E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
Wilson ENTFÜHRUNG INS ABENTEUER
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95446-774-7
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-95446-774-7
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als ein Husarenstück, das sowohl den verwegenen John Raven als auch der eigensinnigen Lady Catherine Morley diebisches Vergnügen bereitet, beginnt die Ehe dieser beiden passenderweise in Gretna Green. Denn dorthin hat John die blonde Schöne, die vom Vater eigentlich Viscount Amberton versprochen ist, kurzerhand entführt. Der Handel, der dahinter steht: Catherine entgeht der Hochzeit mit dem ebenso ungeliebten wie lüsternen Viscount Amberton. Und John, der seiner Gattin nicht nahezutreten gelobt, kommt durch Catherine den Investoren ein ganzes Stück näher, die er für den Bau seiner Eisenbahnlinie in England sucht. Doch was so trefflich eingefädelt ist, gerät durch Intrigen und jäh erwachendes, uneingestandenes Begehren vollkommen durcheinander
Gayle Wilson hat zweimal den RITA® Award gewonnen. 2000 und 2004 in der Kategorie 'Romantic Suspense Novel'. Im Angesicht, dass sie zweimal den RITA® - Award gewonnen hatte, wurde sie für 50 andere Preise nominiert oder damit ausgezeichnet. Gayle Wilson hat einen Master - Abschluss in Lehramt. Sie arbeitet als Geschichts- und Englischlehrerin. Sie liebt jede Minute, die sie im Klassenzimmer verbringen kann. Sie hat 41 Romane und Novellen bei Harlequin Enterprises veröffentlicht.
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PROLOG
London, 1826
„Was Sie brauchen, Mr Raven, ist eine Frau.“
Der hochgewachsene Mann am Fenster drehte sich um. Die Fältchen um seine Mundwinkel schienen tiefer geworden zu sein. Oliver Reynolds hatte in seinen siebzig Lebensjahren nie einen Mann mit einem härteren Zug um den Mund gesehen. Nur die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass der Blick, mit dem John Raven ihn jetzt bedachte, Belustigung ausdrücken sollte.
„Eine Frau?“, wiederholte der Amerikaner. Jetzt klang auch sein Tonfall belustigt.
„Falls Sie nicht irgendwo in Ihrem Stammbaum“, fuhr der Bankier fort, „einen Herzog versteckt haben. Oder einen Grafen. Irgendetwas in der Art. Andernfalls befürchte ich …“ Der alte Mann beließ es bei dieser Andeutung. Er hatte seinen Standpunkt deutlich gemacht, und er wusste, dass sein Klient klug genug war, um keine weiteren Hinweise zu benötigen.
Oliver Reynolds war dafür bezahlt worden – und zwar sehr gut bezahlt worden –, diesem amerikanischen Nabob bei seinen Kontakten mit der vornehmen Londoner Gesellschaft behilflich zu sein. Und der Ratschlag, den er John Raven soeben gegeben hatte, war der beste überhaupt.
„Drei meiner Ahnen flohen nach siebzehnhundertfünfundvierzig aus Schottland, Cumberlands Schlächtern nur um eine Nasenlänge voraus“, bekannte John Raven. Der spöttische Ausdruck in seinen auffallenden kristallblauen Augen zeugte davon, dass er wegen der Umstände, unter denen seine Vorfahren die Alte Welt verlassen hatten, keineswegs verlegen war. Er war am Rande der amerikanischen Wildnis zur Welt gekommen, und er hatte die Siedler über das Land hinwegziehen sehen, immer weiter nach Westen, zum großen Fluss. Sein Land veränderte sich. Die endlosen Wälder mussten allmählich Farmen und Gemeinden weichen, der Sieg der Menschen über die unwirtliche Natur war das Ergebnis der harten Arbeit, die die Generationen seiner Eltern und Großeltern geleistet hatten.
„In diesem Falle …“, begann der Bankier, aber die spöttische Stimme unterbrach ihn.
