E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Witemeyer / Jennings / Connealy Bräute auf Abwegen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96122-307-7
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei turbulente Liebesgeschichten.
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-96122-307-7
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karen Witemeyer liebt historische Romane mit Happy End-Garantie und einer überzeugenden christlichen Botschaft. Nach dem Studium der Psychologie begann sie selbst mit dem Schreiben. Zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Texas.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Mit der Geschicklichkeit eines Pumas kletterte Dead-Eye Dan auf die hohe Eiche. Mühsam und mit zusammengebissenen Zähnen hangelte er sich am Baumstamm nach oben. Sein Blick hing an der Astgabel über ihm. Er hatte nur diese eine Chance, seine Beute aufzuhalten. Nur diese eine Gelegenheit, den Sieg davonzutragen – er wird sie nicht verpassen.
Als er den Ast, den er im Blick hatte, erreichte, ließ sich Dan in der Astgabel nieder und stemmte die Beine gegen den dicken Stamm. In einer schnellen Bewegung zog er seine langläufige Remington-Flinte aus dem Holster auf seinem Rücken und klappte mit einem Schnippen des Daumens den Sucher hoch. Der Gewehrkolben aus Walnuss schmiegte sich an seine Schulter, als wäre er ein Teil seines Körpers.
Dan beugte sich vor, stützte den Gewehrlauf auf dem Ast vor sich ab und nahm sein Ziel ins Visier. Vier Pferde in etwa 750 Meter Entfernung. Vier Diebe und ein Mädchen. Sein Mädchen. Die Banditen hatten sie mitgenommen, als sie aus der Bank stürmten. Sie sollte ihr Schutzschild sein und ihn in Schach halten. Ein tödlicher Irrtum. Denn in dem Augenblick, in dem sie Hand an Mary Ellen Watkins legten, hatten sie ihre Todesurteile unterschrieben.
aus „Dead-Eye Dan und die Schurken aus dem Teufelscanyon“
Freestone County, Texas
Frühling 1892
Ganz vertieft in den Roman in ihrer Hand knabberte Marietta Hawkins an ihrer Unterlippe und wühlte sich noch tiefer in den Heuhaufen vor dem Fenster des Heubodens. Sie wusste, dass sie sich beim Lesen Zeit nehmen und die Geschichte mehr genießen sollte, denn auf dem Buchdeckel wurde sie als das letzte Abenteuer von Dead-Eye Dan angepriesen. Aber das war unmöglich. Sie musste unbedingt wissen, wie es weiterging. Einem Nimmersatt gleich verschlang sie ungeduldig eine Seite nach der anderen und konnte es kaum erwarten, weitere Heldentaten des Revolverhelden mitzuerleben. Gleichzeitig wünschte sie sich jedoch, der Roman würde nie zum Ende kommen. Denn die Wahrheit war, dass sie sich in Dead-Eye Dan verliebt hatte.
Oh, nicht auf diese schwärmerische Art der Liebe, wie sie auf den Seiten ihres neusten Groschenromans beschrieben war. Nein, sie liebte den Mann aus Fleisch und Blut, der diese Geschichten inspiriert hatte – Daniel Barrett, den ehemaligen Kopfgeldjäger und jetzigen Vormann auf Hawk’s Haven, der Ranch ihres Vaters.
Leise Männerstimmen drangen zu Marietta herauf, aber sie ignorierte sie. Die Geschichte war zu spannend, als dass es sie interessierte, worüber die Männer ihres Vaters redeten. Dies war der erste Roman, in dem Dead-Eye Dan Interesse an der Liebe zeigte, und die fiktive Frau in der Geschichte erfüllte Mariettas Herz mit Hoffnung. Wenn Dead-Eye Dan, der skrupellose Kopfgeldjäger, sich verlieben konnte, dann wäre das doch sicher auch eine Möglichkeit für Daniel Barrett, den hart arbeitenden Vormann der Ranch ihres Vaters, oder?
