E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Reihe: Piper Schicksalsvoll
Wiseman Alles, was sie hinter sich ließ
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-98617-5
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Reihe: Piper Schicksalsvoll
ISBN: 978-3-492-98617-5
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen Marie Wiseman wurde in Three Mile Bay, einer kleinen Ortschaft im Bundesstaat New York, geboren. Sie besucht häufig ihre Verwandten in Deutschland und interessiert sich sehr für deutsche Geschichte und Kultur. Wiseman lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und drei Hunden am Ufer des Lake Ontario.
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KAPITEL 2
Clara
Upper West Side, New York City
Oktober 1929
Die achtzehnjährige Clara Elizabeth Cartwright stand auf dem dicken Perserteppich vor dem Arbeitszimmer ihres Vaters. Sie hielt den Atem an und beugte sich leicht vor, um das Gespräch ihrer Eltern durch die geschnitzte Eichentür mitzuhören. Als sie noch klein war, hatte die üppige Ausstattung der elterlichen Villa – der vertäfelte Korridor, die glänzenden Holzböden, die gerahmten Familienporträts und vergoldeten Spiegel, das silberne Teeservice auf dem Kirschbaumschränkchen – ihr stets das Gefühl gegeben, wie eine Prinzessin in einem Schloss zu wohnen. Jetzt allerdings verliehen ihr die massiven Holzarbeiten und die schweren Vorhänge eher den Eindruck, in einem Gefängnis eingesperrt zu sein. Und das nicht nur, weil ihr schon seit drei Wochen verboten war auszugehen. Das Haus kam ihr wie ein Museum vor, vollgestopft mit alten Möbeln und altmodischem Schnickschnack, an denen der Muff von überholten Vorstellungen und vorsintflutlichen Überzeugungen haftete. Alles erinnerte sie an ein Mausoleum, eine letzte Ruhestätte für die Toten und Sterbenden. Und sie hegte nicht die Absicht, als Nächste an der Reihe zu sein.
Sie atmete aus und versuchte, sich zu entspannen. Ihre Fluchtpläne waren zwar schon einmal ausgetestet worden, doch das war die letzte Möglichkeit, die ihr noch blieb. Der Gestank von verrottetem Holz, den die Zigarre ihres Vaters verbreitete, strömte unter der Tür hindurch und mischte sich mit dem zitronigen Duft der Möbelpolitur. Dies erinnerte sie an die vielen Stunden, die sie hier genau an dieser Stelle mit ihrem älteren Bruder, William, verbracht hatte, wenn sie gemeinsam auf ihre tägliche »Anhörung« bei ihrem Vater, Henry Earl Cartwright, gewartet hatten. Solange sie sich zurückerinnern konnte, hatten sie zudem jeden Freitag nach der Schule, nachdem die Hausarbeiten erledigt und sie eine Runde im Park spazieren gewesen waren, bis zum Abendessen vor seinem Arbeitszimmer gewartet und sorgsam darauf geachtet, sich still und leise zu beschäftigen, um ihren Vater nicht zu stören. Dann, wenn er fertig war, rief er sie der Reihe nach zu sich herein, um sie Bericht erstatten zu lassen über die Schule, um Verhaltensprobleme schon im Keim zu ersticken und um ihnen zu erklären, was er von ihnen in ihrem jeweiligen Alter erwartete. Von William und Clara wurde erwartet, dass sie auf der anderen Seite des überdimensionalen Schreibtisches standen, das Kinn hoben und den Blick streng geradeaus gerichtet hielten. Ohne herumzuzappeln, sollten sie zuhören, bis ihr Vater nickte und sich eine Zigarre ansteckte, was das Signal dafür war, dass sie entlassen waren.
