E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Wilhelm Märchen aus China
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8438-0008-2
Verlag: marixverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vollständige Ausgabe mit Anmerkungen In der Übersetzung von Richard Wilhelm
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8438-0008-2
Verlag: marixverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hundert Märchen aus dem Reich der Mitte, die uns mehr über chinesisches Denken und Fühlen verraten als die gelehrtesten Abhandlungen. Diese wohl berühmteste Sammlung chinesischer Volkserzählungen hat Richard Wilhelm in Tsingtau in langer geduldiger Übersetzungsarbeit niedergeschrieben. Es ist ein ganzer Kosmos der Märchenpoesie: Kindermärchen und Göttersagen, Geschichten von Heiligen und Zauberern, von Natur- und Tiergeistern, auch Gespenstergeschichten, historische Sagen und schließlich literarisch verfeinerte Märchen wie das von dem Affen Sun Wu Kung, das die mythologischen Motive durchspielt und von lächelndem Humor erfüllt ist. Bald bezaubern uns Mondfee und Himmelskönigin, bald lernen wir Konfuzius, Laotse und die acht Unsterblichen kennen. Wir erfahren phantastische Dinge über die Geister des gelben Flusses, die Sekte vom weißen Lotos, den Mönch am Yangtsekiang. 'Ein nicht unerwünschter Nebenerfolg der Lektüre dürfte sein, daß sich auf diese Weise ein Einblick in Sitten und Gebräuche, Glauben und Denkungsart des chinesischen Volkes eröffnet', so Richard Wilhelm.
'Botschafter zweier Welten' hat man Richard Wilhelm genannt. Er lebte von 1873 bis 1930, ging früh schon als Missionar nach China, wirkte lange Jahre in Tsingtau als Pfarrer und Pädagoge, hatte zuletzt eine Professur an der Pekinger Universität inne. 1924 gründete er in Frankfurt das berühmt gewordene 'China-Institut' - er tat das als Botschafter des geistigen China, das er in exemplarischen Übersetzungen u.a. Laotses, Konfuzius' und des I Ging erstmals bekanntgemacht hat.
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18. Notscha
Die älteste Tochter des Himmelsherrn hatte den Feldherrn Li Dsing geheiratet. Ihre Söhne hießen Gintscha, Mutscha und Notscha. Mit der Geburt des Notscha verhielt es sich aber also: Drei Jahre und sechs Monate war seine Mutter guter Hoffnung. Da träumte ihr bei Nacht, dass ein Taoist zu ihr ins Zimmer kam. Erzürnt wies sie ihn hinaus. Er aber sprach: »Schnell empfange den göttlichen Sohn!« Damit tat er eine leuchtende Perle in ihren Leib. Die Frau erschrak darüber so sehr, dass sie erwachte. Sie gebar nun eine Kugel aus Fleisch, die sich kreisend drehte wie ein Rad, und das ganze Zimmer erfüllte sich mit seltsamen Düften und rotem Licht. Li Dsing erschrak sehr und hielt es für einen Spuk. Er schlug mit seinem Schwert die Kugel entzwei, da sprang ein kleiner Knabe daraus hervor, der leuchtete am ganzen Leib in rotem Glanz. Sein Gesicht aber war zart und weiß wie Schnee. Am rechten Arm trug er einen goldenen Reif, und um die Hüften hatte er ein Stück rote Seide gewunden, dessen gleißender Schein die Augen blendete. Als Li Dsing das Kind sah, erbarmte er sich seiner und tötete es nicht. Sein Weib aber fasste eine große Liebe zu dem Knaben. Nachdem drei Tage um waren, kamen die Freunde alle, um Glück zu wünschen. Sie saßen eben beim Mahle, als ein Taoist eintrat, der sprach: »Ich bin der Große Eine. Dieser Knabe ist die lichte Perle des Uranfangs, dir zum Sohne verliehen. Doch ist der Knabe wild und ungebärdig und wird viele Menschen töten. Darum will ich ihn zum Schüler nehmen, um seine wilde Art zu sänftigen.