E-Book, Deutsch, 177 Seiten
Winter Das Leuchten deines Herzens
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-015-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 177 Seiten
ISBN: 978-3-96655-015-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marie Winter hat ihre Liebe zu Büchern zum Beruf gemacht. Nach vielen Jahren als Lektorin in einem renommierten Verlag ist sie jetzt freie Autorin. Die Tierfreundin lebt mit ihrer Familie, zu der etliche Tiere gehören, im Bergischen Land in der Nähe von Köln. Marie Winter veröffentlicht bei dotbooks »Die Sterne in deinen Augen«, »Hundert Momente mit dir« und »Weil mein Herz dich finden will«, die auch im Sammelband »Sonne, Strand und Liebeszauber« enthalten sind, sowie »Weil unsere Liebe ewig ist«, »Das Leuchten deines Herzens«, und »Mein Glück in deinen Armen«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
»Noch ein paar weitere Tage dieser Güteklasse, und ich häng den Job an den Nagel.« Ein Seufzer der Erleichterung – und des Frustes begleitete Janines Worte.
»Und was machst du dann, statt in deinem Reisebüro zu arbeiten? Brötchen verkaufen? Oder strebst du einen Job beim Finanzamt an? Soll ziemlich stressfrei sein, hab ich mir sagen lassen.«
»Marion, die Wahnsinnige« – das war alles, was Janine der Freundin antwortete.
Marion Klausner, seit der ersten Schulklasse Janines beste Freundin und seit drei Jahren ihre Geschäftspartnerin, lachte leise. »Ich stell mir das gerade bildlich vor ... du sitzt hinter Aktenbergen, machst Dienst nach Vorschrift, buchst bei mir jedes Jahr drei Wochen Pauschalurlaub ... reizvoll, der Gedanke!«
»Was hast du gegen Finanzbeamte? Ich finde unseren Sachbearbeiter sehr nett!« Janine kicherte. »Er stottert so süß, wenn ich bei ihm vorstellig werde.«
»Was zum Glück nicht allzu oft der Fall ist.« Marion trat drei Schritte auf die Straße, besah sich aus der Entfernung kritisch die neue Schaufensterdekoration. Drei künstliche Palmen, etwas Sand, ein Fischernetz – und dahinter die Tafel mit den gerade aktuellen Sonderangeboten. »Wie ätzend langweilig. Da muss ich morgen noch mal was ändern.«
»Meinetwegen. Ich will jetzt nicht mehr ans Geschäft denken, sondern heim. Bin mal gespannt, ob Dietmar endlich seine letzten Sachen abgeholt hat.«
»Dietmar, das Sahneschnittchen mit der sensiblen Seele ...« Marions Stimme hatte einen bösen, ironischen Klang. »Dass du den endlich los bist, sollten wir mit Champagner feiern!«
»Okay, ich geb eine Flasche aus. Aber erst wenn feststeht, dass Dietmar wirklich ausgezogen ist.«
Was nicht der Fall war. Wieder einmal nicht! Und diese Tatsache war absolut nicht dazu angetan, Janines Laune zu heben. Erst ein Tag mit schlechtem Umsatz, nörgeligen Kunden und einer Computersoftware, die jeden Benutzer an den Rand des Wahnsinns trieb, und jetzt noch ihr Ex-Lover, der mit Leidensmiene in seinem Lieblingssessel im Wohnzimmer saß – nebenbei gesagt, war es Janines Sessel und Janines Wohnzimmer – und zur Begrüßung sagte: »Endlich! Ich dachte schon, du kämst gar nicht mehr.«
»Und ich dachte, du wärst endlich weg.«
»Aber ...«
»Nein!« Janines Augen, sonst von einem sanften Graublau, schossen silberne Blitze. »Du ziehst aus. Heute noch! Pack endlich, Dietmar, sonst tu ich es für dich.« Die Vorstellung, seine Klamotten samt der von ihm so heiß geliebten Gitarre aus dem Fenster schleudern zu können, ließ ihr Stimmungsbarometer gleich um ein paar Grad steigen.