Die Stimmen wurden lauter, und sie konnte jetzt verstehen, was gesagt wurde. Es war unmöglich, sie auszublenden. Sie erkannte ihren Vater und … Daniel!
Marietta klappte ihr Buch zu und schob es ins Heu. Daniel Barrett würde sich bestimmt darüber ärgern, wenn er sie dabei ertappte, dass sie solches Gewäsch, wie er es nannte, las. Er verabscheute diese Romane. Er verabscheute sie, weil darin die Gewalt, die sein früheres Leben bestimmt hatte, verherrlicht wurde. Sie enthielten nichts als Übertreibungen und ausgemachte Lügen. Und sollte jemand es wagen, ihn Dead-Eye Dan zu nennen … nun, derjenige würde sehr schnell merken, was er, Daniel, davon hielt. Nur Lily Dorchester, die Adoptivtochter von Daniels früherem Partner Stone Hammond, war einmal ohne Konsequenzen damit davongekommen. Sie war damals erst neun Jahre alt gewesen und unglaublich niedlich. Wie sie zu Daniel aufgeblickt hatte, als wäre er ihr Held.
Die Erinnerung daran zauberte ein Lächeln auf Mariettas Gesicht. Doch dann riss sie das Gespräch unterhalb des Heubodenfensters aus ihren Tagträumen.
„Es wird höchste Zeit für mich weiterzuziehen, Jonah. In der vergangenen Woche habe ich die alte Thompkins-Farm am Ortsrand von Steward’s Mill gekauft. Dort gibt es Wasser und jede Menge gutes Weideland für meine Maultiere. Außerdem sind die Nebengebäude sehr robust. Das Haus ist zwar nicht besonders groß, aber für mich wird es reichen.“
Marietta erstarrte. Eine lange Minute setzte sogar ihr Herzschlag aus. Aber wie sollte es auch schlagen, wenn es kurz davor war zu zerspringen?
„Ich lasse dich nur ungern ziehen, Daniel“, antwortete ihr Vater, für Mariettas Geschmack viel zu wenig ablehnend.
Zwinge ihn zu bleiben, Daddy. Du bist sein Boss. Sag ihm, dass er nicht gehen kann. Noch nicht. Ich brauche mehr Zeit!
Der tiefe Seufzer ihres Vaters zerschlug den kleinen Hoffnungsschimmer, der in ihr geschlummert hatte. Er würde nachgeben und nichts dagegen unternehmen. „Du bist der beste Vormann, den ich je gehabt habe, Junge. Ohne dich wird die Double H nicht mehr dieselbe sein.“
Marietta schloss die Augen. Das Schicksal klopfte an die Tür ihrer Träume – ein entsetzliches Geräusch.
„Ramirez kann meinen Platz einnehmen. Die Männer respektieren ihn. Er wird ein guter Vormann sein.“ Daniel sprach seine Empfehlung aus, ohne seinen eigenen Wert hervorzuheben. Aber so war er eben. Bescheiden. Ein guter Arbeiter. Niemals auf Lob aus. Zufriedenheit fand er darin, dass er seine Arbeit gewissenhaft erledigte.
Na ja, in einer Angelegenheit hatte er seinen Job nicht gut gemacht. Sozusagen überhaupt nicht. Marietta wartete nun schon seit drei Jahren darauf, dass er ihr seine Gefühle gestand. Drei Jahre, in denen sie immer wieder einmal ein verheißungsvolles Aufleuchten seiner Augen bemerkt hatte, woraufhin er sich aber sofort wieder abgewandt hatte. Drei Jahre, in denen sie ihm geduldig immer wieder gezeigt hatte, was für eine gute Ranchersfrau sie wäre. Und jetzt wollte er weggehen?
Marietta rutschte ein Stück vor und blickte durch das Dachfenster auf die unten stehenden Männer. Ihr Vater, von großer und stämmiger Statur, die ergrauten Haare verborgen unter seinem Stetson, streckte seinem Vormann die Hand hin. Daniel Barrett unfasste sie fest, und die Entschlossenheit in seinem Gesicht machte Marietta wütend. Die Stärke ihres Zorns verblüffte selbst sie.
