E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Zeniter Machtspiele
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8270-8080-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Prix Goncourt des Lycéens; Prix Le Monde
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8270-8080-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alice Zeniter wurde 1986 in Clamart geboren und wuchs in dem kleinen Dorf Champfleur auf, bis die Familie nach Alençon zog. Sie lebt heute in Paris und in der Bretagne. Schon als Schülerin schrieb sie ihren ersten Roman. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie an der École normale supérieure in Paris. Sie arbeitet(e) als Lehrerin und Dramaturgin (einige Jahre lang auch in Budapest). Internationales Aufsehen erregte sie mit ihrem fünften Roman, »Die Kunst zu verlieren«, mit dem sie es u.a. in die letzte Auswahl für den Prix Goncourt schaffte, den begehrten Prix Goncourt des Lycéens erhielt und außerdem im Jahr 2022 den wohl begehrtesten Preis für ein literarisches Einzelwerk, den Dublin Literary Award. Der Vorgängerroman »Kurz vor dem Vergessen«, war bereits mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet worden. 2020 erschien in Frankreich »Comme un empire dans un empire« (»Machtspiele«, 2023), 2022.
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»Man hat schon so einiges über mich gesagt, aber dass ich gewöhnlich bin, niemals, da sei Gott vor!«, hatte eines Tages der Abgeordnete ausgerufen, für den Antoine arbeitete. So theatralisch er seine Besorgnis auch mimte, indem er die Hand aufs Herz legte (auf das Nadelstreifenhemd, unter dem, hinter womöglich ergrauendem Brusthaar, Haut, einer feinen Fettschicht, Fleisch und Rippen, das Herz lag), konnte er doch nicht verbergen, dass es ihm ernst damit war. Der Satz, den er aus Gesprächigkeit und als Eigenlob einfach so hingeworfen hatte, traf Antoine mit voller Wucht – er sah ihn vor sich wie eine dieser sirrenden Revolverkugeln aus Hollywood-Actionfilmen, die in die Schulter des Helden einschlagen und ihn um 180 Grad herumwirbeln lassen, allen physikalischen Gesetzen zum Trotz.
Antoine fürchtete, dass er selbst schon einmal als »gewöhnlich« bezeichnet worden war. Das Adjektiv schien ihm vernichtend genug, um die gewaltigen, himmelblauen und meist verschwommenen Träume zu ersticken, die sich in ihm regten. Nach der Bemerkung des Abgeordneten ließ er sich gar zu dem Gedanken hinreißen, er habe sich vielleicht gerade gegen dieses Wort und den Schrecken entworfen, den ihm die drei Silben einzuflößen vermochten. Sein Äußeres hatte, ihm selbst zufolge, nichts Auffälliges, das ihn genauer beschrieben hätte, nichts in seinem Gesicht mit den braunen Augen stach hervor, nichts an seinem Körper war außergewöhnlich lang oder breit – sodass in seinem Ausweis in der Zeile für besondere Eigenschaften bloß »keine« stand, was ihm bisweilen brutal vorkam. Als Kind hatte man ihm immer wieder gesagt, wie »süß« er aussehe, mit seinem Heiligenschein aus Engelslöckchen, aber er vermutete, dass man das allen kleinen Menschen erzählte, und er war sich sicher: Wäre er hässlich gewesen, hätte seine Mutter das niemals zugegeben, geschweige denn laut ausgesprochen. Sein Vater wiederum schien als Mann grundsätzlich auf jedes ästhetische Urteil zu verzichten, und er hatte das Aussehen seines Sohnes nur dann kommentiert, wenn dieser schmutzig, über und über mit Sand und Schlick bedeckt, vom Strand zurückkam. Daher hatte Antoine von klein auf niemals sein Äußeres herangezogen, um nach einem Anzeichen dafür zu suchen, etwas Besonderes zu sein. Während der Schulzeit konnte er sich als »begabten« Jungen betrachten, denn diesen Vermerk schrieben seine Lehrer jedes Trimester unter sein Zeugnis, und Antoine liebte es, wenn sich der Blick seiner Eltern beim Lesen der Beurteilung in einer Mischung aus Stolz und Besorgnis verschleierte. Als begabter Junge genoss er eine gewisse Ungestörtheit, denn wenn er sich in sein Zimmer einschloss, nahmen die Erwachsenen in seinem Umfeld an, er denke nach oder träume von großartigen Dingen. Schon sehr bald nötigte sein Vater ihn nicht mehr zu gemeinsamen Sonntagsspaziergängen, als wollte er seinem Sohn die vielen Stunden lassen, die dieser zur Entfaltung seiner »Begabungen« brauchte, worin sie auch immer