Wippersberg | Eine Rückkehr wider Willen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Wippersberg Eine Rückkehr wider Willen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7013-6152-6
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-7013-6152-6
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Walter Wippersberg, bekannt als genauer Beobachter politischer Entwicklungen und als profunder Religionskritiker, erzählt diesmal über sich selbst. Er ist über sechzig, als er in die oberösterreichische Kleinstadt zurückkehrt, in der er aufgewachsen ist und die er neunzehnjährig verlassen hat. Er wird in jenes Krankenhaus eingeliefert, in dem er auch geboren wurde, und für eine Weile sieht es so aus, als würde er hier vielleicht auch sterben. Wippersberg erzählt von einer Nachkriegskindheit und von ein paar Monaten im Jahr 2006, die von lebensbedrohenden Krankheiten bestimmt sind. Auffallend genau, sehr eindringlich, ganz unsentimental und gerade deshalb berührend. Die beiden ineinander verschränkten Berichte lassen einen Sog entstehen, dem man sich kaum entziehen kann. Wie nebenbei öffnet das Buch Einblicke in die großen Fragen nach dem Leben und dem Tod und schlägt neben beklemmenden auch hoffnungsvolle Töne an.

Walter Wippersberg, geboren 1945 in Steyr, lebt als Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher in Losenstein (OÖ) und Wien. Er ist ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie (Universität für Musik und darstellende Kunst), und seit 1990 Leiter der Klasse 'Drehbuch und Dramaturgie'. Walter Wippersberg veröffentlichte Theaterstücke, Hörspiele, Romane, Kinderbücher und Essays. Darüber hinaus ist er als Autor von TV-Dokumentationen, Drehbüchern und Filmen (u.a. 'Das Fest des Huhnes') tätig. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
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1

VOM ANFANG ERZÄHLE ICH und von einer Zeit, die das Ende hätte sein können. Eine Art Vorspiel zum Leben das eine, eine Art Vorgeschmack aufs Sterben das andere. Zunächst erzähle ich für eine kleine Weile vom Anfang.

DAS KIND, ES MAG DREI oder dreieinhalb Jahre alt sein, sitzt unter einem schweren Holztisch. Ganz unten sind die Beine des Tisches durch starke Holzleisten miteinander verbunden, man kann, wenn man am Tisch sitzt, die Füße darauf stellen. Die nach außen weisenden oberen Kanten sind abgetreten, schon ganz rund, nur direkt an den Tischbeinen nicht. Jetzt sitzt niemand am Tisch. Aber das Kind kann die Füße eines noch jungen, doch schon erwachsenen Mannes sehen. Der heißt Hans und liegt auf einem Sofa, gleich neben dem Tisch. »Der Hans ist mein Freund«, sagt das Kind manchmal. Jetzt sitzt es unterm Tisch und singt. Einen von den Schlagern, die es alle Tage im Radio hört. Dann sagt das Kind: »Und jetzt der Wasserstandsbericht des hydrographischen Dienstes.« Das sind ein paar schwierige Wörter, aber das Kind hat sie oft gehört und merkt sich leicht, was es ein paarmal hört. »Engelhartszell vier Meter fünfzig, Linz drei Meter neunzig, Grein sieben Meter sechzig.« Dann sagt das Kind noch: »Wie immer sind alle Angaben ohne Gewehr. – Wieso ohne Gewehr?«

Der Hans lacht, gibt aber keine Antwort. Das Kind hat die Frage schon oft gestellt und noch nie eine Antwort bekommen, also sagt es: »Jetzt noch der Vermißtensuchdienst des Roten Kreuzes …« Der Hans aber sagt: »Ah, ich schalt das Radio jetzt aus.« Da sagt das Kind nichts mehr und kommt unterm Tisch hervor.

Ein halbes oder ganzes Jahr später meint die Mutter, das Kind dürfe zum Hans nicht mehr Hans und auch nicht mehr du sagen, das gehöre sich nicht. »Aber der Hans ist doch mein Freund!« Es hilft nichts, Kinder haben, wenn sie keine ganz kleinen Kinder mehr sind, zu den Erwachsenen nicht du zu sagen. So wird für das Kind der Hans zum Herrn Heigl. Manchmal in der warmen Jahreszeit, wenn am Abend alle im Garten sitzen, weiß das Kind, daß der Herr Heigl immer noch sein Freund Hans ist. Aber er ist jetzt nicht mehr oft da. Er hat viel zu tun, sagen die Erwachsenen. Fürs Radio-Spielen hätte er jetzt eh keine Zeit mehr. Und das Kind sagt sich, es wolle sowieso nimmer Radio spielen, schon lange nicht mehr, weil das Radio-Spielen nämlich ziemlich kindisch sei.