« Li Dsing neigte sich dankend, und der Große Eine verschwand. Als Notscha sieben Jahre alt war, ging er einmal von zu Hause weg. Er kam zum Fluss der neun Krümmungen, dessen grüne Wasser zwischen zwei Reihen von Hängeweiden dahin flossen. Der Tag war heiß. Notscha stieg ins Wasser, um sich zu kühlen. Er band sein rotes Seidentuch los und schwenkte es im Wasser, es zu waschen. Das ganze Wasser wurde rot davon. Wie aber Notscha so dasaß und das Tuch im Wasser schwenkte, da wurde das Schloss des Drachenkönigs im Ostmeer bis in seine Grundfesten erschüttert. Darum sandte der Drachenkönig einen Triton aus, schrecklich anzuschauen, der sollte sehen, was es gebe. Als der Triton den Knaben sah, begann er zu schelten. Der aber blickte auf und sprach: »Was bist du für ein seltsames Tier und kannst sogar sprechen?« Da wurde der Triton wild, sprang herzu und schlug mit seiner Axt nach Notscha. Der wich dem Schlage aus und warf seinen goldenen Armreif nach ihm. Der Reif traf den Triton auf den Kopf, dass das Hirn herausspritzte und er tot zusammensank. Lachend sagte Notscha: ,,Nun hat er mir auch noch meinen Ring mit Blut besudelt.« Und er setzte sich nieder auf einen Stein, um seinen Ring zu waschen. Da begann das Kristallschloss des Drachen zu beben, dass es dem Einsturz nahe war. Auch kam ein Wächter und meldete, der Triton sei von einem Knaben erschlagen worden. Da sandte der Drachenkönig seinen Sohn, um den Knaben zu fangen. Der Sohn setzte sich auf das Wasser zerteilende Tier und kam im Brausen großer Wasserwogen heran. Notscha richtete sich auf und sagte: »Das ist eine tüchtige Welle.« Plötzlich sah er in den Wogen ein Tier auftauchen, darauf saß ein gewappneter Mann, der schrie mit lauter Stimme: »Wer hat meinen Triton umgebracht?« Notscha antwortete: »Der Triton hat mich umbringen wollen, da habe ich ihn totgeschlagen, das tut doch nichts.« Da fuhr der Drache mit seiner Hellebarde auf ihn los. Aber Notscha sprach: »Sag an, wer bist du, ehe wir kämpfen?« — »Ich bin der Sohn des Drachenkönigs«, war die Antwort. — »Und ich bin Notscha, der Sohn des Feldherrn Li Dsing. Du musst mich durch deine Gewalttätigkeit nicht böse machen, sonst zieh’ ich dir mitsamt deinem Alten, dem Schlammfisch, die Haut ab!« Da ward der Drache wild und kam grimmig herangestürmt. Notscha aber warf sein rotes Tuch in die Luft, dass es wie eine Feuerkugel blitzte und den Drachenjüngling von seinem Tier herunterwarf. Nun nahm Notscha seinen goldenen Reif und schlug ihn auf die Stirn, dass jener in seiner wahren Gestalt als goldener Drache sich zeigen musste und tot zusammenbrach. Notscha lachte: »Ich habe sagen hören, dass man aus Drachensehnen gute Stricke machen kann. Ich will ihm eine herausziehen und meinem Vater bringen, der kann sich seinen Panzer damit festbinden.« Damit zog er ihm die Rückensehne heraus und nahm sie mit heim. Unterdessen war der Drachenkönig wütend zu Notschas Vater Li Dsing geeilt und hatte seine Auslieferung verlangt. Li Dsing aber sprach: »Ihr müsst euch irren, mein Junge ist erst sieben Jahre alt, der ist zu solchen Untaten nicht imstande.« Während sie noch stritten, kam Notscha herbei gesprungen und rief: »Vater, ich bringe dir eine Drachensehne mit, damit kannst du deinen Panzer festbinden.« Nun brach der Drache in Tränen und grimmige Scheltworte aus. Er drohte, den Li Dsing beim Himmelsherrn anzuzeigen, und ging wutschnaubend weg. Li Dsing geriet in große Aufregung, erzählte den Vorfall seiner Frau, und beide fingen an zu weinen. Notscha aber kam dazu und sagte: »Was weint Ihr denn? Ich gehe einfach zu meinem Meister, dem Großen Einen, der wird schon Rat wissen.« Als er das gesagt, war er auch schon verschwunden. Er trat vor seinen Meister und erzählte ihm die ganze Geschichte. Der sprach: »Du musst dem Drachen zuvorkommen, dass er dich nicht im Himmel verklagt.« Dann gab er ihm einen Zauber, und Notscha ward ans Himmelstor versetzt, wo er den Drachen erwartete. Es war noch früh am Morgen. Die Himmelstür war noch nicht geöffnet und der Wächter noch nicht zur Stelle. Aber schon kam der Drache heraufgestiegen. Notscha, der durch den Zauber unsichtbar geworden war, warf den Drachen von hinten mit seinem Reif zu Boden und begann auf ihn einzuhauen. Der Drache schalt und schrie. »Da zappelt der alte Wurm«, sagte Notscha, ,,und macht sich nichts daraus, wenn man ihn schlägt, ich will ihm seine Schuppen abkratzen.