E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Jennings Der vertauschte Bräutigam
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96122-087-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-96122-087-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Regina Jennings hat Englisch und Geschichte studiert. Sie lebt mit ihrem Ehemann und den vier gemeinsamen Kindern in der Nähe von Oklahoma City.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Februar 1865
Gefängnis in der Gratiot Street, St. Louis, Missouri
„Zuerst werden Sie meiner Liebsten einen Abschiedsbrief schreiben und dann heiraten Sie mich.“ Das Lächeln des Gefangenen stand im Widerspruch zu den Schweißperlen auf seiner Stirn.
Abigail Stuart wrang den Lappen mit dem lauwarmen Wasser aus und tupfte ihm die Stirn ab. „Ich werde Ihrer Julia nicht schreiben, um ihr mitzuteilen, dass ich jetzt ihren Platz einnehmen werde. Sie haben offenbar schon Fieberträume. Romeo war jedenfalls kein flatterhafter Liebhaber.“
Eine Fliege ließ sich auf seinem Kinn nieder. Der Gefangene hob seinen Arm – oder was noch davon übrig war. Er schien vergessen zu haben, dass er sich mit dem eitrigen Stumpf nicht ans Kinn fassen konnte. Abigail verscheuchte den Plagegeist und wünschte, sie hätte eine Decke, um seinen Schüttelfrost etwas zu lindern. Nachdem sie zwei Jahre lang kriegsgefangene Südstaatensoldaten gepflegt hatte, die im Sterben lagen, machte ihr der Anblick von entstellten Körpern nichts mehr aus. Aber über das sinnlose Leid dieser jungen Männer kam sie nicht hinweg.
„Sie werden doch hier nicht glücklich, Miss Abby, so ganz ohne einen Stall voller Pferde“, sagte er. „Und genau das kann ich Ihnen bieten. Sie müssen dieses Gefängnis doch leid sein.“
„Meine Pferde sind weg. Die Krankenpflege ist das Einzige, was mir geblieben ist.“
Der Mann fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Wenn Sie mich heiraten, müssen Sie keinen Tag länger hierbleiben. Eine Farm, Vieh, die besten Pferde in der Gegend – all das gehört dann Ihnen. Wenn das das Letzte ist, was ich in diesem Leben tun kann …“
Dr. Jonson warf Abigail einen Blick zu. Sie hatte schon viel zu lange bei ihrem Lieblingspatienten verweilt, aber sie bereute es nicht. Er war freundlich zu ihr. Gleichgültig, welche Farbe seine Uniform vorher gehabt hatte, er hatte sie abgelegt. Sie schleuderte den Lappen in die Schüssel. Durch den Wundbrand litt er nun an einer Blutvergiftung. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Ihm ebenso wenig.
„Und was ist mit Ihrer Verlobten? Warum vermachen Sie ihr nicht die Farm?“
„Meine Liebste?“ Sein Blick wurde sanft, trotz der Schmerzen. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Es war, als atme er den Duft von frischem Heu ein und nicht den Gestank der Krankenstation. Mit seiner gesunden Hand trommelte er auf die dünne Matte, auf der sein ausgemergelter Körper lag. „Meine Verlobte kommt schon allein zurecht. Dieser Krieg wird sie nicht aufhalten. Ich mache mir Sorgen um … um meine Schwester. Rachel ist nicht sehr kräftig – schon seit sie dieses Fieber hat. Sie sind Krankenschwester und könnten ihrer Mutter auf der Farm helfen. Das ist die perfekte Lösung.“
In Abigails Herz glomm ein kleiner Hoffnungsschimmer auf. Konnte das der Ausweg sein, um den sie Gott gebeten hatte? „Und wenn es mir in den Ozark Mountains nicht gefällt? Oder wenn Ihre Familie keinen Yankee in ihrem Haus will?“
„Dann gehen Sie halt einfach wieder.“
Sie ergriff seine Hand und war wieder einmal überrascht, wie warm diese trotz der Kälte des Raums war. „Sie wissen ja nicht einmal Ihren richtigen Namen, Romeo. Oder ist Ihr Gedächtnis inzwischen wieder zurückgekehrt?“
Er schauderte, als ihn ein weiterer Schüttelfrostanfall überkam. Schnell hatte er den Schmerz wieder unter Kontrolle und sein Lächeln kehrte zurück.
„Mein Name ist Jeremiah Calhoun, Captain Jeremiah Calhoun.“
Sie hatte schon vermutet, dass ihm der Gedächtnisverlust recht gelegen gekommen war. Genau wie sie hatte auch er seine Gründe, weshalb er seine Vergangenheit verschwieg.
„Und was soll ich Ihrer Julia sagen?“
„Die Wahrheit.“ Dabei grinste er störrisch. „Sie wird vielleicht wütend werden, vor allem wenn eine große blonde Frau bei ihr auftaucht – genau das, was sie nicht ist. Aber wenigstens ist Rachel dann versorgt. Ihr fühle ich mich verpflichtet.“
Verpflichtet. Abigail wusste nur zu gut, wozu falsch verstandenes Pflichtgefühl führen konnte. In den Gräbern draußen vor dem Gefängnis lagen Unzählige von Soldaten, denen dieses fehlgeleitete Pflichtgefühl den Tod gebracht hatte.