»Mausi ...«
»Es hat sich ausgemaust. Dietmar, es ist vorbei. Schnall es endlich!«
»Du bist herzlos!« Langsam stand er auf, ging ins Schlafzimmer und holte dort – welch Wunder – seinen gepackten Rucksack und zwei Tragetaschen raus. Die Gitarre schulterte er in der Diele. »Ja, dann ...«
»Tschüss. Mach's gut. Und fang endlich an, im 21. Jahrhundert zu leben. Für Tagträumer ist da kein Platz!«
»Wenn alle Menschen so unsensibel wären wie du, stünde es schlecht um die Kunst!«, tönte es höchst vorwurfsvoll von den Lippen des gut aussehenden Mannes. Seit Jahren träumte Dietmar von einer Karriere als Sänger. Dass dies allerdings mit harter Arbeit verbunden war, mochte er nicht gelten lassen. Er wollte entdeckt und dann schlagartig ein Star werden.
Am Anfang ihrer Beziehung hatte Janine dies noch amüsiert zur Kenntnis genommen. Sie fand es auch nicht allzu schlimm, dass ihr Freund keinen festen Job hatte. Doch mit der Zeit änderte sich ihre Einstellung.
Noch ein letzter Blick, der Janine fatal an ein waidwundes Reh erinnerte, dann ging Dietmar. Begleitet von Janines erleichtertem Seufzer – den er aber nicht mehr hörte. Hoffentlich zumindest, denn es hätte seiner sensiblen Seele sicher erneut zugesetzt. Wie so vieles an Janine Dietmar irritiert und an seinem Ego gekratzt hatte.
Dietmar Terholen, dreiunddreißig Jahre alt, Student der Philosophie und Sozialwissenschaften seit mehr als zehn Jahren. Mit dem Hang zur Bühne. Gut aussehend. Ebenso liebenswert wie phlegmatisch. Charmant und stur.
Das Gegenteil von Janine. Sie war lebensbejahend. Couragiert. Optimistisch. Fleißig und ehrgeizig. Sie stand mit beiden Beinen im Leben.
»Dein Tempo macht mir Angst«, lautete einer von Dietmars Lieblingssätzen. Und dennoch hatte er sich für fast sieben Monate bei Janine eingenistet. Am Anfang war es mehr als ein heißer Flirt gewesen. Fast schon Liebe. Von beiden Seiten. Aber die war zumindest bei Janine rasch geschwunden, als sich herausstellte, dass Dietmar völlig sorglos in den Tag hineinlebte. Manchmal zur Uni ging, kaum eine Klausur schrieb, auf ihre Kosten lebte – und gern darüber jammerte, dass sie ihn so oft allein ließ, Geld verdiente, ihre Reiseagentur immer weiter ausbauen wollte.
»Dieser Schmarotzer ... wie kannst du den ertragen?«, hatte Marion schon nach der dritten Begegnung mit Dietmar gefragt. Aber da war Janine noch verliebt gewesen.
Nun, das war jetzt vorbei. Dietmar war weg – und plötzlich sah die Welt wieder hell aus. Obwohl draußen die Dämmerung hereinbrach. Ein Griff zum Telefon, Marions Nummer war selbstverständlich ganz oben eingespeichert.
»Was hältst du von Champagner? Im ›Moonlight‹?«
»Halleluja – er ist weg! Und ich bin in zehn Minuten dort.«
»Gib mir zwanzig. Ich muss mich noch ein bisschen frisch machen.«
»Einverstanden. – Bis gleich.«
Janine war tatsächlich in einer knappen Viertelstunde fertig. Die langen, glänzenden Haare trug sie offen. Den Businessdress hatte sie gegen eine seidig schimmernde, cognacfarbene Hose getauscht. Darüber kam eine Longbluse in der gleichen Farbe, darunter ein raffiniertes Nichts aus nougatfarbener Spitze.
Fast gleichzeitig trafen die Freundinnen im »Moonlight« ein. Es herrschte bereits reger Betrieb, denn die Bar wurde auch gerne von jungen Leuten aufgesucht, die hier eine so genannte »Afterworkparty« feierten. Aber allmählich wechselte das Publikum. Die Gäste in korrekter Dienstkleidung – naturgemäß Banker in dunklen Anzügen oder Karrierefrauen im Nadelstreifen-Hosenanzug – wechselten mit Publikum, das schon das richtige Outfit für eine heiße Nacht trug.
