E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Winter Der Fluch von Thunderland: Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96152-133-3
Verlag: Schardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-96152-133-3
Verlag: Schardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Voss führte ein ruhiges, routiniertes und vorhersehbares Leben in Deutschland bis zu dem Tag, an dem sie erfährt, dass ihre beste Freundin Susan im Koma liegt. Sofort steht fest: Sie muss zu ihr nach Thunderland! Liebevoll in Susans Familie aufgenommen, fühlt Patricia sich wie im Traum. Ein Leben auf einer Ranch nur ein paar Meilen von L.A. entfernt, inmitten der unangetasteten, wilden Natur, Ausritte mit dem Pferd und Weiden so weit das Auge blicken kann und dann ist da noch Steve, der gutaussehende Bruder ... Doch bald schon wendet sich das Blatt, und sie wird buchstäblich von einem Albtraum zum nächsten gejagt. Bilder und Visionen von fremden Menschen verfolgen sie bis in ihren Schlaf. Aber wer sind diese Personen? Warum sieht sie sie? Und vor allem, was wollen sie ihr sagen?
Gemeinsam mit ihrer neuen Familie, versucht Patricia den mysteriösen Träumen nachzugehen und muss feststellen, dass je näher sie der Wahrheit kommen, desto düsterer und verrückter scheinen die Antworten auf all die Fragen.
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1. Kapitel
„Vierhundert Leute müssen wir unterbringen?“ Antons Gesicht färbte sich rot.
Patricia Voss verzog die Lippen zu einem breiten Grinsen, das ihre perlenweißen Zähne zum Vorschein brachte. Sie machten diesen Job doch schon seit Jahren, und immer noch verlor Anton die Nerven.
„Warum regst du dich auf?“, fragte sie und nahm die Unterlagen vom Schreibtisch. „Wir haben schon ganz andere Events geschafft, da sind diese vierhundert Tagungsgäste auch kein Problem.“
Mit einem Kopfschütteln verließ sie ihr Büro. Insgeheim machte sie sich doch Sorgen. Es war wirklich nicht viel Zeit, um alles zu erledigen. „Medizinischer Kongress, vierhundert Teilnehmer, Catering!“, zählte sie leise auf.
Vielleicht hatte ihr Kollege recht. War das wirklich zu schaffen? Patricia blieb stehen und schüttelte heftig den Kopf. Sie atmete tief ein und spannte ihren Körper an. Man wächst mit seinen Aufgaben, hatte ihr Vater immer gesagt. Sie würden auch diesen Auftrag zur Zufriedenheit ihrer Auftraggeber und ihres Chefs bewältigen. Also setzte sie ihren Weg fort und machte sich Notizen. Das Klingeln ihres Telefons ließ sie aufschrecken. Mit einem Blick auf das Display erkannte sie die Nummer, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Jörg! Schön, dass du dich meldest. Wie ist das Wetter in London?“
Am anderen Ende der Leitung hörte sie ihren Freund leise aufstöhnen.
„Viel zu warm für diese Jahreszeit. Habe gerade eine Pause und dachte, ich rufe dich mal an.“
Patricia kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht nur so anrief. „Was ist denn los?“
Es dauerte einen Moment, bis eine Antwort kam: „Unser Senior Manager aus Übersee kommt nach Hamburg, und ich habe von meinem Chef den Auftrag bekommen, mich um ihn zu kümmern. Du weißt schon. Ihn zu uns zum Essen einzuladen. Er kommt nächste Woche. Mein Chef und seine Frau auch. Dann kannst du deine tollen Kochkünste wieder einmal beweisen.“
Patricia hielt die Luft an. Nächste Woche?
