E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Werfel Jacobowsky und der Oberst
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-400229-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Komödie einer Tragödie in drei Akten
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-10-400229-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am 10. September 1890 wird Franz Werfel in Prag geboren; als Schüler schreibt er Gedichte und entwirft Dramen. 1914 wird er zum Militärdienst eingezogen; 1917 begegnet er Alma Mahler-Gropius, mit der er bis zu seinem Lebensende verbunden bleibt; er siedelt nach Wien über. Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Gedichtbände von ihm erschienen, hat er kritische Aufsätze veröffentlicht. 1919 folgt seine erste ganz eigenständige Novelle ?Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig?. 1921 wird sein Drama ?Spiegelmensch? aufgeführt. In den nächsten Jahren entstehen ?Der Tod des Kleinbürgers?, ?Kleine Verhältnisse?, ?Der Abituriententag?, ?Die Geschwister von Neapel? und immer wieder Gedichte. 1929 heiratet er Alma Mahler. 1933 erscheinen ?Die vierzig Tage des Musa Dagh? - eine Mahnung an die Menschlichkeit; im gleichen Jahr werden seine Bücher in Deutschland verbrannt. 1938, als Hitlers Truppen in Österreich einmarschieren, hält sich Werfel in Capri auf - seine Emigration beginnt. 1940 wird er in Paris an die Spitze der Auslieferungsliste der Deutschen gesetzt. Mit Alma und einigen Freunden flüchtet er zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien. ?Das Lied von Bernadette? schreibt er als Dank für seine Errettung. Von Lissabon bringt sie ein Schiff nach New York. Die letzten Jahre verlebt Werfel in Los Angeles, Kalifornien. Am 26. August 1945 erliegt er seinem schweren Herzleiden.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Des ersten Aktes zweiter Teil
Vor dem Hotel ›Mon Repos et de la Rose‹. Einer der kleinen stillen Pariser Plätze auf dem linken Seine-Ufer. Eine angejahrte, einst prächtige Limousine vor der bescheidenen Front des Hotels. Man sieht ein kleines Stück einer der Seitengassen. Morgengrauen. In der Ferne hört man dann und wann ein sonderbar schleppendes Geräusch wie von hunderttausend Füßen, die unter schweren Lasten über den Pariser Asphalt traben. – Der Chauffeur eines reichen Hauses und Jacobowsky
CHAUFFEUR
mit der unüberwindlichen Beredsamkeit eines alten gewiegten Gamins Belieben Sie, Monsieur, nichts als die simplen Fakten zu wägen. Die Boches stehen bereits in Meaux …
JACOBOWSKY
Das Radio spricht erst von Compiègne …
CHAUFFEUR
Das Radio ist nicht für die Wahrheit erfunden worden. Bestenfalls stehen die Boches in Meaux. Schlimmstenfalls werden sie morgen, was sag ich, heute abend über die Champs-Elysées marschieren. Hier aber vor Ihnen steht eines der teuersten und treuesten Automobile bereit, Sie nach dem Westen oder Süden Frankreichs in Sicherheit zu bringen. Sie haben keine Wahl, Monsieur …
JACOBOWSKY
mit einer Taschenlampe die Räder ableuchtend Sagen Sie das nicht! Es verletzt mich! Noch den Strick um den Hals werd ich an den freien Willen glauben …
CHAUFFEUR
Danken Sie lieber dem Schicksal, das mich Ihnen in den Weg geführt hat. All die zehntausend Hispano-Suizas. Rolls-Royces, Buicks, Packards sind auf und davon gefahren. Seit gestern gibt es in der Ville Lumière, in unserer Stadt des Lichtes, der Aufklärung und des Verkehrs nur mehr ein paar Taxis und die verstecken sich. Sollten Sie in irgendeiner Garage noch auf einen Wagen stoßen, so ist er weniger wert als altes Eisen. Denn wo nehmen Sie Essence her, Monsieur, ja woher Essence, dieses Blut des Lebens? … Ist Ihnen übel? Sie sehen schlecht aus …
JACOBOWSKY
Wieso übel? Wer sieht gut aus um halb sechs Uhr früh?
