E-Book, Deutsch, 356 Seiten
Wheeler / Doubrawa Jenseits des Individualismus
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-7409-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Für ein neues Verständnis von Selbst, Beziehung und Erfahrung
E-Book, Deutsch, 356 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7409-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gordon Wheeler, Ph.D., ist Psychologe und arbeitet u.a. in eigener Praxis mit Kindern und Erwachsenen. Er ist Trainer am Gestalt-Institut Cleveland und Mit-Herausgeber der GestaltPress, Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Gestalttherapie, sowie Leiter des Esalen-Instituts in Big Sur/Kalifornien.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Das Erbe des Individualismus:
Das Paradigma in Aktion
Was ist das Selbst? Was meinen wir genau, wenn wir diesen vertrauten und doch erhabenen Begriff verwenden? Einerseits ist er uns handgreiflich nahe und andererseits verschwindet er immer noch wie ein Trugbild, das uns scheinbar stets dann entgleitet, wenn wir uns ihm nähern und es festhalten wollen. Ist es ein Ding, ein Prozess oder nur ein Gefühl? Etwas, das wir haben, oder etwas, das wir tun? Oder sollten wir es besser als etwas ansehen, das wir sind? Ist es der kleine Mann im Ohr, der die Show am Laufen hält und damit den Menschen beeinflusst? Hat das Selbst ein Geschlecht? Ist es ein Substantiv, Verb oder eher ein Adjektiv, etwas, das wir als Verstärkung benutzen wie in »Ich habe das selbst getan«? In diesem letztgenannten Falle: Wen oder was soll das Adjektiv verstärken oder beschreiben?
Oder sollten wir das Selbst gleichsam als Ort denken, einen Blickwinkel in wörtlichem oder übertragenen Sinne? Stellt es möglicherweise den Raum dar, auf den wir uns beziehen, wenn wir davon sprechen, woher jemand »kommt«? Weiter: Wo finden wir diesen Ort – in uns oder außerhalb von uns oder an beiden Orten zugleich? Dann aber müssten wir aufpassen, weil diese übliche Weise, von »innen« und »außen« zu sprechen, uns mit zwei unklaren Begriffen bestückt, während wir zuvor nur einen hatten. Zuerst gab es nur das »Selbst« und nun ist da noch ein »mich« für das Selbst, das irgendwie »innerhalb von etwas« ist möglicherweise einer Person, die »außerhalb« steht und die Beziehung dieser beiden Begriffe betrachtet. Die beiden Begriffe – »Selbst« und »mich« – mögen die gleiche Person, die nun mit einem gesprochen hat, bezeichnen oder auch nicht, jedenfalls haben wir jetzt noch eine Person, die zuschaut usw. usw., ohne dass ein offensichtliches Ende absehbar wäre! Dies ist, was die Philosophen einen »unendlichen Regress« nennen, eine Art rückwärts gerichteter Spirale von Antworten, die uns mit dem unguten Gefühl zurück lässt, dass etwas an der ursprünglichen Frage falsch war. Aber was? Ich fühle irgendwie, dass ich »ich selbst« bin und du »du selbst« bist: Warum sollte es schwer für uns sein, dar über zu sprechen? Woher kommt es, dass wir so schnell in derartige Schwierigkeiten geraten, sobald wir versuchen, auf diesem schlüpfrigen Boden ein sinnvolles Gespräch darüber zu beginnen, wer wir genau sind und was es heißt, eine Person zu sein – überhaupt eine Person, eine Person in Beziehung zu uns selbst und zu anderen Selbsten in der Welt? Wir kennen doch uns selbst, oder? Oder etwa nicht? Warum ist es so schwer zu sagen, wer oder was das Selbst ist, von dem wir denken, wir würden es kennen?
All diese Rätsel löst man mit einem einzigen Schlage bzw. man bekommt ihre Lösung gewährt, wenn von einem Schöpfer ausgegangen wird: Wir seien, wer wir seien (was immer das für ein Sein oder Zustand sein mag), so sagt die kreationistische20 Perspektive, weil Jemand da draußen uns auf diese Weise gemacht habe. Punkt. Aus. Ende der Durchsage. Selbstverständlich beantwortet das überhaupt nicht die Frage nach dem Selbst, es bietet jedoch die beruhigende Aussicht, die Diskussion zu beenden. Heute, wo es keine solche einfache Antwort gibt, scheint die Diskussion darin zu bestehen, wie eine Katze dem eigenen Schwanz nachzujagen, weil die Sprache selbst nicht gut dazu gerüstet ist, um unserer eigenen gefühlten Erfahrung in dieser Hinsicht Ausdruck zu verleihen. Was merkwürdig ist, wenn man darüber nachdenkt, denn woher sollen Worte und Konzepte stammen, wenn nicht von einer zugrundeliegenden fühlbaren Wirklichkeit und lebendigen Erfahrung?
