E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Die Wild-Hearts-Reihe
Wismar Wildest Dreams
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-30259-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Josi Wismar ist #BookTok Autorin des Jahres 2024!
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Die Wild-Hearts-Reihe
ISBN: 978-3-641-30259-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Jahre sind vergangen, seit Tara Kanada überstürzt verlassen musste. Zwei Jahre, seit Jaimie und sie sich zuletzt gesehen haben. Auch wenn die Zeit in Kanada mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist, wagt sie einen Neuanfang und zieht nach Vancouver. Als sie dort auf Jaimie trifft, ist sie schockiert. Obwohl sie weiß, dass er immer noch verletzt ist, kann sie sich nicht von ihm fernhalten. Doch er hat sich verändert. Was ist passiert, dass er so gebrochen wirkt? Während Tara sich bemüht, einen Job in einer Tierklinik zu finden, kämpft Jaimie zusehends mit den Schatten seiner Vergangenheit. Bei einem gemeinsamen Ausflug in die Berge flammen alte Gefühle wieder auf, und einen wunderbaren Moment lang sieht es so aus, als würde ihre Liebe eine zweite Chance bekommen. Doch manche Wunden heilen nie vollkommen ...
Josi Wismar ist #BookTok Autorin des Jahres 2024!
Spice-Level: 3 von 5
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1
Tara
Packlisten zu schreiben, war mir schon immer leichtgefallen.
Aber wie schreibt man eine Packliste, wenn man nicht mehr zurückkommt? Wenn das kein Urlaub ist, für den man packt, sondern ein neues Leben?
Ich schob den Gedanken an später beiseite und konzentrierte mich auf den Computer vor mir. Einen letzten Tag hatte ich in der Praxis meiner Eltern gearbeitet. Einen letzten Tag hatte ich Haustiere behandelt, während die Stimme meines Bruders durch die dünne Wand seines Behandlungszimmers zu mir rübergedrungen war. Ich speicherte zum dritten Mal meinen Behandlungsordner auf dem Praxis-PC ab und schaltete ihn dann aus. Ab Montag würde eine neue Ärztin hier anfangen, die die Praxis zusammen mit meinem Bruder Matty leiten würde. Mich ersetzen, während ich nach Kanada auswanderte.
Ich ging immer und immer wieder durch, was ich hier noch erledigen musste. An meinem letzten Tag in der Praxis. Ich schielte auf die Notiz auf meinem Handy und war froh, dass ich als Einzige länger geblieben war, während es verdächtig hinter meinen Augen brannte. Kurz und schmerzlos hatte ich mich von allen verabschiedet. , aus Gewohnheit gesagt, auch wenn das eine Lüge war. Es war für immer. Ich verließ diese Praxis, ich verließ Deutschland, ich verließ meine Familie. Zumindest den Teil, der noch davon übrig war.
Der einzige Punkt, vor den ich noch keinen Haken gesetzt hatte. Also ließ ich meine Hand ein letztes Mal über den Lichtschalter gleiten und starrte in die Dunkelheit vor mir. Die Ruhe, die über der Tierarztpraxis lag, war selten und doch seltsam vertraut. Die Befriedigung, die mich überkam, breitete sich in meinem ganzen Körper aus, und ich deutete es als Zeichen, dass ich das Richtige tat. Dass die Last, die da war, seit ich gesagt hatte, dass ich die Praxis zusammen mit Matty übernehmen würde, endlich abfiel.
Der Schlüssel drehte sich klirrend im Schloss, und ich atmete ein letztes Mal ein und aus.
Das war’s. Das war es wirklich gewesen.
»Hast du auch an alles gedacht?« Mein Vater saß mir gegenüber an unserem massiven Esstisch, der mir viel zu groß vorkam, seit wir nur noch zu dritt waren.
»Ich vergesse ja immer meine Ladekabel. Hast du die alle? Für Laptop und Handy und eReader und was du sonst noch alles hast?« Er tippte ein paarmal mit der Gabel in der Luft herum, und die Kartoffel, die darauf aufgespießt war, wackelte gefährlich.
