E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Wyndham Die Triffids
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07682-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Mit einem Vorwort von M. John Harrison
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-641-07682-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach einem Kometenschauer über London ist nichts mehr so, wie es einmal war: Blind und hilflos irren die Menschen durch eine gespenstische und zerstörte Stadt. Die wenigen Glücklichen, die noch sehen können, schließen sich zusammen und verlassen London. Doch in der postapokalyptischen Welt lauert eine neue Gefahr: riesige, menschenfressende Pflanzen – die Triffids ...
John Wyndham Parkes Lucas Beynon Harris wurde am 10. Juli 1903 in der Nähe von Birmingham, England, geboren und besucht im Laufe seiner Schulzeit verschiedene Internate. Nach seinem Abschluss arbeitete er unter anderem als Landwirt, Grafiker und Werbefachmann, bevor er sich ab 1931 dem Schreiben widmete. Er ist einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren Englands und benutzte eine Reihe von Pseudonymen, darunter auch Lucas Parkes und John Beynon. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Verschlüsselungsexperte für das Royal Corps of Signals und nahm an der Landung in der Normandie teil. Nach dem Krieg wandte er sich, inspiriert und angespornt vom Erfolg seines Bruders Vivian Beynon Harris, erneut dem Schreiben zu. 1951 landete er mit Die Triffids einen Bestseller, dem sechs weitere Romane folgten. Zahlreiche seiner Werke wurden verfilmt, darunter auch Die Triffids und Das Dorf der Verdammten. John Wyndham starb am 11.3.1969 im Alter von 65 Jahren in London.
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2 Die Triffids
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Die Triffids
Dies sind private Aufzeichnungen. Vieles von dem, was sie enthalten, ist für immer verschwunden, dennoch kann ich hier nur die Worte gebrauchen, die wir für diese verschwundenen Dinge hatten, ich sehe keine andere Möglichkeit. Damit alles klarer wird, muss ich weiter ausholen und tiefer in die Vergangenheit zurückgehen.
Ich bin in London aufgewachsen. Mein Vater war beim Finanzamt angestellt. Wir hatten in einem südlichen Stadtteil ein kleines Haus mit einem Garten, in dem mein Vater in den Sommermonaten unermüdlich arbeitete. Wir unterschieden uns nur wenig von den zehn oder zwölf Millionen anderen, die damals in und um London herum lebten.
Mein Vater war ein flinker Rechner. Er konnte eine Zahlenkolonne im Nu addieren; kein Wunder, dass er aus mir einen Buchhalter machen wollte. Leider war ich ein schlechter Rechner und für ihn eine Enttäuschung. Und jeder Lehrer, der versuchte, mir zu beweisen, dass mathematische Lösungen völlig logisch abgeleitet werden konnten und keiner göttlichen Inspiration bedurften, musste schließlich einsehen, dass ich einfach keinen Kopf für Zahlen hatte. Mein Vater las meine Schulnoten stets mit düsterer Miene, obwohl sie ansonsten dazu gar keine Veranlassung gaben. Wahrscheinlich dachte er: kein Kopf für Zahlen = kein Verständnis für Finanzen = kein Geld.
»Ich weiß wirklich nicht, was wir mit dir anfangen sollen. Was willst du denn einmal werden?«, fragte er oft.
Und bis zum Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren pflegte ich im vollen Bewusstsein meiner kläglichen Unzulänglichkeit nur ratlos den Kopf zu schütteln und kleinlaut zu gestehen, dass ich es auch nicht wusste.
Darauf schüttelte auch mein Vater den Kopf.
Seine Welt war klar eingeteilt in Schreibtischmenschen, die mit dem Kopf arbeiteten, und die anderen, die sich bei der Arbeit schmutzig machten. Wieso er diesem Weltbild, das schon seit etwa hundert Jahren veraltet war, immer noch anhing, weiß ich nicht, aber es beherrschte meine ganze Kindheit, und spät erst begriff ich, dass ich trotz meiner Zahlenschwäche nicht zu einem Leben als Straßenkehrer oder Küchengehilfe verdammt war.
Noch ahnte ich nicht, dass das Fach, das mich am meisten interessierte, mir eine Laufbahn eröffnen würde, und mein Vater übersah einfach, dass meine Noten in Naturgeschichte und Biologie immer gut waren, oder vielleicht war ihm das unwichtig.
