E-Book, Deutsch, Band 14, 3189 Seiten
Reihe: Shadowmarch
Williams Shadowmarch. Die gesamte Saga
1., Auflage 2017
ISBN: 978-3-608-10956-6
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
GOLDEDITION – Limitierte Sonderausgabe
E-Book, Deutsch, Band 14, 3189 Seiten
Reihe: Shadowmarch
ISBN: 978-3-608-10956-6
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tad Williams, geboren 1957 in Kalifornien, ist Bestsellerautor und für seine epischen Fantasy- und Science-Fiction-Reihen, darunter Otherland, Shadowmarch, und Das Geheimnis der Großen Schwerter bekannt. Seine Bücher, die Genres erschaffen und bisherige Genre-Grenzen gesprengt haben, wurden weltweit mehrere zehn Millionen Male verkauft.
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Kurze Geschichte Eions
Unter besonderer Betrachtung des Aufstiegs der nördlichen Markenlande
dargestellt von dem Gelehrten Finn Teodorus
nach Clemons »Geschichte unseres Kontinentes Eion und seiner Völker«
auf Geheiß des hohen Herrn Avin Brone,
Graf von Landsend, Konnetabel von Südmark,
vorgelegt am 13. Tag des Enneamene im Jahre 1316 des Heiligen Trigon.
Im Jahrtausend vor unserem gegenwärtigen Zeitalter des Trigonats wurde Geschichte allein in den alten Königreichen Xands geschrieben, jenes südlichen Kontinents, der die erste Heimstatt der Zivilisation war. Die Xander wussten nur wenig über ihre nördlichen Nachbarn, die Bewohner unseres Weltteils Eion, da sich dessen Inneres zumeist hinter unpassierbaren Bergen und dichten Wäldern verbarg. Die Südländer trieben lediglich mit einigen hellhäutigen wilden Küstenbewohnern Handel und besaßen so gut wie keine Kenntnisse über jenes geheimnisvolle Zwielichtvolk, das mit gelehrtem Namen »Qar« hieß und über ganz Eion verstreut lebte, vor allem aber im äußersten Norden unseres Kontinents, wo es bis heute existiert.
Als sich über die Generationen der xandische Handel mit Eion ausweitete, erlebte auch Hierosol, der größte unter den neuen Handelshäfen an der eionischen Küste, ein stetes Wachstum, bis es schließlich mit Abstand die einwohnerreichste Stadt des gesamten nördlichen Weltteils war. Zwei Jahrhunderte vor Beginn der gesegneten Ära des Trigon konnte es Hierosol an Größe und kultureller Verfeinerung bereits mit vielen der dekadenten Hauptstädte des südlichen Kontinentes aufnehmen.
Zunächst war Hierosol eine Stadt mit vielerlei Göttern und vielerlei konkurrierenden Priesterschaften, und Glaubensstreitigkeiten und Götterrivalitäten wurden oft durch Verleumdung, Brandstiftung und blutige Straßenkämpfe ausgetragen. Dann jedoch schlossen die Anhänger der drei mächtigsten Gottheiten – die da waren: Perin, Herr des Himmels, Erivor, Herr der Wasser, und Kernios, Herr der schwarzen Erde – einen Pakt. Dieses Trigon, das Bündnis der drei Götter und ihrer Anhänger, erhob sich schon bald über alle anderen Priesterschaften und deren Tempel. Sein oberster Priester nannte sich fortan Trigonarch, und er und seine Nachfolger wurden die mächtigsten Glaubensfürsten in ganz Eion.
Jetzt, da reiche Warenströme durch seine Häfen flossen, da sein Heer und seine Flotte immer größer wurden und die Glaubensautorität sich in den Händen des Trigonats konsolidierte, wurde Hierosol zur beherrschenden Macht nicht allein Eions, sondern, da die Reiche des südlichen Kontinents Xand unaufhaltsam in Dekadenz versanken, der gesamten bekannten Welt. Die Vormachtstellung Hierosols währte fast sechshundert Jahre, bis das Imperium schließlich unter seiner eigenen Last zusammenbrach und den Raubzügen, die in Wellen von der krakischen Halbinsel und dem südlichen Kontinent hereinbrachen, anheimfiel.
