E-Book, Deutsch, 399 Seiten
Wolf Die Braut des Fürsten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95824-637-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 399 Seiten
ISBN: 978-3-95824-637-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Joan Wolf ist die amerikanische Grande Dame der gefühlsgewaltigen historischen Romane. Sie wuchs in der New Yorker Bronx auf und studierte Englische und Vergleichende Sprachwissenschaften am renommierten Hunter College in Manhattan. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie längere Zeit als Englischlehrerin an einer Highschool, bevor sie ihre internationale Karriere als Autorin begann. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Connecticut. Bei dotbooks veröffentlichte Joan Wolf ihre historischen Romane »Die stolze Königin« und »Die heimliche Königin« sowie ihre Regency-Romane »Die Braut des Fürsten«, »Das Herz des Earls« und »Die Leidenschaft des Lords«.
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KAPITEL 1
Der Brief war in der korrekten und gebührenden Form adressiert: An die Sehr Ehrenwerte Dowager Countess of Beaufort, Prinzessin Mariana.
Die alte Dame nahm das Schreiben von dem silbernen Tablett, auf welchem es ihr ein Lakai ehrerbietig präsentierte, und ging damit des besseren Lichtes wegen zum Fenster. Dort entfaltete sie sorgsam die Blätter mit der vertrauten steilen und festen Handschrift und überflog die in deutscher Sprache verfassten Zeilen.
Brüssel, Hotel d’Aramis, den 25. Juni 1815
Meine hochverehrte liebe Tante,
inzwischen werdet Ihr sicherlich auch in England von dem großen Sieg der Verbündeten bei Waterloo gehört haben. Es war eine fürchterliche Schlacht, bei welcher viel zu viele gute Männer ihr Leben lassen mussten. Aber ich glaube, wir haben das große Ungeheuer, dessen Gier fast ganz Europa verschlungen hat, nun zum letzten Male gesehen.
Wie Du weißt, war ich vor Napoleons Flucht in Wien, wo sich die Monarchen von Österreich, Russland, Preußen, Großbritannien und Frankreich versammelt hatten, um die Länder, die Napoleon erobert hatte, untereinander aufzuteilen. Meine eifrigsten Bemühungen auf diesem Kongress waren darauf gerichtet, die Großmächte zu veranlassen, unserem geliebten Fürstentum Jura auch weiterhin die Selbstständigkeit zuzugestehen, und in dieser Hinsicht war meine Mission auch von Erfolg gekrönt. Die Schlussakte des Wiener Kongresses erklärt Jura zu einem freien und unabhängigen Staat.
Österreich hat die Schlussakte allerdings erst unterzeichnet, nachdem Fürst Metternich angestrengt, indes vergeblich, versucht hatte, die anderen Nationen auf seine Seite zu bringen. Keiner der anwesenden Monarchen war bereit, Jura zu einem Teil des österreichischen Kaiserreiches zu deklarieren.
Nichtsdestoweniger haben sich meine Sorgen in Bezug auf Österreichs Haltung weiter verstärkt. Wenn Du die Landkarte betrachtest, wirst Du erkennen, dass Jura nun gänzlich von österreichischem Gebiet eingeschlossen ist, und ich zweifle deshalb nicht daran, dass Kaiser Franz I. und Fürst Metternich alle Hebel in Bewegung setzen werden, um Jura doch noch dem Territorium der Habsburger einzugliedern. Um unsere Position zu festigen, ist es demzufolge von höchster Wichtigkeit, den Schutz und die Unterstützung einer der anderen Großmächte zu haben.
Ich habe diese Frage während des Kongresses mit dem britischen Außenminister Lord Castlereagh diskutiert, und er stellte einen Vertrag in Aussicht, in welchem Großbritannien dem Fürstentum Jura seine Unterstützung zusichert. Als Gegenleistung müsste ich der britischen Flotte die Benutzung unseres Adriahafens Seista gestatten.
