E-Book, Deutsch, Band 4, 453 Seiten
Reihe: Lancashire Killings
White Wen die Rache treibt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-081-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller: Lancashire Killings 4 | Zwei junge Frauen, zwei brutale Morde, ein gnadenloser Mörder ...
E-Book, Deutsch, Band 4, 453 Seiten
Reihe: Lancashire Killings
ISBN: 978-3-98952-081-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Neil White wuchs in Yorkshire auf. Seit seiner Kindheit begeistert ihn nichts so sehr wie die Musik von Johnny Cash und Bücher, vorzugsweise Science Fiction und Kriminalromane. Während seines Jura-Studiums packte ihn die Lust, selbst zu schreiben. Heute ist Neil White der erfolgreiche Autor zahlreicher Spannungsromane. Die Website des Autors: neilwhite.net/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Thriller-Serie »Lancashire Killings« mit den Einzelbänden: »Wer in den Schatten lebt« »Wo die Angst regiert« »Wenn der Hass entbrennt« »Wen die Rache treibt« Außerdem erschienen bei dotbooks seine Thriller »Die Stimme des Verrats« und »Ein tödlicher Verdacht«.
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Kapitel 2
Ein paar Tage später bekam Jack Garrett den Anruf.
Er war im Stadtbezirk Whitcroft, wegen eines Artikels für Dolby Wilkins, den neuen Herausgeber der Lokalzeitung, der die Kosten senken und zugleich die Auflage erhöhen sollte. Wilkins sah gut aus und hatte jenes Selbstvertrauen, das altes Geld mit sich bringt. Stets trug er Jeans und ein legeres Leinenjackett, und er wiederholte gebetsmühlenartig, nur mit Sex und Vorurteilen ließen sich Zeitungen verkaufen. Da er den Sex den überregionalen Boulevardzeitungen überließ, blieben nur die Vorurteile. Also verlegte er sich auf gesellschaftliche Ressentiments, auf billige, eindeutige Erklärungen, auf reißerische Storys. Einwanderer, die gegen die Gesetze verstießen. Sozialschmarotzer, die es sich auf Kosten ehrbarer Bürger gut gehen ließen. Wilkins’ erste Amtshandlung war es gewesen, sich Visitenkarten drucken zu lassen. Mehr musste Jack Garrett nicht wissen.
Jack sah diesem Auftrag mit einigem Unbehagen entgegen. Wenn man die Armen als Faulpelze denunzierte, ließ das die Kasse klingeln, aber Wilkins war noch nicht lange in Blackley und begriff nicht, was in der Stadt lief. Er hatte nicht miterlebt, wie ein altes Zentrum der Textilverarbeitung seiner Industrie beraubt worden war. Jetzt gab es nur noch Überreste dieser Vergangenheit, riesige Fabriken und Lagerhäuser, von denen einige in Einkaufszentren umgewandelt worden waren. In anderen wurden an Sommerwochenenden Handwerksmessen abgehalten. Doch viele Industriegebäude verfielen einfach. Die Kabel waren aus den Fabrikwänden gerissen worden, um von dem Erlös Zigaretten und Schnaps zu kaufen, das Licht fiel durch halb eingebrochene Dächer. Das war Stoff für Geschichten über harte Zeiten mit wenig positiven Zukunftsaussichten. Aber mit Mitleid für die Unglücklichen ließ sich keine Auflage machen.
Ihm war klar, dass sich beim Blackley Telegraph alles um den Profit drehte, doch er war freiberuflicher Journalist, kein Geschäftsmann. Eigentlich war er Gerichtsreporter, doch gelegentlich schrieb er auch einen längeren Artikel über einen Kriminalfall. Die Zeitung kaufte seine Artikel und entließ dafür fest angestellte Mitarbeiter. Die anderen Freiberufler, die deren Arbeit übernahmen, hatten zum Teil gerade erst das College verlassen oder bisher praktisch nichts veröffentlicht. Ihnen ging es um Referenzen, mit denen sie ihren Lebenslauf spicken konnten.
Jack hatte zugesagt, den Artikel über den Stadtteil Whitcroft zu schreiben, und zu Hause die ersten Seiten in die Tastatur seines alten Laptops gehackt. Er wohnte in einem Cottage in Turners Fold, einem abgelegenen Flecken in den Hügeln von Lancashire, ein paar Meilen von Blackley entfernt.
