E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Werner Pranayama – Atem ist Leben
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7453-1804-3
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Entdecke die Atemtechniken des Yoga, um physische, mentale und emotionale Stärke zu erlangen
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7453-1804-3
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dylan Werner war in seiner Jugend Extremsportler. Mit 18 Jahren ging er zur US-Marine, war dort Feuerwehrmann und trat dem Wrestling-Team bei. Später meldete er sich als Freiwilliger für den Irakkrieg. Nach seiner ehrenhaften Entlassung kehrte er nach Kalifornien zurück und studierte Anatomie und Notfallmedizin. Danach arbeitete er einige Jahre in der Notfallambulanz und war Sanitäter bei der Feuerwehr. Mit Yoga kam er zum ersten Mal 2001 in Berührung, entdeckte aber erst 2009 die Bedeutung und Philosophie dahinter. Von da an war Yoga Teil seines Lebens und er hing den stressigen Job als Sanitäter an den Nagel. Heute ist Dylan Werner ein international gefragter Yogalehrer und -ausbilder, hält Vorträge und gibt auf der ganzen Welt Workshops. Seine Passion ist es, Menschen zu helfen, durch Yoga eine tiefe innere Beziehung zu sich selbst aufzubauen, um in Harmonie zu leben.
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EINFÜHRUNG
Entfessle die Kraft deiner Atmung
Atmen ist eine unserer natürlichsten Tätigkeiten. Vom ersten Atemzug an bis zum letzten verbringen wir unser gesamtes Leben in einem immerwährenden Kreislauf aus Ein- und Ausatmen. Dennoch wurde nur wenigen von uns beigebracht, wie und warum man atmet, wie uns Atmung emotional, energetisch, physisch und spirituell beeinflussen kann oder wie wir unsere Atmung für positiven Wandel nutzen können.
2009 kam ich mit Pranayama zum ersten Mal mit irgendeiner Art von Atemübung in Berührung. Pranayama, eine yogische Atemübung, existiert bereits seit Tausenden von Jahren. Doch trotz ihrer langen Geschichte sind nur wenige schriftliche Aufzeichnungen erhalten. Die Übungen wurden meist von Lehrer zu Schüler weitergegeben, wodurch sich viele abgewandelte Lehren verbreiteten. Als junger Schüler fiel mir auf, dass verschiedene Lehrer dieselben Praktiken mit unterschiedlicher Methodik erklärten und ihnen eine immense Bandbreite körperlicher und energetischer Wirkungen zuschrieben.
Als ich mich auf der Suche nach Antworten historischer Literatur zuwendete, fand ich darin kaum Details zu diesen Praktiken und ihrem Nutzen. Die Texte waren häufig mystischer Natur und basierten auf keinerlei physiologischem Fundament, das den körperlichen Nutzen der Übungen erklären konnte. Auch als ich mir aktuelle Studien zum Thema Pranayama durchlas, fand ich nur wenige Belege dafür, wie oder weshalb die Praktiken ihre Wirkung entfalten. Die Informationen, die sich hinter zitierten Quellen verbargen, mit denen bestimmte Behauptungen gestützt werden sollten, waren häufig falsch, irreführend oder schlicht frei erfunden. In aller Regel folgten auf eine knappe Beschreibung der Übung nur eine Reihe allgemeiner Hinweise zu einigen körperlichen Vorteilen.
Glücklicherweise lernte ich im Laufe der Zeit ein paar Lehrer kennen, die mir diese Atemtechniken nicht nur demonstrierten, sondern mir auch die Physiologie und den Nutzen dahinter erklären konnten. Diesen Lehrern, die mir ihr Wissen anvertrauten und mir damit die richtige Richtung wiesen, bin ich heute sehr dankbar. Wenn man sich neues Wissen aneignen möchte, ist eine der größten Herausforderungen, die richtigen Fragen zu stellen. Denn beim Versuch, richtige Antworten auf falsche Fragen zu finden, stehen wir oft mit leereren Händen da als vorher. Während ich mich eingehender mit Atemtraining befasste, begann ich mich auch immer mehr für die emotionalen und energetischen Effekte der Atmung zu öffnen. Anfangs stand ich allem, was nur im Entferntesten mit Spiritualität zu tun hatte, skeptisch gegenüber. Weite Teile der yogischen Philosophie sprachen mich schlicht nicht an, weil ich nicht einsah, in welcher Weise sie mir nützlich sein sollten. Anfangs fand ich etwa das Konzept der Chakren (kleine Energiezentren im Körper) spannend, verstand aber nicht, wie mir das Wissen über sie helfen sollte. Ich bin meinen Trainern zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Sie nahmen mich an die Hand und zeigten mir, was zu sehen ich selbst nicht in der Lage war. Doch selbst als ich mein Verständnis von Prana (die Sanskritbezeichnung für »Energie«) und den physiologischen Effekten von Atmung erweitert hatte, brauchte ich Jahre, um ihre Zusammenhänge zu verstehen. Heute weiß ich zwar, dass beide zwei Seiten derselben Medaille verkörpern, dennoch ist mir bewusst, dass ich noch ganz am Anfang meines Wegs stehe, das Potenzial zu begreifen, mit dem Atmung unser Leben auf bedeutsame und transformative Weise beeinflussen kann.
Fernöstliche Philosophie trifft auf westliche Wissenschaft
Während meines Studiums der Atmung begann ich zu realisieren, dass ich mich auf zwei parallel verlaufenden Pfaden gleichzeitig bewegte. Auf dem ersten erforschte ich die physiologischen Effekte mithilfe moderner Wissenschaft, auf dem zweiten untersuchte ich mithilfe fernöstlicher und yogischer Weisheiten die energetischen Bewegungen des Prana. Dabei erkannte ich eines Tages, dass diese beiden Systeme im Grunde dieselbe Sache erklärten – nur eben in unterschiedlichen Sprachen. Als noch faszinierender empfand ich, dass die Atmung das fernöstliche und das westliche System auf dieselbe Weise beeinflusst.
