E-Book, Deutsch, 98 Seiten
Wind Tödlicher Schmerz
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-228-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vier abgründige Kurzkrimis
E-Book, Deutsch, 98 Seiten
ISBN: 978-3-98690-228-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jennifer B. Wind, geboren in Leoben, lebt mit ihrer Familie südlich von Wien. Die ehemalige Flugbegleiterin mit Gesangs-, Klavier- und Schauspielausbildung schreibt heute unter anderem sehr erfolgreich Thriller, Romane, Drehbücher und Kurzgeschichten, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde und von Kritik und Leserschaft gleichermaßen gefeiert wird. Jennifer B. Wind ist als Jurymitglied für verschiedene Literaturpreise aktiv und sorgt mit ihrer One-Woman-Krimi-Show für vollbesetzte Säle. In ihrer Freizeit engagiert sie sich aktiv im Tier- und Umweltschutz, in diversen Kulturvereinen und in der Gewaltprävention gegen Kinder und Frauen. Mehr Informationen über die Autorin finden sich auf ihrer Website www.jennifer-b-wind.com sowie bei Facebook (www.facebook.com/jennifer.wind) und Instagram (www.instagram.com/jenniferb.wind) und TikTok (www.tiktok.com/@jenniferbwind) Bei dotbooks veröffentlichte Jennifer B. Wind die Thriller »Als Gott schlief« »Wenn der Teufel erwacht« und »Wo das Böse regiert« in ihrer Reihe um Jutta Stern und Tom Neumann - weitere Bände sind in Vorbereitung. Außerdem erscheint bei dotbooks ihr Kurzkrimi-Band »Tödlicher Schmerz«.
Autoren/Hrsg.
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Urlaubsregion Murtal, Kreischberg, Dezember 2014
Im Sonnenlicht glitzerten die Schneekristalle. Eine zarte Brise umwehte Bernhards Gesicht und spielte mit seiner Kleidung. Den Anorak bis zum Bauch geöffnet, genoss er die Wärme der Mittagssonne auf seiner Brust. Mit locker angewinkelten Beinen lehnte er am Bügel des Schleppers, der ihn auf die Rosenkranzhöhe zog. Das Knirschen unter den Skiern weckte die Vorfreude auf die Abfahrt. Er schob die Sonnenbrille über die Mütze und konnte die Augen entspannt schließen, denn seine Skier fanden ganz von allein ihren Weg durch die Spur. Natürlich hätte Bernhard auch die Doppelsesselbahn nehmen können, die parallel zum Schlepplift hinaufführte. Allerdings mochte er dieses ewige Sitzen auf den Sesselbahnen nicht, dabei fror er nur, und die Muskeln waren kalt, wenn er oben ankam. Zudem musste man seine Bank mit Fremden teilen, und da konnte es schon vorkommen, dass eine Quasselstrippe neben ihm Platz nahm, was er gar nicht gerne hatte. Das gleichmäßige Gleiten im Schlepplift dagegen machte seinen Kopf frei und war eine Meditation für alle Sinne. Er genoss die Ruhe und konnte so den Schnee schon einmal spüren.
Oben angekommen, fuhr er rechts weg, auf Piste 6 – ein leichter Beginn. So könnte er sich gut aufwärmen, bevor es später zu anspruchsvolleren Abfahrten ging. Seine Beine fanden schnell den gewohnten Rhythmus.
Kurz nach der Kreischi-Geisterbahn, einem Erlebnisparcours, bei dem gruselige Figuren am Pistenrand für Spaß und ein bisschen Gänsehaut sorgten, schwang er wiederum nach rechts ab, zur Piste 18, die einen mittleren Schwierigkeitsgrad hatte und besonders breit war. Hier konnte man herrlich carven: Bernhard zog weite Kreise, bis er zum Kreischbergsee kam. Am Pistenrand hielt er an und sah sich neugierig um. Adolf Lercher, dem das gleichnamige Hotel in Murau gehörte, in dem Bernhard abgestiegen war, hatte ihm gestern einiges über den Nutzen dieses Gewässers erzählt. Es handelte sich um keinen natürlichen See, sondern um den größten Speicherteich für die Beschneiungsanlage, die den Sportlern beste Pistenbedingungen garantierte, auch wenn der Winter auf sich warten ließ. Er lag auf 1.800 Metern Höhe und fasste 250.000 Quadratmeter Wasser. 80 Kilometer Rohrleitungen waren auf den Pisten verlegt, die 80 Schneekanonen versorgten: Mit der Anlage konnten 90 Prozent des Berges beschneit werden, sage und schreibe 100 Hektar Pistenfläche. Bernhard interessierte sich sehr für Technik, deshalb hatte er den See unbedingt sehen wollen – und er war durchaus beeindruckt, dass dieser Speicherteich ausreichte, um einen ganzen Berg mit Schnee zu versorgen.
