Wilde | Klassiker der Erotik 3: Teleny | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 317 Seiten

Reihe: Klassiker der Erotik

Wilde Klassiker der Erotik 3: Teleny


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-939907-80-0
Verlag: Math. Lempertz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 317 Seiten

Reihe: Klassiker der Erotik

ISBN: 978-3-939907-80-0
Verlag: Math. Lempertz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Oscar Wilde erzählt in seiner Geschichte 'Teleny' von einer homoerotischen Liebesgeschichte, die in London des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt. Eine sehr persönliche, romantische und erotische Liebesgeschichte, die eng mit Wildes eigener intimer Tragödie verbunden ist. Die Geschichte, die in Deutschland lange Zeit auf dem Index stand, spielt im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der junge Aristokrat Camille verliebt sich in den temperamentvollen Pianisten Teleny und erlebt mit ihm seine ersten sexuellen Abenteuer. Beide fühlen, dass sie zusammengehören, einer das Alter Ego des anderen ist, und doch zerbricht ihre Liebe auf tragische Weise.

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Kapitel eins


»Erzähl mir deine Geschichte ganz von Anfang an, Des Grieux«, sagte er, mich unterbrechend; »und wie du ihn kennengelernt hast.«

»Es war auf einem großen Wohltätigkeitskonzert, wo er spielte; Auftritte von Amateuren gehören zwar zu einer der vielen Plagen der modernen Zivilisation, da meine Mutter jedoch eine der Schirmherrinnen war, fühlte ich mich verpflichtet, anwesend zu sein.«

»Aber er war doch kein Amateur, oder?«

»Oh nein! Aber damals fing er gerade erst an, sich einen Namen zu machen.«

»Gut, also weiter.«

»Er hatte sich bereits am Klavier niedergelassen, als ich meinen Parkettsitz erreichte. Das erste Stück, das er spielte, war eine Gavotte, die ich sehr liebte - eine dieser leichten, anmutigen und einfachen Melodien, die nach zu duften scheinen und einen irgendwie an Lulli und Watteau denken lassen, an gepuderte Damen in gelben Seidengewändern, die mit ihren Fächern flirten.«

»Und dann?«

»Als er ans Ende des Stückes kam, warf er mir ein paar Seitenblicke zu - und ich dachte, er meinte die Schirmherrin. Und in dem Moment, als er aufstehen wollte, tippte meine Mutter - die hinter mir saß - mich mit ihrem Fächer auf die Schulter, nur um eine der vielen unpassenden Bemerkungen zu machen, mit denen die Frauen einem ewig auf die Nerven gehen, sodass er, als ich mich wieder nach vorn wandte, um zu applaudieren, verschwunden war.«

»Und was geschah danach?«

»Wart einmal. Ich glaube, dann wurde irgendetwas gesungen.«

»Aber spielte er denn nicht noch einmal?«

»Oh doch! Etwa in der Mitte des Konzertes kam er wieder heraus. Bevor er sich ans Klavier setzte, schienen seine Augen, während er sich verbeugte, irgendjemanden im Parterre zu suchen. Das war, glaube ich, der Augenblick, in dem unsere Blicke sich zum ersten Mal trafen.«

»Wie sah er denn aus?«

»Nun, er war ein ziemlich großer, sehr schlanker junger Mann von vierundzwanzig Jahren. Sein Haar, kurz und gelockt - nach der Art, wie Bressan, der Schauspieler, es in Mode brachte - hatte eine bestimmte aschfarbene Tönung; das lag aber - wie ich später erfuhr - daran, dass es immer kaum wahrnehmbar gepudert war. Jedenfalls war die Helligkeit seiner Haare ein starker Kontrast zu seinen dunklen Augenbrauen und dem kurzen Moustache. Seine Gesichtsfarbe war von jener warmen, gesunden Blässe, die - wie ich glaube - Künstlern in ihrer Jugend oft eigen ist. Seine Augen waren - obwohl man sie allgemein für schwarz hielt - dunkelblau; und wenn sie auch immer ruhig und heiter schienen, ein scharfer Beobachter hätte doch hin und wieder einen Ausdruck tiefen Ernstes und Schreckens in ihnen wahrnehmen können, als würde er eine in der Ferne undeutliche, aber furchtbare Vision schauen. Auf solch eine qualvolle Verzauberung folgte dann jedes Mal der gleiche Ausdruck schwerster Sorge.«

»Und was war die Ursache für sein Bedrücktsein?«

»Zuerst zuckte er immer mit den Achseln, wenn ich ihn danach fragte, und lachend antwortete er, >Siehst du niemals Gespenster?<« Später, als ich ihn näher kannte, war seine immer gleiche Antwort - >Mein Schicksal; dieses grauenhafte, grauenhafte Schicksal, dem ich nicht entrinnen kann!<« Doch dann, lächelnd und mit hochgezogenen Augenbrauen, summte er jedes Mal <.« »Demnach war er nicht von Natur aus grüblerisch oder schwermütig veranlagt, oder?«

»Nein, ganz und gar nicht; nur sehr abergläubisch war er.«

»Wie alle Künstler, glaube ich.«

»Oder vielmehr wie alle Menschen wie - nun, wie wir; denn nichts macht die Menschen so abergläubisch wie das Laster -«