„Jörg, ich schaffe das nicht! Wir haben ein riesiges Event reinbekommen, und ich habe viel zu viel zu tun.“
„Schatz, du weißt genau, was es für mich bedeuten könnte. Ich falle auf der Karriereleiter nach oben. Du kannst mich doch jetzt nicht hängen lassen.“ Patricia wollte protestieren, aber Jörg redete einfach weiter. „Du weißt, was für mich davon abhängt. Warum bist du nur so egoistisch? Also abgemacht. Sie kommen nächste Woche Donnerstag zu uns. Ich muss jetzt wieder ins Meeting. Bis dann!“
Er hatte einfach aufgelegt. Patricia versuchte die Wut, die sie spürte, herunterzuschlucken. Ich bin egoistisch? Sie brauchte eine Weile, um ihren Ärger verrauchen zu lassen. Sie nahm sich vor, mit Jörg über sein Verhalten zu reden, wenn er aus London zurück sein würde. Es konnte so nicht weitergehen.
Anton kam auf sie zu, und so vergaß sie ihren Ärger. Es waren Entscheidungen zu treffen, die wichtiger waren, als ihre Streitigkeiten mit Jörg.
Tage später saß Patricia an ihrem Laptop und blickte sehnsuchtsvoll auf den Bildschirm. Ein Urlaubsfoto nach dem anderen rauschte an ihr vorbei. Es war ihr, als könnte sie noch die wärmende Sonne auf ihrer Haut spüren und den Wind in ihren Haaren. Sie schloss die Augen und hörte die Brandung. Ein leiser Tastendruck, und das nächste Foto erschien. Das Bild zeigte sie und ihre beste Freundin in einer Strandbar. Es war ihr letzter Urlaubstag, und sie würden in wenigen Stunden wieder in den Alltag eintauchen. Mit einem schweren Seufzer griff sie nach ihrem Handy und wählte eine Nummer, doch nur das nervige Freizeichen ertönte.
Seufzend lehnte sie sich zurück und klappte den Laptop zu. Eigentlich hatte sie sich Arbeit mit nach Hause genommen, doch sie hatte einfach keine Lust, irgendetwas anzufangen. Plötzlich vibrierte ihr Handy, und auf dem Display erschien: „Susan ruft an“. Mit einem Lächeln nahm sie den Anruf an.
„Verdammt, wo treibst du dich rum? Ich versuche schon den ganzen Abend, dich zu erreichen!“
Am anderen Ende blieb es still. Das Einzige, was sie zu hören glaubte, war ein Räuspern und tiefe Atemzüge.
„Hallo, Susan? Ist alles in Ordnung mit dir?“ Ihre Anspannung nahm von Sekunde zu Sekunde zu. So ein Verhalten hatte sie bei ihrer Freundin noch nie erlebt. „Susan, warum antwortest du nicht?“ Leichte Panik stieg in ihr auf. Wieder hörte sie ein Räuspern.
„Entschuldigen Sie bitte, aber spreche ich mit Patricia Voss?“
Patricia freute sich etwas zu hören, aber ihre Anspannung ließ nicht nach. Im Gegenteil, sie wurde noch größer. Die Stimme am anderen Ende gehörte eindeutig einem Mann. Einem Mann, den sie nicht kannte. Irritiert schaute sie erneut auf ihr Display. Nein, sie hatte sich nicht geirrt. Der Anruf kam von Susans Handy.
„Wer ist denn da?“
„Miss Voss, mein Name ist Andrew Walker, Doktor Andrew Walker. Ich rufe Sie aus Los Angeles an. Ich bin ein Freund von Susan und ihrer Familie.“
Patricia zuckte zusammen, und eine böse Vorahnung beschlich sie.
„Es ist etwas passiert, oder? Mit Susan?“ Ihre Stimme war nur noch ein Hauch. Sie hörte den tiefen Atemzug am anderen Ende.
„Bitte regen Sie sich nicht auf. Es hat einen Unfall gegeben. So wie es aussieht, hat sie die Kontrolle über ihren Wagen verloren und ist von der Straße abgekommen.“
In Patricias Ohren dröhnte es, und sie spürte ihr Herz heftig schlagen.
