E-Book, Deutsch, 173 Seiten
Winter Hundert Momente mit dir
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-010-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 173 Seiten
ISBN: 978-3-96655-010-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marie Winter hat ihre Liebe zu Büchern zum Beruf gemacht. Nach vielen Jahren als Lektorin in einem renommierten Verlag ist sie jetzt freie Autorin. Die Tierfreundin lebt mit ihrer Familie, zu der etliche Tiere gehören, im Bergischen Land in der Nähe von Köln. Marie Winter veröffentlicht bei dotbooks »Die Sterne in deinen Augen«, »Hundert Momente mit dir« und »Weil mein Herz dich finden will«, die auch im Sammelband »Sonne, Strand und Liebeszauber« enthalten sind, sowie »Weil unsere Liebe ewig ist«, »Das Leuchten deines Herzens«, und »Mein Glück in deinen Armen«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 8
Der Garten des Hauses war in zwei Terrassen angelegt und wunderschön, wenn man davon absah, dass alles ein bisschen zu verwildert war. Doch das störte Sandra nicht.
Das Gepäck ließ sie erst einmal im Wagen, erkundete Garten und Haus, wobei ihr Othello auf dem Fuß folgte.
Eine Hecke aus Hortensien begrenzte das Grundstück zur linken Seite. Rechts standen ein paar Büsche, von denen Sandra den Namen nicht kannte. Hellgelb waren die Blätter, die Blüten klein und lilafarben.
Zum See hin, den man allerdings nur sehen konnte, wenn man sich auf der Westterrasse befand oder an die äußerste Grundstücksstelle begab, war alles offen. Ein paar kleine Rosenbüsche standen in einem Rondell, das allerdings von Unkraut überwuchert war. Ein alter Oleander und eine verwitterte Holzbank sahen von weitem sehr malerisch aus, doch als Sandra sich hinsetzte, um den Blick zu genießen, krachte es, und sie landete auf der Erde.
Othello bellte vor Schreck, und auch Sandra stieß einen Laut aus, der eine Mischung aus Fluch und Schmerzensschrei war.
Als sie sich aufgerappelt hatte, war es, als hätte man ihr eine rosarote Brille abgerissen: Der Garten war verwildert, von Unkraut überwuchert. Die Bank, die unter ihr zusammengebrochen war, total verwittert. Unkraut und Wildwuchs, wohin man schaute. Auch das Haus, von dem der Putz blätterte, hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Ferienvilla. Aus Natursteinen war es erbaut, so, wie Julia gesagt hatte. Der Anbau war einmal gelb gewesen, davon zeugten einige Putzreste. Das Dach wies einige Löcher auf, die Dachrinne war abgebrochen, zwei der grünen Fensterläden hingen schief in den Angeln.
»Eine italienische Idylle, wirklich«, murmelte Sandra sarkastisch vor sich hin.
Dann aber fiel ihr Blick wieder auf den Seerosenteich, und gleich war sie versöhnt. »Wir werden uns erst mal einrichten und dann nach und nach versuchen, alles instand zu setzen«, sagte sie zu Othello. Der jedoch war abgelenkt, denn das Entenpaar, dessen Heimat der Seerosenteich wohl war, machte gerade wieder Anstalten zu landen.
»Da bist du chancenlos«, sagte Sandra zu dem Hund. »Komm lieber mit zur Hausbesichtigung.«
Davon hielt Othello jedoch gar nichts. Er lag im Schatten eines kleinen Zitronenbaums und beäugte die Enten, die immer wieder aufgeregt hochflatterten, wenn er auch nur den Kopf von den Pfoten nahm.
Also ging Sandra allein zum Haus hinüber.
»Der Schlüssel liegt unter der steinernen Löwenfigur links vom Eingang«, hatte Julia gesagt. »Einen Zweitschlüssel gibt's wohl nicht mehr. Aber das ist ja auch egal, du kommst schon rein.«
Die Löwenfigur war nicht allzu groß, und nachdem Sandra sie ein wenig zur Seite gerückt hatte, fand sie in einer kleinen Vertiefung darunter tatsächlich einen großen alten Schlüssel.