« Mit diesen Worten riss er ihm seine Feierkleider auf und begann ihm unter dem linken Arm einige Schuppen abzureißen, dass das rote Blut heraus träufelte. Der Drache hielt es vor Schmerzen nicht mehr aus und bat um Schonung. Aber er musste ihm erst versprechen, dass er ihn nicht verklagen wolle, dann erst ließ er ihn los. Der Drache musste sich nun in ein kleines grünes Schlänglein verwandeln, das tat Notscha in seinen Ärmel und kam damit nach Hause zurück. Kaum hatte er das Schlänglein aus seinem Ärmel gezogen, da verwandelte es sich in Menschengestalt. Der Drache schwor dem Li Dsing fürchterliche Rache und verschwand in einem Blitzstrahl. Li Dsing war auf seinen Sohn ernstlich böse. Darum schickte die Mutter den Notscha nach hinten, damit er seinem Vater aus den Augen komme. Notscha verschwand zu seinem Meister, um ihn zu fragen, was er tun solle, wenn der Drache wieder komme. Der gab ihm einen Rat, und Notscha kehrte nach Hause zurück. Da waren auch schon die Drachenkönige aller vier Meere versammelt und hatten schreiend und lärmend seine Eltern gebunden, um sich an ihnen zu rächen. Notscha sprang herbei und rief mit lauter Stimme: »Was ich getan habe, will ich selber büßen. Meine Eltern trifft keine Schuld. Was verlangst du von mir für eine Genugtuung?« — »Leben um Leben!« rief der Drache. »Gut, ich will mich selber zerstückeln. Versprichst du mir, meinen Eltern dann nichts zu tun?« — Der Drache war einverstanden und befahl, die Fesseln der Eltern zu lösen. Notscha schlug sich erst einen Arm ab. Seine Mutter brach in lautes Weinen aus. Aber es half nichts. Schon hatte er sich den Leib aufgeschlitzt, die Eingeweide traten hervor, seine drei Geister und neun Seelen zerstreuten sich, und sein Leben kehrte ins Jenseits zurück. Befriedigt gingen nun die Drachen weg, und Notscha wurde von seiner Mutter unter vielen Tränen beerdigt. Das Geistige Notschas aber flatterte in der Luft umher und wurde vom Winde nach der Höhle des Großen Einen getrieben. Der nahm ihn auf und sagte zu ihm: »Du musst deiner Mutter erscheinen. Vierzig Meilen von eurer Heimat liegt die grüne Felswand. Auf diesem Felsen soll sie dir ein Heiligtum errichten. Wenn du drei Jahre lang den Weihrauch der Menschen genießt, kannst du wieder einen Leib bekommen.« Notscha erschien seiner Mutter im Traum und richtete ihr alles aus. Unter Tränen erwachte sie. Doch Li Dsing wurde böse, als sie ihm davon erzählte. »Es geschieht dem verruchten Knaben recht, dass er tot ist. Aber weil du immer an ihn denkst, darum erscheint er dir im Traum. Du musst nicht auf ihn achten.« Die Frau schwieg; aber von nun ab erschien er ihr täglich, sobald sie die Augen schloß, und wurde immer dringender in seinem Verlangen. Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig, als ohne Wissen Li Dsings einen Tempel für Notscha errichten zu lassen. Notscha tat in dem Tempel nun große Wunder. Alle Gebete wurden erhört. In weitem Umkreis strömten die Leute herbei, ihm Weihrauch zu verbrennen. Ein halbes Jahr war so vergangen. Da kam Li Dsing bei einer großen kriegerischen Übung an jenem Berg vorüber und sah die Leute in dichtem Gewimmel wie Ameisen den Berg umdrängen. Li Dsing fragte, was es denn auf dem Berg zu sehen gäbe. »Ein neuer Gott ist da, der so wundertätig ist, dass von überallher die Leute herbeiströmen, ihn zu verehren.« — »Was ist das für ein Gott?« fragte Li Dsing. — Man wagte es ihm nicht zu verhehlen. Da wurde Li Dsing böse. Er sprengte auf seinem Pferd den Berg hinan, und richtig stand über dem Tor des Tempels geschrieben: »Notschas Heiligtum«. Und Notschas Bild stand darin, das glich ihm völlig, wie er zu Lebzeiten gewesen war. Li Dsing sprach: »Zu Lebzeiten hast du deine Eltern ins Unglück gebracht. Und nun nach...