„Susan wollte, dass ich Sie anrufe, wenn ihr etwas zustößt.“
Patricia zwang sich, Ruhe zu bewahren. Sie brauchte mehrere Versuche, um die Frage zu stellen, die ihr immer wieder durch den Kopf ging.
„Wie schlimm ist es?“
Sie hörte, wie Doktor Walker laut ausatmete. „Es sieht nicht gut aus. Sie liegt im Koma, und wir befürchten das Schlimmste.“
Patricia sprang von ihrem Stuhl auf und begann hin und her zu gehen. Tränen verschleierten ihren Blick. Abrupt blieb sie stehen und wischte sich energisch über die Augen.
„Ich komme mit der nächsten Maschine nach Los Angeles!“
Sie glaubte, so etwas wie Erleichterung herauszuhören, als Doktor Walker sagte: „Gut! Sie finden mich im Cedars-Sinai-Hospital. Ich erwarte Sie dort.“
Patricia hatte das Gefühl, als wolle er noch etwas sagen, aber er hatte das Gespräch beendet. Die plötzliche Stille war unerträglich. Die Sorge um ihre beste Freundin ließ sie endgültig in Tränen ausbrechen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie in der Lage war, den Flughafen anzurufen. Während sie auf die Verbindung wartete, schielte sie in Richtung ihrer Kommode. Dort stand ein Foto von zwei lachenden, glücklichen Frauen. Vorsichtig, als könnte sie etwas kaputt machen, strich sie mit ihren Fingern darüber, und sie rückte sich dann innerlich zurecht.
„Du wirst nicht sterben! Das erlaube ich nicht!“
Sogar das Wetter schien sich gegen sie verschworen zu haben. Regen prasselte aus dem dunklen Himmel, und die Feuchtigkeit setzte sich in die Kleidung. Die vielen Lichter des Hamburger Flughafens brachen sich in den Pfützen und hüllten ihn in ein fast märchenhaftes Licht. Patricia wartete voller Ungeduld darauf, dass ihr Flug endlich aufgerufen wurde. Immer wieder ging ihr Blick zur großen Uhr, die am Ende der Halle hing. Es schien ihr fast, als bewege sich der Zeiger extra langsam, nur um sie zu ärgern. Sie schaute auf ihr Flugticket und ging im Geiste alles noch einmal durch, was seit dem Anruf von Doktor Walker geschehen war. Eigentlich war sie eine vernünftige Person ... eigentlich. Doch diese Situation warf sie völlig aus der Bahn. Sie hatte ihren Chef angerufen und ihn um Urlaub gebeten. Eigentlich hatte sie ihn, wenn man es genau betrachtete, sogar erpresst, ihre Koffer gepackt. Jörg hatte sie nicht erreichen können. Er war ja noch immer in London, und sein Handy war aus. Sie hatte ihm eine Notiz hinterlassen, mit dem Versprechen, sich zu melden. So lange konnte es jetzt doch nicht mehr dauern. Wieder ging ihr Blick zur Uhr. Teufel auch, dachte sie, es sind gerade mal drei Minuten vergangen. Um sich abzulenken, beobachtete sie die anderen Passagiere. Plötzlich sah sie hinter dem Sicherheitsglas einen Mann, der sich suchend umschaute.
Jörg? Das konnte nicht sein! Der war doch in London.
Als Jörg sie erblickte, lächelte er und steuerte geradewegs auf sie zu.
„Jörg, wie kommst du hier her? Ich dachte, du bist noch in London.“
„Ich bin etwas früher zurückgeflogen und wollte dich überraschen, aber ich fand nur das hier!“ Während er das sagte, zog er einen Zettel aus der Tasche. „Was ist denn los?“
Er fasste sie leicht am Arm und schob sie in Richtung der Stuhlreihen. Patricias Anspannung der letzten Stunden löste sich. Jetzt, wo Jörg da war, konnte sie sich fallen lassen und Trost finden. Sie fiel ihm um den Hals, Tränen rannen über ihre Wangen, und als sie sprach, hatte sie Schwierigkeiten zu atmen....