CHAUFFEUR
Tenez votre morale, Monsieur! Halten Sie Ihre ›Morale‹ hoch. Das ist die Hauptsache. Wenn alles schief geht, haben wir doch unsre ›Morale‹ …
JACOBOWSKY
Ich würde Sie bitten, meine ›Morale‹ durch kürzere Sentenzen zu schonen!
CHAUFFEUR
Es wird Ihrer ›Morale‹ jedenfalls zustatten kommen, wenn Sie hören, daß dieses Auto, das Ihr Leben retten wird, aus einem vornehmen Stall kommt … Raten Sie …
JACOBOWSKY
Ich übe jede Selbstbeherrschung, mein Freund, aber einen Kopf für Rätsel hab ich heute nicht …
CHAUFFEUR
pompös vertraulich Rothschild …
JACOBOWSKY
Baron Rothschild …
CHAUFFEUR
Ich wußte, daß dieser Name in Ihren Ohren Musik sein wird, Monsieur …
JACOBOWSKY
träumerisch Ich stand in Verbindung mit dem Hause Rothschild …
CHAUFFEUR
Ich stehe noch immer in Verbindung mit dem Hause Rothschild. Als Chef des Wagenparks. Die Familie hat schon vor Wochen Paris verlassen. Denn wissen Sie, in puncto Rothschild da verstehen die Boches keinen Spaß. Die beiden Rolls-Royces sind mit und der neue Cadillac auch …
JACOBOWSKY
Was geht mich das alles an?
CHAUFFEUR
»Mein guter Philibert«, sagte der Baron beim Abschied zu mir, »der Wagen ist mir besonders ans Herz gewachsen, aber handle nach deinem Gutdünken, nur den Boches soll er nicht in die Hand fallen, Philibert …«
JACOBOWSKY
Ich lausche Ihnen ehrfürchtig seit fünfzehn Minuten. Am Ende Ihrer Meistererzählungen werden die Deutschen die Stadtgrenze erreicht haben. Kommen Sie zur Sache …
CHAUFFEUR
Sie sind der Mann meines Gutdünkens, Monsieur! Ich weiß, der Baron wäre glücklich, Sie, gerade Sie zum Nachfolger zu haben …
JACOBOWSKY
Zur Sache! Was kostet der Wagen?
CHAUFFEUR
Die Räder sind wie neu!
JACOBOWSKY
Ich muß es glauben …
CHAUFFEUR
Und das Wichtigste! Er ist gefüllt bis oben mit bester Essence, prima Lebensblut. Mobiloil! Wissen Sie, was das bedeutet heutzutage?
JACOBOWSKY
Ich weiß es. Was kostet der Wagen?
CHAUFFEUR
Einen Fliegenschiß!
JACOBOWSKY
Was kostet ein Fliegenschiß?
CHAUFFEUR
Vierzigtausend Francs!
JACOBOWSKY
Ich leide manchmal an Gehörstörungen …
CHAUFFEUR
Was haben Sie gehört? Ich habe fünf- unddreißig gesagt.
JACOBOWSKY
Au revoir!
CHAUFFEUR
Halten Sie ihre ›Morale‹ hoch, Monsieur!
JACOBOWSKY
Das tue ich soeben!
CHAUFFEUR
Was kann Ihnen das Geld bedeuten? Heute!
JACOBOWSKY
Solang ich habe, nichts! Aber die Morale bedeutet mir etwas. Solche Wagen find ich hundertzwanzig. Salomon hat noch andere Adressen. Danke bestens … Wendet sich zum Gehen.
CHAUFFEUR
Ich erwarte Ihre Gegenvorschläge, Monsieur …
JACOBOWSKY
Verkaufen Sie die Limousine an ein Museum! …
CHAUFFEUR
Dort wird man sie gewiß neben der Karosse Ludwig des Vierzehnten aufstellen! Sonst haben Sie nichts zu bieten?
JACOBOWSKY
Keine zehntausend ist der klapprige Veteran wert!
