Worm | Der Junge aus der Vorstadt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 217 Seiten

Reihe: Der Junge aus der Vorstadt

Worm Der Junge aus der Vorstadt

Der Schlüsselfall
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-5603-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Schlüsselfall

E-Book, Deutsch, Band 1, 217 Seiten

Reihe: Der Junge aus der Vorstadt

ISBN: 978-3-7427-5603-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Er war der Beste seines Studienjahrgangs. Doch gleich bei seinem ersten Fall muss der junge Anwalt aus der Strausberger Vorstadt feststellen, dass Uni und anwaltliche Praxis weit auseinanderliegen können. Bei der Verteidigung seiner ehemaligen Lebenspartnerin, die des Mordes an einem Flüchtling aus Syrien beschuldigt wird, stößt er recht schnell an seine Grenzen. Und an die des deutschen Rechtssystems. Ein Buch gegen Vorurteile - schonungslos, provokant, spannend.

Mario Worm wurde am 16. Februar 1960, in Ostberlin geboren Ein Achtungszeichen setzt er mit dem ersten Teil des Romans 'Domino', erschienen 2012. Bei Amazon klettert dieses Buch auf Platz 25 der historischen Kriminalromane. Motiviert durch das positive Leserecho, folgt 2014 der zweite Teil: 'Game over'. Die Spitzenposition Platz 1, erreicht 'Madonnas Augen - Tödliche Träume', 2015. Worm, Vater zweier Kinder, lebt heute mit seiner Familie bei Berlin und schreibt schon an einem neuen Thema.
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1. Kapitel