Whitcroft lag am Stadtrand von Blackley. Einst auf sieben bewaldeten Hügeln erbaut, wirkte Blackley heute wie der hässliche große Bruder von Turners Fold. Im Zentrum kündeten viktorianische Häuser teilweise noch vom einstigen Wohlstand. In den vom Ruß geschwärzten zweistöckigen Geschäftshäusern residierten Juweliere und alteingesessene Herrenausstatter, die sich nun mit der Konkurrenz von der High Street herumschlagen mussten, wo die Läden Fassaden aus Glas und Stahl hatten. Vom Säulenvorbau und der Treppe des Rathauses aus schaute man auf die Hauptgeschäftsstraße, eine Erinnerung an bessere Zeiten, als hier Männer in Gehröcken und mit extravaganten Koteletten goldene Uhren aus ihren Westentaschen zogen.
Auch Whitcroft war in den besseren Tagen erbaut worden. Im Gegensatz zu den monoton geraden Straßen mit Reihenhäusern, die sonst den Anblick der Stadt dominierten, gab es hier Sackgassen, halbmondförmige Straßenzüge, Blumenbeete und Gebäude mit der Toilette im Haus. Heute zeigte sich in Whitcroft die Teilung der Stadt. Das Viertel war zu einer Zuflucht der Weißen geworden, als in den Sechzigerjahren immer mehr asiatische Einwanderer in die Innenstadt gezogen waren, wo nun Moscheen und Minarette zwischen den alten Fabriken und Lagerhäusern standen. Man vernahm den muslimischen Gebetsruf häufiger als die gewohnten Kirchenglocken, und jene Weißen, die es sich nicht leisten konnten, auf dem Land zu leben, waren nach Whitcroft gezogen.
All dies ging Jack durch den Kopf, während er in seinem Auto wartete, einem roten Triumph Stag Baujahr 1973. Junge Mütter schoben ihre Kinderwagen eine Straße entlang, die um das Viertel herumführte. Die strahlende Morgensonne betonte das tiefe Grün der Hecken, das Rot der Backsteinfassaden, die lebhaften Rottöne der Blumen. Von einem am Ende der Straße sichtbaren Schulhof her hörte er das fröhliche Lachen und Geschrei der Kinder.
Doch der idyllische Eindruck trog.
Ein vom Moor herkommender kalter Wind pfiff durch die Straße, die in den Stadtteil hineinführte. Sie war auf beiden Seiten von Geschäften gesäumt, die Bürgersteige waren mit ausgespuckten Kaugummis übersät. Ein chinesisches Take- away, ein Lebensmittelgeschäft, das Postamt. Auf der anderen Seite ein Waschsalon und eine Apotheke. Die Fenster waren vergittert, die Eingangstüren wirkten alt und schmierig.
In den kleinen Straßen hinter den Ladenzeilen standen jeweils vier Häuser. Viele Fenster waren mit Brettern zugenagelt, in anderen klebten England-Sticker. Die Straßen waren Sackgassen, verbunden durch von Hecken gesäumte Durchgänge. Die kurzen Wege waren die gefährlichsten. In den Hecken steckten Chipstüten und Bierdosen.
Aber es schien nicht nur Armut und Verfall zu geben. Handwerker in Overalls eilten durch die Straßen, junge weibliche Büroangestellte kauften auf dem Weg zur Arbeit noch eine Zeitung oder Zigaretten. Einige Veranden waren vergrößert und verglast worden, einige Gartenmauern neu. Es gab in diesem Stadtteil nicht nur die hoffnungslosen Fälle. Jede halbe Stunde tauchte der Wagen einer privaten Sicherheitsfirma auf. Kahlköpfige Männer mit schwarzen Jacken starrten ihn an, als sie vorbeifuhren. Vielleicht würde Wilkins nicht den Artikel bekommen, den er wollte.
Er stieg aus seinem Wagen und ging auf einen Laden zu, vor dem eine Frau mit einem Kinderwagen stand. Sie hatte straff zurückgebundenes Haar, rauchte eine Zigarette und trug billigen Goldschmuck.