Ihre Mutter, Ruth, hatte klargestellt, dass Unterhaltungen über Disziplin und schulische Leistungen zu ermüdend und anstrengend seien für ihre labile Konstitution. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit machte sie ihr Nickerchen, während ihr Ehemann sich um die ungeliebte Aufgabe kümmerte, die Kinder zu erziehen. Erst in den letzten Jahren, als Clara in ihrer jungen Weiblichkeit aufblühte, gefährdet im Hinblick auf die Tricks und Sehnsüchte der jungen Männer, hatte Henry darauf bestanden, dass Ruth sich ebenfalls einschaltete. Zunächst hatte Ruth nur einen halbherzigen Versuch unternommen, doch vor drei Wochen hatte sie sich dann entschlossen, ihre Aufgabe ernst zu nehmen. Clara fragte sich, was William wohl dazu gesagt hätte, dass ihre Eltern sie wie eine Kriminelle eingesperrt hielten.
Beim Gedanken an ihren älteren Bruder kamen Clara die Tränen, und ihr Herz gewann die Oberhand. Williams Leiche war vor anderthalb Jahren aus dem Hudson River gezogen worden. Es kam ihr wie gestern vor. Sie erinnerte sich an die Miene ihres Vaters, als er die Nachricht erhielt, daran, wie seine Kieferknochen immer wieder vorgetreten waren, an seine feuerroten Wangen, als er die Tatsache verarbeitete, dass sein ältestes Kind tot war. Und dennoch waren seine Augen trocken geblieben. Clara erinnerte sich auch noch gut an ihr Verlangen, mit ihren Fäusten auf seine Brust einzuschlagen und zu schreien, dass es seine Schuld sei. Doch er hätte ihr niemals geglaubt. Sein Verstand und seine Seele waren ein zusammengeklapptes, verschlossenes Buch, in dem nur seine Ansicht dessen geschrieben stand, wie alles zu laufen habe. Clara hatte weder ihn noch ihre Mutter umarmt und stattdessen still gelitten, während ihre Eltern die Rolle der trauernden Eltern spielten. Sie war fest entschlossen, nicht das nächste Opfer von Henry Cartwrights eiserner Faust zu werden.
Hätte es die Samstagabende im Cotton Club nicht gegeben, wo sie endlich sie selbst sein konnte, wo sie mit ihren Freunden lachen und tanzen konnte, so war ihre feste Überzeugung, hätte sie schon vor Monaten den Verstand verloren. Doch vor drei Wochen war sie das letzte Mal mit ihren Freunden ausgegangen. Es fühlte sich wie ein Jahrzehnt an.
Als junges Mädchen hatte sie alles versucht, um ihren Eltern zu gefallen. Sie hatte hervorragende Noten in der Schule bekommen, ihr Zimmer makellos sauber und aufgeräumt gehalten, ihre Eltern niemals unterbrochen und – am allerwichtigsten – niemals Widerworte gegeben. Doch je älter sie wurde, desto klarer wurde ihr, dass ihre Eltern der Meinung waren, dass sie und ihr Bruder gesehen, aber nicht gehört werden sollten. Die Erwachsenen dieses Hauses sorgten für Nahrung und Unterkunft für ihre Kinder, mehr nicht. In den letzten zwei Jahren seit Williams Verschwinden war es für Clara immer leichter geworden, zu lügen, zu behaupten, sie gehe in die Bücherei, wenn sie in Wahrheit mit ihren Freundinnen in die Nachmittagsvorstellung ging, um sich einen Charlie-Chaplin-Film anzuschauen, oder in den Central Park, um Jungs beim Skeeballspielen oder an der Schießbude zuzusehen. Anfangs war sie überrascht gewesen, dass ihre Mutter bei ihrer Heimkehr nicht in der Tür auf sie gewartet hatte, die Hände in die Hüften gestemmt, um Henry herbeizurufen und ihr eine wie auch immer geartete Strafe aufzuerlegen, die er für angemessen hielt. Clara konnte Henrys tiefe Stimme in ihrem Kopf hören, völlig außer Fassung vor Wut.