Nicht ein einziger Platz ist frei, der Saal scheint zu bersten. Selbst auf die Gänge haben sie sich gesetzt. Kein Wunder, hier geht es um was! Angeklagt ist ein altes Mütterchen namens Alisha Yücksel. Der Tatbestand ist eher geringfügig. Diebstahl, eigentlich nicht der Rede wert, Routine. Hier kommt nun aber noch hinzu, dass es sich um eine Wiederholungstat handelt. Und erschwerend - um den Diebstahl einer Kirchenkollekte. Außerdem ist es die letzte große Verhandlung vor dem Showdown. Vorn thront der Prozessvorsitzende, der ehrwürdige Doktor Hunscha. Der Staatsanwalt hat sein Plädoyer beendet, das Strafmaß gefordert und nimmt nun hinter seinem Tisch Platz. Ohne eine Miene zu verziehen, anscheinend völlig emotionslos, nickt Hunscha ihm zu, fährt sich mit seiner Hand über die Halbglatze, rückt seine Brille zurecht und macht sich mit seiner markanten, tief rauchigen Stimme bemerkbar: „So, Herr Verteidiger und nun Sie!“ Betont langsam erhebt dieser sich und wirft dabei noch einmal einen flüchtigen Blick auf das Mütterchen. Die sitzt da und grinst. Ungeheuerlich! Dabei hatte er ihr doch eindrücklich aufgetragen, ein ernstes Gesicht aufzulegen, ab und zu verlegen am Kopftuch zu zupfen und vor allem den Blick eines reuigen Hundes durchscheinen zu lassen. Aber das Mütterchen grinst, so wie alle anderen im Saal, mit Ausnahme Hunschers. Falk Koch holt noch einmal tief Luft, dann beginnt er: „Werter Herr Vorsitzender, werter Herr Staatsanwalt. Wir haben die Ausführungen der Staatsanwaltschaft gehört. Sicherlich trifft hier Paragraph 243 Absatz 1 Punkt vier zu. Doch wollen wir ernsthaft von besonders schwerem Diebstahl ausgehen? Bei einem Schaden von knapp zwanzig Euro? Schauen wir uns diese Frau und ihre Beweggründe etwas genauer an. Vor uns sitzt eine alte, gebrechliche Frau mit eingefallenem Gesicht. Ihre Hände zittern. Sie ist, offen gesagt, fast sowas wie das ganze Gegenteil von Herrn Staatsanwalt.“ Nach einem winzigen Moment der Stille bricht im Gerichtssaal ein schallendes Gelächter aus, einige der Zuschauer klopfen sich vor Begeisterung auf die Knie oder nutzen die Bänke als Klangkörper. Selbst das Mütterchen prustet sich ins wackelnde Fäustchen. „Ruhe, verdammt noch mal!“, donnert Hunscha. Das Gejohle verstummt abrupt. „Herr Koch, ich danke für Ihre gewitzte Einlage, würde mich aber freuen, wenn wir wieder mit Ernst bei der Sache wären. Wir haben eine Verhandlung zu führen. Also bitte!“ „Verzeihung, Herr Vorsitzender. Kommen wir zum Tatbestand.“ Er zeigt auf, dass die geringfügige Rente seiner Mandantin kaum ein Auskommen möglich macht, was natürlich keine Straftat rechtfertigt. Nach Abzug der Fixkosten verbliebe ihr nicht viel. Der Geburtstag ihres Enkels hat sie in den Klingelbeutel greifen lassen. Sie, die ansonsten eine streng gläubige Christin sei. Warum hätte sie auch sonst an dem Gottesdienst teilnehmen sollen? Wieder erschallt das Gelächter ringsum. Diesmal aber nur kurz. Hunscha braucht nichts weiter zu sagen. Es genügt, nur einen Blick durch die Runde gleiten zu lassen. Gewiss, man hatte Frau Yücksel schon dreimal wegen Diebstahls in Supermärkten mit einer Geldstrafe bedacht. Aber auch hier waren die Schäden eher geringfügig, und auch bei diesen Fällen lag eine außergewöhnliche finanzielle Belastung der Angeklagten vor. In epischer Breite baut er ein Mitleidskonstrukt auf und kommt nach ausschweifenden Argumentationen zu dem Schluss: „Deshalb kann ich die Freiheitsstrafe von vier Monaten, wie sie die Staatsanwaltschaft fordert, nicht nachvollziehen. Ich bitte das hohe Gericht um eine entsprechende Bewährungsstrafe. Und auch wenn der Herr Staatsanwalt es vielleicht vergessen hat, es gibt im 243er auch noch die Ziffer 2, die die Verfahrensweise bei Geringfügigkeit relativiert.“ So, das war es. Ein kurzer Blick auf die Uhr, drei Minuten noch. Hunscha würde kaum Zeit haben, auf die Ausführungen reagieren zu können. Falk hatte richtig kalkuliert. In diesem Moment schaute der Vorsitzende auf seine Armbanduhr und ließ seine höchst richterliche Stimme ertönen: „So, Herrschaften. Das war es für heute. Dank des umfangreichen Wortschwalls Ihres Kollegen sind wir heute ja ein reichliches Stück weitergekommen … Aber genug der Ironie. Nach Lage der Dinge sehen wir uns am Mittwoch zur letzten Veranstaltung vor der finalen Examensprüfung. Und damit Sie bis dahin nicht aus der Übung kommen, überlegen Sie, wie das Gericht in diesem Fall entschieden hätte. Machen Sie sich Notizen! Einen von Ihnen wird es treffen, der mir dann seine Urteilsverkündung und vor allem die Begründung in allen Einzelheiten darlegen darf. Auf Wiedersehen.