E-Book, Deutsch, 314 Seiten
Wolff Gruppen-Ex
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-906-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 314 Seiten
ISBN: 978-3-96655-906-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für die ARD, als Roman- und Sachbuchautorin für diverse Verlage, hat eine Kolumne im Segelmagazin YACHT und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Die Autorin im Internet: steffivonwolff.de und facebook.com/steffivonwolff.autorin Steffi von Wolff veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Bestseller »Glitzerbarbie«, »Gruppen-Ex«, »ReeperWahn« und »Rostfrei«, »Fräulein Cosima erlebt ein Wunder«, »Das kleine Segelboot des Glücks«, »Der kleine Buchclub der Träume«, »Das kleine Hotel an der Nordsee«, »Das kleine Haus am Ende der Welt«, »Kein Mann ist auch (k)eine Lösung«, »Für Rache ist es nie zu spät«, »Die Spätsommerfrauen«, »Taxifahrt mit einem Vampir« und »Das kleine Appartement des Glücks« sowie die Kurzgeschichten-Anthologien »Das kleine Liebeschaos für Glückssucher«, »Das kleine Glück im Weihnachtstrubel« und »Das kleine Handbuch des Liebesglücks«. Außerdem erschienen sind ihre Sammelbände »Liebe ist nichts für Anfänger« und »Küsse und andere Missgeschicke«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
»Die Vorstellung beginnt!«
Albert Camus: Caligula
Dritter Akt, erster Auftritt (Seite 47, ziemlich weit unten)
Warum geben manche Leute ihren Kindern eigentlich so komische Namen? Ich werde das nie begreifen, zumal die Neugeborenen in ihren Taufkleidchen sich ja gar nicht dagegen wehren können. Wie kommt jemand darauf, seinen Nachwuchs Titus zu nennen? Bei Titus denke ich automatisch an diesen römischen Kaiser. Ich stelle mir eine Szene vor, in der er es nicht schafft, während einer ausschweifenden Orgie Trauben so zu essen, dass ihm der Saft nicht am Kinn runterläuft – was mit daran liegt, dass er auf einer Ottomane hängt und sowieso schon viel zu viel gefressen hat, weswegen er quasi bewegungsunfähig ist. Glupschaugen und ein Völlegefühl muss ich mir beim Namen Titus ebenfalls vorstellen und eine aufgeblähte Wampe, weil der Magensaft mit dem Traubenkonsum überfordert ist und langsam zu rebellieren beginnt. Auf Blähungen und ihre Konsequenzen möchte ich gar nicht weiter eingehen.
Jedenfalls sieht ein Titus nicht aus wie dieses unsägliche, kleine Geschöpf in Menschengestalt, das eigentlich während des Fluges auf seinem Sitz bleiben sollte, es aber nicht tut. Es ist blond gelockt, schätzungsweise fünf Jahre alt und schreit seit sechs Stunden nach Bionade Ingwer-Orange und, jetzt kommt’s: nach gedünstetem Fenchelgemüse. Ist denn das zu fassen? Hätte ich das vorher gewusst, ich wäre Economy geflogen. Aber wie konnte ich ahnen, dass die Ausgeburt des Teufels mit mir in einem Flugzeug sitzt?
