Wörle | Die kleinen Manöver | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Wörle Die kleinen Manöver

Episodenroman
3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-9698-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Episodenroman

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-7407-9698-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jede der Figuren manövriert sich durch das, was man Leben nennt. Mal mehr, mal weniger liebenswert, mal mit dem Kopf über oder unter Wasser. Die zwölf Episoden sind inhaltlich und formal miteinander verflochten. Was in einem Text passiert, bewegt den anderen Text, weit voraus in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Oft kommt es zum Schiffbruch, der Kapitulation vor dem gegenwärtigen Augenblick. Und manchmal ist die Rettung auch ganz nah. Figuren wie Orte sind unspektakulär und alltäglich. Alle zwölf Texte können als u. a. Momentaufnahmen normaler kleiner Verrücktheiten unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche gesehen werden.

Julia Wörle, Mediengestalterin, lebt in München zwischendrin.de

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Autoren/Hrsg.


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BLINDE
FLECKEN
Eine Ausfallstraße wie ein Stolpern, ein missglückter Tanzschritt. Dahinter, in einiger Entfernung, die Stadt. An der Straße das Hotel, in dem sich Monteure einmieten oder Geschäftsreisende, die kein Zimmer mehr in den Hotels der Innenstadt bekommen haben. Direkt gegenüber die grün beleuchteten Raketentürme einer Moschee und die Lichtreklame der Spedition Schilling, die flackert, als hätte sie Schluckauf. Allem unterlegt als säumendes Samtband der Straßenlärm – du bist immer einsam, aber dies ist der vollkommene Ort dazu. Es gibt sogar einen kleinen Laubwald hinter dem Hotel. Wunderschön, trotz des Mülls, den die Hotelgäste gelegentlich aus dem Fenster werfen. Dazwischen das Orange einiger Ringelblumen, die entlang der Einfahrt zum Hotel blühen. Hinter der Moschee noch ein kleiner Kanal, verwaiste Einkaufswagen parken im Wasser, Gerda hat ihr erzählt, dass dort im Frühsommer die Frösche quaken. Mit der gleichen kindlichen Freude, mit der sie ihr von den Mottoseifen erzählte: Auf die kleinen abgepackten Gästeseifen sind neuerdings neben dem sperrigen Logo des Hotels Mottosprüche gedruckt. Carpe diem – Pflücke den Tag. Angemessen dosierte Infusionen an Lebensmut, guter Laune und robuster Zuversicht. Gerda hat die Silhouette eines Panzerkäfers, eine Frisur, die wie der Plastikhelm eines Playmobilmännchens auf ihrem Kopf sitzt, schnurgerade geschnittene Fingernägel. Das Gesicht arglos und offen wie bei einem kleinen Kind, mit den Zähnen eines Nagetiers, klein und spitz. Erst ist Caro schockiert von der Bedingungslosigkeit, mit der Gerda bereit ist, jeden und alles zu lieben. Es hat etwas von jemandem, der sich mitten im Berufsverkehr die Kleider vom Leib reißt. Befremdend. Sodass Caro sich manchmal ein großes Handtuch wünscht, um es um Gerda zu legen. Gegen die ungläubigen Blicke. Und gegen das bodenlose Staunen, wenn Gerda die Leute mit ihrer Liebe flutet. Auch Caro muss diese Uniform tragen, ein Bordeauxrot, das auf seltsame Art altklug wirkt. Der Rock geht über die Knie, das Jackett hat den Charme einer Schwimmweste, vielleicht, überlegt Caro, sind wir bei einer spontanen Springflut fein raus mit den Dingern. Und notfalls können wir uns an die Trockenblumenarrangements aus dem Frühstückssaal klammern, um nicht zu ertrinken. Ertrinken. Diese Fallbewegung durch die Zeit. Einer der Gründe, warum du hier bist. Morgens im Frühstückssaal, indirekte Beleuchtung und die Verkleidungen aus Kunstholz. Besagte Trockenblumenarrangements, die wie die Ermahnungen altbackener Tanten herumstehen und langsam in ihrer Autorität abbröckeln. Kleine Plastikbehälter für den Tischabfall. Licht wie Zahnbelag. Das verschämte Frühstücksbüfett: Filterkaffee, Obstsalat aus der Dose, Konfitüre, kleine abgepackte Butterklötze. Hart gekochte Eier. Nick, der Koch, hat feste Prinzipien. Es darf aufwendig sein und Mühe machen, es darf nur nicht allzu gut schmecken. Keine frischen Früchte, kein Gemüse, kaum Gewürze, höchstens etwas Glutamat. Inzwischen kann Caro seine Konsequenz anerkennen. Es ist seine Art, sich gegen die Bio-Welle, die Ich-koch-mich-glücklich-Sendungen und die Gourmets der breiten Masse abzugrenzen. Es ist ein prüdes Frühstück, ein deutsches Frühstück der 1950er-Jahre, zurückhaltend in Pastellfarben, die Brötchen züchtig in ihrem Körbchen, Marmelade in den bodenständigen Sorten, die Butter in hochgeschlossener Verpackung. Käsescheiben, arrangiert zu adretten Spiralen. Die bigott aufeinandergepressten Lippen der Servietten. Nur der Aufschnitt liegt schamlos entblättert, fast schon obszön auf den Glasplatten. Die leicht fettige Doppelmoral des Fleisches. Alles unerträglich, wäre da nicht Gerda. Sie hilft den Gästen beim Wachwerden. Mit einer abgeschabten Thermoskanne kommt sie an den Tisch, schenkt unermüdlich braven Filterkaffee ein, versucht, jeden Wunsch der Gäste zu erfüllen. Caro arbeitet lange nicht so hingebungsvoll. Sie hat Angst vor den Gästen, hat Angst vor Nick in der Küche. Wenn sie ihn nach grünem Tee fragen muss. »Haben wir nich'«, sagt er, »nur schwarz oder Hagebutte.