IN DEN ERSTEN FÜNFZEHN JAHREN wohnte ich mit meiner Mutter und meinem Bruder im Haus Schlüsselhofgasse 34. Man lebte damals viel enger beieinander als heute. Gleich nach dem Krieg, also in den Jahren nach meiner Geburt, fanden ganze fünf Familien Platz in dem zwar langgestreckten, aber nur zimmerbreiten Gebäude. In der Zeit, die ich erinnere, waren es immerhin noch drei Familien. (Heute ist das Haus mehrfach erweitert und vergrößert, aber es leben jetzt, so viel ich weiß, nur zwei oder drei Menschen darin.)

Einen ausgedehnten Gemüsegarten gab es und einen kleinen Blumengarten, den betrat man durch einen hölzernen Torbogen, der im Sommer voll blauer Clematisblüten war. Eine Wiese mit Apfelbäumen. Ribisel- und Stachelbeerhecken. Ein steiler Hang zum Turnplatz hinunter. Und direkt vorm Haus eine Reihe sehr alter Birnbäume. Von einem unserer Fenster aus waren im Herbst die Birnen zum Pflücken nah.

So lange wir – meine Mutter, mein Bruder und ich – dort wohnten, gab es noch einen rechtwinkelig ans gemauerte Haus gefügten Trakt, eine Art Scheune, fast ganz aus Holz. Früher dürften darin Ställe gewesen sein, wahrscheinlich hatte man ein paar Ziegen gehalten, Hühner vermutlich auch. Nach dem Krieg wurde dort Brennholz und mancherlei Gerümpel gelagert. Dieser Teil mußte weggerissen werden, als um 1960 herum die Schlüsselhofgasse verbreitert werden sollte.

Das Hausbesitzerpaar, von uns »der Hausherr« und »die Hausfrau« genannt, war schon alt, bei ihnen lebte eine erwachsene Tochter, eine unverheiratete Lehrerin, die für uns »Fräulein Käthe« hieß. Der Sohn des Hauses, Hans Heigl, hatte schon seine eigene Familie. Er war mit einer Pharmazeutin verheiratet, die in der Löwen-Apotheke arbeitete, und bald war er Vater zweier Töchter. Mit denen wuchsen mein Bruder und ich wie mit Schwestern auf. Sie waren in unserer kleinen Wohnung im ersten Stock so zu Hause wie wir unten im Erdgeschoß in ihrer, die auch kaum größer war. Die Christl und ich sind fast gleich alt, mein Bruder Hans ist drei Jahre älter als wir, die Annemarie drei Jahre jünger. Später hat sie sich darüber beklagt, sie sei nie ernstgenommen worden von uns, oft habe sie sich – da wir behauptet hätten, sie sei für dies oder das noch viel zu klein – von unseren Spielen ausgeschlossen gefühlt. Wahrscheinlich hat sie recht. Sicher ist, daß die Christl und ich sie beim Doktorspielen nicht dabei haben wollten, aber davon wußte ja auch mein Bruder nichts.

In den Kindergarten gingen die Christl und ich gemeinsam, höchst ungern zumeist. Oft und oft stapften wir den Posthofberg hinauf, Hand in Hand und beide heulend, weil wir es wieder einmal nicht geschafft hatten – »Nur heute, ausnahmsweise!« – zu Hause bleiben zu dürfen. Mein Bruder hatte den Kindergarten leidenschaftlich gern besucht, er wollte auch im Volksschulalter noch hin, die Tante Inge wolle er besuchen, sagte er und durfte es auch.

In den Jahren, von denen ich hier erzähle, fing Hans Heigl an, politische Karriere zu machen. Er war zu den Roten gegangen. Einmal durften wir Kinder ihm helfen, rote und weiße Bänder aus Kreppapier in die Speichen seines Fahrrades zu flechten, damit fuhr er dann zum Aufmarsch am 1. Mai. Ich traf ihn auch später noch gelegentlich, kannte ihn also recht gut, weiß aber bis heute nicht, wie er politisch dachte, und halte es für denkbar, daß er sich selbst diese Frage nie gestellt hat; er wollte etwas werden, also ging er zu den Roten. Wer nach dem Krieg in Steyr Karriere machen wollte, der hatte (wie vor dem Jahr 1934) gar keine andere Wahl. Hans Heigl wurde Betriebsrat in den Steyr-Werken, dann Zentralbetriebsratsobmann, später – da wohnten wir schon nicht mehr in der Schlüsselhofgasse – Landtagsabgeordneter, noch viel später Abgeordneter zum Nationalrat.