Die Mutter, eine relativ gelassene Frau Anfang dreißig, nimmt das alles nicht so tragisch. »Der Titus mag natürlich überhaupt kein Fenchelgemüse«, erklärt sie mir nun zum sechsten Mal. »Der Titus möchte gar nichts Gedünstetes. Er hasst gedünstete Speisen. Der Titus ist schlau. Er informiert sich vorher, was es gibt und was nicht, und dann will der Titus das haben, was es nicht gibt. Und dann macht der Titus Theater. Schau doch mal, Titus, ich hab den Laptop angemacht. Willst du nicht eine DVD gucken? Hügel der blutigen Augen vielleicht? Oder The Texas Chainsaw Massacre? Hm?«
Habe ich da richtig gehört? Sie erlaubt ihrem Sohn, der noch nicht mal in die erste Klasse geht, Filme zu schauen, die in Deutschland auf dem Index stehen? Na ja, das ist nicht meine Sache. Natürlich wäre ich eigentlich dazu verpflichtet, das Jugendamt zu informieren, aber dann würde die Mutter bestimmt behaupten, ich hätte mich verhört, und letztendlich wäre ich die Gelackmeierte. Davon mal abgesehen, will der Titus auch gar nicht DVD schauen. Er kann froh sein, dass ich von Natur aus so freundlich und zuvorkommend bin, ihn nicht einen Kopf kürzer zu machen, so wie die in den Filmen das ja gern mal tun. Dann wäre der Titus nämlich still. Jetzt reißt der Titus seiner Mutter zum x-ten Mal die Brille von der Nase, und sie bückt sich nicht etwa, nein, hilfesuchend dreht sie sich wieder halb zu mir um. Ich suche zum x-ten Mal diese verdammte Brille, die natürlich unter dem Sitz liegt, und drücke sie der Mutter in die Hand. Natürlich müsste ich das nicht tun. Aber ich bin von Natur aus ein höflicher Mensch. Zuvorkommend. Ja, auch brav. Widerworte gebe ich selten, und meistens füge ich mich meinem Schicksal. Ich weiß nicht, ob man das gut erzogen oder einfach schüchtern oder nicht selbstbewusst nennt. Aber ist das nicht auch völlig egal?
Noch eine halbe Stunde. Dann bin ich zu Hause. Bei meinem Mann. Bei Mark. Mark … ich hebe meine rechte Hand und schaue den schönen Ring an. Er ist schlicht, mein Ehering, aus Platin, aber Mark hat es sich nicht nehmen lassen, mich zusätzlich noch mit einem Beisteckring zu überraschen. Viele kleine baguetteförmige Brillanten nebeneinander. Perfekt. So perfekt wie unsere Liebe.
Während Titus dem Sitznachbarn zur Rechten das hohe C ins Ohr kreischt, weil es kein gedünstetes Fenchelgemüse gibt, schalte ich auf Durchzug und schaue aus dem Fenster. Noch fünfundzwanzig Minuten. Wir haben schon an Höhe verloren. Gleich werden wir in Hamburg landen.
Ich hieß mal Sanni Hohenfeldt, und seit genau einhundertachtzehn Tagen heiße ich Sanni Prinz. Nicht dass mir mein Nachname nicht gefallen hätte, doch, doch, aber Mark heißt nun mal Prinz, und weil ich Mark ohne Ende liebe, habe ich auf meinen Nachnamen verzichtet und den Namen Prinz angenommen, womit ich mich sehr wohlfühle.
Wenn ich die Beziehung zwischen Mark und mir mit einer Krankheit vergleichen müsste, ich würde eine heftige Sommergrippe mit Fieber und Schüttelfrost wählen, die sich irgendwann als Allergie entpuppt. Sie kommt ganz plötzlich, setzt sich fest und birgt lauter Überraschungen in sich. Man weiß nie, ob es schlimmer wird oder besser, aber eins ist sicher: Die Allergie bleibt. Ach, herrlich. Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich niemals geglaubt, dass es mich so dermaßen heftig erwischen würde. Natürlich hatte ich Beziehungen, immerhin bin ich schon über dreißig, aber nie war es so, dass ich auch nur ansatzweise daran dachte zu heiraten. Den ersten Mann in meinem Leben hätte ich sowieso nicht heiraten können, er hieß Bubeli und war mein grüner Sittich. Als ich fünfzehn war, folgte Udo, das war zwar ein Mensch, aber die Beziehung zu ihm hielt nur knappe drei Monate. Ich bitte Sie, was ist das für ein Mann, der es emotional nicht verkraftet, alle drei Teile des Weißen Hais am Stück zu schauen und dabei Schillerlocke auf Butterbrot zu essen? Eben. Ich liebe gruselige Filme. Schon immer. Weil man den Fernseher ausschalten kann, wenns zu schlimm wird. (Nicht geeignet halte ich solche Filme allerdings für kleine Kinder, aber das ist ja, wie gesagt, nicht meine Sache.)
