E-Book, Deutsch, 206 Seiten
Witte Bluthügel
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7396-1809-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Osnabrücker Land-Krimi
E-Book, Deutsch, 206 Seiten
ISBN: 978-3-7396-1809-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der zweite Fall für Roman Sellberg und Maike Wasmuth. Ein Hügel. Ein altes Bergwerk. Ein Geheimnis. In der malerischen Schönheit des Teutoburger Waldes, genauer in Hagen a.T.W., verliert sich die Spur einer früheren Schulfreundin von Maike Wasmuth. Zusammen mit ihrem Kollegen Patrick Bonhof macht sich die Hauptkommissarin an die Arbeit und stößt schnell an ihre Grenzen. Denn gerade die Alten im Dorf benehmen sich sonderbar und erzählen komische Dinge. Sie erfährt, dass sie ein lange zurückliegendes Ereignis verbindet. Aber welche Geschichte des alten Bergwerks soll nicht erzählt werden? Und was heißt das für das Verschwinden ihrer Freundin? Erst der Fallanalytiker Roman Sellberg erkennt die unheimliche Verbindung der beiden Ereignisse und kann den entscheidenden Hinweis geben. Sie durchbrechen die Mauer des Schweigens und erfahren, was es mit dem Bluthügel auf sich hat...
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Drei
Drei »Ja, Oma. Ich verspreche es dir.« Maike Wasmuth rollte mit den Augen. Das Telefongespräch mit ihrer sechsundachtzigjährigen Großmutter zog sich nun schon wieder zu lange hin und zu ihrem Verdruss machte die alte Dame auch keine Anstalten, ein Ende zu finden. Aber, so gestand sie sich insgeheim ein, das Gespräch war mehr als überfällig gewesen. Beschämt hatte sie heute auf ihrer Laufrunde durch den Wald daran gedacht, wie lange das letzte schon wieder her war. Es musste vor mehr als einem Monat gewesen sein. Und seit ihre Oma zu Maikes Tante nach Süddeutschland gezogen war, sahen sie sich auch so gut wie gar nicht mehr. Allein der Punkt, wie die Gespräche immer nach dem gleichen Muster abliefen, ging ihr auf die Nerven. Oma Else nahm nicht wirklich Anteil an ihrem Leben, ließ aber keine Gelegenheit aus, darauf Einfluss zu nehmen. Alles musste sie kommentieren und zu allem ihren Senf dazugeben. So war es auch diesmal. Längst hatte Maike sich angewöhnt, während dieser Telefonate, bei denen sie lethargisch auf den Redeschwall mit gelangweilten Kommentaren antwortete, die ohne weiteres auf jede gestellte Frage passten, anderen Dingen nachzugehen - sofern es mit dem Hörer am Ohr möglich war. Entweder surfte sie im Internet oder schaltete alle Fernsehprogramme einmal rauf und wieder runter. Heute feilte sie an ihren Fingernägeln. Eine Aufgabe, die sie meistens bei längeren Telefongesprächen erledigte. Sie tat es mehr oder weniger flüchtig, gerade so, damit ihre Nägel wieder in Form kamen, schließlich machte Maike sich nicht viel aus Äußerlichkeiten. Fingernägel hatten in erster Linie einen praktischen Nutzen; sich mit ihnen länger als nötig zu beschäftigen, hielt sie für Zeitverschwendung. Zudem dachte sie beim Hantieren mit der Feile auch immer an ihren Vater. »Wer gut aussieht, hat nix in der Birne! Äußerlichkeiten vergehen, innere Werte nie!« Diese und ähnliche Aussprüche hatte sie sich immer zu Herzen genommen. Er war großartig darin, Dinge auf den Punkt zu bringen. Und waren sie nicht auch zutreffend? Wenigstens ein kleines bisschen? »Maike?