„Meine Großmutter väterlicherseits immerhin war eine Prinzessin.“
„Eine Prinzessin?“, wiederholte Oliver Reynolds langsam. „Königliches Blut, Mr Raven? Und welcher Dynastie entstammt diese glückliche Ahnin? Trotz seines Selbstbewusstseins und seiner Blasiertheit ist der britische Adel von fremdländischen Königen stets besonders fasziniert gewesen.“
„Der Mauvilla, Mr Reynolds.“
„Mauvilla“, wiederholte der alte Mann und dachte nach. „Ich glaube nicht, dass diese Familie mir ein Begriff ist.“
„Meine Großmutter ist die letzte der königlichen Linie.“
„Eine Indianerin?“ Es war eine plötzliche Eingebung, die er jetzt laut aussprach. Und sogleich erkannte der Bankier, dass dieses Erbe so vieles erklären würde. Die Hautfarbe des Amerikaners zum Beispiel – dieser Bronzeton, der in so auffallendem Kontrast zu den leuchtend blauen Augen stand. Und natürlich sein Haar. „Indianer also“, sagte der alte Mann noch einmal langsam.
Raven neigte zustimmend sein dunkles Haupt. Er lächelte ein wenig. „Indianer“, bestätigte er. „Glauben Sie, dass das Eindruck macht?“
„Ich denke“, begann der Bankier und überlegte, wie er seinen Klienten warnen könnte, ohne zu deutlich werden zu müssen, „Sie sollten verdammt gut darauf achten, dass dieser vornehme Kreis niemals etwas von Ihrer Großmutter erfährt.“
„Sie ist wohl nicht königlich genug für unser Vorhaben?“, vermutete Raven gelassen und ging zurück zu dem Stuhl, auf dem er zuvor gesessen hatte.
Reynolds musterte ihn dabei gründlich. Die breiten Schultern des Amerikaners kamen nun durch Westons hervorragende Schneiderkünste vorteilhaft zur Geltung, der Frackrock warf keine einzige Falte. Unter dem blauen Wollstoff sah man eine dezent gestreifte Weste aus französischer Seide. Die rehbraune Hose saß wie angegossen über dem flachen Bauch und betonte die festen, muskulösen Oberschenkel. Hohe Schaftstiefel, hergestellt von Hobys Meisterhand, vervollständigten den eleganten Eindruck, der zu dem großen Vermögen passte, das der Amerikaner aus dem Osten in die englische Hauptstadt gebracht hatte.
Nach seiner Ankunft in London hatte John Raven ihn um Rat gefragt und sich erstaunlicherweise ganz genau an seine Vorschläge gehalten. Bis auf eine Ausnahme, dachte der Bankier bedauernd. Was die Länge seiner Haare betraf, so war sein Klient nur zu einem wenig befriedigenden Kompromiss bereit gewesen. Der Amerikaner hatte zugestimmt, die dunklen Strähnen, deren schwarzblauer Glanz den Federn des Vogels entsprach, dessen Namen er trug, mit einem Seidenband zusammenzuhalten, sich aber geweigert, sie kürzen zu lassen. Nach dem unerwarteten Bekenntnis von eben verstand Reynolds endlich, warum.
„Wenn sich das herumspricht, Mr Raven, brauchen Sie keine Frau mehr. Eine gute Fee vielleicht. Oder einen Schutzengel.“
„Eine gute Fee, die einen Zauber webt, der mich gesellschaftsfähig macht? Einen Engel, der dafür sorgt, dass meine Fehler unter seinen Flügeln verborgen bleiben?“, spottete der Amerikaner und bemühte sich nicht einmal, seine Enttäuschung zu verbergen.
Zum Teufel mit ihnen, dachte John Raven bitter. Er war nach England gekommen, um etwas Neues aufzubauen. Doch er hatte feststellen müssen, dass die Türen zu den herrlichen Salons und den exklusiven Clubs für ihn verschlossen blieben. Er war hier ein Außenseiter.
Diese arroganten, aufgeblasenen Bastarde. Er war bei ihren Schneidern und ihren Schuhmachern gewesen, und Raven wusste, dass er genauso gut gekleidet war wie jeder andere in London. Und er war mindestens genauso reich. Trotzdem weigerten sich diese Leute, mit ihm über Geschäfte zu verhandeln. Weil er nicht zu ihrer verdammten Gesellschaft gehörte.
