Williams | Im Schatten der Klippen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Jessica Mayhew

Williams Im Schatten der Klippen


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8025-9889-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Jessica Mayhew

ISBN: 978-3-8025-9889-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Jessica Mayhew ist glücklich verheiratet und eine erfolgreiche Psychotherapeutin. Als jedoch der attraktive Schauspieler Gwydion Morgan ihre Praxis betritt, wird ihr Leben auf den Kopf gestellt. Jessica fühlt sich zu Gwydion hingezogen, aber dieser leidet unter einer seltsamen Phobie, und Jessica befürchtet, er könnte Selbstmord begehen. Um die Ursachen seiner Erkrankung zu ergründen, besucht sie das Haus seiner Familie an der walisischen Küste und stößt dort auf ein düsteres Geheimnis, das sie schon bald selbst in große Gefahr bringt.

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1


Es war ein sonniger Montag im September. Der Tag begann wie jeder andere: Bob war auf Dienstreise, Nella und Rose stritten sich während des Frühstücks und schwiegen beide im Auto, als ich sie zur Schule fuhr. Ich setzte sie am Schultor ab und sah ihnen nach, wie sie in einem bestimmten Abstand zueinander die Straße hinuntergingen, Rose ordentlich und gepflegt, in ihrem marineblauen Anorak, das Haar zurückgekämmt, Nella, schlendernd, in ihrer zerrissenen Jeans, den Kopf im Rhythmus der Musik aus ihrem iPod bewegend. Ich fragte mich, ob Rose eventuell zu gut geraten war, ein wenig zu sehr darauf bedacht zu gefallen. Und Nella das genaue Gegenteil, eher zu schlampig, zu unbekümmert. Ich seufzte unwillkürlich, als ich ihnen nachschaute.

Ich hoffe, sie sind okay, dachte ich, als sie eine nach der anderen um die Ecke aus meinem Gesichtsfeld verschwanden. Ich fühlte dieses vertraute Ziehen, aus Liebe oder Angst oder was immer es war, das mich regelmäßig überkommt, wenn meine Kinder von mir fortgehen, hinaus in die Welt; dann beugte ich mich vor, schaltete das Radio ein und fuhr zur Arbeit.

Der Verkehr stand die ganze Cathedral Road hinunter, und während ich im Stau stand, drehte ich den Rückspiegel zu mir hin und überprüfte mein Aussehen. Ich hatte in der Nacht nicht gut geschlafen, die Schatten unter meinen Augen zeugten davon. Ich holte einen Lippenstift aus meiner Tasche und rieb mir etwas Farbe auf die Wangen in der Hoffnung, dass sie von den Schatten ablenken würde. Das tat es, aber nicht auf vorteilhafte Weise. Ich überlegte, ob ich die Farbe wieder abwischen sollte, als der Fahrer hinter mir hupte, sodass ich den Spiegel zurückdrehte und auf das Gaspedal trat, wobei ich der Versuchung widerstand, ihm den Mittelfinger zu zeigen.

Auf dem Weg ins Büro kaufte ich mir in dem Tante-Emma-Laden um die Ecke einen Kaffee zum Mitnehmen. Ich parkte hinter dem Gebäude, in dem ich arbeite, und ging zum Haupteingang. Auf dem Weg in mein Büro blieb ich bei Branwen, unserer Empfangsdame, stehen, um sie zu begrüßen, und wir hatten eine ausführliche Diskussion darüber, ob es heute regnen würde. Dann stieg ich die Treppe in die zweite Etage hoch, schloss die Tür zu meinem Büro auf und trat ein.

Der Raum war so ruhig, hell und einladend wie immer. Die Sonne fiel durch die Blätter der Bäume vor dem Fenster, ließ Schatten an der Decke spielen, und von der Straße unten war das leise Brummen des Verkehrs zu hören. Es herrschte eine perfekte Ordnung. Meine Bücher standen in geraden Reihen in den Regalen, und mein Relief im Stil Ben Nicholsons blickte ernst von der gegenüberliegenden Wand herunter. Die beiden Sessel standen genau richtig – nicht zu nah und nicht zu weit auseinander, um vertrauliche Gespräche zu ermöglichen –, und die Couch am Fenster wirkte mit ihrem Polster in einem gedämpften Grün eher einladend als einschüchternd.

