Wilks Wolf Shadow - Unsterbliche Bande
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9210-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 09, 480 Seiten
Reihe: Wolf-Shadow-Reihe
ISBN: 978-3-8025-9210-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lily und Rule sind auf der Suche nach einem gestohlenen magischen Artefakt. Dabei stoßen sie auf die Spur eines gefährlichen Mörders, der ein Anhänger jenes uralten übernatürlichen Geschöpfes ist, gegen das die Werwölfe schon seit Jahren kämpfen.
Eileen Wilks wurde in Texas geboren und lebt seit über dreißig Jahren in der westtexanischen Stadt Midland. Seit 1996 schreibt sie Liebesromane, die regelmäßig auf die Bestsellerlisten gelangen. Ihre Bücher wurden mehrfach für den RITA Award und den Romantic Times Award nominiert.
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Eigentlich hatte Lily Yu nicht vorgehabt, den Friedhof bei Sonnenuntergang zu besuchen. Es hatte sich einfach so ergeben.
Das Haupttor von Mount Hopes schloss um halb vier, aber die Eingangspforten für die Fußgänger blieben auch danach noch geöffnet. Weil die Leute gern noch nach der Arbeit vorbeikämen, hatte der Mann im Friedhofsbüro gesagt, vor allem am Geburtstag des Verstorbenen oder zu anderen wichtigen Ereignissen. Zu dieser Uhrzeit war kein freier Parkplatz mehr zu finden, es sei denn, man erwischte noch einen am Straßenrand.
Dort hielt Lily nun mit ihrem Dienstwagen, einem Ford, und warf einen Blick in den Rückspiegel. Der weiße Toyota, der ihr gefolgt war, kam näher und fuhr dann vorbei. Sie würde warten. Wenn sie ausstieg, bevor sie geparkt hatten, versetzte sie sie nur unnötig in Aufregung. Es war schon schlimm genug, dass sie sie hierhergeschleppt hatte, da das Licht bereits nachzulassen begann.
Nicht, dass sie sich vor dem Sonnenuntergang gefürchtet hätten. Ebenso wenig wie sie. Vor den Toten brauchte man keine Angst zu haben. Es waren die Lebenden, vor denen man auf der Hut sein musste.
Während der Toyota nach einem Parkplatz suchte, nahm Lily ihre Stiftlampe aus der Handtasche und steckte sie sich in die Hosentasche. Der Tag glitt langsam in die Dämmerung hinüber, und sie misstraute dem Zwielicht. Bei Tageslicht weiß man immer, wo man ist, und sieht, wohin man geht. Doch bei Nacht kann man nichts sehen, zumindest nicht ohne Hilfsmittel – elektrische Hilfsmittel vor allem, die Lichter der Stadt, eine Taschenlampe, was auch immer. Und da man das weiß, trifft man entsprechende Vorkehrungen.
Zwielicht lässt die Grenzen verschwimmen. In der Stunde der Schatten täuscht man sich leicht in dem, was man zu sehen glaubt, macht schnell einen falschen Schritt, weil man gedacht hatte, das Licht reiche noch aus. Als sie noch bei der Mordkommission war, hatte Lily Menschen verhaftet, die genau diesen verhängnisvollen Schritt zu viel gemacht hatten, irregeleitet durch ihr eigenes Zwielicht von Drogen oder Gefühlen. Menschen, die sonst nie zu Mördern geworden wären.
Aber manche machen diesen Schritt auch absichtlich. Manche wissen sehr wohl, wo die Grenze verläuft, und übertreten sie ganz bewusst. Wie der Mistkerl, bei dessen Anhörung sie heute als Zeugin ausgesagt hatte.
Gottverdammte Trittbrettfahrer.
Ein Stück weiter die Straße hinunter setzte der Toyota in eine Lücke zwischen einem Geländewagen und einem Pick-up zurück. Lily nahm ihre Handtasche, vergewisserte sich, dass kein Auto kam, und stieg aus. Der Verkehr war nicht sehr dicht, sodass sie sofort die Straße überqueren konnte. Bis sie auf der Straßenseite angekommen war, an der der Friedhof lag, waren dem Toyota zwei Männer entstiegen.
