Werfel | Jacobowsky und der Oberst | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Werfel Jacobowsky und der Oberst

Komödie einer Tragödie in drei Akten
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-400229-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Komödie einer Tragödie in drei Akten

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-10-400229-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Franz Werfels ?Komödie einer Tragödie?, wie sich ?Jacobowsky und der Oberst? im Untertitel nennt, ist brillant. Es ist Werfels bestes Drama. Nichts mehr erinnert hier an den einstigen O-Mensch-Lyriker des Expressionismus, hier sprühen Funken, hier mischen sich Satire, Witz, Humor und eine leise, lächelnde Skepsis zu einem faszinierenden Dialog. Zwischen 1941 und 1942, nach einer waghalsigen Flucht des 50-jährigen Werfel durch verschiedene Länder Europas bis nach Amerika, entstand dieses Stück. Es empfing seine Handlung aus den Erlebnissen des Prager Autors und aus den Erzählungen eines Emigranten namens Jacobowicz. Es ist also ein authentisches Drama, ein Zeitstück über das Frankreich von 1940 und ein Dokument für die durch alle Kontinente gehetzten Juden. Doch darüber hinaus zeigt es die Geschichte zweier menschlicher Gegensätze.« ?Düsseldorfer Nachrichten?

Am 10. September 1890 wird Franz Werfel in Prag geboren; als Schüler schreibt er Gedichte und entwirft Dramen. 1914 wird er zum Militärdienst eingezogen; 1917 begegnet er Alma Mahler-Gropius, mit der er bis zu seinem Lebensende verbunden bleibt; er siedelt nach Wien über. Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Gedichtbände von ihm erschienen, hat er kritische Aufsätze veröffentlicht. 1919 folgt seine erste ganz eigenständige Novelle ?Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig?. 1921 wird sein Drama ?Spiegelmensch? aufgeführt. In den nächsten Jahren entstehen ?Der Tod des Kleinbürgers?, ?Kleine Verhältnisse?, ?Der Abituriententag?, ?Die Geschwister von Neapel? und immer wieder Gedichte. 1929 heiratet er Alma Mahler. 1933 erscheinen ?Die vierzig Tage des Musa Dagh? - eine Mahnung an die Menschlichkeit; im gleichen Jahr werden seine Bücher in Deutschland verbrannt. 1938, als Hitlers Truppen in Österreich einmarschieren, hält sich Werfel in Capri auf - seine Emigration beginnt. 1940 wird er in Paris an die Spitze der Auslieferungsliste der Deutschen gesetzt. Mit Alma und einigen Freunden flüchtet er zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien. ?Das Lied von Bernadette? schreibt er als Dank für seine Errettung. Von Lissabon bringt sie ein Schiff nach New York. Die letzten Jahre verlebt Werfel in Los Angeles, Kalifornien. Am 26. August 1945 erliegt er seinem schweren Herzleiden.
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Des ersten Aktes zweiter Teil


Vor dem Hotel ›Mon Repos et de la Rose‹. Einer der kleinen stillen Pariser Plätze auf dem linken Seine-Ufer. Eine angejahrte, einst prächtige Limousine vor der bescheidenen Front des Hotels. Man sieht ein kleines Stück einer der Seitengassen. Morgengrauen. In der Ferne hört man dann und wann ein sonderbar schleppendes Geräusch wie von hunderttausend Füßen, die unter schweren Lasten über den Pariser Asphalt traben. – Der Chauffeur eines reichen Hauses und Jacobowsky

CHAUFFEUR

mit der unüberwindlichen Beredsamkeit eines alten gewiegten Gamins Belieben Sie, Monsieur, nichts als die simplen Fakten zu wägen. Die Boches stehen bereits in Meaux …

JACOBOWSKY

Das Radio spricht erst von Compiègne …

CHAUFFEUR

Das Radio ist nicht für die Wahrheit erfunden worden. Bestenfalls stehen die Boches in Meaux. Schlimmstenfalls werden sie morgen, was sag ich, heute abend über die Champs-Elysées marschieren. Hier aber vor Ihnen steht eines der teuersten und treuesten Automobile bereit, Sie nach dem Westen oder Süden Frankreichs in Sicherheit zu bringen. Sie haben keine Wahl, Monsieur …

