelt unmöglich, schämte sich und hatte Angst, in Verdacht zu kommen.) Die Art sich zu erheben ferner, wenn die Prüfungsfrage einen dieser Auserwählten traf! Eine hochfahrende und gesicherte Art sich zu erheben, wobei auch der Lehrer einen unerwünschten Beiklang von voraussetzungserfülltem Wohlwollen nicht aus der Stimme bannen konnte, selbst wenn er im gleichen Augenblick sich an dem Lebensglanze des Prüflings zu rächen dachte.
Nach Komareks Erfahrung war auf der Skala des Glücks dem Reichtum der angesehene Name benachbart.
Der Klassenvorstand rief zum Beispiel Ernst Sebastian auf. Sebastian wußte kein Wort. Da schlug Professor Kio – und er war doch ein Gerechter unter Ungerechten – die Hände über dem Kopf zusammen:
»Was würde Seine Exzellenz, Ihr Herr Vater, der Präsident des Obersten Gerichtshofes, dazu sagen, daß sein Sohn keine Ahnung von einem hypothetischen Konditionalsatz hat?«
Welch eine Verbeugung lag noch in diesem Tadel!
In mancher Beziehung übertraf ein großer Name sogar noch das Glück des Reichtums. Ein reicher Tunichtgut wurde ohne weiteres aufgefordert, ›seinen Vater in die Sprechstunde zu schicken‹. Das Professorenkollegium hatte geradezu eine Vorliebe dafür, wohlhabende Eltern den Canossagang antreten zu lassen. Wer aber hätte es gewagt, Seine Exzellenz Hofrat Sebastian Ritter von Portorosso ins Konferenzzimmer zu bestellen?
Von den Vätern der andern Partei hingegen, die Gott geschaffen hatte, von Komareks Vater, war niemals die Rede gewesen. Die...