Die Entscheidung kam durch die Triffids. Ich verdanke ihnen viel. Nicht nur Anstellung und Lebensunterhalt. Sie brachten mich wohl auch mehr als einmal in Lebensgefahr, aber am Ende waren sie dennoch meine Lebensretter, denn wegen einer Triffidverletzung lag ich in den kritischen Tagen der »Kometenschwärme« im Krankenhaus.
Man findet in Büchern eine Menge vager Spekulationen über das plötzliche Auftauchen der Triffids. Das meiste ist blanker Unsinn. Sie waren gewiss keine spontan, gleichsam durch Urzeugung entstandenen Naturgebilde. Auch nicht die warnenden Vorboten größerer Heimsuchungen für die Menschheit, die die Natur nicht schonte und keine Einsicht zeigte. Sie kamen auch nicht aus dem Weltraum als Zeugen für die erschreckenden Formen, die das Leben auf minder begünstigten Himmelskörpern annehmen konnte; ich jedenfalls bin überzeugt, dass die Erklärung anderswo zu suchen ist.
Und ich darf auf diesem Gebiet mitreden, denn die Triffids waren mein Arbeitsgebiet, und die Firma, für die ich tätig war, spielte bei der Einführung der Spezies wenn schon keine rühmliche, so doch eine führende Rolle. Über die Herkunft der Triffids wissen wir auch heute noch nichts Genaues. Meiner Ansicht nach verdanken sie ihre Entstehung einer Reihe subtiler Kreuzungsexperimente und sind wahrscheinlich ein unbeabsichtigtes Zufallsergebnis. Wir wüssten zweifellos mehr über ihren Stammbaum, wären sie in einem uns zugänglichen Teil der Welt entwickelt worden. Da keine offizielle Mitteilung jemals die Öffentlichkeit erreichte, war das offensichtlich nicht der Fall. Die Gründe dafür waren wohl vor allem in der eigenartigen politischen Situation von damals zu suchen.
Die Welt war damals weit und offen, und man konnte sich in ihr ohne große Schwierigkeiten bewegen. Ein dichtes Netz von Straßen, von Bahn- und Schiffahrtslinien sicherte schnelle und bequeme Beförderung über jede Entfernung. Wenn man noch schneller reisen wollte – und es sich leisten konnte –, nahm man das Flugzeug. Man konnte reisen, wohin man wollte, unbewaffnet und ohne besondere Vorsichtsmaßregeln. Es waren nur eine Menge Formulare auszufüllen und viele Bestimmungen zu beachten. So standen die Dinge in fünf Sechsteln der Erde, im restlichen Sechstel dagegen herrschten ganz andere Verhältnisse.
Für junge Leute, die diese Welt nicht mehr gekannt haben, muss es schwer sein, sie sich vorzustellen. Für sie mag das alles klingen wie das Goldene Zeitalter – doch für uns, die wir damals lebten, war es nicht so. Vielleicht meinen sie auch, eine so wohlgeordnete Welt müsste langweilig sein – aber auch das stimmt nicht. Sie war, im Gegenteil, ein aufregender Ort, zumindest für einen Biologen. Jahr für Jahr reichten die Anbaugrenzen für Nährpflanzen weiter hinauf nach Norden. Wo früher Tundra und Ödland war, dehnte sich nun Ernteland. Und Jahr für Jahr wurde altes und neues Wüstengebiet fruchtbar gemacht und in Acker- und Weideland verwandelt. Denn die Versorgung mit ausreichender Nahrung war unser drängendstes Problem. Und die Steigerung der Ernteergebnisse sowie die Ausdehnung der Wachstumszonen verfolgten wir auf der Landkarte mit beinahe ebensolcher Aufmerksamkeit wie frühere Generationen die Frontberichte von Kriegsschauplätzen.
Zweifellos stellte dieser Wandel des Interesses vom Schwert zum Pflug einen sozialen Fortschritt dar, aber es war ein Irrtum, diesen Fortschritt, wie Optimisten es taten, als Zeichen einer inneren Umkehr zu deuten. Die Menschen blieben im Kern unverändert: Fünfundneunzig Prozent wollten nichts weiter als in Frieden leben; und die übrigen fünf Prozent erwogen jeweils, ob ein Risiko sich lohnte. Und nur weil diese Erwägungen bisher alles andere als vielversprechend waren, blieb der Frieden erhalten.
