E-Book, Deutsch, 227 Seiten
Werner Schwarzfahrer
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-0056-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein U-Bahn-Roman
E-Book, Deutsch, 227 Seiten
ISBN: 978-3-7481-0056-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael-André Werner wurde Ende der 1960er Jahre in Berlin geboren. Er schreibt Romane, satirische Texte, gibt Anthologien heraus und tritt bei Poetry Slams und auf Berliner Lesebühnen auf. Außerdem leitet er Schreibwerkstätten für Jugendliche, sowohl an Schulen als auch im außerschulischen Bereich.
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Möckernbrücke
Es muß an einem Mittwoch gewesen sein. Viele wichtige Dinge der Weltgeschichte sind an einem Mittwoch passiert: die Russische Revolution, die Kapitulation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die Gründung der französischen Volksversammlung, der erste bemannte Raumflug mit Juri Gagarin, der Abflug zur ersten bemannten Mondmission, der Aschermittwoch 1972 oder der Buß- und Bettag. Und ich meine sogar sagen zu können: Es war an jenem Tag im Jahre des Herrn 1998, an dem ich beschloß, mich in diesem Sommer von nichts anderem als von Eis zu ernähren.
Mich jedoch an diesem Mittwoch eisessenderweise an die Möckernbrücke zu setzen, wäre bei dem, was ich zu tun vor hatte, wohl keine so gute Idee gewesen. Wie mein Vater schon sagte: Keine Krawatte auf der Baustelle, da bleibst du nur an ‘nem Balken hängen. Nicht, daß er je auf dem Bau gewesen wäre … Also hatte ich meine alte Jeans angezogen, die ich sonst immer nur nehme, wenn ich Freunden bei Umzügen oder Malerarbeiten helfe – was manchmal durchaus zwei- oder dreimal in der Woche vorkommen kann. Es gibt so Zeiten, da ziehen plötzlich alle Leute um, die man kennt. Und die Wohnungen müssen auch gestrichen werden: Die, aus denen ausgezogen wird und die, in die eingezogen wird. Das summiert sich dann ganz ungeheuer und man kommt auf sechzehn Wohnungen in zwei Monaten. Soll sein, soll sein. Rauhfasertapete, weiße Farbe drüber und fertig. Mehr kann ich eh nicht. Zu der Hose trug ich mein altes, graugraues Batik-T-Shirt, das einst wohl braun-beige gewesen sein mochte, und meine abgenutzte Kunstlederjacke mit der aufgerissenen Schulter, die ich mal neben einer Altkleidersammelkiste gefunden hatte, und bei der ich damals schon dachte: Die kann ich bestimmt mal brauchen. Vielleicht nicht für gleich, aber irgendwann mal. Da komme ich dann wohl ein bißchen sehr nach meiner Mutter, und die stammt aus einer ganz anderen Generation.
Ich griff in meine Karton-Collection, ein Sammelsurium unterschiedlich großer Wellpappen-Stücke, die ich auf dem Balkon lagerte, wo sie vom Regen naß wurden und wieder trockneten, wo die Sonne sie ausblich und zu veritablen Brettern brannte, zog ein etwa A4-großes Stück heraus und schrieb mit meinem halbtoten, dicken, schwarzen Filzer in krakeligen Buchstaben die unsterblichen Worte: KRIGE KEINE SOHZIALHILFE MEHR! darauf. Ich gebe zu, nach neun Semestern des Studiums der Germanistik, der Geschichtswissenschaft, der Soziologie und der Theologie hätte meine Orthographie eine bessere sein müssen (und eigentlich war sie es auch), aber dieser leicht infantile Touch des Unterprivilegierten weckt ja seit jeher auf das Beständigste das gesunde Mitleid der Gebenden. Naja. Soll sein, soll sein.