Der Grund, aus welchem ich nun im Zusammenhang damit meinen Brief an Dich richte, ist mein Wunsch, diese Allianz durch eine Heirat mit einer Engländerin zu festigen. Leider habe ich erfahren, dass Prinzessin Charlotte in Kürze den Herzog von Coburg heiraten wird. Da im Augenblick keine andere königliche Prinzessin mehr verfügbar ist, müsste meine künftige Gemahlin also aus einem englischen Adelshaus stammen, das über enge Beziehungen zu der Regierung verfügt.
In dieser Angelegenheit halte ich Dich für die geeignetste Person, die mir dabei mit Rat und Hilfe zur Seite stehen kann. Du kannst mich in den nächsten Wochen unter der oben angegebenen Adresse erreichen. Ich weiß, liebe Tante, dass du weder mich noch unser Land im Stich lassen wirst.
Dein Neffe
Alexander Joseph Charles
P.S. Sprich bitte kein Wort darüber zu meiner Mutter.
Die Countess las den Brief noch einmal, etwas langsamer diesmal und mit nachdenklich gerunzelter Stirn. Sie war jetzt zweiundsiebzig Jahre alt und lebte seit ihrem neunzehnten Lebensjahr in England. Doch sie hatte nie vergessen, dass sie als Prinzessin von Jura geboren wurde. Ihr Herz hing nach wie vor an dem Land ihrer Geburt, und auch ihre Loyalität galt in erster Linie dem fernen Fürstentum.
Der Vorschlag, den Alexander in seinem Schreiben machte, war außerordentlich vernünftig und zweckdienlich. Sie hatte schon immer gewusst, dass der Junge mutig und tapfer war, und es erfreute sie nun umso mehr, feststellen zu können, dass er auch die Denkweise eines Staatsmannes besaß.
Auf den zierlichen Rohrstock mit der silbernen Krücke gestützt, ging sie zu einem der mit roter Seide bezogenen Sofas, mit denen der chinesische Salon im Londoner Stadthaus der Familie Beaufort ausgestattet war. Vorsichtig ließ sie sich auf einem mit feuerspeienden Drachen bestickten Kissen nieder und glättete gedankenversunken die Briefblätter auf ihrem Schoß. Sie war so tief in ihre Überlegungen versunken, dass sie beim Klang einer wohl bekannten Stimme ein wenig zusammenzuckte.
»Großmama! Träumst du mit offenen Augen?«
Ein zierliches Persönchen kam über den in Pastelltönen gehaltenen chinesischen Teppich mit leichten Schritten auf sie zu. Die jüngere ihrer beiden Enkelinnen trug ein einfaches weißes Musselinkleid, das unterhalb der Brust mit einem blauen Satinband verziert war. Ihre langen braunen Locken fielen lose über den Rücken und wurden nur mit einem Seidenband zusammengehalten. Auf ihren Wangen lag die gesunde Röte frischer Luft, und die großen goldbraunen Augen funkelten vor Neugier.
»Ich träume nicht, sondern bin hellwach, meine liebe Charity«, erwiderte die alte Dame auf Deutsch, denn Charity war das einzige Mitglied ihrer Familie, das sich der Mühe unterzogen hatte, die Sprache des Geburtslandes der Großmutter zu erlernen. Dann jedoch hob sie missbilligend die Brauen. »Was hast du denn da auf deinem Kleid?«
Charity betrachtete die gelblichen Flecke auf ihrem Rock und lachte unbekümmert. »Ich bin mit Hero spazieren gegangen, und er hat mich wahrscheinlich voll gesabbert.«
Die Countess seufzte. »Du solltest dich umziehen, bevor deine Mutter es bemerkt. Sie hat ohnehin eine Abneigung gegen deine Hunde.«
Statt einer Antwort schnitt Charity eine drollige Grimasse. Als sie aber den Brief in den Händen der Großmutter bemerkte, hüpfte sie aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. »Du hast einen Brief bekommen, Großmama? Von wem? Vielleicht gar von Alexander?«
»Er ist in der Tat von Alexander«, erwiderte die alte Dame und strich zärtlich über die weißen Bogen.