« Er sagt es leise, aber so, dass sie sich schämt, überhaupt danach gefragt zu haben. Und dann schlurft er zurück und richtet weiteren Aufschnitt auf den Glastellern an. Ein Büschel Petersilie, das sich erschöpft am Rand krümmt. »Nimm das mal mit raus.« Heute sind besonders viele Männer hier – Caro merkt es auch daran, dass sie nun schon zweimal Wurst und Aufschnitt nachlegen musste. »Nun mach schon, der Kaffee ist auch schon wieder alle.« Der Kragen der Schwimmweste scheuert. Doch da lächelt Gerda sie an – über die Tische hinweg, über das Gebrodel der Frühstücker, über dieses abgestandene 7.30-Uhr-Licht, das durch das Panoramafenster in den Saal sickert und sich mit der indirekten Beleuchtung zu einem trüben Kleister vermischt. So, als hätte ein Kind ein schmutzig-matschiges Braun aus allen Farben seines Malkastens zusammengerührt – mutwillig erst und schließlich nur noch traurig. Gerda lächelt Caro an. Sodass Caro durch dieses Lächeln wieder alles ein kleines bisschen besser aushalten kann. Und wenn du es hier nicht aushalten kannst, wo dann? Hier und jetzt: Die Geschäftsleute in ihren zweitklassigen Anzügen, die ihre Gereiztheit mit einer weiteren Tasse Kaffee befeuern, an ihren Telefonen herumfummeln, manchmal einen verstohlenen Blick auf eine der mitreisenden Kolleginnen werfen, wenn diese in ihrem engen Hosenanzug an ihnen vorbeigeht, um noch ein Glas Orangensaft zu holen. Monteure, die methodisch ein weiteres Ei abpellen, den Käse in handliche Quadrate schneiden, ehe sie ihre Brote damit belegen, und sich untereinander nur durch ein kleines Nicken, eine angedeutete Handbewegung verständigen. Sie alle wirken auf Caro manchmal wie Menschen, die sich erst einen Schacht für ihre Worte graben müssen, da es noch so früh ist und die Nacht alles wieder verschüttet hat mit Traumgeröll. Und sie selbst weiß, wie mühsam es ist, dieses Aufstehen und dann das Zurückfinden in die Sprache, und das jeden Morgen von Neuem. Manchmal zum Verzweifeln. Als hätte sie morgens noch magische Zeichen aus Ruß und getrocknetem Blut auf der Stirn, als hätte sie Amulette aus Federn und Knochen in der Hand, alles aus jenem fernen Land, in das die Nacht sie verschleppt hat, in das es nun aber keinen Weg zurück gibt. Der Morgen überrollt sie; der Wecker klingelt aus dem Hinterhalt, und sie muss sich in die Passform ihrer bordeauxroten Uniform boxen. Selbst hier, an der Ausfallstraße, in der mitteldeutschen Provinz, selbst hier wird Caro von dem frühmorgendlichen Entsetzen aufgespürt. Heute gibt es zum Frühstück: Darmträgheit, untermalt mit dem Husten der Lkw, die gegenüber von der Spedition Schilling in den Tag starten, die Kommentare des überdrehten Moderators im Frühstücksfernsehen. Und das Herzstück: Gerdas Lächeln. Später der Zimmerdienst. Mit dem Rollwagen, auf dem sich Putzsachen, frische Handtücher und Bettwäsche befinden, auf Tour gehen durch die langen Gänge. Im blank polierten Steinfußboden spiegeln sich die grünen Beleuchtungen der Notausgänge, spiegeln sich Caros eigene Fluchtreflexe. Eine Art Zusammenbruch. Sie ist einfach abgehauen. Von Arne, dem Mann mit dem sie zusammenlebt, von ihrem Job. Es war mitten in einer Pilatesstunde, die sie nach der Arbeit besucht hatte. So fing es an. Dass sie alles nur noch ganz technisch sah. Da war die Wartung ihres Körpers. Da war der unermüdlich fordernde Mechanismus ihrer Arbeit, da war Arne, ebenfalls nichts weiter als ein sich drehendes Schräubchen. Sie stand im Studio, die Musik dröhnte, die Lehrerin sagte die Übungen an, und sie sah sich im Spiegel zu. Ferngesteuert. Ein Apparat, hoch kompliziert. Mit versagenden Triebwerken. Beim nächsten TÜV spätestens würden die vielen blinkenden Warnlämpchen auffallen. Und da ist sie einfach aus der Stunde gegangen, hat sich in den verschwitzen Sportklamotten ins Auto gesetzt und ist gefahren. Irgendwohin. Hat beim Fahren mit sich selbst gesprochen, weil ihr die Luft wegzubleiben drohte. Spürte, wie sich ihre Lungenflügel zusammenzogen, wie die Angst ihr dickflüssig den Hals hinunterlief, bis sie sich in ihrem Bauch zu einem Klumpen verhärtete. Sie ist langsamer gefahren, ist abgebogen irgendwo. Bis sie auf einmal bei dem Hotel landete. Sie ist dort angespült worden wie eine Schiffbrüchige, ist mit letzter Kraft an den Strand gerobbt. Die erste Nacht in ihrem Hotelzimmer, diese Stille, die nicht einmal von dem spärlichen Verkehr der Ausfallstraße unterbrochen wird. Das Bett weiß bezogen, nichtssagend und anonym, und sie schläft traumlos und tief, als sei genau diese Anonymität, diese papierene weiße Stille, das, wonach sie sich schon lange gesehnt hätte. Manchmal ein...



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