JACOBOWSKY

mit einer Taschenlampe die Räder ableuchtend Sagen Sie das nicht! Es verletzt mich! Noch den Strick um den Hals werd ich an den freien Willen glauben …

CHAUFFEUR

Danken Sie lieber dem Schicksal, das mich Ihnen in den Weg geführt hat. All die zehntausend Hispano-Suizas. Rolls-Royces, Buicks, Packards sind auf und davon gefahren. Seit gestern gibt es in der Ville Lumière, in unserer Stadt des Lichtes, der Aufklärung und des Verkehrs nur mehr ein paar Taxis und die verstecken sich. Sollten Sie in irgendeiner Garage noch auf einen Wagen stoßen, so ist er weniger wert als altes Eisen. Denn wo nehmen Sie Essence her, Monsieur, ja woher Essence, dieses Blut des Lebens? … Ist Ihnen übel? Sie sehen schlecht aus …

JACOBOWSKY

Wieso übel? Wer sieht gut aus um halb sechs Uhr früh?

CHAUFFEUR

Tenez votre morale, Monsieur! Halten Sie Ihre ›Morale‹ hoch. Das ist die Hauptsache. Wenn alles schief geht, haben wir doch unsre ›Morale‹ …

JACOBOWSKY

Ich würde Sie bitten, meine ›Morale‹ durch kürzere Sentenzen zu schonen!

CHAUFFEUR

Es wird Ihrer ›Morale‹ jedenfalls zustatten kommen, wenn Sie hören, daß dieses Auto, das Ihr Leben retten wird, aus einem vornehmen Stall kommt … Raten Sie …

JACOBOWSKY

Ich übe jede Selbstbeherrschung, mein Freund, aber einen Kopf für Rätsel hab ich heute nicht …

CHAUFFEUR

pompös vertraulich Rothschild …

JACOBOWSKY

Baron Rothschild …

CHAUFFEUR

Ich wußte, daß dieser Name in Ihren Ohren Musik sein wird, Monsieur …

JACOBOWSKY

träumerisch Ich stand in Verbindung mit dem Hause Rothschild …

CHAUFFEUR

Ich stehe noch immer in Verbindung mit dem Hause Rothschild. Als Chef des Wagenparks. Die Familie hat schon vor Wochen Paris verlassen. Denn wissen Sie, in puncto Rothschild da verstehen die Boches keinen Spaß. Die beiden Rolls-Royces sind mit und der neue Cadillac auch …

JACOBOWSKY

Was geht mich das alles an?

CHAUFFEUR

»Mein guter Philibert«, sagte der Baron beim Abschied zu mir, »der Wagen ist mir besonders ans Herz gewachsen, aber handle nach deinem Gutdünken, nur den Boches soll er nicht in die Hand fallen, Philibert …«

JACOBOWSKY

Ich lausche Ihnen ehrfürchtig seit fünfzehn Minuten. Am Ende Ihrer Meistererzählungen werden die Deutschen die Stadtgrenze erreicht haben. Kommen Sie zur Sache …

CHAUFFEUR

Sie sind der Mann meines Gutdünkens, Monsieur! Ich weiß, der Baron wäre glücklich, Sie, gerade Sie zum Nachfolger zu haben …

JACOBOWSKY

Zur Sache! Was kostet der Wagen?

CHAUFFEUR

Die Räder sind wie neu!

JACOBOWSKY

Ich muß es glauben …

CHAUFFEUR

Und das Wichtigste! Er ist gefüllt bis oben mit bester Essence, prima Lebensblut. Mobiloil! Wissen Sie, was das bedeutet heutzutage?

JACOBOWSKY

Ich weiß es. Was kostet der Wagen?

CHAUFFEUR

Einen Fliegenschiß!

JACOBOWSKY

Was kostet ein Fliegenschiß?

CHAUFFEUR

Vierzigtausend Francs!

JACOBOWSKY

Ich leide manchmal an Gehörstörungen …

CHAUFFEUR

Was haben Sie gehört? Ich habe fünf- unddreißig gesagt.

JACOBOWSKY

Au revoir!

CHAUFFEUR

Halten Sie ihre ›Morale‹ hoch, Monsieur!