Einer war schlank und blass, hatte ein rundes Gesicht und trug eine Brille. Er hätte fast ein Computernerd sein können. Der andere war einen Kopf größer, vierzig Kilo schwerer und sah aus, als hätte er ein paar Tattoos und ein Vorstrafenregister. Der Nerd trug ein billiges Sporthemd, der Abgebrühte ein schwarzes T-Shirt. Beide hatten Jeans, Laufschuhe und ein Sakko an.
Auch Lily hatte sich für eine Jacke entschieden, aus demselben Grund. Es war zwar Ende Dezember, aber dies war San Diego. Die Luft war zwar frisch, aber nicht kalt. Doch die Leute regten sich leicht auf, wenn man sein Schulterholster allzu offen zeigte.
Die Männer überquerten die Straße zwischen einem schwarzen Sedan und einem Lieferwagen. Der Nerd gab plötzlich ein Zeichen mit der Hand, woraufhin der Abgebrühte – auch bekannt als Mike – mit lockerem, schnellem Schritt auf die Pforte zustrebte. Als Lily ihm nachging, folgte der Nerd ihr.
Sie wurden nicht beschattet, doch es war möglich, dass ihre Feinde wussten, dass sie kommen wollte und sie bereits erwartet wurde. Unwahrscheinlich, aber möglich. Theoretisch hätte Friar erfahren haben können, dass sie sich vor einem Monat den Friedhofsplan geholt hatte, und seitdem den Friedhof überwachen lassen.
Das hatte zumindest Scott gesagt, als sie ihm von ihrem geplanten Besuch erzählt hatte. In Lilys Augen war es die wohl sicherste Sache, die sie in letzter Zeit durchgeführt hatte. Friars Organisation hatte im Oktober einen schweren Schlag erlitten, als er es geschaffte hatte, viele Menschen in den Tod zu schicken, aber dann erleben musste, wie seine lang gehegten Pläne zunichtegemacht worden waren. Sie bezweifelte, dass er noch die Mittel besaß, einen Scharfschützen einen Monat lang rund um die Uhr vor Ort einzusetzen. Und eigentlich bezweifelte sie noch mehr, dass er überhaupt wusste, dass sie sich den Plan besorgt hatte.
Doch da er über ein Mittel verfügte, das sie weder vorhersehen noch in irgendeiner aussagekräftigen Form einschätzen konnte, war es auch möglich, dass sie sich irrte. Nun, wenn es so war, dann hatte sie jedenfalls Verstärkung dabei.
Manchmal ist eine Bezeichnung ausschlaggebend.
Monatelang hatte sie nicht akzeptieren wollen, dass sie Leibwächter brauchte. Nein, berichtigte sie sich, als sie einen schmalen Weg einschlug, der sich durch den Friedhof in die Richtung schlängelte, in die sie gehen musste. Sie hatte allein schon den Gedanken daran gehasst. Die Wachen überallhin mitnehmen zu müssen, die fehlende Privatsphäre … und ganz besonders schlimm war ihr die Vorstellung gewesen, dass einer von ihnen vielleicht sein Leben für sie würde geben müssen. Ja, sie brauchte Leibwächter, daran gab es nichts zu rütteln, doch das zu akzeptieren war ihr äußerst schwergefallen und hatte sich in Reizbarkeit und dem ein oder anderen unfreundlichen Wort bemerkbar gemacht.
Letzte Woche, als sie sich wieder einmal beschwerte, hatte Rule den Kopf geschüttelt und gesagt: »Ich verstehe dich nicht. Hast du denn nie um Verstärkung gebeten, als du noch ein normaler Cop warst? Das ist dir doch auch nicht auf die Nerven gegangen.«
»Verstärkung«, hatte sie langsam wiederholt. Und sagte es noch einmal, als sich die Last langsam von ihr hob, nicht ganz, aber doch so, dass sie angenehmer zu tragen war, so als würde sie einen BH oder ein Schulterholster überstreifen. »Verstärkung, keine Leibwächter. Sie sind meine mobile Verstärkung.«
Gefolgt von der einen Hälfte ihrer mobilen Verstärkung – dem Nerd, alias Scott White, der sich sehr viel mehr für Schusswaffen und Messer interessierte als für Computer –, trat Lily nun von dem Weg ins weiche Gras und ging zwischen den Ruhestätten der Toten weiter.
