E-Book, Deutsch, 122 Seiten
Wippersberg Erik und Roderik
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-85197-842-1
Verlag: Obelisk Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Rittergeschichte
E-Book, Deutsch, 122 Seiten
ISBN: 978-3-85197-842-1
Verlag: Obelisk Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Walter Wippersberg wurde 1945 in Steyr geboren. Er studierte in Wien Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Psychologie. Neben Veröffentlichungen als Verfasser von Fernsehdokumentationen wie 'Das Fest des Huhns' (1992), sowie als Hörbuch-, Theaterstück- und Sachbuchautor, hat er vor allem als Kinder- und Jugendbuchautor die österreichische Kinderliteraturszene auf besondere Weise geprägt. Bereits für sein erstes Kinderbuch 'Schlafen auf dem Wind' erhielt er den österreichischen Kinderbuchpreis, dem zahlreiche hohe Auszeichnungen folgten, wie das 'Goldene Buch' des österreichischen Hauptverbandes des Buchhandels für 'Der Kater Konstantin'. 'Gute und Schlechte Zeiten für Gespenster' sind heute genauso Bestandteil jeder guten Kinder- und Jugendbuchbibliothek wie z.B. die höchst amüsante Rittergeschichte 'Erik und Roderik'. Zwischen 1990 und 2011 leitete Walter Wippersberg die Klasse 'Drehbuch und Dramaturgie' an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Nach seiner Emeritierung lebte er mit seiner Frau Tonja in Wien und Losenstein. Er starb am 31. Jänner 2016 in Steyr.
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Kapitel 1
AUFFORDERUNG ZUM ZWEIKAMPF
oder: Wie man ihn verhindern kann
Seit zwei Stunden schon redete der alte Bonzo auf den jungen Herrn Erik ein. „Denk an Chilperich, deinen Großvater!“, beschwor er ihn gerade. „Man hat ihn Chilperich, den Knochenbrecher, genannt ...“
Aber Erik gähnte nur. Diese Familiengeschichten ödeten ihn an.
„Der alte Chilperich pflegte die Bären noch mit bloßen Fäusten zu erledigen“, fuhr Bonzo fort. „Einmal hat er mit einem seiner Freunde gewettet ...“
„Dass er sich so nahe an einen lebendigen Drachen heranwagt, bis ihm dessen Feueratem die Schnurrbartspitzen versengt“, sagte Erik schnell, der diese Geschichte noch öfter gehört hatte als all die anderen Chilperich-Geschichten.
„Jawoll!“, schrie der alte Bonzo, der sich – wenn er erst einmal in Fahrt war – so leicht nicht bremsen ließ. „Und was hat Chilperich getan?“
„Er hat dem Ungeheuer das Maul zugehalten, bis es am Rauch des eigenen Feueratems erstickt war“, leierte Erik folgsam herunter und fügte leise hinzu: „Wenn’s wahr ist.“
Das überhörte Bonzo geflissentlich.
„Oder denk bloß daran“, redete er weiter auf Erik ein, „wie noch dein Vater, Gott hab ihn selig, die Bauern behandelt hat. Immer hatte er einen Kälberstrick bei sich für den Fall, dass ihm einmal danach zu Mute war, einen Bauern aufzuknüpfen. Und du! Was machst du? Du treibst nicht einmal die Steuern ein. Dir braucht nur einer von diesen frechen, stinkenden Lümmeln zu erzählen, dass er einen Haufen Kinder und eine kranke Schwiegermutter hat, schon lässt du ihm die Hälfte der Steuern nach ...“
„Du langweilst mich, Bonzo!“, unterbrach ihn Erik. „Wenn du wüsstest, wie sehr du mich langweilst!“
Aber so leicht ließ Bonzo nicht locker.
„Ich habe deinem Vater auf seinem Sterbebett versprochen, aus dir einen ordentlichen Ritter zu machen. Und dieses Versprechen werde ich einlösen, so wahr ich deinem Vater ein Leben lang redlich gedient habe.“
„Wollen wir nicht ein bisschen in den Wald reiten?“, schlug Erik dem alten Mann vor. „Das Wetter könnte nicht schöner sein. Ich hab’ richtig Lust zum Pilzesuchen.“
„Pilze suchen!“ Laut stöhnte Bonzo auf. „Ein Ritter, der Pilze suchen geht anstatt zu jagen, wie sich’s gehört!“
Fünfzig Jahre war Bonzo alt, und das war damals, als es noch Einhörner und Feuer speiende Drachen gab, ein sehr hohes Alter. Seine Haare und sein Bart waren schneeweiß. Die Narben in seinem Gesicht gaben Zeugnis von den zahlreichen Kämpfen, die er an der Seite seines früheren Herrn, an der Seite von Eriks Vater nämlich, ausgefochten hatte.
Schon wollte Erik den Rittersaal verlassen, da packte ihn Bonzo am Arm und hielt ihn mit aller Kraft fest.
„Erik!“, bat er. „Tu mir den Gefallen und nimm dein Schwert mit, damit du wenigstens von weitem wie ein Ritter aussiehst!“
Erik seufzte und schaute sich nach der Waffe um, konnte sie aber nirgends entdecken.
„Da drüben!“, rief Bonzo und zeigte in eine Ecke. „Hinter der Truhe liegt dein Schwert, und es hat bestimmt schon Rost angesetzt ...“
„Schon möglich“, gab Erik zu. „Das kommt von den feuchten Mauern. Nächstes Jahr müssen wir die Burg unbedingt renovieren.“
Er holte das Schwert hinter der Truhe hervor, wischte an seinen Beinkleidern die Spinnweben ab, mit denen es überzogen war, und befestigte es an seinem Gürtel.