»Ja, Papa.« Ich lachte leise, während sich die Erinnerung an meinen letzten Flug nach Kanada in den Vordergrund schlich. Am Abend davor hatten wir auch an diesem Tisch gesessen und gegessen. Gemeinsam mit meiner Mutter. Sie und mein Vater hatten vehement so getan, als würde ich nicht fliegen. Weil sie es nicht gewollt hatten. Heute verstand ich, warum. Zumindest teilweise. So ganz würde es nie in meinen Kopf gehen, warum man seinem Kind so etwas verheimlichte, auch wenn man glaubte, die eigenen Kinder auf diese Weise zu schützen.
»Was ist los, Tara?« Matty lehnte sich zu mir rüber und schaute mich besorgt an.
»Es ist gerade alles etwas viel«, antwortete ich wahrheitsgemäß, auch wenn diese Worte wenig hilfreich waren. »Ich frage mich einfach, ob ich das Richtige tue.« Mein Blick glitt zu dem leeren Platz neben meinem Vater. »Ich weiß, dass ihr beide immer wolltet, dass Matty und ich die Praxis übernehmen.« Schuldbewusst musterte ich meinen Vater. »Und jetzt … gehe ich einfach … schon wieder.« Ich wollte diese starke, selbstbewusste Frau sein, die zu ihren Entscheidungen stand. Schließlich hatte ich nicht leichtfertig beschlossen, nach Kanada zu ziehen. Und an den meisten Tagen konnte ich das auch sein. Aber eben nicht immer. Und vor allem nicht dann, wenn ich dem leeren Platz meiner Mutter gegenübersaß, am Abend, bevor mein Flug ging. Der Flug, für den ich ein One-Way-Ticket gebucht hatte.
»Wir haben das doch schon durchgesprochen, Tara.« Mein Vater sah mich mitfühlend an. »Du hast die letzten zwei Jahre alles für uns getan.« Er machte eine kurze Pause und sah mich eindringlich an. »Für mich«, fügte er hinzu und legte den Kopf leicht schief. »Jetzt wird es Zeit, dass du etwas für dich tust.« Matty, der neben mir saß, griff bei den Worten unseres Vaters meine Hand. Ich nickte sanft.
»Danke, Papa.« Meine Stimme kaum mehr als ein Krächzen. Wochenlang hatten wir darüber gesprochen, dass ich nicht zufrieden war.
»Ich will dich doch nur glücklich machen.« Ich presste die Lippen aufeinander, wusste nicht, woher diese Worte kamen. Mein Vater seufzte leise, aber es schwang kein Vorwurf darin mit. Vielmehr Verständnis und Liebe.
»Ich will vor allem, dass du dich selbst glücklich machst, Tara, Liebling.« Mein Vater schluckte, und ich bemerkte, wie seine Schultern sich leicht verspannten. »Das ist mein Job als Vater. Auch wenn ich diesen in den letzten Jahren eher weniger gut gemacht habe. Ich habe viel aufzuholen, weißt du.« Er lachte leise, aber das Lachen erreichte seine Augen nicht. Wir alle hatten Fehler gemacht. Allen voran er und meine Mutter. Vieles war schnell verziehen, und über die anderen Dinge hatten wir zum Glück in den letzten Monaten immer mehr gesprochen. Ich stand auf, ging um den Tisch und stellte mich zu meinem Vater.
»Ich hab dich lieb, Papa«, flüsterte ich, während ich mich zu ihm runterbeugte und ihn in eine feste Umarmung zog. Plötzlich schlangen sich zwei weitere starke Arme von hinten um mich.
»Ich werde dich vermissen«, nuschelte mein Bruder, der sein Gesicht in meinen Haaren vergrub.
»Ich euch auch.« Ich zog beide noch enger an mich und nahm diesen Moment so gut es ging in mir auf. Denn morgen Abend würden die beiden nur noch zu zweit am Esstisch sitzen.
Meine Flugnummer prangte an der großen Anzeige im Abflugterminal, und ich notierte mir den Schalter, an dem ich gleich mein letztes Gepäck abgeben würde. Meine restlichen Klamotten würde zum Glück die Spedition in ein paar Tagen liefern. Zusammen mit den wenigen Kisten, in denen Bücher, Fotos und das Stethoskop, das mein Vater mir zum Studienabschluss geschenkt hatte, Platz fanden.