Beim Imbiß gegenüber erstand ich für wenig Geld eine Portion Pommes, verspeiste die eine Hälfte wenn man so will als Frühstück, entsorgte die andere Hälfte, da meine U-Bahn kam, und bewahrte die Pappschale auf. Die Menschen müssen schließlich ein Ziel haben. Zwei Stationen später stieg ich Möckernbrücke aus, trottete die Treppen hinab, setzte mich in die verglaste Brücke, die den oberen mit dem unteren Bahnhof verbindet, plazierte Schild und Pappschale sorgfältig vor mir und wartete.
Es war noch früh, die Sonne schien mir aus Richtung Hallesches Tor ins Gesicht, unter mir strömte träge der algigschleimige Landwehrkanal, und an mir vorbei die berufstätige Bevölkerung der Stadt. In der Pappschale lagen 90 Pfennige aus meinen eigenen Beständen, denn wenn nichts da ist, kommt bekanntlich auch nichts hinzu. Betteln ist eine Dienstleistung, der edle Spender möchte etwas für sein Geld. Er möchte am Bettler sein Gewissen erleichtern, er möchte für jemanden da sein, wenn auch nur für den Bruchteil der münzzuwerfenden Sekunde – und dann schnell wieder weg. Wenn man zu reich aussieht, einen zu schönen Mantel trägt oder ein zu sauberes Hemd, wenn man frisch rasiert ist (um Himmels Willen, vielleicht sogar nach Rasierwasser duftet!), kann man gleich wieder nach Hause gehen. Und wenn mir – so die Logik der vorbeihastenden Angebettelten – nicht schon jemand der vor ihnen hier Vorbeigeeilten ein paar Groschen gegeben hat, dann bin ich’s wohl nicht wert, auch nur ein Bröckchen ihres Sauerverdienten zu erhaschen. Andererseits würde ich – in einer, vielleicht erst in zwei Stunden – mein Schälchen ein wenig leeren müssen, am besten zwischen zwei Strömen Umsteigender, denn, so spricht der Herr, wo schon viel liegt, da geb’ ich nichts mehr. Oder so.
Zwei Groschen landeten vor meinen angewinkelten Beinen, die bereits unangenehm kribbelten – ich würde mich bald anders hinsetzen müssen – einer in die Schale, der andere knapp daneben und machte sich nach ein, zwei Hüpfern daran wegzurollen. Ich erlegte ihn wie eine dicke Fliege, hob meinen Fuß und schon lag er platt und zerquetscht am Boden. Ich hob ihn auf und bettete ihn zu seinen Brüdern, mit dem Eichenblatt nach oben. Tot, wie er war, fand ich das angemessen. Ein ungeschickt geworfenes Zweipfennigstück prasselte auf mich herab und traf mich an der Schulter. Ich brummte mein pflichtschuldiges Dankeschön.
Der Vormittag verging, nicht eben schnell oder sonderlich abwechslungsreich, aber er verging dennoch. Gegen halb elf hatte ich über zwanzig Mark eingenommen, eine Stunde später war ich bei 35, was nicht soooo umwerfend sein mag, aber für einen Mittwoch doch ganz gut ist. Noch dazu hatte ich den morgendlichen Berufsverkehr um halb acht verpaßt, so früh stehe ich halt ungern auf, aber es reute mich schon und so beschloß ich, auf den gegen halb fünf nachmittags zu warten. Am Donnerstag freilich würde das Geschäft besser laufen, da waren die Menschen irgendwie entspannter, das Wochenende war nah, aber nicht zu nah. Freitags hingegen hetzten alle, ohne nach links oder rechts zu schauen, mußten noch dies erledigen, noch jenes besorgen, um sich am Sonntag besser erholen zu können. Ich hatte mir abgewöhnt, am Freitag zu betteln.