Die erste längere Liaison hatte ich mit Bernhard Brummer, er hieß wirklich so. Bernhard war angehender Rechtsanwalt und musste in Stresssituationen, also meistens vor Prüfungen, grundsätzlich Ausdruckstango mit weißen Klappstühlen tanzen; ich konnte dem nicht ganz folgen und gab der Beziehung deshalb keine Chance.
Ach, und den Rest der Männer kann man einfach vergessen.
Bis Mark kam.
Meine Sommergrippe. Meine lebenslange Allergie.
Ich schließe die Augen und spule den Film zum tausendsten Mal ab.
»Lass uns doch mal zum Ulmenhof radeln«, hatte Beate mir damals vorgeschlagen. Das war an einem Sonntag. Also hatten wir die Räder rausgeholt und waren losgefahren. Es war ein superschöner Frühlingstag, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Genau richtig für eine ausgedehnte Tour mit anschließendem Einkehren in ein Gartenlokal. Auf dem Rückweg – wir waren leicht angeschickert, weil wir ein paar Gläser Weißwein getrunken hatten – gackerten wir herum und schubsten uns gegenseitig während des Fahrens. Und so trug es sich zu, dass ich ein wenig strauchelte, vom Weg abkam und mit dem Vorderrad gegen eine Wurzel knallte. Das wiederum hatte zur Folge, dass ich stürzte, und zwar aufs Steißbein. Beate, die immer noch vor sich hin kicherte, bekam von alldem nichts mit und fuhr weiter. Wer nicht weiterfuhr, war ein Mann in meinem Alter, der offenbar alleine unterwegs war, jedenfalls war niemand bei ihm.
»Hey«, war das Erste, was Mark zu mir sagte.
Ich lag da, auf dem Rücken wie ein von böser Knabenhand umgedrehter Käfer, und sagte gar nichts. Ich strampelte auch nicht mit den Beinen, sondern schwieg eine halbe Minute und brüllte dann los, weil mich eine Wespe gestochen hatte. Mark deutete das als Schockreaktion und brachte mich in die stabile Seitenlage, was aber ein Fehler war, weil ich so direkt auf dem permanent anschwellenden Stich lag.
Aber das spielte alles überhaupt keine Rolle.
Nichts spielte mehr eine Rolle.
Nichts, was vorher war.
Nur das Jetzt zählte.
Ab diesem Abend waren Mark und ich ein Paar. Es musste nicht drüber gesprochen, nichts dazu gesagt werden; es war einfach so.
Es war das Wunder meines Lebens.
Jedes Mal, wenn ich am Flughafen vor diesen Förderbändern stehe und auf mein Gepäck warte, habe ich Angst, dass es nicht dabei sein könnte. Ich bin schon viel geflogen, und nur ein einziges Mal ist mein Koffer anstatt in Frankfurt in Florida gelandet, aber seitdem bekomme ich Panikattacken, weil ich die Vorstellung, dass fremde Menschen meine Sachen auspacken und meine Kleidung unmodern oder schlicht nicht schön finden könnten, einfach nicht ertragen kann.
Zum Glück verkürzt der Titus mir die Wartezeit.
»Titus«, sagt die Mutter, »gleich sind wir beim Papi zu Hause, und der hat schon eine SMS von mir bekommen und macht dir gerade Fenchelgemüse. Und du, Titus, hör doch mal auf die Mamili, der Papi kauft auch Bionade Ingwer-Orange.«
»Bionade ist kacko-facko«, motzt der Titus und schleudert seinen Wilde-Kerle-Rucksack auf den Boden. »Ich will Wurstsaft.«
Mit einem milden Lächeln, das mich – natürlich nur innerlich – sehr aggressiv macht, hebt die Mutter den Zeigefinger und macht dann einen großen Fehler. Sie sagt: »Es gibt keinen Wurstsaft, Titus. In Gruselfilmen trinken die auch nie Wurstsaft. Da trinken sie immer nur Bluuut. Huuuh, Titus, huuuh!«
Der Titus dreht innerhalb einer Nanosekunde total durch.
»Wenns keinen Wurstsaft gibt, will ich Wurstsaft. Ich will immer das,...