Ich ging zu meinem Schreibtisch, schaltete den Computer an, und während er hochfuhr, sah ich meine Post durch. Unter den Rechnungen und Reklamesendungen war nichts von Bedeutung, nur ein paar Einladungen zu Konferenzen, eine in Leipzig und eine in Stockholm, an denen ich wahrscheinlich nicht teilnehmen würde. Ganz unten in dem Stapel stieß ich auf einen kleinen, braunen Umschlag, auf dem in ordentlichen Großbuchstaben mein Name und meine Adresse standen. Ich öffnete ihn und fragte mich, was wohl darin sein mochte. Er enthielt keinen Brief, nur das Foto eines mittelalten Mannes. Er hatte etwas Finsteres an sich, und als ich genauer hinsah, erkannte ich auch den Grund: Seine Augen waren mit einem Marker ausgemalt, sodass sie ganz schwarz waren.

Ich war verwirrt. Das Foto war draußen aufgenommen, möglicherweise am Meer – jedenfalls irgendwo, wo es windig war. Der Mann war attraktiv, erinnerte an einen Patrizier mit dichtem, grau werdendem Haar, einer knochigen Adlernase und der Art Falten, die ein Gesicht eher unverwechselbar machen und von gelebtem Leben künden, als dass sie es verlebt und besiegt aussehen lassen. Er trug eine Lederjacke, deren Kragen lässig gegen den Wind hochgeschlagen war. Die Andeutung eines Lächelns spielte um seine Lippen. Er wirkte wie ein Mann, der mit sich und seinem Platz auf der Welt zufrieden war, der den Betrachter vielleicht sogar ein wenig hochmütig ansah. Selbst die schwarz ausgemalten Augen konnten dieses Flair von Selbstvertrauen nicht zerstören.

Ich guckte noch einmal in den Umschlag, ob nicht doch ein Brief darin war, aber er war leer. Ich drehte ihn herum und studierte den Stempel. Der Brief war gestern hier aufgegeben worden. Ich fragte mich, wer in aller Welt ihn an mich geschickt hatte und warum. Ich war neugierig, aber nicht beunruhigt. Es gehörte zu den Berufsrisiken meines Jobs, seltsame Sendungen zu bekommen. Frühere Klienten oder deren Familienangehörige schickten mir gelegentlich weitschweifige, wirre Briefe, die überschwänglich oder ausfällig waren oder beides. Gewöhnlich überflog ich sie, legte sie zur Seite und schickte nach einigen Wochen ein paar höfliche Zeilen als Antwort zurück. In diesem Fall würde ich das offensichtlich nicht müssen, da kein Absender auf dem Umschlag stand.

Ich steckte das Foto zurück in den Umschlag und legte ihn in die Ablage für die noch zu erledigenden Dinge. Die Briefe aus der morgendlichen Post, die ich noch brauchte, legte ich darauf und warf die Reklameschreiben in den Papierkorb. Dann machte ich meinen mitgebrachten Kaffee auf, blies hinein und nippte daran.

Das Telefon klingelte. Ich meldete mich nicht, weil ich wusste, wer es sein würde – Bob war auf einer Konferenz. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein, und ich hörte Bobs Stimme.

»Jess, ich wollte nur hören, wie es dir geht.« Er klang irgendwie besorgt. Gut, dachte ich. Geschieht ihm recht. Soll er ruhig leiden.

Vor einem Monat war Bob von einer Dienstreise zurückgekommen und hatte mir gestanden, dass er einen One-Night-Stand gehabt hatte. Er hatte gesagt, dass er fest entschlossen gewesen sei, es mir nicht zu sagen, aber, als er erst wieder zu Hause war, gemerkt habe, dass er nicht mit der Schuld leben konnte. Er hatte mich um Verzeihung gebeten, erklärt, dass er nicht unglücklich mit mir, sondern berufsmäßig frustriert gewesen sei. Es sei ein pathetischer Versuch gewesen, sein Ego aufzubauen, hatte er gesagt. Ich hatte nicht sehr verständnisvoll reagiert.