« Das laute Rufen ihrer Oma holte sie zurück und verriet ihr, offenbar eine Frage überhört zu haben. »Bitte, was meintest du gerade?«, fragte sie ertappt. »Du hörst mir schon wieder nicht zu, stimmt´s?«, tadelte ihre Großmutter. »Machst du nie, Liebes. Ist ja auch egal. Ich habe gefragt, ob du mit diesem Wegberg jetzt zusammen bist?« Maike lächelte. Ihre Oma wurde wohl doch langsam schusselig. Ihr Kollege vom Landeskriminalamt musste als Ausrede herhalten, warum ihr letztes Lebenszeichen so lange zurücklag. Ganz zu Beginn des Gespräches ließ sie einfließen, mit ihm zusammen an einer vertrackten Sache zu arbeiten. »Oma, wer hier wohl nicht zuhört? Ich sagte, Sellberg und ich arbeiten zusammen. Wir sind nicht zusammen. Sind wir nie gewesen.« »Achso. Aber du kannst doch nicht ewig alleine bleiben! Gehst du denn nie raus? Du kannst doch nicht immer nur arbeiten.« »Oma, ich komme zurecht. Ich gehe auch raus. Aber es ist nicht so einfach, weißt du…?« »Ja, ja. Dein Opa und ich hatten damals auch keine Wahl.« Wieder rollte Maike mit den Augen und fügte ihrer imaginären Strichliste einen weiteren Eintrag hinzu. Die Geschichte kannte sie nun wirklich zu gut. Es war höchste Zeit, das Gespräch zu beenden. Was jetzt noch folgen würde, war eh immer dasselbe, und darauf hatte sie nun überhaupt keine Lust. Wie auf Bestellung kam ihr das Klingeln der Haustüre zu Hilfe. »Du, Oma, es klingelt. Ich muss mal nachsehen. Ja, ich melde mich wieder, versprochen. Tschüssi. Kuss!« Maike drückte das Gespräch weg und holte tief Luft. Obwohl sie ihre Oma war, nervte sie mitunter, und trotzdem kam sie sich schäbig vor, sie so abzubügeln. * * * Sie erhob sich und ging zur Tür. Eigentlich konnte es nur Patrick sein. Und er war es auch, der sich an der Gegensprechanlage meldete. Sie drückte auf den Öffner und ging zurück in die Wohnung, während ihr Besuch die Treppe heraufkam. Wenig später hörte sie, wie die Tür von innen zugedrückt wurde. Kurz darauf stand ihr Kollege aus der Mordkommission im Türrahmen. Vor sich hielt er ein kleines Paket, das mit dünnem Papier eingeschlagen war. Darauf erkannte sie den aufgedruckten Schriftzug ihrer Lieblingsbäckerei. »Hallo, Frau Kollegin. Lust auf Kuchen?« »Herr Kollege, sehr erfreut, Sie in dieser Aufmachung zu sehen. Sollten Sie sogar meinen Lieblingskuchen dabeihaben?« »Welcher wäre?« »Fängt mit Sahne an und hört mit Torte auf.« »Na, da habe ich wohl Glück.« Maike nahm ihm das Paket aus der Hand und ging voran in die Küche. »Kaffee oder Tee?«, fragte sie über die Schulter. »Lieber Tee, bitte.« »Sehr gut. Da ist mir jetzt auch nach. Dann mache ich uns ein Kännchen. Du hast ja schon mal richtig gute Einfälle, muss ich zugeben. Hier mit Kuchen aufzutauchen.« »Manchmal hab ich eben lichte Momente.« Patrick Bonhof sah sich in der Küche um. Sein letzter Besuch war mehrere Wochen her und einiges hatte sich verändert. Neue Küchenstühle standen um den kleinen Esstisch in der Ecke und auch bei der Dekoration war Maike neue Wege gegangen, wie er anerkennend feststellte. Er war immer ein wenig neidisch auf die Leute, die für so etwas ein Händchen hatten, ihm ging so etwas völlig ab. Zweckmäßigkeit war für ihn das dominierende Schlagwort bei der Einrichtung einer Wohnung. Maike bewunderte er aber nicht nur wegen ihres offensichtlichen Talents zur geschmackvollen Innendekoration. Es war