Christls und Annemaries Großeltern waren ein bißchen auch die meinen. Die »Hausfrau« mochte mich sehr. Sie war stocktaub und sehr mißtrauisch, immer meinte sie, es würde, wenn geredet wurde, Böses über sie geredet. Meine Mutter ging fast jeden Sonntagnachmittag mit ihr spazieren, wenn das Wetter, wie die Hausfrau es ausdrückte, nicht allzu »grob« war. Ziel war immer ein Ausflugsgasthaus in der Umgebung von Steyr, oft der Sandmayer unten an der Enns, dort gab es die »Überfuhr«, ein an einem Drahtseil laufendes Wasserfahrzeug, auf dem man sich über den Fluß nach Münichholz hinüberbringen lassen konnte. Manchmal gingen sie auch nach Gleink oder – noch weiter – nach Sankt Ulrich oder nach Christkindl. Bis ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, ging ich mit, und die Christl und die Annemarie waren meistens auch dabei.

Der »Hausherr« ertrug sein oft zänkisches Weib mit stoischer Gelassenheit. Er wurde von ihr nur »Mann« gerufen. »Mann, geh her da!« Und wenn sie in den Garten rief »Wo bist’nn, Mann?«, dann blieb er, wo er war, und rührte sich nicht. »Gegen die Dummheit ist halt kein Kräutl gewachsen«, murmelte er manchmal, wenn sie ihn gar zu arg drangsalierte. Mit achtzig stieg er noch auf hohe Leitern, um die Birnen zu ernten. Dann standen wir alle vorm Haus und zitterten um ihn. Gelegentlich, etwa an den langen Sommerabenden im Garten, redete er davon, daß die Pfarrer uns nicht die ganze Wahrheit sagten. Er hatte in seinen jungen Jahren als Gärtner für den Grafen Lamberg gearbeitet und sei, so erzählte er, einmal auch in die Bibliothek im Schloß gekommen, habe dort eine alte Bibel aufgeschlagen – und darin seien viele Sätze durchgestrichen gewesen, all das nämlich, davon war er fest überzeugt, was das einfache Volk nicht wissen sollte. Er meinte, die Welt müsse von diesem Schwindel erfahren, darum schrieb er hin und wieder Briefe an hohe Regierungsstellen. Sein Sohn gab dann vor, diese Briefe zum Postkasten zu bringen, und ließ sie rasch verschwinden.

Ich war fünfzehn, als wir das Haus Schlüsselhofgasse 34 verließen, damit – spätestens – war meine Kindheit zu Ende.

2

WAS DAS ENDE HÄTTE werden können, geschieht im Jahr 2006, beginnt in der Woche nach Ostern. Am Freitagmorgen wache ich mit Bauchschmerzen auf. Ich vermute einen Zusammenhang mit dem Abend zuvor. Arno Kleibel, mein Verleger, und ich saßen bis nach Mitternacht in einem Lokal am Naschmarkt. »Einiges über den lieben Gott« soll im Herbst erscheinen; die Fassung, über die wir gestern sprachen, ist gewiß noch nicht die letzte. Ich hörte mir Arnos Vorschläge und Einwände an und versprach, dies und das noch zu berücksichtigen. Ich verschwieg, daß ich, die vorlesungsfreie Zeit der Osterferien nutzend, schon vor zwei Tagen eine neue Textfassung...


Walter Wippersberg, geboren 1945 in Steyr, lebt als Schriftsteller, Regisseur und Filmemacher in Losenstein (OÖ) und Wien. Er ist ordentlicher Universitätsprofessor an der Wiener Filmakademie (Universität für Musik und darstellende Kunst), und seit 1990 Leiter der Klasse "Drehbuch und Dramaturgie". Walter Wippersberg veröffentlichte Theaterstücke, Hörspiele, Romane, Kinderbücher und Essays. Darüber hinaus ist er als Autor von TV-Dokumentationen, Drehbüchern und Filmen (u.a. "Das Fest des Huhnes") tätig. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen.



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