“ Auch das noch! Als wenn man, so kurz vor der entscheidenden Prüfung, nicht schon genug zum „Büffeln“ hatte. Hunscha eben! Unter leichtem Murren schickt sich die angehende Anwalts- und Richterschaft an den gemieteten Saal der Kammer zu verlassen. Mütterchen Yücksel reißt sich das Tuch vom Kopf, schüttelt ihre schwarzbraune Mähne. Ihr Gastauftritt ist beendet. Gott sei Dank muss ich als Rechtsanwaltsgehilfin kein Examen ablegen! Auch ihr Verteidiger ist gerade im Begriff, sich der Ausgangstür zuzuwenden, als ein Brummen Hunschas ihn zum Umdrehen bewegt. „Falk! Kommen Sie bitte mal zu mir.“ Wieder lag Koch mit seiner Vermutung richtig, dass nun eine „Generalpredigt“ folgen würde. Der Doktor hatte ein Faible für Namen und deren Herkunft. Und so verwunderte es auch nicht, dass er mit diesem Wissen seinen Vortrag begann: „Herr Koch, Sie wissen, was Ihr Vorname für eine Bedeutung hat?“ „Ich denke, Sie werden es mir gleich erläutern.“ Hunscha überhört die kleine Provokation und fährt fort: „Falk kommt aus dem Germanischen, abgeleitet vom Vogel Falke, dem Schlauen, dem Sinnbild für Stärke und Klugheit. Nun, Ihre Stärke vermag ich nicht zu beurteilen, Ihre Klugheit schon. Nur heute war davon nicht allzu viel zu verspüren. Sie wissen, ich kannte Ihren Vater. Man kann sogar sagen, ich war mit ihm befreundet. Er war ein verdammt guter Anwalt. Sie könnten das auch sein! Sie sind ihm in vielen Dingen sehr ähnlich. Nur eins hätte er nie gemacht - ihm anvertraute Fälle auf die leichte Schulter zu nehmen. Auch wenn das hier kein richtiger Prozess war, ändert das nichts an der Tatsache, dass Sie in keiner Weise richtig vorbereitet waren. Was meinen Sie wohl, wie das Gericht nach Ihren Ausführungen wohl entschieden hätte?“ Mit hängendem Kopf antwortet der Anwalt in spe: „Ich denke, dass ich den Prozess verloren hätte.“ „Sehr richtig! Aber, ob nun verloren oder gewonnen, darum geht es nicht. In erster Linie geht es bei jeder Verhandlung um menschliche Schicksale und um die Umsetzung und Verwirklichung unseres deutschen Rechts. Dafür tragen Sie als Anwalt, egal für welche Seite Sie plädieren, immer die Verantwortung. Vergessen Sie das nie! Sie wissen, ich hege große Sympathie für Sie. Was Ihre Leistungen im Studium betraf, sind Sie der Beste dieses Studienjahrgangs gewesen, haben Ihr Referendariat erfolgreich abgeschlossen. Um Ihr zweites Examen und das womöglich folgende Richteramt mache ich mir keinerlei Sorgen. Ich weiß, dass Sie mit auswendig gelernten Paragraphen nur so um sich schmeißen können, aber das alleine wird Ihnen keinen Erfolg bescheren. Werden Sie endlich erwachsen und zwar, bevor man Sie auf die Menschheit loslässt! Ich gebe zu, dass das nicht einfach ist. Ihr Vater war auch ein Hitzkopf, aber, wie schon erwähnt, ein verdammt guter Jurist. Und Sie sind auf dem Weg dahin.“ Hunscha hatte gesagt, was er sagen wollte und dem Delinquenten rutschte nur ein leises, unverständliches Grummeln über die Lippen. Der Vorsitzende nickt ihm freundschaftlich zu und wechselt das Thema: „Haben Sie sich nun endlich Gedanken gemacht, wohin die Reise gehen soll?“ „Ich denke, ich entscheide mich für das Strafrecht.“ „Staatsanwaltschaft …?“ Koch wiegt mit dem Kopf: „Ich denke eher nicht.“ „Sie hätten auch die Kanzlei Ihres Vaters weiterführen können.“ „Das war es ja gerade, was ich nicht wollte. Erstens liegt mir Wirtschaftsrecht nicht, und zweitens hätte ich immer im Schatten meines Vaters gestanden.“ „Ja, das kann ich irgendwo verstehen. Trotzdem hätten Sie einen besseren Start gehabt. Das Werben um eigene Mandanten ist eine harte Herausforderung. Ein Messingschild an der Tür füllt noch keine Kanzlei.“ „Nun, mein Traum ist es immer gewesen, meinen eigenen Weg zu machen.“ „Traum? Ist das der richtige Ansatzpunkt?“ „Nennen Sie es Konsequenz oder Willen. Eine eigene Kanzlei bedeutet Unabhängigkeit. Vaters Räumlichkeiten sind ja vorhanden. Er hatte kurz vor seinem Tod den Flachbau gekauft. Was mir fehlt, ist einzig die Zulassung.“ „Die Zulassung bekommen Sie, das ist, denke ich, so gut wie sicher. Trotzdem wird es ein steiniger Weg werden.“ Hunscha sollte Recht behalten. Wie immer! Gute fünf Jahre sind seit diesem Gespräch vergangen. Fünf lange Jahre! Koch gießt sich den Rest Kaffee ein, diesen Rest, der schon so...



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