E-Book, Deutsch, Band 1, 400 Seiten
Reihe: Königsfall-Reihe
Wheeler Königsfall – Die Geisel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-24177-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 400 Seiten
Reihe: Königsfall-Reihe
ISBN: 978-3-641-24177-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wall Street Journal-Bestsellerautor Jeff Wheeler zog sich schon früh von seiner Karrierelaufbahn bei Intel zurück, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er ist Vater von fünf Kindern und lebt mit seiner Familie in den Rocky Mountains.
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1
LORD KISKADDON
Lady Eleanor saß in ihrem Gemach auf der Bank vor dem Fenster und streichelte den Kopf ihres Sohnes, der in ihren Schoß gebettet war. Owen war ihr Jüngster, das Kind, das sie beinahe bei der Geburt verloren hatte. Er war ein zarter Junge von acht Jahren, wobei er jünger aussah, und sein mattbraunes Haar war dicht und widerspenstig, sosehr sie sich auch mühte, es zu bändigen. Sie liebte es, ihre Finger hindurchgleiten zu lassen. Über dem linken Ohr war es an einer Stelle weiß, und seine Geschwister fragten immer, warum er mit diesem merkwürdigen weißen Büschel in seinem sonst dunklen Haar geboren worden war.
Diese weiße Strähne hob ihn von den anderen Kindern ab. Lady Eleanor betrachtete sie als Erinnerung an das Wunder, das sich bei seiner Geburt ereignet hatte.
Owen blickte aus tiefbraunen Augen zu ihr auf, als spürte er, dass sie in Sorge war. Er war ein anhängliches Kind und stets der Erste, der in ihre Arme lief. Als Kleinkind hatte er sich an ihren Beinen festgeklammert oder sie umarmt und dabei leise die Kosenamen seiner Eltern gemurmelt: Maman, Papan, Maman, Papan, Maman, Papan. Am liebsten hatte er sich in ihrem Bett verkrochen, wenn sie morgens aufgestanden waren, und die verbliebene Wärme genossen. Mit sechs hatte er damit aufgehört, doch nicht mit den Umarmungen und Küssen, und stets suchte er die Nähe der Eltern, besonders die ihres Gemahls, Lord Kiskaddon.
Bei dem Gedanken an ihn wurde Lady Eleanor übel vor Sorge. Sie blickte hinaus in die gepflegten Gärten von Tatton Hall, doch sie fand keinen Trost in den kunstvoll gestutzten Hecken, den terrassenförmig angelegten Rasenflächen, den großen, sprudelnden Brunnen. Sie wartete noch immer auf Nachricht vom Ausgang der Schlacht.
»Wann kommt Papan nach Hause?«, fragte Owen mit heller Stimme. Dabei sah er sie mit ernsten Augen an.
Eleanor fragte sich, ob er überhaupt nach Hause kommen würde.
Nichts fürchtete sie so sehr wie das Schlachtfeld. Der Lord war nicht mehr jung. Mit seinen fünfundvierzig Jahren war er mittlerweile mehr Staatsmann als Feldherr. Eleanors Blick fiel auf den leeren Rüstungsständer, der neben dem Himmelbett stand. Die Vorhänge waren zurückgezogen, die Laken und Decken säuberlich geglättet, denn ihr Gatte bestand darauf, dass ihr Bett täglich gemacht wurde. Ganz gleich, welche Schreckensmeldungen vom Hof zu ihnen dringen mochten, er schätzte die festen Zubettgehzeiten, die einfachen Rituale. Obwohl er nachts oft stundenlang wach lag und sich den Kopf über die Probleme des Königreichs zerbrach, fühlte er sich hier am wohlsten, allein mit ihr in diesem Himmelbett.
»Ich weiß es nicht«, flüsterte Eleanor heiser und strich über die üppigen Locken ihres Sohnes. Man hatte Lord Kiskaddon aufgefordert, sich dem königlichen Heer am Berg Ambion anzuschließen, um den Angriff abzuwehren, und König Severn hatte ihren ältesten Sohn als Geisel genommen, um sich die Unterstützung ihres Gatten zu sichern. Vor der Schlacht hatte sie gehört, das königliche Heer sei dem des Feindes dreifach überlegen, doch hier ging es nicht um Zahlenverhältnisse. Lord Kiskaddons Loyalität war auf dem Prüfstand.