Da inzwischen die Zahl der Esser jährlich um rund fünfundzwanzig Millionen zunahm, wurde das Ernährungsproblem immer drängender, und nach jahrelanger erfolgloser Propaganda brachten einige Missernten Unruhe in breite Bevölkerungsschichten.
Der Faktor, der die kriegslüsternen fünf Prozent eine Weile von Störungsversuchen zurückgehalten hatte, war die Satellitenwaffe. Die Raketenversuche hatten am Ende doch zu einem Erfolg geführt. Es war gelungen, Geschosse in so große Höhen zu senden, dass sie dort oben die Erde zu umkreisen begannen: winzige Monde, unschädlich und harmlos, bis ein Druck auf einen Knopf den Rückstoß auslöste, der eine katastrophale Wirkung haben musste.
Die erste Meldung über die erfolgreiche Entsendung eines solchen Satelliten erregte allgemeine Begeisterung, noch verbreiteter aber war die Besorgnis, als ähnliche Meldungen von Staaten ausblieben, von denen man wusste, dass sie auf diesem Gebiet gleichfalls Erfolge erzielt hatten. Es war ein höchst unbehagliches Gefühl, wenn man an diese gefährlichen Trabanten dachte, die dort oben in unbekannter Anzahl gelassen kreisten, bis es jemandem einfiel, sie stürzen zu lassen. Und man konnte nichts dagegen unternehmen. Doch wohl oder übel gewöhnte man sich an den Gedanken. Das Leben ging weiter – und Neuigkeiten sind so wundervoll kurzlebig. Von Zeit zu Zeit flackerte Unruhe auf, wenn Meldungen kamen, dass es neben Satelliten mit Atomladungen auch solche mit anderer Fracht gab, mit Krankheitserregern aller Art, mit radioaktivem Staub, mit Viren und Bakterien, und zwar nicht nur bekannten, sondern völlig neuartigen, in Laboratorien hergestellten Gattungen. Ob es derlei unsichere, zweischneidige Waffen wirklich gab, ist schwer zu sagen. Aber wer weiß, wie weit der Wahnsinn geht, wenn ihn die Angst vorwärtspeitscht? Irgendein virulenter Mikroorganismus, der nach ein paar Tagen seine Virulenz verlor und unschädlich wurde (und wer durfte behaupten, dass sich dergleichen nicht züchten ließ), konnte, an geeigneten Stellen abgeworfen, seinen strategischen Wert haben. Jedenfalls nahm die Regierung der Vereinigten Staaten die Sache ernst genug, um ein Dementi zu veröffentlichen: Sie kontrolliere keine für direkte biologische Kriegführung bestimmte Satelliten. Einige Kleinstaaten, die sich diese Waffe wahrscheinlich gar nicht leisten konnten, gaben ähnliche Erklärungen ab. Andere, darunter Großmächte, blieben stumm. Dieses beredte Schweigen stiftete Unruhe; man fragte, weshalb die Vereinigten Staaten es unterlassen hatten, für eine Kriegführung zu rüsten, auf die andere Mächte vorbereitet waren; man wollte auch wissen, was unter dem Wort »direkt« in dem amerikanischen Dementi zu verstehen sei? Als die Diskussion an diesem kritischen Punkt angelangt war, wurde sie mit dem stillschweigenden Einverständnis aller Beteiligten abgebrochen und das Interesse der Öffentlichkeit auf das ebenso wichtige und weniger heikle Problem der Lebensmittelknappheit umgelenkt.
Die Gesetze, die Angebot und Nachfrage regelten, hätten den Unternehmern die Errichtung von Handelsmonopolen ermöglicht, doch Monopole waren damals unpopulär; an ihrer Stelle gab es das Konzernsystem, das unauffälliger und geräuschloser arbeitete. Schwierigkeiten, die sich innerhalb des Systems von Zeit zu Zeit ergaben, wurden ohne großes Aufsehen bereinigt. Ein Mann wie Umberto...