»Dein Platz ist hier, zu Hause, wo du zu lernen hast, wie man kocht und sich um Kinder kümmert, anstatt in der gesamten Stadt herumzuscharwenzeln! Was hast du dir dabei bloß gedacht? Du bist eine Cartwright, verdammt noch mal! Also solltest du dich auch wie eine verhalten, sonst landest du schneller draußen auf der Straße, als du bis drei zählen kannst!«
Irgendwann wurde ihr klar, dass ihre Eltern nicht einmal wussten, dass sie fort war. Zuerst hatte sie angenommen, sie seien zu sehr mit ihrer Sorge um William beschäftigt – mit der Frage, ob ihm wohl etwas zugestoßen war oder ob er etwa nach seinem Streit mit Henry alle Verbindungen zu ihnen abgebrochen hatte. Clara dagegen fragte sich, ob ihre Mutter vielleicht doch ein Herz besaß, ob sie möglicherweise tatsächlich zu empfindsam war und die Sorge um zwei Kinder einfach zu viel für sie war. Dann wurde ihr jedoch klar, dass ihre Mutter Ladys zum Tee einlud, während ihr Sohn verschwunden war und ihre Tochter machte, was ihr gefiel; sie besprach mit Lebensmittellieferanten und Floristen ihre nächste Gesellschaft, las Magazine und trank schwarzgebrannten Whiskey, bestellte neue Kleider, Pelze und Schmuck.
Nachdem Williams Leiche gefunden worden war, hörte Ruth auf, Gesellschaften zu planen. Doch sie trank weiterhin Whiskey, bis sie beinahe jeden Abend das Bewusstsein verlor. Sie behauptete, der Alkohol beruhige ihre Nerven, und Henry, der seine Tage damit verbrachte, Geschäfte zu führen, und sein Arbeitszimmer nur zum Essen und Schlafen verließ, stellte sicher, dass der Whiskeyvorrat für seine gramerfüllte Ehefrau nie zur Neige ging. Augenscheinlich waren ihre Eltern erleichtert, Clara aus dem Weg zu haben, solange sie um Punkt halb sechs zum Abendessen erschien – falls sie zu spät sein sollte, wäre sie besser tot oder läge zumindest in den letzten Zügen.
In den letzten sieben Monaten hatte sie ihren Eltern jede Woche die gleiche Geschichte aufgetischt, dass sie nämlich mit Julia, Mary und Lillian zu einer Vorstellung ging. Danach würde sie die Nacht bei Lillian verbringen. Ruth kannte zwar Lillian kaum, doch sie war einverstanden, dass Clara ihre Freizeit mit ihr und den anderen Mädchen verbrachte – schon allein weil ihre Mütter Mitglieder des Frauenbundes waren und in Ruths Kirche gingen. Für Ruth ergab es irgendwie durchaus einen Sinn, dass, wenn Julia und Mary die Nacht bei Lillian verbringen durften, alles schon seine Ordnung haben würde.
In Wahrheit trafen sich jedoch die Mädchen, anstatt ins Theater zu gehen, bei Lillian, um sich das Haar von Hand in Wellen zu legen und ihre mit Perlen besetzten, mit Fransen versehenen Charlestonkleider anzuziehen. Sie schoben ihre Strümpfe bis zum Knie hinunter, um zu zeigen, dass sie keine Korsetts trugen, und schlüpften in Riemchenschuhe mit hohen Absätzen. Dazu trugen sie lange Perlenketten, die zwischen ihren Brüsten hingen. Um zehn Uhr abends holte dann Lillians Freund sie in seinem Bentley ab und fuhr mit ihnen in die Stadt, während ihm sein Bruder im Rolls-Royce voller Freunde folgte.
Ihr Lieblingsklub, der Cotton Club, war ein angesagter Treffpunkt an der Ecke 142nd Street und Lenox Avenue mitten in Harlem, und er war als Tummelplatz der Reichen bekannt. In dem dunklen, verrauchten Klub tranken Clara und ihre Freunde schwarzgebrannten Gin, aßen in Schokolade getauchte Kirschen, rauchten Zigaretten und tanzten Charleston und Tango. Sie hörten Jazzmusik von Louis Armstrong und betranken sich derartig, dass sie kaum noch aufrecht stehen konnten.
Am allerwichtigsten war jedoch, dass Clara im...