Eine Flasche Champagner war schon halb geleert, doch noch wollte bei Janine und Marion nicht die richtige Stimmung aufkommen. »Nur immer an den Job zu denken ist auch öde«, meinte Marion und zupfte sich den nachtschwarzen Pony zurecht. Ihre Mutter war Einkäuferin für eine elegante Boutique, und so war die Tochter stets topaktuell gekleidet. Und da zurzeit der Stil von Audrey Hepburn total in war, trug Marion zumindest eine Frisur wie einst die bekannte Schauspielerin. Dazu ein enges, weinrotes Seidenkleid, dessen Hingucker der tiefe Rückenausschnitt war.
»Tu ich doch gar nicht«, wehrte Janine ab. »Nicht einmal heute Abend hab ich vom Büro gesprochen.«
»Dich jedoch auch nicht amüsiert. Aber ... sieh mal die vier Jungs drüben ... das wär doch was für uns, oder?« Diskret sah jetzt auch Janine in Richtung Tür, wo gerade tatsächlich vier extrem gut aussehende Männer eintraten. Schnurstracks kamen sie zur Bar, bestellten ihre Drinks – und schon war klar:
»Die stehen nicht auf Frauen.« Marions Seufzer war unüberhörbar.
»Macht nichts. Komm, trink noch ein Glas.«
»Mögen Sie tanzen?« Ein großer Blonder deutete doch tatsächlich so etwas wie eine Verbeugung vor Marion an.
Schnell rutschte sie vom Barhocker – und ward für eine halbe Stunde nicht mehr gesehen. Janine wurde von zwei älteren Gästen in ein Gespräch verwickelt. Einer war Unternehmensberater, wie er schon im zweiten Satz stolz verkündete, der zweite Metzger. Und sie redeten nur von ihren Jobs!
Na, da konnte sie mithalten! Janine drehte ihren vollen Charme auf, und schon nach kurzer Zeit tauschten sie ihre Visitenkarten aus. »Ich fliege oft in Urlaub. Stressabbau muss einfach sein. Thailand oder die Malediven ... es gibt da sicher einen Bonus für mich, oder?« Klaus, der Unternehmensberater, versuchte es mit einem tiefen Blick in Janines Augen.
»Darüber lässt sich reden.« Warum nicht auch hier ans Geschäft denken.
»Ich fliege nie. Aber meine Mutter und ich, wir machen häufiger Kuren im Allgäu. Hast du da auch was im Programm? Weißt du, die Kälte in den Kühlkammern geht mir jetzt schon in die Glieder. Da heißt es vorbeugen, sagt meine Mutter immer.« Gerhard sagte es völlig naiv, und es gelang Janine tatsächlich, ein Lachen zu unterdrücken.
»Dann komm doch einfach mal mit ihr vorbei, vielleicht hab ich ein paar gute Tipps für deine Mutter.« Danach war ihr noch nach einem harten Drink – und ihrem gemütlich warmen Bett.
Marion und ihr blonder Hüne wollten noch weiterziehen.
»Du bist doch nicht sauer?«
»Aber nein. Weißt du doch. Viel Spaß.« Janine zwinkerte der Freundin zu.
»Dir auch. Oder ... gehst du schon?«
»Heute ist der Wurm drin. Hab ich doch gewusst.« Janine zuckte mit den Schultern, dann verlangte sie die Rechnung.
»Du gehst schon?« Gerhard schien ehrlich enttäuscht.
»Ich bin müde. Du weißt doch ... so ein Job ist anstrengend. Und ich bin seit sechs auf den Beinen.«
»Ich war schon um vier auf!«
»Dann gratulier ich dir zu deiner Kondition. – Wir sehen uns vielleicht. Viel Spaß noch euch beiden.«
Puh, das war geschafft. Draußen auf der Straße atmete sie erleichtert auf. Doch dann, allein in der Wohnung, überkam sie auf einmal der Weltschmerz. Weinend warf sie sich aufs Bett, vergrub das Gesicht in den Kissen.
Diese Pechsträhne im Privatleben – endete...