Sogar von hier aus hörte Bernhard, wie das Eis knackte. Pfützen hatten sich auf der spiegelglatten Oberfläche des Sees gebildet. Der Anblick erinnerte ihn an einen vergangenen Fall, bei dem der Cheftrainer des österreichischen Herrenskiteams unter der Eisdecke im Steirischen Bodensee gefunden worden war. Gottlob hatte er diesen Mordfall damals nicht übernehmen müssen. Seit sein kleiner Bruder beim Eislaufen in einem See eingebrochen war, graute ihn davor. Er hatte ihn damals rechtzeitig retten können, und es ging ihm nach wie vor gut, aber so ein Erlebnis vergaß man nicht einfach.
Bernhard stieß sich wieder ab und zog weiter seine Kurven. Er zog an der Rieglerhütte vorbei und fuhr entspannt bis zur Mittelstation, wo er kurz pausierte. Rechts davon begann der schwierigste Teil der Strecke, die Piste 1. Hier wurden auch die Freestyle- und Snowboard-Weltmeisterschaften ausgetragen, die im kommenden Jahr wieder dort veranstaltet würden. Nicht mehr weit vom Tal, etwa auf der Hälfte dieser letzten Piste, wartete rechts die Jaga-Alm auf ihn, dort kannte er die Kellnerinnen schon gut und hatte stets seinen Spaß – aber natürlich erst nach Liftschluss. Von dort weg konnte man auch gut zu Fuß die letzten Meter ins Tal gehen.
Seine Blase drückte. Links von der der Mittelstation gab es eine kleine Hütte mit Restaurant, doch die wollte er nicht aufsuchen, da sie zur Mittagszeit meistens sehr voll war. Die Piste dagegen war erfreulich leer, denn tagsüber tummelten sich die Skifahrer, die nicht gerade zu Mittag aßen, lieber im oberen Bereich. Bernhard fuhr an den Rand, an dem die Einserpiste auf einen dichten Nadelwald traf, stellte seine Skier über Kreuz, öffnete Druckknopf und Reißverschluss seiner Skihose. Er blickte kurz über seine linke Schulter. Als niemand kam, verrichtete er seine Notdurft. Gedankenverloren sah er zu, wie der Schnee auf dem kleinen Hügel unter den Tannen erst gelb wurde und schließlich schmolz. Ich bin die gefährliche Klimaerwärmung, schmunzelte er und grinste den Hügel an.
Das Auge, das der Schnee freigegeben hatte, starrte zurück. Gleich darunter erkannte Bernhard eine menschliche Nase. Vor Schreck ließ er sein bestes Stück los und nässte dabei seine Hose ein. »Herrgott noch mal!« Jetzt würde er den Rest des Tages nach Gsoachat stinken. Rasch steckte er alles wieder an seinen Platz zurück, schloss den Zippverschluss und schnallte seine Skier ab. Vorsichtig näherte er sich dem, was da zum Vorschein gekommen war. Mit den Handschuhen schob er den Schnee weg, bis ein Gesicht darunter zum Vorschein kam: ein sorgfältig gestutzter Bart, ein zweites Auge, genauso weit aufgerissen und blutunterlaufen wie das erste. Ein schwarzes Haar klebte an der Hornhaut. Zur Sicherheit prüfte er den Puls, doch es gab keinen Zweifel: Der Mann war eindeutig tot. Himmel! Hatte er nicht einmal am Wochenende seine Ruhe? Er wünschte, er könnte einfach einen kurzen Anruf tätigen, weiterfahren und seinen freien Tag genießen – doch er war mit Leib und Seele Polizeibeamter und konnte sich seiner Verantwortung nicht entziehen. Seufzend griff er zum Handy und rief die Polizeidienststelle in Murau an. Zum Teufel mit seinem freien Tag!
Eine Stunde später war die Stelle mit einem Absperrband gesichert, die Leiche war fotografiert, Polizisten umschwärmten den Tatort – und hatten ihre liebe Not damit, Schaulustige fernzuhalten. Der Arzt, ein gediegener, älterer Mann, hatte den Tod bescheinigt und den Tatort schließlich freigegeben.
