E-Book, Deutsch, 156 Seiten
Zech Genuss und Sinn
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-9105-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Beitrag zu einer Ethik des Lebens
E-Book, Deutsch, 156 Seiten
ISBN: 978-3-7597-9105-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerade in unsicheren Zeiten, in denen traditionelle Normen und Werte wenig Orientierung bieten, stellen sich die Menschen verstärkt die Frage nach dem Sinn ihres Lebens. Wie kann das Leben jenseits von verantwortungsloser Vergnügungslust einerseits oder freudlosem Puritanismus andererseits gelingen? Dass ein ökologisch verantwortungsvoller Lebensgenuss und ein sinnerfülltes Leben keine Gegensätze sind, sondern nur zusammen gelingen können, versucht dieses Buch aufzuzeigen. Es werden Lebensbereiche herausgearbeitet, die unser Leben lebenswert machen und deren Genuss uns nährt und Kraft gibt.
Prof. Dr. Rainer Zech, Geistes- und Sozialwissenschaftler, letzte Veröffentlichung "Gelingendes Leben in einer unsicheren Welt - ein ethischer Kompass" (Vandenhoeck & Ruprecht 2022), ArtSet® Forschung Bildung Beratung GmbH, Hannover (www.artset.de).
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Worum es geht
Die Sentenz von der Entzauberung des Lebens durch die Moderne wird üblicherweise Max Weber zugeschrieben. Er bezeichnete damit in den 1920er Jahren den Rationalisierungsprozess der modernen gesellschaftlichen Entwicklung, der den Aberglauben des Mittelalters durch die aufgeklärte Vernunft vertrieben hätte. Der Alltag sei kalt geworden, die Gesellschaft ein bürokratisches, stählernes Gehäuse und die Menschen nur noch Rädchen im großen Getriebe. Weber fragte auch, ob die Welt einen Sinn hat und ob es einen Sinn hat, in ihr zu existieren.1 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten 1945 im Angesicht der Katastrophe von der völlig verwalteten Welt gesprochen; die aufgeklärte Vernunft sei zu instrumenteller Rationalität der Herrschaft über Mensch und Natur verkommen.2 Das ist bis heute die gültige Erzählung, und mit Blick auf den herrschenden Zustand der Welt und der Menschheit findet man sich in dieser Einschätzung bestätigt. Gründe, depressiv zu werden angesichts der multiplen Katastrohe aus menschengemachtem Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung, Krieg und zunehmender Gewalt im Alltag, gibt es also genug. Immer mehr Menschen, auch bereits Jugendliche, werden es auch. Leben und dabei wenigstens unsere individuelle Würde bewahren müssen wir trotzdem. Ist die Welt verhext? Und wer ist der Hexer? Nun ja, das sind die überindividuellen Kräfte einer ausbeuterischen globalen Ökonomie, denen es mehr um ihren Profit als um den Erhalt des Lebens geht. Und da ist die in Sachen Natur- und Lebenserhalt tatenlose Politik, wenn sie nicht sogar Menschenrechte verletzt und Kriegsverbrechen begeht. Das ist alles richtig, aber das darf nicht alles sein. Wir, jeder und jede Einzelne von uns, könnten trotzdem moralisch richtig handeln – einfach deshalb, weil es richtig ist, auch wenn man im globalen Maßstab kaum Anlass zu Hoffnung sieht. Die Menschheit als Ganze habe ihre Würde verloren, meint Thomas Metzinger, es gebe aber keinen Grund, dass wir uns individuelle ebenso würdelos verhalten.3 Aber dafür brauchen wir eine individuelle Lebensform, die würdevoll und gangbar ist und sich auch dann bewährt, wenn sich der Zustand der Welt weiter verschlechtert. Wir müssen keine Partys auf dem Vulkan feiern, übers Wochenende mit klimaschädlichen und Steuermitteln gesponserten Billigfliegern nach Mallorca jetten oder mit Monster-SUVs den CO2-Ausstoß erhöhen. Aber für den vermeintlichen Spaß, auf den wir verzichten, brauchen wir eine bessere Alternative. Jane Bennett hat bereits 2002 einen Gegenentwurf gegen die Säkularisierungstheoretiker, die Sinnverlust und zunehmenden Nihilismus konstatierten, vorgelegt.4 In »The Enchantment of Modern Life« behauptet sie, unsere moderne Welt sei nie völlig durchrationalisiert worden und könne auch niemals vollständig instrumentell beherrscht werden. Trotz aller emotionalen Kälte, Schrecklichkeiten und Sinnlosigkeitserfahrungen gebe es noch immer entzückende und bezaubernde Aspekte. Sie fand den Zauber in den Naturerscheinungen, in der Physik und der Technik, in den vielfältigen Natur-Kultur-Hybriden, aber auch in den Künsten.5 Die zauberhaften und bezaubernden Aspekte müssen wir in unserem Alltag (wieder) entdecken. Sie bilden das Gegengewicht gegen die Sinnlosigkeitserfahrungen im großen Ganzen. Mit diesem Essay will ich dem Zauber in unserem Alltag nachspüren und aufzeigen, was uns nährt und wie wir unserem Leben wenigstens selbst einen Sinn verleihen können. Ich möchte nachweisen, dass die beiden Wünsche, das Leben zu genießen und es trotzdem verantwortungsvoll zu gestalten, zusammen realisiert werden können. Sogar nur zusammen, denn Genuss und Sinn sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Ist es nicht weit über die aktuelle Krise hinaus ein Zeichen der Zeit, dass viele das Gefühl haben, im ständigen