»Mach’s gut, Schwesterherz.« Ich sah meinen Zwillingsbruder an, der genauso hin- und hergerissen schien, wie ich mich fühlte. Ganz klassisch: ein lachendes und ein weinendes Auge zugleich.
»Lass mal was von dir hören«, sagte mein Vater mit dieser rauen Stimme, die ich nur zu gut kannte. Von den Momenten, in denen er von meiner Mutter sprach. Momenten, in denen er traurig war. Wie jetzt.
»Das mache ich, versprochen.« Ich zog die beiden in eine dicke Umarmung und spielte kurz mit dem Gedanken, sie einfach nie wieder loszulassen. Die Beziehung zu meinem Vater hatte sich zunächst kompliziert gestaltet, nachdem ich zurückgekommen war. Es war nicht einfach gewesen, wie er – und auch meine Mutter – sich mir gegenüber verhalten hatten. Aber man verzeiht so viel, wenn es um den Tod geht.
»Ich erwarte mindestens ein Foto pro Woche«, sagte Matty mit erhobenem Zeigefinger.
»Und ich mindestens einen Besuch im Jahr«, fügte mein Vater hinzu.
»Versprochen«, sagte ich erneut und dachte zurück an den Moment, als ich das letzte Mal nach Kanada aufgebrochen war. Mit meinen Eltern hatte ich nicht geredet, und Matty hatte keine Zeit gehabt, also war ich allein mit meiner besten Freundin Mila zum Flughafen gefahren.
Zwei Jahre später stand ich wieder hier, im selben Terminal, auf dem Weg, in ein Flugzeug zu steigen. Vielleicht sogar dasselbe.
Doch dieses Mal war alles anders. Mein Vater war hier, meine Mutter konnte es nicht sein. Mein Bruder hatte uns gefahren, und meine beste Freundin wartete auf der anderen Seite des Globus auf mich.
Sie konnte es bestimmt kaum erwarten, mir mein Zimmer in unserer kleinen Wohnung in Vancouver zu zeigen.
Ich fischte mein Handy aus dem Fach des Sitzes vor mir und verspürte das dringende Bedürfnis, meine Beine auszustrecken. Ich war nicht für Langstreckenflüge gemacht. Oder langes Sitzen. Oder beides.
Ein Business-Class-Ticket war es mir dann aber doch nicht wert gewesen.
19:37 Uhr
Ich starrte auf das helle Display, bis es schwarz wurde und mir meine eigene Reflexion entgegenblickte. Mein müdes Spiegelbild rang sich nicht einmal ein Lächeln ab. Die Zeit wollte während dieses Fluges einfach nicht vergehen. Vor allem dann, wenn wir landeten, mein Handy auf die kanadische Zeit umstellte und neun Stunden zurücksprang, war es noch unerträglich lang, bis dieser blöde Tag endlich enden würde. Ich freute mich unfassbar. Aber für Abschiede war ich einfach nicht gemacht.
»Ich vermisse dich jetzt schon«, tippte ich eine Nachricht an meinen Bruder und starrte auf die winzige Uhr neben der Nachricht, aus der kein Haken wurde. Die gleichen fünf Worte hatte ich ihm am Flughafen heute Morgen schon häufiger gesagt, als ich zählen konnte. Aber es stimmte. Ich würde meinen Bruder vermissen, wenn ich nach Vancouver auswanderte.
Oh Gott, und ich tat das wirklich. Ich streckte mich nach oben und drehte die schmale Lüftung voll auf, um die mit einem Mal aufkommende Wärme in mir zu regulieren.
Durchatmen, Tara.
Tief durchatmen.
Immer und immer wieder, einfach weiteratmen.
Und wenn ich lange genug weiteratmete, würde ich irgendwann ankommen.
Ich zog die dünne Softshelljacke aus, die mir im klimatisierten Flugzeug den Hintern gerettet hatte. Aber schon auf den ersten Metern der Ankunftshalle in Vancouver hatte ich gemerkt, dass wir Ende Juli hatten und ich...