Es war nicht einfach, Severn Argentine zu dienen. Seine Zunge war wie eine dornenbesetzte Peitsche, die mit jedem Wort Wunden riss. Zwei Jahre zuvor hatte er den Kindern seines älteren Bruders den Thron genommen, und seitdem waren Intrigen, Verrat und Hinrichtungen in Ceredigion an der Tagesordnung. Man munkelte sogar, der Onkel habe seine Neffen im Palast zu Königsfall ermordet. Allein der Gedanke daran ließ Eleanor erzittern. Als neunfacher Mutter war ihr eine solche Niedertracht unerträglich. Nur fünf ihrer Kinder hatten überlebt, denn alle waren von schwächlicher Konstitution gewesen. Einige ihrer Söhne und Töchter waren als Kleinkinder gestorben, und jeder Verlust hatte ihr das Herz aufs Neue gebrochen. Und dann war ihr letztes Kind zur Welt gekommen, der kleine Owen. Ein Wunder.
Ihr lieber, nachdenklicher Junge, der sie so oft anblickte, als könnte er ihre Gedanken lesen. Sie sah ihm gern zu, wenn er allein spielte, beobachtete ihn von der Tür aus, wie er auf dem Boden kniete und Kacheln aufeinanderstapelte und wieder umstieß. Oftmals entdeckte sie ihn auch in der Bibliothek, wo er las. Sie erinnerte sich nicht mehr, wie sie ihm das Lesen beigebracht hatte, denn er war noch so klein gewesen. Es schien, als hätte er es ohne Hilfe gelernt, so wie das Atmen – er saugte die Buchstaben und Worte auf und setzte sie ohne Anstrengung in seinem Kopf zusammen. Und obwohl er sehr intelligent war, war er doch ganz Kind. Er liebte es, mit seinen Geschwistern durch den Garten zu tollen und durch das Heckenlabyrinth einem weißen Band an einem Stock nachzujagen. Natürlich war er nach kurzer Zeit außer Atem, aber davon ließ er sich nicht beeinträchtigen.
Sie würde nie den Kummer vergessen, den sie empfunden hatte, als die königliche Hebamme erklärte, ihr Kind sei tot zur Welt gekommen. Kein Schrei, kein Wimmern hatte seine Geburt verkündet, anders als die seiner acht Geschwister. Er kam blutverschmiert und reglos auf die Welt – vollkommen ausgebildet, aber ohne zu atmen. Es hatte sie niedergeschmettert, dieses Kind zu verlieren, das letzte, das sie zur Welt bringen würde. Die Tränen ihres Mannes hatten sich mit ihren vermischt, und zusammen hatten sie den Verlust beweint.
Konnte man denn gar nichts tun? Gab es keinen Trost? Keine Heilkunst, die es retten konnte?
Die Hebamme hatte den reglosen Säugling in den Armen gehalten, ihm zugeraunt und ihn auf den kleinen runzligen Kopf geküsst. Sie hatte ihnen vorgeschlagen, als Eheleute zusammen um das Kind zu trauern. Lord Kiskaddon und seine Frau Eleanor hatten den kleinen Jungen in den Armen gewiegt, eingehüllt in ein Laken, und um ihn geweint. Sie hatten ihn umarmt und geküsst, leise auf ihn eingeredet. Ihm von seiner Familie erzählt und wie sehr man ihn liebte und brauchte.
Und da geschah es.
Es war das Werk der Quelle, dessen war Eleanor sich sicher. Wie durch ein Wunder waren ihre Bitten zu dem Säugling durchgedrungen. Das tote Kind blinzelte und öffnete die Augen. Zunächst hatte Eleanor geglaubt, sie hätte sich geirrt, doch ihr Mann hatte es auch gesehen. Der Knabe hatte die Augen aufgeschlagen. Was bedeutet das?, hatten sie von der Hebamme wissen wollen.