Gegen halb zwölf kam der Opa, wie an jedem Tag. Der Opa ist ein alter Mann, so Anfang sechzig vermute ich, der, vom unteren Bahnhof kommend, jeden Tag zur selben Zeit den Landwehrkanal überquert und dem Ausgang zustrebt. Wohl weiß ich, daß meine Behauptung, er käme jeden Tag zur selben Zeit hier entlang auf keinerlei Tatsachenwissen fußt, denn ich sitze ja nicht tagein, tagaus hier. Wohl aber weiß ich dennoch, daß ich ihn oft hier habe vorübergehen sehen, ganz gleich, an welchem Tag, so daß ich, ausgehend von diesen eher stichprobenhaften Beobachtungen, behaupten kann, er käme hier jeden Tag vorbei (wobei ich das Wochenende selbstverständlich ausschließe), und oft hatte der Opa zu mir gesprochen. So auch heute. Offenbar viel Zeit habend und nicht vermögend, diese sinnvoll zu nutzen (mit einem netten Tee im Kaffeehaus um die Ecke zum Beispiel), verlangsamten sich seine Schritte, mich – oder vielmehr einen Bettler – erspähend, und er baute sich vor mir auf. Manchmal ging er auch einfach nur an mir vorbei, in Gedanken versunken und meiner nicht Gewahr werdend. Manchmal warf er mir auch leichthin statt einiger Münzen ein Faules Pack oder Schmarotzer zu. Nicht so heute. Heute hatte er die Zeit. Und er nahm sie sich. Heute hatte er die Kraft und die Muße und die Herrlichkeit, die Welt zu ordnen. Heute blieb er stehen. Sein Mund öffnete sich und er begann, seine Gedanken mit mir zu teilen. Ob ich mich denn nicht schämen würde? Schon jetzt merkte ich, daß die Taktik, ihn nicht anzuschauen, damit er an mir vorüberginge wie der sprichwörtliche Krug, zum Scheitern verurteilt war. Ihm zu antworten freilich war ebensowenig eine gute Idee. Also versuchte ich, mir ein freundliches, aber wertfreies Lächeln ins Gesicht zu zaubern, hob den Kopf – schon, um ihn nicht noch mehr zu provozieren – und lauschte seinen Worten, denn er hatte unterdessen mit seinen Ausführungen nicht etwa innegehalten und die Frage, ob ich mich denn nicht schäme, als unbeantwortet übergangen, denn sie war gar keine, sondern lediglich so etwas wie ein Luftholen für ihn. Daß ich keine Sozialhilfe bekäme (er hatte offenbar mein kleines, liebevoll gebasteltes Schild gelesen), sei ja kein Wunder; er würde, wäre er denn mein Sachbearbeiter beim Sozialamt, mir auch keine mehr geben. Ich sollte doch lieber arbeiten (ein Gedanke, der auch mir hin und wieder kam), ich sei doch noch jung und gesund und kräftig genug und was ich mir überhaupt einbilde, fremde Menschen anzubetteln, für ihn bestehe zwischen Bettlern und Dieben sowieso kein Unterschied (nebenbei bemerkt hatte ich schon immer vermutet, der Opa sei Richter im Amtsgericht gleich gegenüber) und ich sei doch nur ein kleiner Krimineller. Er würde ja am liebsten sofort die Polizei holen. Und wie er so sprach, ergriff eine Vision von mir Besitz und das Gesicht des Opas verschwamm und verfloß und veränderte sich und seine Jacke wurde länger und blau und vor mir stand der alte Fritz in seinem preußischblauen Rock, zu seinen Füßen hechelten seine beiden geliebten Windspiele Biche und Alkmene und er stach mit jedem seiner Worte wie mit seinem Spazierstock nach mir. Gegen die Schulter, an die Brust, in den Bauch. Wenn er damals nach dem Krieg, als er noch ein kleiner Pimpf gewesen war, genauso faul gewesen wäre wie ich jetzt, er wisse ja nicht, ob Deutschland heute wieder so groß und so reich wäre wie es jetzt ist, oder ob wir nicht vielmehr noch in Blechhütten leben würden. Und ob meine armen, armen Eltern denn wüßten, was ich so treibe, wie ich meiner Mutter das antun könne und ob ich mich – schon wieder – nicht schämte. Und daß es mich später, wäre ich erst einmal so alt wie er jetzt – und bei alldem duzte er mich natürlich – reuen werde, aus meinem Leben nichts gemacht zu haben. Und wie schon Heinz...