Aus der Asche des hierosolinischen Reichs erhoben sich jüngere Königreiche im Herzland Eions. Syan überflügelte alle anderen, vereinnahmte im neunten Jahrhundert sogar das Trigonat selbst und verlegte die Trigonarchie samt ihrer hohen Priesterschaft von Hierosol nach Tessis, wo sie bis heute residiert. Syan wurde für ganz Eion zum Zentrum der Mode und Gelehrsamkeit und ist in vielerlei Hinsicht noch heute die führende Macht unseres Kontinents, doch seine Nachbarn haben den Mantel des syannesischen Imperiums längst abgeschüttelt.
Seit vorgeschichtlichen Zeiten teilen die Menschen Eions ihre Lande mit den sonderbaren, heidnischen Qar, im Volksmund auch »das Zwielichtvolk«, »die Zwielichtler«, »das stille Volk« oder, häufiger noch, »das Elbenvolk« genannt. Wenn auch die Sage von einer riesigen Qar-Siedlung im Norden Eions geht, einer düsteren, uralten Stadt von üblem Ruf, so lebten die Qar doch zunächst in ganz Eion, wenngleich nie in solcher Dichte wie die Menschen und vorwiegend in abgeschiedenen ländlichen Gegenden. Als sich die Menschen immer weiter über Eion verbreiteten, zogen sich viele Qar in die Hügel und Berge und dichten Wälder zurück. Mancherorts blieben sie aber auch und lebten sogar in Frieden mit den Menschen. Das wechselseitige Vertrauen war jedoch gering, und der unausgesprochene Nichtangriffspakt zwischen den beiden Völkern, der fast das gesamte erste Jahrtausend des Trigonats währte, beruhte vor allem auf der geringen Zahl der Zwielichtler und ihrer abgeschiedenen Lebensweise.
Mit dem Nahen des Jahrs 1000 kam der Große Tod, eine schreckliche Pest, die zuerst in den südlichen Seehäfen auftrat, sich dann aber über das ganze Land ausbreitete und großes Elend brachte. Die Krankheit tötete binnen Tagen, und nur wenige, die mit ihr in Berührung kamen, überlebten. Bauern ließen ihre Felder im Stich, Eltern ihre Kinder. Heilkundige weigerten sich, den Todkranken beizustehen, und selbst die Priester des Kernios waren nicht länger bereit, Zeremonien für die Toten abzuhalten. Am Ende des ersten Pestjahrs hieß es, ein Viertel aller Bewohner der südlichen Städte Eions sei der Seuche erlegen, und als die Geißel mit dem warmen Frühlingswetter wiederkehrte und noch mehr Menschen dahinraffte, glaubten viele das Ende der Welt gekommen. Das Trigon und seine Priester erklärten, die Seuche sei die Strafe für den Unglauben der Menschen, aber die meisten Leute bezichtigten zunächst Fremde und vor allem Südländer, die Brunnen vergiftet zu haben. Bald jedoch wurden näherliegende Schuldige ausgemacht – die Qar. Vielerorts galten die geheimnisvollen Zwielichtler ohnehin schon als Unholde, daher griff die Idee, dass die Pest ihr böses Werk sei, unter den verängstigten Menschen rasch um sich.
Die Angehörigen des Elbenvolks wurden erschlagen, wo immer man sie fand, ganze Stämme gefangen genommen und vernichtet. Die Raserei erfasste ganz Eion, angeführt von Kämpferscharen, die sich »Säuberer« nannten und sich zum Ziel gesetzt hatten, die Qar auszurotten, wenngleich in Zweifel steht, ob sie nicht mehr Menschen als Elben töteten, denn viele Menschendörfer, in denen ohnehin bereits der Große Tod gewütet hatte, wurden von Säuberern niedergebrannt, all jenen zur Mahnung, die sich womöglich ihrer »heiligen Mission« in den Weg zu stellen trachteten.
