E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Wiler / Zemp Der Teilzeitmann
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7296-2024-7
Verlag: Zytglogge Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Flexibel zwischen Beruf und Familie
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-7296-2024-7
Verlag: Zytglogge Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürg Wiler Geb. 1961 in Thun, zweisprachiges Studium der Publizistik. Berufliche Wanderjahre als Hilfspfleger, Luftfrachtspediteur, Pharma-Sachbearbeiter und saisonaler Flight-Attendant, danach arbeitete er als Journalist und Informationsbeauftragter. Lietet die Kampagne Der Teilzeitmann Schweiz sowie zwei Männergruppen. Der zweifache Vater war von seinen 30 Berufsjahren 20 Jahre in einem Teilzeitpensum tätig. Claudio Zemp Geb. 1975 im Kanton Luzern, Studium der Sozialwissenschaften. Arbeitet als Journalist für Radio, Zeitungen und Zeitschriften, seit 2005 freischaffend. Lebt mit Partnerin und drei Kindern in Zürich.
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Der Teilzeitmann klärt auf: Fünf Missverständnisse vorweg
«Oh, ein Teilzeitmann!», sagte die Dame vis-à-vis verschmitzt, bevor sie süffisant anfügte: «Und was sind Sie nach Feierabend?!» Nun, manchmal habe ich durchaus Sinn für Wortspiele. Doch diesmal mochte ich nur müde lächeln. Diesen Spruch hörte ich nun schon zum achten Mal. Aber die Dame vis-à-vis liess nicht locker: «Gehen Sie nachts als Frau aus?», hakte sie nach – in der Meinung, ich hätte den Witz nicht kapiert. «Nein, ich breche in Frauendomänen ein», entgegnete ich. Mein müdes Lächeln wurde plötzlich wieder munter. Schliesslich war das erste Ziel des Teilzeitmanns schon erreicht: Er war wieder mal das Thema. Und das liegt am cleveren Namen des Projekts.
Ein Quäntchen irritierende Unschärfe ist hilfreich, wenn man nachhaltig im Gespräch bleiben will. Zumal mit einem hochaktuellen Thema. Denn auch die Gesellschaft verändert sich. Neue Begriffe werden dann gerne aufgegriffen, wenn sie den Zeitgeist treffen. Das Etikett «Teilzeitmann» hat seine Berechtigung, gerade in der Schweiz, wo Teilzeit ausserordentlich stark mit Frauen assoziiert ist. In kaum einem anderen Land sind so viele Frauen und Mütter erwerbstätig. Aber auch in keinem anderen Land ist die Teilzeitquote unter den Geschlechtern so unterschiedlich. Und wenn ein altmodischer Patron gönnerhaft von «unseren Teilzeitfrauen» spricht, mag das manchem so vertraut vorkommen, dass man überhört, wie viel Unausgesprochenes mit dem Label «Teilzeit» impliziert wird. Nicht nur, dass es eine Option vor allem für Frauen sei. Das Wort Teilzeitarbeit signalisiert halt immer noch eine reduzierte Leistungsbereitschaft und berufliche Ambitionen auf Sparflamme. Es ist also höchste Zeit, dass «Der Teilzeitmann» mit einigen Missverständnissen aufräumt.
Um die Eingangsfrage der Dame doch noch nett zu beantworten: Ja, ich fühle mich auch in meiner Freizeit als Mann. Besonders dann, wenn ich einen Tag mit Kindern im Haushalt verbringe. Also wenn ich hart arbeite, ohne dabei Geld zu verdienen. Ich lerne als Mann ungemein viel, wenn ich in verschiedene Rollen schlüpfe. Etwa als Teilzeitmann tageweise in jene des Hausmanns oder, in der goldenen Stunde vor der Bettruhe der Kinder, in jene der Märchentante.
Erstens: Teilzeit ist kein Geschlechterkampf
Vorab wichtig festzuhalten ist, dass es nie darum ging, Teilzeitmänner gegen Teilzeitfrauen auszuspielen. Wenn Männer dafür kämpfen, dass Teilzeitarbeit salonfähig wird, stellen sie sich auf die Seite der Frauen, welche die gleiche Wertschätzung schon lange einfordern. Die Pioniergeneration hat längst bewiesen, dass sich Verantwortung in der Firma und in der Familie nicht ausschliessen. An diesen beiden Fronten kämpften bisher mehrheitlich Frauen in der ersten Reihe. Doch gerade weil es bei der Vereinbarung um einen kollektiven Kampf geht, muss man aufpassen, dass es nicht gegeneinander geht. Zum Missverständnis des Geschlechterkampfs kommt es in der Debatte oft genug.