„Ich habe es Ihnen gesagt. Nirgendwo auf der Welt werden Sie einen so in sich geschlossenen und engstirnigen Kreis finden“, sagte Reynolds. „Sie würden dem größten Verschwender, Trunkenbold und Taugenichts ihrer eigenen Klasse den Rücken decken, aber ein Außenseiter? Sie hätten genauso gut in Indien bleiben können, um von dort Ihre Geschäfte zu machen, statt zu versuchen, sich hier hineinzudrängen. Niemand wird investieren.“
„Man will mich nicht einmal treffen. Ich habe von allen nur höfliche Absagen erhalten. Wenn sie mich nur anhören wollten, dann würden sie erkennen, dass mein Vorschlag nicht nur Vorteile für Britannien bringt, sondern auch günstig ist für die Investoren. Warum, zum Teufel, will mir niemand zuhören?“
„Weil Sie nicht dazugehören. In dieser Gesellschaft bestimmt die Herkunft eines Menschen über dessen Rang, und Ihre Abkunft ist nicht akzeptabel. Sie brauchen eine Gemahlin, deren Platz in der Gesellschaft so sicher ist, dass sie Ihnen durch ihre eigenen Verbindungen auch Zutritt verschaffen kann.“
„Und wie soll ich Ihrer Meinung nach ein solches Wunderwesen dazu bringen, mich zu heiraten? Indem ich sie meiner Großmutter vorstelle?“, entgegnete Raven höhnisch.
„Die übliche Methode wäre, so viel Geld zu bieten, dass ihre Familie das Angebot unmöglich ablehnen kann.“
„Sie meinen, ich soll mir eine Frau kaufen?“
„So etwas geschieht jeden Tag. Nicht im wörtlichen Sinne, natürlich, aber im Prinzip läuft es auf dasselbe hinaus. Sie sind vermögend. Wir müssen nur noch eine verarmte Adlige finden, deren Familie sich bereit erklärt, sie zu verheiraten, wenn ihnen im Gegenzug finanzielle Sicherheit für den Rest ihres Lebens garantiert wird.“
„Ich dachte, die Sklaverei wäre in Britannien seit langer Zeit abgeschafft“, gab Raven bitter zurück. „Ich will verdammt noch mal keine Frau kaufen. Und ich will auch keine Frau heiraten, die sich zu so etwas freiwillig hergibt.“
„Ich nehme an“, meinte der Bankier vorsichtig, „dass das auch nur selten der Fall ist.“
„Wie bitte?“
„Ich meine, dass eine Frau so etwas wohl nur selten freiwillig tut“, erklärte Oliver Reynolds bedauernd.
„Großer Gott“, rief Raven entsetzt. „Und solche Leute bezeichnen das Volk meiner Großmutter als Wilde! Ich werde keine Frau kaufen, Mr Reynolds, weder mit noch ohne ihr Einverständnis. Wenn die Minen und Bahnlinien, die ich in Britannien bauen will, nur ein Traum bleiben, dann haben diese Bastarde sich das selbst zuzuschreiben.“
John Raven kämpfte mühsam gegen seinen Zorn an, während er die Stufen vom Büro des alten Mannes hinunterstieg. Wenn man eine Frau kaufen musste, um in England Erfolg zu haben, dann würde er verdammt noch mal einen anderen Ort finden, an dem er seine Pläne in die Tat umsetzen konnte.
Raven trat aus dem engen Treppenhaus hinaus auf die Straße mit der ihm eigenen selbstverständlichen Anmut, einer athletischen Eleganz, die in der Hauptstadt bereits Aufmerksamkeit erregt hatte. Die Frauen hier waren an die oft etwas verweichlichte Erscheinung der Gentlemen gewöhnt, die die Mode der Londoner Gesellschaft bestimmten, und mehr als eine hatte während des vergangenen Monats seine entschlossenen Bewegungen mit ihren Blicken verfolgt.
Plötzlich erregte ein Frauenstimme seine Aufmerksamkeit.
„Wenn Sie ihn noch einmal schlagen, dann werde ich meinen Reitknecht anweisen, Ihnen den Stock wegzunehmen und ihn auf Ihrem Rücken tanzen zu lassen.“
Der Hausierer hielt in seinen entschlossenen Bemühungen inne, die bedauernswerte Kreatur anzutreiben, die zwischen den hölzernen Stangen des überladenen Karrens stand. Der kleine Esel, der nicht in der Lage war, seine Last die ansteigende Straße hinaufzuziehen, zitterte und...