JACOBOWSKY

Das tue ich soeben!

CHAUFFEUR

Was kann Ihnen das Geld bedeuten? Heute!

JACOBOWSKY

Solang ich habe, nichts! Aber die Morale bedeutet mir etwas. Solche Wagen find ich hundertzwanzig. Salomon hat noch andere Adressen. Danke bestens … Wendet sich zum Gehen.

CHAUFFEUR

Ich erwarte Ihre Gegenvorschläge, Monsieur …

JACOBOWSKY

Verkaufen Sie die Limousine an ein Museum! …

CHAUFFEUR

Dort wird man sie gewiß neben der Karosse Ludwig des Vierzehnten aufstellen! Sonst haben Sie nichts zu bieten?

JACOBOWSKY

Keine zehntausend ist der klapprige Veteran wert!

CHAUFFEUR

Zehntausend begehrt heut jeder Lastwagen, wenn er Sie hinten aufsitzen läßt. Dies aber ist ein Auto, in dem ein Baron, und mehr als das, ein Bankmagnat, Entspannung fand. In diesem Auto fuhren ein Präsident der Republik und unzählige Minister …

JACOBOWSKY

Vielleicht auch noch der alte Clemenceau.

CHAUFFEUR

Ein guter böser Mann, der alte Clemenceau! Geben Sie fünfundzwanzigtausend!

JACOBOWSKY

Die Rechtslage ist sehr verworren. Ich kann nicht nachprüfen, ob Sie befugt sind, den Wagen anzubieten … Ich nenne als letzten Preis fünfzehntausend!

CHAUFFEUR

Ich bin ein gesetzter Familienvater, der den Schrecken der Occupation entgegenblickt …

JACOBOWSKY

Die Occupation wird selbst diesen Wagen konfiszieren, obwohl er nicht einmal ein Reserverad besitzt!

CHAUFFEUR

hoheitsvoll Schicksal ist Schicksal!

JACOBOWSKY

Es ist ein irreguläres Geschäft. Ich will keine Untersuchungen anstellen. Ich kaufe mit Bewußtsein eine alte Katz im Sack … Sechzehntausend bar! Ja oder nein?

CHAUFFEUR

entblößt seinen Arm Was ist das?

JACOBOWSKY

Haben Sie einen Autounfall gehabt?

CHAUFFEUR

Nicht einmal im Traum!

JACOBOWSKY

Hat ein wilder Hund ihren Arm zerfleischt?

CHAUFFEUR

Die Boches haben meinen Arm zerfleischt, Herr … Verdun!

JACOBOWSKY

greift sich an den Kopf Verdun! … Ich werde verrückt … Ils ne passeront pas … Sie sind durchgekommen … Die Siege von gestern werden zu Niederlagen von heute …

CHAUFFEUR

Sie benachteiligen also einen ehemaligen Kämpfer von Verdun!

JACOBOWSKY

Zwanzigtausend! und nur wegen Verdun! Er zählt die Scheine ab.

CHAUFFEUR

Hier ist die Carte grise … Sie brauchen bloß Ihren Namen einzusetzen, und Rothschilds Limousine gehört Ihnen vor Gott und Menschen … Empfängt das Geld

JACOBOWSKY

den Chauffeur traurig anblickend Ich bin ein internationaler Expert für Finanzwesen. Ich habe die berühmte Dollar-Anleihe der Stadt Baden-Baden zustande gebracht … Und jetzt überzahle ich, nur wegen des Wortes ›Verdun‹, ohne jede Garantie dieses Vehikel, von dem ich nicht einmal weiß, ob es überhaupt vom Fleck kommt. So tief sinkt man im Exil! … Die Türen schließen schlecht. Die Schutzscheibe ist zerbrochen. Überall Kratzer. Öffnen Sie die Motorhaube!

CHAUFFEUR

gehorcht, anerkennend schmunzelnd Monsieur kennt sich aus …

JACOBOWSKY

Ich erblicke ein schmutziges Kohlenbergwerk, wo seit zehn Jahren gestreikt wird … Der Motor ist eine Ruine …

CHAUFFEUR

gekränkt Der Motor, mein Herr, arbeitet wie mein eigenes Herz.