Das autonome Nervensystem ist gewissermaßen unser westliches Energiesystem. Es beeinflusst unsere emotionalen und physischen Reaktionen auf Situationen, die Angst, Furcht, Gefahr, das Gefühl von Behaglichkeit oder Sicherheit auslösen. Es hält eine innere Stabilität aufrecht und kontrolliert all unsere wichtigen Organe sowie das kardiorespiratorische System. Das autonome Nervensystem reguliert diese Funktionen mit seinen Nebenzweigen: Die meisten haben sicher schon einmal vom sympathischen und parasympathischen Nervensystem gehört; die wenigsten aber wissen, dass sich das autonome Nervensystem mithilfe der Polyvagaltheorie in drei Nebenzweige untergliedern lässt. Dank dieser Theorie bekommen wir ein tieferes Verständnis davon, wie das Nervensystem Emotionen und soziales Engagement beeinflusst. Die Hauptaufgabe des autonomen Nervensystems ist es, das innerkörperliche Gleichgewicht, die sogenannte Homöostase, aufrechtzuerhalten. Zu viel vom einem erzeugt ein Defizit des anderen, die Folgen sind Funktionsstörungen und Ungleichgewichte körperlicher sowie emotionaler Natur.
Die Atmung hat einen unmittelbaren Effekt auf das Nervensystem und kann dessen Balance direkt beeinflussen. Einatmen stimuliert das sympathische Nervensystem und ausatmen das parasympathische Nervensystem. Sobald wir verstanden haben, dass das autonome Nervensystem unsere Emotionen, Stimmung, Herzfrequenz, Verdauung, Sexualität und vieles mehr kontrolliert und unsere Atmung direkte Änderungen in diesem System hervorrufen kann, werden wir erkennen, welche Macht wir über den physischen Teil unseres Körpers und unsere Emotionen besitzen.
Yoga zeichnet sprichwörtlich unterschiedliche Landkarten, die uns helfen, ein und dieselbe Region über einen anderen Bezugspunkt zu betrachten. Stelle dir eine Karte mit der Topographie Kaliforniens vor, dazu eine weitere mit dem Straßennetz des US-Bundesstaats und eine dritte, auf der die Umrisse der dortigen Städte skizziert sind. Alle drei Karten vermitteln uns einen anderen Blick auf Kalifornien. Dennoch spielt es keine Rolle, welche Karte wir uns anschauen, während wir die Küste hinauffahren – wir fahren stets in die gleiche Richtung.
Dasselbe gilt für die verschiedenen yogischen Energiesysteme. Diese Yogaphilosophien helfen, Ungleichgewichte in unserem Leben zu identifizieren, und zeigen uns, in welche Richtung wir uns energetisch bewegen müssen, um wieder Balance, Frieden und Harmonie herzustellen. Um unsere Ungleichgewichte besser zu verstehen, können wir beispielsweise unser Wissen über die Gunas nutzen, die physischen Manifestationen von Energie, die in allen Dingen existiert. Die drei Gunas repräsentieren den kontinuierlichen Fluss energetischer Bewegung, vom Aufsteigen und Ausbreiten bis hin zum Absinken und Zusammenziehen. Diese Energieströme finden Ausdruck in der Natur und in uns selbst. Die Gunas stehen für unsere physischen und emotionalen Attribute und bieten uns eine andere Art von Karte, mit deren Hilfe wir unser Selbst besser verstehen können, um so ein bewussteres und gesünderes Leben zu führen. Die Energie der Gunas fließt genauso im Einklang mit der Atmung wie das autonome Nervensystem. Wenn wir einatmen, steigt unsere Energie auf und breitet sich aus, und beim Ausatmen sinkt sie wieder und zieht sich zusammen. Während wir uns in unserer Umwelt zurechtfinden, lernen wir, diese Karten zu nutzen. Und wenn wir einmal das Gefühl haben, wir hätten uns verlaufen, dann können diese Systeme uns Auskunft darüber geben, in welche Richtung wir weiterziehen sollten.
Unsere Atmung beeinflusst nicht nur auf ganz tiefgreifende Weise unsere Emotionen, sondern auch unsere Physiologie. Nur mithilfe unserer Atmung können wir den pH-Wert unseres Bluts verändern, unsere Herzfrequenz beschleunigen oder verlangsamen, unseren Blutdruck senken, die Fähigkeit verbessern, uns zu konzentrieren und neue Erinnerungen zu formen, unsere sportliche Leistungsfähigkeit steigern und vieles mehr.
Die große Frage lautet also: Wie können wir Atmung – die uns jederzeit zur Verfügung steht, egal wo wir sind oder was wir auch tun – einsetzen, um unsere Absichten zu manifestieren und uns näher an unsere Ziele heranzuführen? Jede Atemtechnik oder Pranayama-Übung besitzt einzigartige Eigenschaften und eröffnet verschiedene Möglichkeiten, Körper und Geist zu beeinflussen. Typischerweise löst eine einzelne Atemtechnik mehrere Effekte aus und ist für eine ganze Reihe von Anwendungen geeignet. Wenn wir verstehen, was Atmung bewirkt und vor allem wie und warum sie es tut, dann können wir jede dieser Techniken individuell anpassen, mehrere Techniken miteinander kombinieren, nur die Komponenten von Übungen herauspicken, die uns physisch oder energetisch näher an unsere Ziele und Absichten heranbringen, und diese Atemtechniken in einer bestimmten...