»Und wie geht es den Mädchen?«, fuhr Bob fort. »Ich hoffe, Nellas Konzert heute läuft gut. Sag ihr, dass es mir leidtut, dass ich nicht da sein kann.« Pause. »Sag ihr, dass ich sie lieb habe, ja? Wünsch ihr Glück von mir.« Noch eine Pause.

Ich hatte ihn gefragt, wie alt die Frau gewesen war. Um die Dreißig, hatte er beschämt geantwortet. Wer sie war, hatte ich wissen wollen. Nur eine Übersetzerin vor Ort, hatte er mir erklärt. Niemand Wichtiges. Das hatte mich empört. Ein Mann von zweiundfünfzig, der Chef der Rechtsabteilung des walisischen Parlaments, hatte mit einer Frau geschlafen, die so viel jünger war als er, mit einer Frau, die er für unwichtig ansah. Ich hatte nicht weiter nachgefragt. Und ich hatte ihm auch nicht vergeben.

»Dein Handy scheint nicht zu funktionieren. Meins ist jetzt eingeschaltet, falls du mich anrufen willst.« Er seufzte. »Jedenfalls bin ich am späten Abend zurück. Ich nehme mir ein Taxi am Flughafen und werde gegen neun da sein.« Stille. »Bis dann. Ich habe eine Überraschung für dich.«

Ich hoffte, dass es keine Blumen sein würden.

Bob weiß, dass ich Blumen liebe, sodass er mir laufend welche mitgebracht hatte, große Sträuße, die darauf warteten, dass ich sie in die Vase stellte, und wenn ich das nicht tat, tat er es selbst. Wenn ich sie dann, ungeschickt arrangiert, auf dem Kaminsims stehen sah, hätte ich weinen können. Oder schreien. Aber das tat ich nicht, nur im Stillen. Ich wollte die Mädchen nicht beunruhigen. Und ich wollte an meiner Ehe festhalten … zumindest vorläufig.

Bob legte auf. Ich beugte mich vor und stellte den Ton aus, um nicht erneut gestört zu werden.

Ich sah auf die Uhr. Bis zu meinem ersten Termin, dem Erstgespräch mit einem neuen Klienten, war noch eine Stunde Zeit. Ich beschloss, sie mit der Recherche zu einer meiner Stammklientinnen zu verbringen, mit der ich später einen Termin hatte, statt mir weiter über Bob und darüber Gedanken zu machen, was er auf der Konferenz machte und ob ich ihm seinen Treuebruch jemals würde vergeben können.

Ich las gerade einen Artikel über komplexe Trauer im Journal of Phenomenological Psychotherapy, als es an der Tür klopfte. Ich schaute auf die Uhr. Mein neuer Klient war ein wenig zu früh, doch da es sein erster Termin war – und zudem noch ein Erstgespräch und keine reguläre Stunde –, legte ich den Artikel weg, griff nach meinen Notizen, ging zur Tür und bat ihn herein.

In dem Moment, in dem er ins Zimmer trat, fiel mir auf, dass er ein erstaunlich attraktiver Mann war, groß und breitschultrig, mit einer natürlichen Anmut. Ich schätzte ihn auf Ende zwanzig. Er trug Jeans im Destroyed-Look, einen schwarzen V-Ausschnitt-Pullover ohne etwas darunter und ein paar moderne Laufschuhe. Sein schulterlanges Haar war aus dem Gesicht gekämmt, und er hatte einen Eintagebart.

»Setzen Sie sich doch«, sagte ich und zeigte auf einen der Sessel in der Ecke des Raums.

»Tut mir leid, dass ich etwas zu früh bin.« Er sprach langsam und höflich.

»Das macht nichts.«

Er wählte den Sessel, der am nächsten zum Fenster stand. Ich setzte mich ihm gegenüber und sah in meine Notizen.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie Gwydion nenne, Mr Morgan?«

»Ganz und gar nicht.«

...


Williams, Charlotte
Charlotte Williams hat Philosophie studiert und als Journalistin gearbeitet, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie hat sich vor allem mit Hörspielen einen Namen gemacht. Im Schatten der Klippen ist ihr erster Roman.

Charlotte Williams hat Philosophie studiert und als Journalistin gearbeitet, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie hat sich vor allem mit Hörspielen einen Namen gemacht. Im Schatten der Klippen ist ihr erster Roman.



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