Springen wir also nicht in diese Schützengräben, selbst wenn sie verführerisch mit Klischees gepolstert sind. Stattdessen gilt es, die Offenheit der neuen Generation von Männern und Frauen anzuerkennen. Sie mögen wählerischer sein und anspruchsvoller. Und mit Recht fordern Männer wie Frauen die gleichen Rechte und die Gleichbehandlung ein. Frauen und Männer sollten sich gemeinsam darüber freuen, wenn das Thema Teilzeit durch die aktuelle Debatte aus einer tiefen Schublade geholt wird und ein Stück nach oben wandert. Je weniger das Thema Teilzeit mit negativen Begriffen gekoppelt ist, desto besser ist das für alle Teilzeitarbeitenden – unabhängig von ihrem Geschlecht. Das kann in vielen Fällen schon heissen, dass die Frau mehr Erwerbsarbeit leistet, wenn der Mann reduziert (und sie hoffentlich einen besseren Lohn erhält). Es könnte sogar bedeuten, dass mehr Mütter Vollzeit arbeiten können, wenn sie wollen.
Die Vielfalt der gelebten Arbeitsmodelle sprengt die gängigen Geschlechterklischees locker. So kommt die Aufwertung von Teilzeitarbeit den Hausmännern ebenso zugute wie ihren Teilzeit arbeitenden Partnerinnen. Aber nicht nur das: Profitieren können auch Singles, die vielleicht keine Familie haben, jedoch auch nicht nur ihre Arbeit im Kopf. Womöglich können sie mit einem Teilzeitpensum ihren Lebensunterhalt bestreiten und mit dem anderen Teil ihrer Lebenszeit etwas anderes machen.
Zweitens: Ja, es geht (nicht immer, aber immer öfter)
Und doch: Teilzeit ist für Männer natürlich nicht das Gleiche wie für Frauen. Es gibt, bei allem löblichen Bestreben nach Gleichstellung in der Firmenkultur, kleine Unterschiede. Und es ist nicht nur Gejammer, wenn Männer monieren, dass sie mehr Schwierigkeiten haben als Frauen, Teilzeit zu arbeiten. Denn für sie ist diese Rolle neu. Es kostet sie zuallererst ein bisschen mehr Überwindung, auf die Idee zu kommen und den Versuch zu wagen. Zudem werden in vergleichbaren Karrieresituationen Mann und Frau – sogar in der gleichen Firma – nach wie vor anders behandelt.
Das Beispiel wurde uns in Interviews oft erzählt: Ein junges Paar, das sein erstes Kind erwartet, möchte sich Haus- und Erwerbsarbeit aufteilen. Beide kommen zum Schluss, dass sie dies am besten tun könnten, wenn beide Teilzeit arbeiten und einen Teil der Kinderbetreuung übernehmen. Im Personalbüro machen sie und er aber oft komplett unterschiedliche Erfahrungen. Bei einer Frau wird der Antrag sofort bewilligt, weil man ihn sogar von ihr erwartet, wenn sie Mutter wird. Ihr Mann dagegen stösst mit dem gleichen Wunsch auf Unverständnis. Die Gesellschaft erwartet von ihm eher, dass er sich als Ernährer hervortut und beruflich ein Scheit nachlegt: Er soll Karriere machen. Mit dem Wunsch nach einem flexiblen Pensum beisst ein Mann zuweilen auf Granit. Um sein Ziel zu erreichen, muss er hartnäckig sein. Er muss wissen, was er tut. Und es muss ihm wichtig sein.
Hier kommen die Vorbilder ins Spiel, von denen es nicht genug geben kann. Besonders für Männer ist es wichtig, dass es gute Vorbilder gibt; ebenfalls Männer, die beweisen, dass es geht. Zum Glück gibt es sie. Nicht überall, aber immer öfter ist es auch für Männer möglich, Teilzeit zu arbeiten. Die Statistik zeigt, dass ihr Anteil steigt. Und wenn es funktioniert, macht das noch mehr Männern Mut, ihre flexible Lösung mit Bestimmtheit einzufordern.