„Siehst du nicht, dass die Spitze auf dem Boden schleift?“, rief Bonzo entsetzt. „Schnall gefälligst deinen Gürtel enger!“
„Lieber nicht“, gab Erik zur Antwort, „sonst zwickt er mich wieder.“ Und als er zur Tür ging, klapperte das Schwert auf den Steinplatten.
Draußen auf dem Burghof warteten Rambert und Reimbold auf ihn, seine beiden anderen Gefolgsleute. So wie Bonzo hatten auch sie schon seinem Vater gedient.
Rambert, der sich gern Rambert, der Rammler, nennen ließ, war ein Raufbold, gutmütig zwar, aber stets bereit, einem anderen die schmiedehämmergroßen Fäuste unter die Nase zu halten. Er war dick wie ein Fass und behauptete, er müsse sich durchs Raufen ein wenig Bewegung schaffen, um nicht noch dicker zu werden.
Reimbold war noch älter als Bonzo. Er konnte die Laute schlagen, wusste alle alten Heldenlieder auswendig und schrieb selber neue Lieder, die gar nicht so übel gewesen wären, hätte er nicht darauf bestanden, sie selber vorzusingen.
Wie schauerlich seine schrille, zittrige Greisenstimme beim Singen klang, das ahnte er nicht, weil er schwerhörig war, fast taub.
Nachdem Erik Rambert und Reimbold begrüßt hatte, befahl er ihnen, in die Sättel zu steigen.
„Wohin geht die Reise?“, wollte Rambert wissen, als sie durchs Burgtor hinausritten.
„Wir werden Pilze suchen“, gab Bonzo an Eriks statt voll Abscheu zur Antwort.
„Wenn das unser alter Herr noch erlebt hätte!“, rief Rambert. „Pilze suchen!“
„Wer will mich verfluchen?“, fragte der schwerhörige Reimbold und legte die Hand hinters Ohr.
Darum kümmerten sich die anderen nicht weiter. Dass Reimbold alles, was er aufschnappte, auf sich bezog, weil er meinte, man würde seine Schwerhörigkeit ausnützen und nur über ihn reden, das war ihnen ja nicht neu.
Sie ritten den schmalen Weg am Burgfelsen entlang bergabwärts. Hier mussten sie höllisch aufpassen, denn ein winziger Fehltritt des Pferdes konnte den Absturz für Ross und Reiter bedeuten. Und wer erst da unten lag, dem war nicht mehr zu helfen.
und seine
3 Gefolgsleute
Bonzo, Rambert und Reimbold
Hier sieht man, wie Ritter Erik gerade mit seinen Mannen den stolzen Sitz seiner Väter verlässt
Erik hatte sich fest vorgenommen, im nächsten Jahr hier eine bequeme, breite Straße anlegen zu lassen, obwohl Bonzo und Rambert ihm stets vorhielten, dass so ein Weg gar nicht steil und gefahrvoll genug sein könne, schließlich dürften die Feinde ja nicht bis ans Burgtor gelangen.
Am Fuß des Felsens mündete der Steig in den dichten, fast undurchdringlichen Wald, der damals noch das ganze Land bedeckte. Hier gab es keine Wege, nur schmale Trampelpfade, die sich oft genug irgendwo im Dickicht verloren. Gar mancher war hier schon vom Weg abgekommen, und keiner hatte ihn dann je wieder gesehen. Voller Gefahren steckte der Wald. Nicht nur Bären, Wölfe und anderes wilde Getier hausten hier, auch die Diebe, Räuber und Mörder fanden da ein sicheres Versteck. Und wenn man den Erzählungen der alten Leute glauben durfte, gab es noch viel unheimlichere Waldbewohner: Riesen und Zwerge und Drachen in allen Größen und Farben.
An einer mächtigen Buche, keine zwei Meilen von der Burg entfernt, hielten die vier Männer an. Hier gab es in der Nähe einen Platz, an dem die allerschönsten Pilze wuchsen.
Sie stiegen ab, und als Bonzo die Pferde anbinden wollte, entdeckte er – im Unterholz versteckt – ein erlegtes Wildschwein.
„Erik!“, rief Bonzo aufgeregt. „Sieh dir das an! Was ist das?“
„Na ja“, meinte Erik, „ein totes Wildschwein, würde ich meinen.“
„Hast du weiter nichts dazu zu sagen?“
„Jemand muss es erlegt haben“, meinte Erik.
„Falls es nicht an einem Herzschlag zugrunde gegangen ist, wird es wohl jemand erlegt haben“, spottete Bonzo.
„Na und?“, fragte Erik.
„Da jagt einer auf deinem Gebiet, und du fragst, Na und?’!“, stöhnte Bonzo.
„Wer immer hier wildert“, polterte Rambert, „wir werden ihm das Fell über die Ohren ziehen!“
„Wer will mich an den Ohren ziehen?“, fragte Reimbold erschrocken.
„Wahrscheinlich war’s irgendein frecher Bauernlümmel“, vermutete Bonzo. „Los, Freunde, wir wollen ihn suchen! Und wenn wir ihn finden, hängen wir ihn am nächsten Baum auf!“
Erik hob beschwichtigend die Hände: „Langsam! Langsam! Wieso denn immer gleich hängen? Mir macht’s nichts aus, wenn die Bauern ab und zu ein Stück Wild erlegen, wahrscheinlich haben sie sonst nicht genug Fleisch.“
„Die Jagd ist den Rittern vorbehalten!“, rief Bonzo. „Und ein Bauer, der sich am Wild vergreift, muss hängen. Das war schon immer so!“
„Los!“ Rambert schwang seine Streitaxt angriffslustig überm Kopf. „Wir müssen ihn verfolgen. Wenn wir noch lange hier herumstehen, dann ist der Wilderer über alle Berge!“
„Was für...