Ihr Ziel lag im neuesten Abschnitt der Anlage. Für diesen Teil des Landes war Mount Hope ein alter Friedhof, eine Ansammlung von Gräbern, deren Pflege die Stadt im Laufe der Jahre übernommen hatte, mit vielen eingewachsenen Bäumen und altmodischen Grabsteinen. Hier an dieser Stelle jedoch war alles im sogenannten Gartenstil gehalten, mit ordentlich gemähtem Rasen und flachen, in die Erde eingelassenen Platten, in denen sich kleine Einsätze für Blumen befanden.
Das Gras war feucht und federte unter ihren Schritten, und sein Duft erfüllte die Luft. In anderen Teilen des Landes dachten die Leute beim Geruch von frisch gemähtem Gras an Sommer. Für Lily rief es Erinnerungen an Winter wach. Da kam der Regen, und das Gras wurde saftig und grün und musste geschnitten werden. Dieses Jahr war der Dezember ungewöhnlich nass gewesen und hatte sie mit fast einhundertsiebenundzwanzig Millimeter Niederschlag beglückt. Lily ging auf dem weichen Gras zwischen den Gräbern der vielen Unbekannten hindurch bis zu dem Grab der einen, die sie gekannt hatte.
Sie hatte keine Blumen mitgebracht. Blumen auf das Grab einer Frau zu legen, die man selbst getötet hatte, wäre geschmacklos gewesen. Vor allem, wenn man es nicht bereute.
Lily zählte erst die Reihen, drehte sich dann um und zählte die Gräber. Mike konnte sie nirgendwo entdecken, aber das hatte sie auch nicht erwartet. Lupi verstanden es ausgezeichnet, sich unsichtbar zu machen.
Und da war es. Lily blieb stehen.
Offenbar hatte aber jemand anders Blumen gebracht.
Keinen teuren Strauß. Eher die Art, die man im Supermarkt bekommt, mit ein paar gefärbten Nelken und Schleierkraut als Beiwerk. Rosa und rote Nelken in diesem Fall. In dem Glaszylinder, in dem der Strauß steckte, standen ein paar Zentimeter Wasser.
War dies das richtige Grab? Vielleicht hatte sie sich verzählt. Sie kniete sich neben die Grabplatte, betrachtete stirnrunzelnd den unerwarteten Blumenschmuck und las dann mithilfe der Stiftlampe die Inschrift des Steins:
HELEN ANNABELLE WHITEHEAD
Als Lily Helen vor etwas mehr als einem Jahr getötet hatte, kannte sie ihren Nachnamen nicht. Außer den wenigen wichtigsten Fakten hatte sie gar nicht viel über sie gewusst. Helen war der allgemein gängigen Vorstellung von Telepathen gerecht geworden – sie war total wahnsinnig gewesen. Sie folterte und tötete, versuchte ein Höllentor zu öffnen und wollte Lilys Geliebten an die Große Alte verfüttern, der sie gedient hatte.
Außerdem hatte sie alles darangesetzt, auch Lily zu töten, bevor diese ihr schließlich das Handwerk gelegt hatte.
Also … empfand sie keine Reue, nein. Lily hatte getan, was sie hatte tun müssen. Und Helen hatte keinen Mann, Geliebten oder noch lebende Familienmitglieder gehabt, um die sich Lily hätte Sorgen machen müssen, weil der Verlust sie möglicherweise gegrämt hätte.
Trotzdem war sie nun hier. Warum, wusste sie nicht so recht. Auf irgendeine dunkle, schwer fassbare Weise hing es mit dem...