Jack stieß die Tür auf. Eine Ladenklingel ertönte. Er tat so, als würde er interessiert die Zeitschriften studieren. Als der Laden sich geleert hatte, trat er an die Theke.
Der Mann dahinter schaute kaum auf. Er war in mittleren Jahren und hatte einen vom Nikotin verfärbten Schnurrbart. Er blätterte eine Zeitung durch und hörte erst auf, als Jack hustete.
Jack lächelte ihn an. »Jack Garrett«, sagte er. »Ich bin Journalist und schreibe einen Artikel über diesen Stadtteil.« Er zeigte auf die Fenster. »Was ist das für ein Gefühl, wenn man die Fenster seines Ladens vergittern lassen muss?«
Der Mann starrte Jack an, offenbar unschlüssig, ob er antworten sollte. »Der Stadtrat hat dieses Viertel vor die Hunde gehen lassen«, sagte er schließlich.
»Warum?«
»Sie haben die Gegend sozusagen zur Müllkippe verkommen lassen. Ihnen ist es lieber, wenn das ganze Gesocks auf einem Haufen lebt. Sie haben es gesagt.«
»Wohnen Sie schon lange hier?«
»Mehr als zwanzig Jahre. Ich habe das Geschäft von meinem Vater geerbt. Zu einer Zeit, als man hier noch ein anständiges Leben führen konnte.«
»Was ist schiefgelaufen?«
Der Ladeninhaber zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, aber manchmal denke ich, dass die Leute einfach nicht mehr arbeiten wollen. Die jungen Mädchen bekommen ein Haus zugewiesen, wenn sie schwanger werden, aber die Väter ziehen nie dort ein. Zumindest erzählen sie das jedem, doch ich sehe diese Typen, wenn sie morgens das Haus verlassen.«
»Ich habe eben durchaus Leute gesehen, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Ganz so verarmt und verwahrlost scheint das Viertel nicht zu sein.«
»Es gibt hier immer noch einige Menschen, die mich stolz darauf machen, hier zu leben, aber es wird von Tag zu Tag schwieriger.«
»Warum?«
»Wegen der Kids. Sie hängen hier abends rum, umkreisen die Kunden mit ihren Fahrrädern und Mopeds und betteln die Leute an, ihnen Schnaps und Zigaretten zu kaufen, denn ich weiß, dass sie zu jung dafür sind. Wenn ich versuche, sie zu verscheuchen, beleidigen sie mich. Meine Kunden wollen nur Milch kaufen, vielleicht ein paar Dosen Bier für den späteren Abend, aber die Kids schrecken sie ab.«
»Haben Sie mit ihren Eltern geredet?«
Der Ladeninhaber lachte. »Die sind auch meistens betrunken.«
Auch Jack lächelte. »Aber Sie verkaufen ihnen den Schnaps.«
»Normalerweise kaufen sie ihn woanders und sacken die Sonderangebote ein. Zu mir kommen sie nur, wenn sie auf dem Trockenen sitzen. Oder wenn sie gleich morgens anfangen wollen und keine Lust haben, zum Supermarkt zu fahren.«
»Lässt die Polizei sich häufiger blicken?«
Der Ladeninhaber zog eine Grimasse. »Fast nie. Und wenn sie mal kommt, freuen sich die Kids auf die Verfolgungsjagd. Sie beschimpfen die Cops und hauen ab, sobald sich die Türen des Polizeiwagens öffnen. Manchmal stürzt einer von ihnen, und die Polizei schnappt ihn, aber es passiert nichts.«
»Patrouilliert deshalb hier eine private Sicherheitsfirma?«
»Die Leute fühlen sich dann nicht so wehrlos.«
»Wer bezahlt sie?«
»Wer Interesse daran hat.«
»Wie sieht’s mit Drogen aus? Könnte die Polizei da mehr tun?« »Nein, Drogen spielen hier keine große Rolle. Vielleicht rauchen ein paar Kids Gras, aber meistens geht’s um hochprozentigen Alkohol. Das war schon immer so. Damit will ich nicht sagen, dass hier niemand Drogen nimmt, aber die Kids tun es nicht. Sie haben einfach nur die Schnauze voll.«
»Sie zeichnen nicht gerade ein erfreuliches...