Drittens: Teilzeit ist gut, aber es darf nicht bei Ausnahmen bleiben
Bisher waren Teilzeitmänner in vielen Firmen die Ausnahme. Sie sind es immer noch, fast ebenso exotisch wie Frauen im Topmanagement oder im Verwaltungsrat. Es gibt aber viele gute Gründe, um anzunehmen, dass sich dies ändert. Ob es dem Gros der Arbeitgeber passt oder nicht. Denn Diversität zahlt sich aus. Je nach Branche hat es sich schon herumgesprochen, dass sich jede Massnahme für arbeitnehmerfreundliche, vielfältige Arbeitsmodelle lohnt. Wenn die Unternehmen in Zukunft genügend Fachkräfte rekrutieren wollen, müssen sie sich auch gegenüber Teilzeitmodellen flexibler zeigen.
Zu Ende gedacht, heisst das: Statt wie bisher individuelle Ausnahmen für wenige zu machen, wäre ein Paradigmenwechsel vonnöten, die ganze Struktur zu flexibilisieren, damit reduzierte Arbeitszeiten grundsätzlich möglich sind. Schliesslich hat auch die Produktivität pro Arbeitsstunde zugenommen. Unsere Erfahrung ist: Es ist in den meisten Fällen allein eine Frage der Organisation, die Arbeit anders zu verteilen. Das würde erst noch zusätzliche Stellen schaffen. Und die Unternehmensgewinne würden auf mehr Köpfe verteilt. Die Welle ist nicht aufzuhalten, denn die nachrückende Generation hat andere Vorstellungen von Privatleben und Erfüllung im Beruf. Und wenn Teilzeit gar zur neuen Arbeitsnorm würde, dann würde dies die Entwicklung beschleunigen. Diese ist übrigens nicht so weltfremd, wie man denken könnte. Sie wurde von Personalchefs einer Schweizer Grossbank schon laut gedacht.
Viertens: Mehr Teilzeit gibt es ganz ohne neue Vorschriften
Sicher haben im letzten Abschnitt bei einigen Leserinnen und Lesern die Alarmglocken geläutet. Hallo, eine neue Norm? Will da jemand die 35-Stundenwoche einführen, wie im Nachbarland Frankreich? Ob das ein taugliches Mittel für die Schweiz wäre, können wir gerne offen lassen. Obwohl die Frage natürlich etwa so interessant wäre, wie wenn vor 100 Jahren die marxistische Revolution wie geplant in Deutschland ausgebrochen wäre statt in Russland. Wie dem auch sei, es geht dem «Teilzeitmann»-Team weder um Kommunismus noch um neue Vorgaben. Im Gegenteil – zusätzliche Vorschriften erachten wir als kontraproduktiv. Kurz: Niemand soll Teilzeit arbeiten müssen. Aber all jene, die Teilzeit arbeiten möchten, sollen die Möglichkeit dazu haben. Die Vorschriften zur Arbeitszeit reichen dazu aus.
Es geht bei der Gleichberechtigung um die Aufweichung von sozialen Normen und nicht um die Errichtung von neuen Denkmälern. «Der Teilzeitmann» schätzt die persönliche Bewegungsfreiheit und glaubt auch nicht daran, mit Quoten ein Gefüge flexibler zu machen. So viel zum liberalen Credo: Nichts muss, alles darf. Nichts liegt uns ferner, als Teilzeitarbeit als neues moralisches Gesetz zu etablieren. Wir plädieren nur für ein freiheitliches Weltbild.
Fünftens: Der Teilzeitmann will «s Föifi und s Weggli»
Ja, so viel Selbstbewusstsein hat sich «Der Teilzeitmann» vom Superman geliehen. Er hat auch gern «bad girls» in seinem Team, die überall hinwollen und nicht nur in den Himmel. Und klar, wenn es das gibt, nehmen wir beides. Bei den Forderungen nach flexiblen Arbeitsformen kann man eigentlich gar nicht frech...