CHAUFFEUR
Zehntausend begehrt heut jeder Lastwagen, wenn er Sie hinten aufsitzen läßt. Dies aber ist ein Auto, in dem ein Baron, und mehr als das, ein Bankmagnat, Entspannung fand. In diesem Auto fuhren ein Präsident der Republik und unzählige Minister …
JACOBOWSKY
Vielleicht auch noch der alte Clemenceau.
CHAUFFEUR
Ein guter böser Mann, der alte Clemenceau! Geben Sie fünfundzwanzigtausend!
JACOBOWSKY
Die Rechtslage ist sehr verworren. Ich kann nicht nachprüfen, ob Sie befugt sind, den Wagen anzubieten … Ich nenne als letzten Preis fünfzehntausend!
CHAUFFEUR
Ich bin ein gesetzter Familienvater, der den Schrecken der Occupation entgegenblickt …
JACOBOWSKY
Die Occupation wird selbst diesen Wagen konfiszieren, obwohl er nicht einmal ein Reserverad besitzt!
CHAUFFEUR
hoheitsvoll Schicksal ist Schicksal!
JACOBOWSKY
Es ist ein irreguläres Geschäft. Ich will keine Untersuchungen anstellen. Ich kaufe mit Bewußtsein eine alte Katz im Sack … Sechzehntausend bar! Ja oder nein?
CHAUFFEUR
entblößt seinen Arm Was ist das?
JACOBOWSKY
Haben Sie einen Autounfall gehabt?
CHAUFFEUR
Nicht einmal im Traum!
JACOBOWSKY
Hat ein wilder Hund ihren Arm zerfleischt?
CHAUFFEUR
Die Boches haben meinen Arm zerfleischt, Herr … Verdun!
JACOBOWSKY
greift sich an den Kopf Verdun! … Ich werde verrückt … Ils ne passeront pas … Sie sind durchgekommen … Die Siege von gestern werden zu Niederlagen von heute …
CHAUFFEUR
Sie benachteiligen also einen ehemaligen Kämpfer von Verdun!
JACOBOWSKY
Zwanzigtausend! und nur wegen Verdun! Er zählt die Scheine ab.
CHAUFFEUR
Hier ist die Carte grise … Sie brauchen bloß Ihren Namen einzusetzen, und Rothschilds Limousine gehört Ihnen vor Gott und Menschen … Empfängt das Geld
JACOBOWSKY
den Chauffeur traurig anblickend Ich bin ein internationaler Expert für Finanzwesen. Ich habe die berühmte Dollar-Anleihe der Stadt Baden-Baden zustande gebracht … Und jetzt überzahle ich, nur wegen des Wortes ›Verdun‹, ohne jede Garantie dieses Vehikel, von dem ich nicht einmal weiß, ob es überhaupt vom Fleck kommt. So tief sinkt man im Exil! … Die Türen schließen schlecht. Die Schutzscheibe ist zerbrochen. Überall Kratzer. Öffnen Sie die Motorhaube!
CHAUFFEUR
gehorcht, anerkennend schmunzelnd Monsieur kennt sich aus …
JACOBOWSKY
Ich erblicke ein schmutziges Kohlenbergwerk, wo seit zehn Jahren gestreikt wird … Der Motor ist eine Ruine …
CHAUFFEUR
gekränkt Der Motor, mein Herr, arbeitet wie mein eigenes Herz.
JACOBOWSKY
Was weiß ich, wie Ihr eigenes Herz arbeitet …
CHAUFFEUR
Setzen Sie sich doch an den Volant und probieren Sie den Motor aus! Hier ist der Schlüssel …
JACOBOWSKY
Wozu dieses Schlüsselchen? …
CHAUFFEUR
starrt ihn an Wozu dieses Schlüsselchen?
JACOBOWSKY
düster zerstreut Ach so! Natürlich … Der Chauffeur öffnet höflich die Tür. Jacobowsky setzt sich umständlich ans Steuer.
CHAUFFEUR
Sie werden sehn, er fährt so weich wie die Liebe einer Mutter … Wohlan, Monsieur! Lockern Sie die Bremse! Geben Sie Gas! …
JACOBOWSKY
regungslos, träumerisch A propos, da fällt mir...