»O fein!« Unaufgefordert zog Charity einen gepolsterten Stuhl heran und setzte sich neben die Großmutter. »Was schreibt er denn? Hat er von der Schlacht berichtet? Ich habe in den amtlichen Kriegsberichten gelesen, dass er und seine Streitkräfte wegen ihrer Tapferkeit von Wellington lobend erwähnt worden sind. Erzählt er etwas darüber?«
Die Countess blickte in das vor Eifer gerötete Antlitz ihrer Enkelin und sagte in leicht tadelndem Tone: »Alexander hat nichts dergleichen getan. Er ist viel zu bescheiden, um sich mit seinen Taten zu brüsten.«
Enttäuscht schob Charity die Unterlippe vor. »Nun, was hat er denn dann geschrieben?«
Erneut blickte die Großmutter nachdenklich auf die dicht beschriebenen Bogen. »Er fürchtet, dass Österreich versuchen wird, Jura zu einer Vereinigung mit dem Kaiserreich zu zwingen.«
»Aber das dürfen sie nicht tun!« rief Charity empört. »Selbst als Napoleon Jura erobert hatte, dachte Alexander nicht daran aufzugeben. Sein Vater konnte in Ruhe die Kriegsjahre hier in England verbringen, Alexander aber blieb in seinem Land und bekämpfte die Franzosen von den Bergen aus. Und er hat auch an der Schlacht von Waterloo teilgenommen! Österreich hat überhaupt keinen Grund, Jura zu annektieren. Sogar auf dem Wiener Kongress wurde dieser Standpunkt vertreten!«
»Wollen wir hoffen, dass du Recht behältst, mein Kind.« Mit einem kaum hörbaren Seufzer faltete die alte Dame die Bögen wieder zusammen.
»Ja, willst du mir denn den Brief nicht vorlesen?« Auf Charitys reizendem Gesichtchen mischten sich Überraschung und Ungläubigkeit.
»Alexander hat nicht viel geschrieben, und das Wesentliche habe ich dir ja bereits mitgeteilt.« Energisch legte die Countess die Hand auf das gefaltete Papier.
»Großmama!«
»Schon gut, Charity. Sage mir lieber, ob deine Mutter im Hause ist.«
Charity schüttelte den Kopf. »Sie macht mit Lydia einen Besuch bei der Marchioness of Langton am Grosvenor Square, und sie sind noch nicht wieder zurück.«
Überrascht hob die Countess den Kopf. »Du meine Güte! Bedeutet das etwa, dass Lydia bereit ist, auf die Werbung des jungen Langton einzugehen?«
»Es scheint so.« Mit verdrießlicher Miene ließ sich Charity in den Stuhl zurücksinken. »Weil in dieser Saison keine Herzoge auf dem Heiratsmarkt vorhanden sind, hält Mama den jungen Langton immer noch für den besten Fang, selbst wenn er nur ein Marquis ist.«
»Sitz gerade, Kind!« ermahnte die Countess und fuhr, als die Enkelin bereitwillig gehorchte, fort: »Warum siehst du so unzufrieden aus? Mich dünkt, du solltest eher entzückt sein, wenn deine Schwester heiratet und das Haus verlässt. Schließlich liegt ihr euch doch ständig in den Haaren.«
Ärgerlich rümpfte Charity die Nase. »Das schon. Aber wenn Lydia aus dem Haus ist, wird Mama mir ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden. Ich werde in die Gesellschaft eingeführt und muss zu faden Tanztees gehen und zu langweiligen Hausbällen und bin gezwungen, mir geisttötendes Geschwätz anzuhören, indes Mama auf Jagd nach einem Mann für mich geht.«
»Du bist jetzt siebzehn Jahre alt, mein Kind«, erwiderte...