jetzt etwas mehr als ein Jahr her, seit er nach Osnabrück gekommen und gleich der Abteilung Kapitaldelikte zugeteilt worden war. Zu der Zeit überschlugen sich die Ereignisse, die ihm nicht nur eine häufige Zusammenarbeit mit Wasmuth bescherten, sondern ihm gleichzeitig ausreichend Gelegenheit boten, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Außerordentliche Fähigkeiten, wie nicht nur sie ihm attestiert hatte. Patrick wusste um ihren Stand bei der Führung, weshalb er auf ihre Meinung viel gab. Schon früh bekam er die Sprüche mit, wonach Maike unter den Kollegen als ein Mensch galt, der niemanden zu nahe an sich heranließ. Viele sahen in ihr eine unterkühlte Fachidiotin, die nur auf ihre Karriere schielte. Eine Meinung, die er sehr schnell als blanken Neid enttarnen konnte. Stattdessen erkannte er, wie sehr ihre Unnahbarkeit in erster Linie auf Abgrenzung fußte; ihr war einfach die strikte Trennung von Beruf und Privatleben eminent wichtig. Gerne erinnerte er sich an den Abend zurück, als sie in das Morddezernat kam, in dem er als einziger noch gearbeitet hatte. Nicht lange, und sie hatten die berufliche Ebene verlassen und waren ins Plaudern geraten. Dabei hatten sie überrascht festgestellt, einen nahezu identischen Geschmack in Bezug auf Musik und Film zu haben. Diese Unterhaltung war der Auftakt zu gemeinsamen Konzertbesuchen und weiteren Veranstaltungen gewesen. Die waren zwar nicht so zahlreich, aber immer angenehm. Im letzten Jahr hatten sie beispielsweise auf der Maiwoche ein Konzert eines ihrer Lieblingskünstler besucht. Seitdem trafen sie sich ab und an zu einem Kinobesuch oder gingen etwas essen, wenn es ihre knappe freie Zeit zuließ und sich ihre Interessen deckten. Für ihn kam es beinahe einem Ritterschlag gleich, nach einiger Zeit zu ihr in die Wohnung eingeladen zu werden, war er doch einer der ganz wenigen Kollegen, dem diese Gelegenheit gegeben wurde. Denn so, wie sie ihr Privatleben für sich behielt, war die Wohnung der Rückzugsort, den sie nur sehr selten für Kollegen öffnete. In diesem lehnte Patrick an der Tür und beobachtete, wie sie den Tee zubereitete. Sie hier in ihrer Wohnung zu sehen war so komplett anders als wenn er sie auf den kühlen Fluren des Präsidiums erblickte, und das lag nicht nur an dem kalten Licht und den langen Gängen. Erst in der Freizeit, wenn die beiden bei ihm oder ihr zu Hause waren und die dienstlich angelegte Maske gefallen war, erkannte er, was für ein wunderbarer Mensch sie war. Er mochte sie einfach. Ihre ganze Art, ihren Humor, ihre Bewegungen, die selbst bei den einfachsten Abläufen wie dem Teekochen noch filigran wirkten. Und er fand sie attraktiv. Sportlich, nicht zu groß oder zu klein und auf natürliche Art schön. Ihr Kurzhaarschnitt, den sie noch nicht lange trug, stand ihr ausgezeichnet und verlieh ihr, wenn er sich so wie jetzt ungekämmt auf dem Kopf verteilte, etwas Neckisches. Er fragte sich, ob Maike auch Single war, schließlich hatte sie ihm gegenüber nie von einem Mann erzählt und auch im Kollegenkreis war nichts in der Richtung zu hören. Ihm wäre zwar im Traum nicht eingefallen einen Flirt mit ihr zu beginnen, dafür war er selbst viel zu gerne alleine, aber es interessierte ihn einfach. »Herr Bonhof?« Patrick erschrak. In Gedanken versunken, war sein Blick auf ihr ruhen geblieben, was ihr...