Die verbliebenen Zwielichtler flohen nordwärts, sammelten sich dann aber zu einer Abwehrschlacht bei einer Qar-Siedlung namens Kaltgraumoor, keinen Tagesmarsch vom heutigen Südmark, wo ich jetzt diese Chronik verfasse. (»Kaltgrau« war, wenngleich eine zutreffende Beschreibung des Kampfplatzes, doch offenbar eine Verballhornung von Qul Girah, was, laut Clemon, in der Sprache des Elfenvolks »Ort des Wachsenden« bedeutet, wobei mir die Quellen, auf die er dies gründet, nicht bekannt sind.) Es war eine furchtbare Schlacht, aber die Qar wurden geschlagen, nicht zuletzt dank der Ankunft eines Heeres, das von Anglin geführt wurde, dem Herrscher des Inselreichs Connord, der ein entfernter Verwandter der syannesischen Königsfamilie war. Die Zwielichtler wurden gänzlich aus den Menschenlanden vertrieben, hinauf in die trostlosen, dicht bewaldeten Regionen des Nordens.
Neben Tausenden, deren Namen weniger berühmt sind, fiel auch König Karal von Syan in der Schlacht bei Kaltgraumoor, doch sein Sohn, der ihm als Lander III. auf den Thron nachfolgte und später als »Lander der Gute« oder »Lander Elbenbanner« berühmt werden sollte, gab Anglin die nördlichen Grenzlande zum Lehen, auf dass er und seine Nachkommen fortan als Vorposten gegen die Qar die Grenze der Menschenwelt hüteten. So wurde Anglin von Connord der erste Markenkönig.
Nach Kaltgraumoor erlebte der Norden ein vergleichsweise friedliches Jahrhundert, wenngleich die Grauen Scharen, Söldnertruppen, die in den wirren Zeiten nach dem Großen Tod und dem Zusammenbruch des syannesischen Reiches an Zulauf gewonnen hatten, eine große Gefahr blieben. Diese gesetzlosen Ritter verdingten sich bei verschiedensten Despoten, um deren Nachbarn zu unterwerfen, oder aber sie suchten sich wehrlosere Opfer, indem sie Lösegeld für entführte Edelleute erpressten und raubend und mordend über die Bauern herfielen.
Anglins Nachkommen hatten das Grenzland in vier Marken aufgeteilt – die Nordmark, die Südmark, die Ostmark und die Westmark, die jedoch alle der Krone des Königreichs Südmark unterstanden –, und sie und ihre Blutsverwandten regierten diese Markenlande in weitgehender Harmonie. Doch dann, im Jahr 1103 des Trigonats, brach plötzlich und ohne Vorwarnung ein Qar-Heer von Norden über die Marken herein. Anglins Nachkommen kämpften erbittert, wurden aber aus dem größten Teil ihres Gebietes vertrieben und bis an die südliche Grenze zurückgedrängt. Nur der Beistand der kleinen Fürstentümer jenseits der Grenze (bekannt als »die Neun«) ermöglichte es den Markenländern, die Qar aufzuhalten, während sie auf Hilfe aus den großen südlichen Königreichen warteten – Hilfe, die quälend lange auf sich warten ließ. Es heißt, in diesen schrecklichen Kämpfen sei unter den Nordleuten erstmals ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl – und ein gewisses Misstrauen gegen die südlichen Reiche – erwachsen.
Nur der grimme Winter jenes Jahres erlaubte es den Menschen, die Qar in den Markenlanden in Schach zu halten. Im Frühling trafen dann endlich Heere aus Syan, Jellon und dem Stadtstaat Krace ein. Obwohl die Menschen den Zwielichtlern zahlenmäßig weit überlegen waren, wogte der Kampf im Norden lange Jahre hin und her. Als die Markenlande und ihre Verbündeten die Eindringlinge im Jahr 1107...