Wenn wir stur daran festhalten, hier weiterzudenken, kann es sein, dass wir anfangs zu einer Form von eigenartiger Spaltung unserer eigenen Selbsterfahrung kommen, die der Empfindung der Selbstbespiegelung gleicht, die die romantischen Dichter »Verdoppelung« nannten und die Existenzialisten rund hundert Jahre später als »Entfremdung« diskutierten. Es handelt sich um das unbequem nagende Gefühl, dass ich irgendwie nicht zu Hause bin in der Welt, in die ich geboren worden bin, vielleicht sogar nicht in diesem Körper, der sowohl zu mir zu gehören als auch nicht ich selbst zu sein scheint. Dennoch künden die meisten fest geglaubten modernen Schöpfungsgeschichten davon, dass wir uns geradewegs aus der Natur entwickelt hätten, sodass wir dann sicherlich zur Natur gehören und ein unmittelbar, tief in ihr verwurzelter Teil sein müssen. Auf diese Weise gelangen wir plötzlich in eine Sackgasse unseres Nachdenkens über uns selbst und unsere Natur. Diese Sackgasse scheint eine Bestätigung für das zu sein, was die Existenzialisten meinten, nämlich dass wir in gewissem Sinne Schiffbrüchige an der Küste der Existenz seien – »hineingeworfen«, wie Heidegger21 es sagte. Dieses Bild macht uns tatsächlich zu Fremden in einem fremden Land, geboren, um im grundlegenden Sinne heimatlos zu leben und zu sterben, ohne natürlich gegebene Verbindungen und Bedeutungen. Eine Sackgasse dieser Art kann schließlich auf einen sprachlosen Platz führen, da die Sprache selbst uns mehr und mehr in die Unverbundenheit zu führen scheint, anstatt dass sie uns die Richtung weist zu dem ersehnten Ort der natürlichen Zugehörigkeit und Bedeutung. Schlussendlich lässt die Sprache uns stumm gegenseitig über den existenzialistischen Graben hinweg anstarren. Jeder von uns ist isoliert und einsam, »gebunden an ein sterbendes Tier« (in Yeats’22 lebendigen Worten), eingesperrt in ein Selbst oder ein Sein, das uns keine Behaglichkeit schenkt und das wir offensichtlich nicht einmal benennen oder definieren können.
Warum ist das so? Warum scheint uns unser Nachdenken über unsere eigene Natur und unser eigenes Sein wiederholt in diese ausweglose Situation zu schicken? Handelt es sich um die unauflösliche »Absurdität« von Selbstsein und Dasein, ein Teil, der in die bloße Existenz der Welt eingeschlossen ist, wie manche Existenzialisten meinten? (»Dasein« ist ein weiterer von Heidegger geprägter Begriff, der wohl »reine Existenz« meint, die isoliert von besonderen Wünschen oder Gefühlen betrachtet werden könne. Dieser vorgestellte Zustand wird übergossen mit schwarzem Humor in einem Roman von Jerzy Koszinski sowie im gleichnamigen Film [»Pure Existence«] von Peter Sellers.)
Oder ist diese Sackgasse eher, wie wir hier argumentieren werden, das Ergebnis einer Kategorie der Sprache? Es handelte sich dann um eine tiefliegende kulturelle Struktur, die formt, wie wir die Welt und uns selbst verstehen. Sie bestimmte so auch unsere Erfahrung und beeinflusste damit ebenfalls, wie wir Beziehungen eingehen, leben und mit anderen Menschen arbeiten. Andere Kulturen schließlich haben anders als wir darüber gedacht und gefühlt, wer wir sind und wie wir dazu geworden sind. Woher stammen unsere Annahmen über das Selbst und die Erfahrung? Wie arbeiten diese Annahmen in einem beweglichen System zusammen, um unsere Erfahrung zu beeinflussen und zu bestimmen? Vielleicht ist sogar unser »inneres Erleben« betroffen, denn wir wissen heute aufgrund der Kenntnis anderer Kulturen und anderer Zeitalter, dass wir der Idee zumindest misstrauisch gegenüber sein müssen, dass es so etwas wie eine »reine Erfahrung« geben könne, deren Entwicklung vollständig frei von Einflüssen der Kultur, der Subkultur, der Familie und der eigenen Biografie wäre. Wir wissen, dass Sprache die Gefühle und das Denken vorstrukturiert; sogar die »Natur« selbst ist, wie postmoderne Physiker uns sagen, eine soziale Konstruktion des Gehirns, ein tief in verborgenen kulturellen Annahmen über das, was gegeben und tatsächlich sei, verwurzelter Weg, Dinge anzuschauen. Dies stattet uns mit den Linsen aus, durch die wir die Welt sehen. Woher stammen unsere tiefliegendsten Annahmen über die menschliche Natur und das Selbst? Wie funktionieren sie, um zu bestimmen, was wir das »natürliche« und unveränderbare »So-Sein« der Dinge nennen? Was ist, um die Sprache zu benutzen, die wir im Vorwort entwickelt haben, unser Paradigma des Selbstseins?
Woher stammt das Erbe und wie wirkt es sich heute aus? Es färbt nicht nur das, was wir denken und theoretisch analysieren, sondern auch was wir tatsächlich fühlen, erfahren und wie wir uns zu uns selbst und zu anderen Menschen verhalten.
Das Erbe der westlichen Kultur
In unserer westlichen Tradition wenden wir uns, wenn wir über geistige Quellen sprechen, fast automatisch den alten Griechen zu. Es wird angenommen, dass sie in dieser Tradition gleichsam einen Ursprung oder Nullpunkt des Beginns jeder Diskussion repräsentieren, besonders wenn es um Begriffe und Sprache geht. Das betrifft nicht nur die Frage, was die Begriffe bedeuten, sondern auch diejenige, wir dies in einer klaren und verlässlichen...