Wie konnte er das tun? Sie wusste doch, dass er sie mochte. Zumindest ein wenig. Wenn ihr Vater nicht in der Nähe war, ließ Dan sie keine Sekunde aus den Augen. Er beobachtete sie wie ein Habicht und schimpfte sie aus, wenn sie etwas tat, das auch nur ansatzweise gefährlich sein könnte. Das war doch ein Beweis dafür, dass sie ihm wichtig war. Oder etwa nicht?
Sie hatte seinen übertriebenen Beschützerinstinkt hingenommen, obwohl sie ihn manchmal als regelrecht erdrückend empfand. Er behandelte sie wie eine Porzellanpuppe auf einem Regal, die nur bewundert werden durfte, aber nicht zum Spielen gedacht war. Doch Marietta wollte nicht aus der Ferne bewundert werden. Sie wollte berührt werden – gehalten, umarmt, und zwar von ihm. Aber sie wollte auch nicht den Eindruck einer trotzigen Kratzbürste erwecken. Darum nahm sie seine Anweisungen hin – nun, zumindest die meisten –, während sie ihm gleichzeitig ihre Talente vorführte. Zum Beispiel, wie man einen Haushalt führte.
Sie kochte seine Lieblingsgerichte und verarztete die Verletzungen der Männer. Sie sattelte ihr Pferd selbst und ritt so gut, dass nur wenige Frauen mit ihr mithalten konnten. Sie wollte ihm zeigen, wie viel sie als Gefährtin, als Partnerin wert war. Doch er hielt nach wie vor Abstand zu ihr. Vermutlich war der Grund dafür der Grundsatz ihres Vaters, dass seine Angestellten sich von seiner Tochter fernhalten sollten. Aber vielleicht war es ja gar nicht diese Regel, die Daniel davon abgehalten hatte, sich ihr zu erklären? Vielleicht war sie für ihn nichts weiter als eine lästige Pflicht?
„Die Thompkins-Farm ist ein gutes Fleckchen Land“, sagte ihr Vater gerade. „Wenn du näher an der Stadt wohnst, kannst du bei dem wachsenden Interesse an deinen Maultieren den Kontakt zu deinen Käufern besser halten. Ich habe gehört, dass eine Frachtfirma aus Tennessee an deinen Tieren interessiert ist. Das ist beeindruckend, Junge.“ Er klopfte Daniel anerkennend auf die Schulter. Der Stolz auf seinen Vormann war nicht zu übersehen. „Ich wusste schon immer, dass du eine besondere Gabe im Umgang mit diesen störrischen Lebewesen hast, aber dein Ruf hat sich scheinbar weiter verbreitet, als ich zunächst gedacht habe.“
Daniel senkte den Blick. Ein Kompliment entgegenzunehmen, fiel ihm schwer. Er nahm seinen Hut ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Die Sonnenstrahlen fingen sich in seinen Haaren und verwandelten seine glänzende, kastanienbraune Haarpracht in ein Bett von rot glühenden Kohlen.
Marietta saugte den Anblick in sich auf. Sie liebte seine dichten Haare. Die widerspenstigen Locken ließen auf eine gewisse Wildheit unter seiner ach so kontrollierten Oberfläche schließen. Eine Wildheit, die in ihrer Gegenwart nur wenige Male zum Vorschein gekommen war. Aber das reichte ihr schon, denn sie verschloss diese Erinnerungen in ihrer Brust als Beweis dafür, dass sie ihm nicht gleichgültig war. Nein, sie war für ihn nicht nur eine lästige Pflicht, sondern viel mehr. Das musste sie ihm nur klarmachen, bevor er von ihr fortging.
6
Daniel Barrett setzte seinen ziemlich ramponierten Hut wieder auf den Kopf und kratzte seinen kurz geschnittenen Bart. Das Gespräch war schwieriger...