»Oder die Ignoranz.«

»Oh! das ist eine ganz andere Art Aberglaube.« »Strahlten seine Augen eine besondere Kraft aus?« »Für mich natürlich schon; doch hatte er nicht das, was du hypnotisierende Augen nennen würdest; seine Blicke waren weit mehr träumerisch als bohrend oder starrend; und dennoch hatten sie eine so durchdringende Kraft, dass ich vom ersten Augenblick an fühlte, dass er sich mir tief ins Herz senken könnte; und obgleich sein Ausdruck alles andere war als sinnlich, fühlte ich dennoch jedes Mal, wenn er mich anblickte, wie mir das Blut in den Adern erglühte.« »Man hat mir oft erzählt, dass er sehr schön war; stimmt das?«

»Ja, er sah bemerkenswert gut aus, aber mehr auf eine besondere Weise als auffallend schön. Zudem war seine Kleidung, wenn auch immer tadellos, ein Ideechen exzentrisch. An jenem Abend trug er beispielsweise ein Bund weißes Heliotrop im Knopfloch, obgleich damals Kamelien und Gardenien in Mode waren. Seine Umgangsformen waren äußerst , aber auf der Bühne - ebenso wie vor Fremden - benahm er sich ein wenig hochmütig.«

»Gut, und nachdem eure Blicke sich getroffen hatten?«

»Setzte er sich und begann zu spielen. Ich schaute ins Programm; es war eine wilde ungarische Rhapsodie von einem unbekannten Komponisten mit einem zungenbrecherischen Namen; ihre Wirkung war jedoch hinreißend. Das sinnliche Element ist tatsächlich in keiner Musik so stark wie in der Musik der Zigeuner. Verstehst du, von einer Molltonart -«

»Oh! Bitte keine technischen Ausdrücke, ich kann nämlich kaum eine Note von der anderen unterscheiden.«

»Gleichviel, aber wenn du je einen Tschardasch gehört hast, musst du gefühlt haben, dass die ungarische Musik, auch wenn sie mit seltenen rhythmischen Effekten aufgeladen ist, unseren Ohren wehtut, da sie entscheidend von unseren Harmoniegesetzen abweicht. Zuerst schockieren uns diese Melodien, dann, allmählich, bezwingen sie uns, bis wir ihnen schließlich hörig sind. Die prangenden Fioretten beispielsweise, mit denen sie wie mit Gelächtergirlanden durchzogen sind, haben einen entschieden schwelgerischen arabischen Charakter -« »Schön und gut, aber lass mal die Fioretten der ungarischen Musik und fahr lieber mit deiner Geschichte fort.«

»Das ist ja gerade der schwierige Punkt; du kannst ihn nämlich nicht losgelöst von der Musik seines Landes sehen; vielmehr musst du, wenn du ihn verstehen willst, damit anfangen, dass du den geheimen Zauber spürst, von dem jedes Zigeunerlied durchdrungen ist. Immer reagiert das ganze Nervensystem - ist man dem Charme eines Tschardasch erst einmal erlegen - mit einem Vibrieren auf diese magischen Stücke. Diese Spannungsbögen beginnen gewöhnlich mit einem weichen und leisen Andante, etwa wie das klagende Beweinen einer verlorenen Hoffnung, dann wird der dauernd wechselnde Rhythmus - sein Tempo beschleunigend - >wild wie die Sprache Liebender beim Lebewohl<, und ohne etwas von seiner Süße einzubüßen, aber immer neue Kraft und neuen Ernst in sich sammelnd, erreicht das Prestissimo - synkopiert von Seufzern - einen Paroxysmus mysteriöser Passion, die einmal in einen gruftdumpfen Klagegesang zerfließt und dann wieder in das metallene Lodern einer glühenden und kriegerischen Hymne ausbricht.

Er war, in Schönheit wie in Charakter, die reine Personifikation dieser hinreißenden Musik.

Als ich ihn spielen hörte, war ich gebannt; doch hätte ich kaum sagen können, ob es die Komposition war, ihre Ausführung oder der Spieler selber.

Gleichzeitig begannen die seltsamsten Visionen vor meinen Augen zu treiben. Zuerst sah ich die Alhambra in all der üppigen Lieblichkeit ihres maurischen Mauerwerks - diese kostbaren Symphonien aus Steinen und Ziegeln, die der Blütenpracht dieser kunstvollen Zigeunermelodien so ähnlich sind. Dann begann ein schwelendes, unbekanntes Feuer sich in meiner Brust zu entzünden. Ich sehnte mich, jene mächtige Liebe zu fühlen, die einen so um den Verstand bringt, dass man ein Verbrechen begeht; die sprengende Lust von Menschen zu fühlen, die unter der sengenden Sonne leben; von einem Satyr den Liebestrank, gebraut aus Knabenkraut, bis auf des Kelches Grund zu leeren.

Die Vision änderte sich; anstelle Spaniens sah ich ein karges Land, den Sand Ägyptens unter der Sonne, bewässert vom trägen Nil; und dort stand klagend Hadrian, verlassen und ohne Trost, denn für immer hatte er den Knaben verloren, den er so sehr geliebt. Gebannt von jener leisen Musik, die alle Sinne schärfte, begann ich jetzt Dinge zu verstehen, die mir bislang verschlossen geblieben; die Liebe, die der mächtige Monarch für seinen blonden griechischen Sklaven empfand, Antinous, der - wie für Christus - um seines Herrn willen gestorben war. Und da schoss mir all mein Blut aus dem Herzen in den Kopf, dann strömte es wieder zurück, durch jede Vene, wie Wellen geschmolzenen Bleis.

Die Szene änderte sich dann, und die kolossalen Städte Sodom und Gomorrha tauchten auf,...



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