Beschäftigtsein würde ihnen das Leben zwischen den Fingern zerrinnen? Vermissen nicht viele im allgemein und umfassend gewordenen Wettbewerb vor allem Eines? Zeit zu haben, um zu leben! Die angestrengte Art, sich zu amüsieren, ist kein Ersatz – eher ein Zeichen des Mangels. Der Mangel kann sich aber auch als Chance erweisen, um darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet zu leben, und um unsere Art zu leben zu überdenken: Wofür lohnt es sich zu leben? Wie können wir unserem Leben einen Sinn geben? Wie und was können wir verantwortungsvoll und ohne schlechtes Gewissen genießen? Und was hat Genuss mit Sinn zu tun? Darüber will ich in diesem Essay nachdenken. Ob es hilft? Wir werden sehen. Ein Essay ist ein Versuchen, und einen Versuch ist es allemal wert. Essays sind ein Wagnis, denn sie suchen nicht nach Aussagen, welche die Leserinnen und Leser getrost nach Hause tragen können. Essays gleichen vielmehr Erkundungsgängen – sprich, sie geben unserem ganzen nicht getrosten Dasein und dem Nicht-ganz-bei-Trost-Seindarin Raum.6 (Marie Luise Knott) Eingangs werden im Kapitel »Das Leben leben« einige anthropologische Bedingungen der menschlich-gesellschaftlichen Existenz skizziert, und es wird aufgezeigt, in welche Spannungsfelder unsere individuelle Existenz eingespannt ist. Hier geht es um die Spannungsfelder geboren werden – sterben und einzeln sein – gemeinsam sein. Anschließend werden Lebensbereiche herausgearbeitet, die unser Leben lebenswert machen und deren Genuss uns nährt und Kraft gibt. Dies geschieht mehr oder weniger unvollkommen, eher exemplarisch. Die ausgewählten Aspekte sind im buchstäblichen Sinne subjektiv; sie orientieren sich an meinen eigenen Vorlieben und Sinnstrukturen. Andere mögen in ihrem Leben weitere oder andere Kraftfelder finden. Danach wird aufgezeigt, was Sinn im Unterschied zu Funktion und Bedeutung ist und wie wir unserem Leben Sinn geben können, um abschließend den Zusammenhang von Genuss und Sinn über ihre komplementäre Wertstruktur zu erschließen. Darauf folgt ein Kapitel über sinnliche und geistige Genüsse und ein weiteres über Genüsse, die nur über einen Sinnverzicht zu erreichen sind. Im Schlusskapitel wird meine Ethik des Lebens weiter ausgeführt, die ich im vorangegangenen Buch »Gelingendes Leben in einer unsicheren Welt«7 begonnen habe. Dort hatte ich über meine Reise durch die unsichere Welt berichtet und gefragt, wie dennoch Leben gelingen kann. Es ging um einen ethischen Kompass zur Orientierung, der uns hilft, trotz aller Verunsicherungen handlungsfähig zu bleiben. Nun geht es um die weitere Konkretisierung von Gelingensmöglichkeiten: um Liebe und Freundschaft, um gute Arbeit und Muße, um Naturund Kunsterleben, um Lebensorte und Landschaften, um Leben im Hier und Transzendenz im Jetzt. Dies ist ein persönlicher Text – eben ein Essay, ein Versuch, aktuell relevante Fragen aus der persönlichen Perspektive zu diskutieren. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit. Eher ist es so, dass ich auch nur einer bin, der sich bestimmte Fragen stellt bzw. sich den Fragen stellt, die das moderne Leben an uns stellt. Das heißt, ich behandele meine eigenen Vorlieben im Sinne eines Exempels. Dieser Versuch mag eine gewisse Orientierung für andere bieten, sich ihren eigenen Sinn zu erschließen. Manche mögen bemängeln, dass ich nicht über Politik und deren Verantwortung für die Krisenbewältigung schreibe. Das tun andere vielfach und gut. Gesellschaftliche Umsteuerungen sind erforderlich, wenn wir allein den Klimawandel, der droht, alles Leben auf der Erde zu vernichten, bewältigen wollen. Das ist unstrittig, aber nicht Gegenstand dieses Essays. Denn ohne dass wir uns auch individuell ändern, geht es ebenfalls nicht. Beides soll und kann nicht gegeneinander ausgespielt werden. Judith Butler wirft daher die durch Adorno klassisch gewordene Frage wieder auf, ob ein richtiges Leben im falschen möglich sei. Sie glaubt, dass wir uns an der Neugestaltung der gesellschaftlichen Bedingungen auch dadurch beteiligen müssen, dass wir uns miteinander und füreinander neu entwerfen.8 Mir geht es darum zu überlegen, woher wir für unseren individuellen Neuentwurf die Kraft nehmen können. Ich will über Möglichkeiten schreiben, eine veränderte ethische Haltung dem Leben gegenüber zu finden, indem wir es genießen und zugleich sinnvoll gestalten. Hier geht es daher nur um Positives und im gewissen Sinn wieder um eine Ethik des Gelingens! Gerade in der heutigen Zeit erscheint es mir sinnvoll, den Blick nicht wie verhext nur auf die Katastrophen zu richten, sondern auch darauf zu schauen, was es trotz alledem noch an Gutem gibt, das uns kräftigt, um dem Negativen entschieden entgegenzutreten. Solidarität mit dem Lebendigen beginnt nun einmal beim Individuum. Wenn, wie es im Verlauf des Essays weiter ausgeführt und begründet wird, Sinn ausschließlich als ein subjektives Konstrukt zur Selbstverständigung und zur intersubjektiven Kommunikation verstanden wird, dann gibt der Autor mit diesem Text auch seine...