»War ein Unfall«, sagte er zu Bernhard. »Der Karl riecht arg nach Schnaps. Die Abfahrt ist steil und schwer. Ich glaub, der ist die ganze Nacht da g’legn. Erfroren.«
»Könnte es sein, dass er über die Seile gefallen ist?«
»Die Pistenraupensicherungsseile? Ja mei, möglich.« In immer mehr Skigebieten waren Pistenraupen mit Seilwinden unterwegs. Dabei hing die Raupe an einem bis zu einem Kilometer langen oben befestigten Seil. So war das Präparieren auch an Steilhängen möglich. Im ungespannten Zustand konnte das lange Stahlseil unter dem Schnee versteckt sein. Sehr gefährlich. Kam dann Spannung auf das Seil, schnellte es wie ein Geschoss nach oben. Oder es peitschte seitlich hin und her.
»Warum die Skifahrer zum Präparieren gesperrte Pisten nach wie vor nicht meiden, weiß der Geier. Gerade vor einer Woche war doch was in Tirol, oder? Übrigens, woher kennen Sie eigentlich den Mann?«
»Der Karl ist mit mir im Heimatmuseumsförderklub.«
»Heimat- was?«
»Heimatmuseumsförderklub. Eigentlich heißt er ›Verein Steirisches Heimatmuseum‹, ich bin einer von den 84ern, also ein Gründungsmitglied. Kennen Sie das Heimatmuseum in St. Ruprecht nicht? Dann müssen S’ hin.«
Bernhard hörte nur mit einem Ohr zu, denn Fritz Thaler, einer der Polizisten, reichte ihm das Handy des Toten. Das Display glänzte schwarz, nur Bernhards Gesicht und die schneebedeckten Berge im Hintergrund spiegelten sich darin. Durch die Kälte hatte sich der Akku entladen. Mit wem der Tote zuletzt Kontakt hatte, würden sie wohl erst später erfahren. Fritz Thaler wechselte derweil ein paar Worte mit den Beamten der Tatortgruppe, die schließlich auch den Geldbeutel des Toten fanden und an ihn weitergaben. Er stapfte damit zu ihnen zurück, zog einen Ausweis daraus hervor und las: »Karl Neumarkt.«
»Sag ich doch, dass des der Karl is’.«
»Neumarkt, wie der Ort?«
»Ganz genau«, warf Fritz Thaler ein. »Dem gehört die Brauerei in Murau.«
»Ganz recht, und ned nur die.« Der Arzt kratzte sich am Ohr. »Die Neumarkter sind sehr wohlhabend. Der Karl ist bei allen Vereinen im Vorstand. Wohnen tut er aber nicht da.«
»Wo wohnt er denn?«
»In Oberwölz, am Eingang zum Rundwanderweg.« Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Mei, die arme Lisi.«
Bernhard warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Seine Frau, die is’ so a Liabe, was für a Quargl.«
Fritz Thaler nickte betreten. »Was macht überhaupt ein LKAler am Kreischberg?«, fragte er Bernhard neugierig, während er eine Zigarette aus einer zerknautschten Packung fischte.
»Ist mein freies Wochenende.«
»Na, blöd g’laufen.« Der Polizist lachte und zog am Glimmstängel. »Dass gerade Sie die Leich finden. A so a Pech.«
»Oder a Glück«, mischte sich der Arzt ein. »Aber nachdem’s ja ein Unfall war, werden S’ die freien Tage wohl genießen können.«
Bernhard nickte, sein Gefühl sagte ihm jedoch, dass hier etwas faul war. Beim LKA hatte er schon eine Reihe Mordopfer zu sehen bekommen, deshalb stapfte er noch einmal zur Leiche und sah dem Toten in die Augen. Seltsam. Der Arzt hatte es gar nicht erwähnt, aber: Warum sollte jemand punktförmige Einblutungen haben, wenn es ein Unfall war? Warum waren die Augen derart weit aufgerissen? Wäre er an Unterkühlung gestorben, wäre er vorher eingeschlafen. Da hatte der gute Mann sich vielleicht zu sehr von seiner Bekanntschaft mit dem Toten hinreißen lassen, geglaubt, es könne sich gar nicht um Mord handeln, und nicht allzu genau hingeschaut. Oder er hatte so eine Leiche noch nie gesehen. Im Gegensatz...