Es knirschte ein wenig, als sie ihn in dem altertümlichen Schloss drehte, dann aber ging die Tür ächzend auf.
Erwartungsvoll ging Sandra ins Haus. Dämmerlicht. Fetzen von Spinnweben. Irgendetwas Undefinierbares, das zu ihren Füßen huschte und in einer Mauerritze verschwand ...
Sandra öffnete erst einmal alle Fenster, ließ die Sonne und frische Luft hinein.
Jetzt erst konnte sie genau erkennen, wie es hier aussah, und ein kleiner Ausruf der Bewunderung entschlüpfte ihr. Der Fußboden war mit weißblau bemalten Fliesen belegt. Sie schienen sehr alt zu sein, waren aber bemerkenswert gut erhalten. Die Wände waren weiß getüncht, doch zu Sandras Entzücken befanden sich an zwei Seiten alte Fresken. Sie stellten einmal ein Stillleben von Venedig dar, auf dem anderen Wandbild war die Isola Bella zu sehen – wahrscheinlich so, wie sie vor drei- oder vierhundert Jahren ausgesehen haben mochte.
An den Wohnraum schloss sich eine kleine Kammer an, die fast leer war. Nur ein altes Bett und ein Stuhl standen da, das Bett wirkte alles andere als einladend. Rasch zog Sandra die Tür wieder zu.
Der nächste Raum war die Küche. Ein alter Marmorspülstein, daneben stand ein Herd, wie ihn Sandras Großmutter vielleicht besessen haben mochte. Darüber jedoch hingen Kupferkessel und -pfannen – verstaubt, doch sicher zum Kochen ideal.
Als Sandra versuchte, sich die Hände zu waschen, kam zunächst kein Tropfen aus dem Hahn. Ein leises Gurgeln erklang, das war alles.
»Willkommen im vorvorigen Jahrhundert«, murmelte Sandra und wollte schon frustriert ihre Entdeckungsreise beenden, als ihr Blick durchs Küchenfenster nach draußen fiel. Eine Terrasse führte von der Küche hinaus in einen kleinen Nutzgarten. Auch hier war alles zugewuchert, doch einige Zitronen leuchteten goldgelb in der Sonne, und ein schneeweißer Rosenstrauch stand in voller Blüte. Und daneben gab es eine Zisterne!
Das versöhnte Sandra sofort. Sie würde hier schon aufräumen, Zeit genug hatte sie ja! Wenn sie den eigenen Brunnen nutzen konnte, war doch alles in Ordnung.
Natürlich musste sie sofort ausprobieren, ob es sauberes Wasser gab.
Gerade hatte sie einen alten Eimer hinabgelassen, als sie Motorengeräusche hörte. Sie lief ums Haus herum, um die Straße besser überblicken zu können. Vielleicht kam ja ein Nachbar vorbei, da konnte sie sich gleich bekannt machen und sich nach ein paar Dingen erkundigen. Zum Beispiel, wo hier der nächste Supermarkt war, wie die Handwerker in der Gegend hießen und ...
Rötlich-brauner Staub wirbelte auf, als eine alte Ente dicht vor ihr anhielt. Der Mann, der am Steuer saß, hatte wohl gerade eine Rallye vom Nordkap hierher hinter sich. Eine Gelegenheit, sich zu waschen, hatte er jedenfalls in den letzten fünf, sechs Tagen nicht gehabt, das stand fest.
»Hallo!«, sagte er und zeigte dabei ein strahlend weißes Lächeln. »Da bin ich. Schön, dass Sie es mir ein bisschen gemütlich machen wollen. Ach ... verstehen Sie überhaupt Deutsch?«
»Für das, was wir uns zu sagen haben, wird's reichen«, konterte Sandra. »Was kann ich für Sie tun?«
»Ich bin Alexander Berfeld. Julias Exfreund. Ich werde in den nächsten Wochen hier wohnen. Wie gesagt – es ist super, dass Sie ein wenig Ordnung machen. Darin bin ich nicht besonders gut.« Er grinste wieder. Das sollte wohl entwaffnend wirken, hatte auf Sandra jedoch keine Wirkung.