Vielleicht verabschiedet er sich, hatte diese leise geantwortet.
Doch aus Momenten waren Stunden, aus Stunden Tage, aus Tagen Wochen geworden. Wieder ließ Eleanor die Finger durch Owens volles Haar gleiten. Er lächelte, als würde auch er sich erinnern, ein schiefes Lächeln, weil er seine Wange an ihren Schoß drückte. Seine Lider flatterten.
»Maman! Maman!«
Jessica, ihre vierzehnjährige Tochter, kam mit wehenden blonden Locken hereingerannt. »Papan kommt nach Hause, mit einem ganzen Heer!«
Eleanors Herz machte einen Sprung und füllte sich mit Hoffnung. »Du hast ihn gesehen?«, fragte sie.
»Vom Balkon aus!«, sagte Jessica, die Augen groß vor Aufregung. »Sein Kopf hat aus der Menge herausgeleuchtet, Maman. Er kommt in Begleitung von Lord Horwath. Ich habe ihn erkannt.«
Lord Horwath regierte die nördliche Grenzregion des Reichs, ihr Mann den Westen. Sie waren Standesgenossen, von gleichem Rang. Warum sollte Stiev Horwath ihren Gemahl nach Tatton Hall eskortieren? Was hatte das zu bedeuten?
Sorge erfüllte Eleanors Brust.
»Owen, geh mit deiner Schwester und begrüße deinen Vater«, sagte Eleanor. Der Junge hielt sich an ihrem Kleid fest, die Augen plötzlich argwöhnisch. Er zögerte.
»Nun lauf schon, Owen«, drängte Eleanor und erhob sich von der Bank am Fenster. Während Jessica ihren kleinen Bruder bei der Hand nahm und ihn mit sich zog, begann Eleanor auf und ab zu gehen. Ganz Tatton Hall geriet in Aufruhr, als sich die Nachricht von der Rückkehr des Lords verbreitete. Ihr Gemahl war bei der Dienerschaft sehr beliebt. Selbst der niederste Küchenjunge verehrte den großmütigen Herzog.
Eleanor hatte ein Gefühl wie von tausend Nadelstichen auf der Haut, während sie rastlos umherwanderte. Ihr Herz raste. Sie war die engste Beraterin ihres Gatten, und bisher hatte sie ihn erfolgreich um die Klippen der Intrigen geschifft, mit denen der Hof durchsetzt war und die zu mehreren grausamen Kriegen zwischen den Adelshäusern geführt hatten. War das nun vorbei?
Schwere Schritte kamen die Stufen hinauf. Eleanor knetete ihre Hände und kaute auf ihrer Unterlippe, während sie voll Sorge wartete, welche Nachrichten ihr Gemahl brachte. Immerhin war er am Leben, aber was war mit ihrem Ältesten? Was war mit Jorganon? Er war mit seinem Vater und dem König in die Schlacht gezogen. Warum hatte Jessica kein Wort von ihm gesagt?
Als ihr Gemahl das Zimmer betrat, wusste Eleanor auf einen Blick, dass ihr Sohn tot war. Lord Kiskaddon war nicht mehr jung. Dennoch war er ein kräftiger Mann, der Stunden im Sattel sitzen konnte, ohne dass seine Kräfte erlahmten. Sein Gesicht trug einen spitzbübischen Zug, der im Widerspruch zu dem grauen Haarkranz um seine Glatze stand, doch jetzt war sein Mund fest verschlossen, das Kinn unrasiert, und der Kummer in seinen Augen nahm ihm den jugendlichen Ausdruck. Ihr Mann trauerte. Und nicht nur um den ältesten Sohn. Eleanor wusste sofort, dass er noch mehr schlechte Nachrichten brachte, schlimmer noch als der Tod ihres Erstgeborenen.
»Du bist wieder da«, hauchte Eleanor, eilte auf ihn zu und warf sich in seine Arme. Seine Umarmung war matt und kraftlos. »Jorganon ist tot«, sagte sie, obgleich sie hoffte, dass sie sich irrte.
»Ja«, bestätigte er heiser, den Mund an ihr Haar gedrückt. Er trat einen Schritt...