JACOBOWSKY

Was weiß ich, wie Ihr eigenes Herz arbeitet …

CHAUFFEUR

Setzen Sie sich doch an den Volant und probieren Sie den Motor aus! Hier ist der Schlüssel …

JACOBOWSKY

Wozu dieses Schlüsselchen? …

CHAUFFEUR

starrt ihn an Wozu dieses Schlüsselchen?

JACOBOWSKY

düster zerstreut Ach so! Natürlich … Der Chauffeur öffnet höflich die Tür. Jacobowsky setzt sich umständlich ans Steuer.

CHAUFFEUR

Sie werden sehn, er fährt so weich wie die Liebe einer Mutter … Wohlan, Monsieur! Lockern Sie die Bremse! Geben Sie Gas! …

JACOBOWSKY

regungslos, träumerisch A propos, da fällt mir...


Werfel, Franz
Am 10. September 1890 wird Franz Werfel in Prag geboren; als Schüler schreibt er Gedichte und entwirft Dramen. 1914 wird er zum Militärdienst
eingezogen; 1917 begegnet er Alma Mahler-Gropius, mit der er bis zu seinem Lebensende verbunden bleibt; er siedelt nach Wien über. Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Gedichtbände von ihm erschienen, hat er kritische Aufsätze veröffentlicht. 1919 folgt seine erste ganz eigenständige Novelle ›Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig‹. 1921 wird sein Drama ›Spiegelmensch‹ aufgeführt. In den nächsten Jahren entstehen ›Der Tod des Kleinbürgers‹, ›Kleine Verhältnisse‹, ›Der Abituriententag‹, ›Die Geschwister von Neapel‹ und immer wieder Gedichte. 1929 heiratet er Alma Mahler. 1933 erscheinen ›Die vierzig Tage des Musa Dagh‹ – eine Mahnung an die Menschlichkeit; im gleichen Jahr werden seine
Bücher in Deutschland verbrannt.
1938, als Hitlers Truppen in Österreich einmarschieren, hält sich Werfel in Capri auf – seine Emigration beginnt. 1940 wird er in Paris an die Spitze der Auslieferungsliste der Deutschen gesetzt. Mit Alma und einigen Freunden flüchtet er zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien. ›Das Lied von Bernadette‹ schreibt er als Dank für seine Errettung. Von Lissabon bringt sie ein Schiff nach New York. Die letzten Jahre verlebt Werfel in Los Angeles, Kalifornien. Am 26. August 1945 erliegt er seinem schweren Herzleiden.

Franz WerfelAm 10. September 1890 wird Franz Werfel in Prag geboren; als Schüler schreibt er Gedichte und entwirft Dramen. 1914 wird er zum Militärdienst
eingezogen; 1917 begegnet er Alma Mahler-Gropius, mit der er bis zu seinem Lebensende verbunden bleibt; er siedelt nach Wien über. Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Gedichtbände von ihm erschienen, hat er kritische Aufsätze veröffentlicht. 1919 folgt seine erste ganz eigenständige Novelle ›Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig‹. 1921 wird sein Drama ›Spiegelmensch‹ aufgeführt. In den nächsten Jahren entstehen ›Der Tod des Kleinbürgers‹, ›Kleine Verhältnisse‹, ›Der Abituriententag‹, ›Die Geschwister von Neapel‹ und immer wieder Gedichte. 1929 heiratet er Alma Mahler. 1933 erscheinen ›Die vierzig Tage des Musa Dagh‹ – eine Mahnung an die Menschlichkeit; im gleichen Jahr werden seine
Bücher in Deutschland verbrannt.
1938, als Hitlers Truppen in Österreich einmarschieren, hält sich Werfel in Capri auf – seine Emigration beginnt. 1940 wird er in Paris an die Spitze der Auslieferungsliste der Deutschen gesetzt. Mit Alma und einigen Freunden flüchtet er zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien. ›Das Lied von Bernadette‹ schreibt er als Dank für seine Errettung. Von Lissabon bringt sie ein Schiff nach New York. Die letzten Jahre verlebt Werfel in Los Angeles, Kalifornien. Am 26. August 1945 erliegt er seinem schweren Herzleiden.



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