»Was wollen Sie hier?«, fragte sie und beugte sich vor, als hätte sie ihn nicht richtig verstanden.
»Ich will hier wohnen!«
»Mit Sicherheit werden Sie das nicht tun«, erklärte sie energisch.
»Das haben Sie doch wohl nicht zu bestimmen. Julia hat mir angeboten, das Haus zu benutzen, wann immer ich will. Und jetzt will ich.«
Sandra schüttelte den Kopf. »Kommt gar nicht in Frage. Ich wohne in den nächsten Wochen hier. Also suchen Sie sich erstens eine andere Ausrede und zweitens einen neuen Unterschlupf.«
In diesem Augenblick kam Othello ums Haus getrottet. Als er den Fremden sah, stutzte er einen Moment, dann bellte er zweimal – was wohl beeindruckend wirken sollte – und lief in langen Sätzen auf den Mann zu.
Geschieht diesem arroganten Kerl recht, dachte Sandra. Othello wird ihn schon vertreiben.. Zum ersten Mal, seit sie den Hund in ihrer Obhut hatte, liebte sie ihn ohne Einschränkung.
Für genau drei Sekunden.
Dann sah sie nämlich, dass Othello auf einmal abbremste, vor dem Fremden stehen blieb und ihm freundlich die Hand leckte, die der ihm unerschrocken entgegenhielt. Sogar mit dem Schwanz wedelte der Verräter!
»Erkennst du mich wieder, alter Junge?« Alexander ging in die Hocke, und im nächsten Moment wurde Sandra Zeugin einer temperamentvollen Wiedersehensszene. Der Hund gebärdete sich schließlich wie toll, und der Mann tobte mit ihm herum, bis beide ganz außer Atem waren.
»Jetzt könnte ich einen Begrüßungsdrink gebrauchen«, meinte Alexander.
Othello lief zur Zisterne, wo Sandra eben den ersten Eimer mit Wasser heraufgezogen hatte. Allzu gesund sah es nicht aus, doch der Hund soff ungeniert.
Macht nichts, dachte Sandra bitter. Wenn er sich vergiftet, ist es auch egal. So ein untreues Biest! Seit Tagen kümmere ich mich um ihn, doch noch nicht einmal hat er mich so begeistert begrüßt wie diesen Mann.
»Nun, was ist? Haben Sie keinen Wein im Haus? Auch kein Problem. Für Notfälle hab ich immer eine Flasche dabei.«
»Glaub ich Ihnen aufs Wort.«
»Natürlich auch Brot und Käse.« Er grinste frech. »Sie haben wirklich keinen Grund, mich für einen Penner zu halten.«
»Nein?«
»Ich bin Maler.«
»Hallo Picasso.«
Er lachte. »Das wäre zu viel der Ehre. Gibt's wenigstens ein paar Gläser und Besteck?«
Sandra zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich bin vor einer halben Stunde erst hier angekommen.
»Na, dann wollen wir mal sehen, ob noch alles vorhanden ist. Damals waren in dem Schrank über der Spüle alle wichtigen Küchengeräte.« Ohne sich um ihren Protest zu kümmern, betrat er das Haus und ging zielsicher in die Küche. Während er zwei einfache Wassergläser aus dem Schrank holte, erzählte er: »Sandras Großtante hat hier gelebt. Wir haben sie mal für ein langes Wochenende besucht. Eine nette alte Dame. War lange Jahre Reiseleiterin und hat sich hier ihren Alterssitz gekauft. Verständlich, nicht wahr? Der Lago Maggiore ist einer der schönsten Flecken Erde, die ich kenne.«
»Und Sie sind sicher weit herumgekommen«, kommentierte Sandra ironisch. »Man sieht's jetzt noch.«
»Warum sind Sie so biestig? Ich hab Ihnen doch gar nichts getan. Im Gegenteil. Ich versorge Sie mit Essen und Trinken, unterhalte Sie angenehm ...«
»Sie belästigen mich. Aber meinetwegen: Wir essen was und trinken ein Glas, und dann verschwinden Sie wieder. Ich muss mich erst mal in Ruhe hier einrichten, und...