„Wie werden Sie sich entscheiden, Miss Abby? Spannen Sie mich nicht auf die Folter. Für eine lange Verlobungszeit bleibt mir keine Zeit mehr.“
Sie stellte die Schüssel auf den Steinboden und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab. Die Südstaaten würden nicht mehr lange standhalten. Der Krieg wäre bald vorüber. Seit der Belagerung von Vicksburg hatte Abigail unzählige Heiratsanträge einsamer Patienten abgewehrt. Aber bald würden die Überlebenden zu ihren Familien heimkehren. Schon bald wäre sie ganz allein in einer Welt, in der es kaum noch unversehrte Männer und noch weniger Arbeitsmöglichkeiten gab. Nach Hause konnte sie nicht. Dort war sie nicht länger willkommen. Wenn sie all den Wirrwarr bedachte, den dieser Krieg mit sich gebracht hatte, dann sollte sie sein Angebot vielleicht doch überdenken, gleichgültig, wie riskant es war. Schließlich hatte er recht: Wenn es nicht gelang, hatte sie nichts verloren.
„Captain Calhoun, erlauben Sie mir, ein Blatt Papier zu besorgen. Wenn ich zurück bin, können wir Ihrer Verlobten einen Brief schreiben. Derweil habe ich Zeit, über Ihr Angebot nachzudenken.“
„Sie sollten sich vielleicht auch gleich ein wenig frisch machen“, sagte er mit einem schelmischen Zwinkern. „Ich möchte, dass meine Braut so hübsch wie möglich ist.“
S
März 1865
Hart County, Missouri
Der Bahnhofsvorsteher hatte zwar gesagt, dass es bis zur Farm noch acht Meilen Fußweg waren, aber nicht, dass der Weg steil bergauf führte. Trotzdem genoss Abigail die Anstrengung an der frostigen Luft, vor allem nach dem langen untätigen Herumsitzen im Zug.
Zwischen den Kieseln auf dem Weg hatte sich Feuchtigkeit angesammelt. Unter dem Druck ihrer Schuhsohlen bildeten sich kleine Pfützen, die aber schon beim nächsten Schritt wieder verschwanden. Sie spürte die Anstrengung in Körperteilen, über die Damen gewöhnlich nicht sprachen. Mit Felsen durchsetzte Wälder wechselten sich ab mit ebenen Weideflächen und Farmen – Zeugnisse für den heldenhaften Versuch der Menschen, unwirtliches Land urbar zu machen.
Das überraschte sie jedoch wenig. Obwohl er für die falsche Seite gekämpft hatte, hatte ihr Romeo heldenhaft standgehalten. Er hatte Stärke bewiesen, als er den Verlust seines Armes hingenommen hatte, und war schon kurz nach der Amputation die 250 Meilen von Westport nach St. Louis marschiert. Unablässig hatte er an der Überzeugung festgehalten, dass es ihm bald wieder gut genug gehen würde, um in seine Heimat und zu seiner großen Liebe zurückzukehren. Aber die Infektion, die er sich unterwegs zugezogen hatte, hatte seine Pläne über den Haufen geworfen.
Inzwischen hatte seine Verlobte sicher von seinem Tod erfahren. Sie sollte seinen Brief und seine Familie die Nachricht vom Gefängnishospital erhalten haben. Abigail wollte jedoch nicht, dass seine Angehörigen von der Heirat erfuhren, weil sie sich noch nicht sicher war, ob sie Jeremiah Calhouns „Geschenk“ wirklich in Anspruch nehmen würde. Wie schwer musste es sein zu erfahren, dass der Geliebte eine andere geheiratet hatte. Vor allem, wenn er verstorben war, bevor man ihm die Meinung dazu sagen konnte. Aber Abigail durfte seine Schwester nicht vergessen – die Schwester, die er so sehr geliebt hatte, dass er seiner Verlobten den Laufpass gegeben und aufgehört hatte, sich vorzumachen, er würde wieder gesund und könnte seiner Verantwortung selbst nachkommen. Zumindest ehrte sie Jeremiahs letzten Willen, wenn sie jetzt nach seiner Mutter und seiner Schwester sah. Wenn es ihnen gut ging, würde sie nicht bleiben. Aber es war ihr immer noch ein Rätsel, wohin sie dann gehen sollte.
Seit ihre Mutter wieder geheiratet hatte, hatte Abigail kein wirkliches Zuhause mehr gehabt. Nach der Hochzeit wurde alles das Eigentum von John Dennison – angefangen bei ihrem neuen Hengstfohlen bis hin zum alten Schreibtisch ihres Vaters. Aber statt sich auf die Zunge zu beißen und mit ihrer Meinung hinter dem Berg zu halten, hatte Abigail deutlich zum Ausdruck gebracht, was sie davon hielt, dass John alle Tiere verkaufte. Aber er hatte sich für ihre Worte gerächt. Abigail verdrängte die traurigen Erinnerungen. Sie wollte die Vergangenheit hinter sich lassen. Sie hatte keine Vergangenheit mehr. Sie wollte nur noch nach vorn schauen.
Die Äste einer Akazie wuchsen weit über den Weg. Abigail raffte ihren hellgrünen Rock zusammen, um ihn nicht an den Dornen des Baumes zu zerreißen. Vielleicht hätte sie lieber Trauerkleidung tragen sollen. Aber es erschien ihr nicht weise, ihre Kleider schwarz zu färben, bevor sie entschieden hatte, ob sie sich überhaupt als Witwe zu erkennen geben wollte. Und da sie sich kein neues Kleid hatte leisten können, seit sie ihrem Elternhaus den Rücken gekehrt hatte, konnte sie auch keines opfern.
Der Weg wurde ebener und am anderen Ende der Lichtung tauchte eine grob gezimmerte Blockhütte auf. Aus dem Kamin stieg Rauch, und ein Hund kam unter der Veranda hervor, um ihre Ankunft anzukünden.
Sie vernahm laute Stimmen, die versuchten, den Hund zum Schweigen zu bringen. Ein Kind fing an zu weinen. Abigail presste ihre Umhängetasche an sich und beschleunigte ihre Schritte, um das unbekannte Haus möglichst schnell hinter sich zu lassen.
„Wohin wollen...