bestanden. Dass diese Zeit größtenteils für Telefonate mit Xavier aufgewendet wurde, Antoines bestem Schulfreund, schien weder die Bewunderung seiner Mutter noch die seines Vaters zu schmälern. Sein Status eines begabten Jungen hatte es Antoine außerdem erlaubt, nicht allzu sehr unter dem mangelnden Interesse der Mädchen zu leiden, das diese ihm bis zu seinem sechzehnten Geburtstag vorenthielten. Wann immer sie höflich lächelten, durch die Blume ihre Ablehnung äußerten oder sich auf Abstand hielten, um noch seinen geringsten Annäherungsversuch im Keim zu ersticken, sagte sich Antoine, dass er vermutlich zu schnell oder zu komplex dachte, um verstanden zu werden, und ihn vor allem diese seiner Intelligenz geschuldete Gesprächshürde von den Mädchen trennte. Als er zu Beginn der Oberstufe eines traf, das seine Theorie entkräftete (Julie Le Cléach, gleicher Jahrgang, sprachlicher Zweig), gab er diese innere Rechtfertigung ohne jedes Bedauern auf und fand lieber heraus, wie es sich anfühlte, seine Haut an der eines anderen Menschen zu reiben. Antoine verlebte sein siebzehntes, dann sein achtzehntes Lebensjahr in einem Zustand relativer Glückseligkeit: Er war ein begabter Junge, und Julie Le Cléachs Hände berührten ihn überall; das war befriedigend. Diese positiven Faktoren wurden zunehmend von dem Eindruck unterlaufen, dass er am falschen Ort geboren war und es in seinem Dorf nichts gab, was er nicht schon in- und auswendig kannte, abgesehen vom Meer.
Im September 2005 ging er nach Paris, und mit dem Eintritt in die Vorbereitungsklasse für die Eliteuniversitäten begann die Angst vor der Gewöhnlichkeit, ihre Gänge zu bohren. In seinem Wohnheimzimmer, dessen Beengtheit ihm das Gefühl gab, sich höchstens in den Raum zwängen, aber niemals darin wohnen zu können, musste Antoine sich eingestehen, dass er nicht ganz vorhergesehen hatte, wie sein Leben ohne seine Eltern, seine Freunde und ohne Julie Le Cléach sein würde (deren Hände sich nun sicher überall auf einem Studenten der Universität Rennes-2 vergnügten, doch Antoine zwang sich, nicht voll Eifersucht daran zu denken, denn schließlich hatte er ihre Beziehung beendet). In seinem ersten Jahr in Paris kam er sich kein bisschen »begabt« vor, im Gegenteil, er lernte fieberhaft und pausenlos, um dann allenfalls passable Ergebnisse zu erzielen. Er sagte sich, dass man ihn möglicherweise angelogen, dass er niemals irgendein Talent besessen hatte, und in den Kommentaren zu seinen Hausarbeiten lauerte er auf ein Zeichen, an das er sich klammern könnte, auf das Wiederaufblitzen einer verschütteten Begabung. Doch in den ersten Monaten bekam er nichts als rot umkringelte, äußerst mäßige Noten, Sechsen und Siebenen, ab und an eine Neun, niemals mehr. Seine Arbeiten bewiesen ihm stetig und verlässlich seine Mittelmäßigkeit innerhalb des Systems der Vorbereitungsklassen (Mittelmäßigkeit in ihrer grundlegenden Bedeutung, »im Balzac’schen Sinne«, wie ihr Lehrer für Literaturwissenschaften es ausgedrückt hatte, als sie zu Beginn des Schuljahrs Balzacs Roman Tante Lisbeth durchnahmen, und Antoine fand es wunderbar, dass Wörter einen Balzac’schen Sinn haben konnten, dass Balzac mit seinem massigen Körper derart auf den Wörtern lasten konnte, dass er ihnen schließlich neuen Sinn eingeprägt hatte). Antoines Kontakt zu den dreißig anderen Schülern der Klasse machte ihm seine Mittelmäßigkeit noch auf andere Weise bewusst, diesmal in gesellschaftlicher Hinsicht. Im Umgang mit Diplomaten- und Professorenkindern erlebte er seine Zugehörigkeit zur Mittelschicht auf neue Art. In dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, hatte sie ihm eine gewisse Überlegenheit, einen Vorteil verschafft, doch in seinem Pariser Umfeld bedeutete sie nichts anderes als soziale Unterlegenheit, und Antoine hatte bei sich gedacht, dass »Mittelschicht« im Grunde genau das meinte: keineswegs die goldene Mitte, sondern die Tatsache, immerzu der Reiche unter den Armen und der Arme unter den Reichen zu sein. Auch wenn sich seine Noten schließlich verbesserten, auch wenn er das erste Jahr bestand und in die zweite und letzte Vorbereitungsklasse wechseln durfte, auch wenn er anschließend Politikwissenschaften an der renommierten Sciences Po studierte, hatte er das alte Zutrauen in seine intellektuellen Fähigkeiten nie ganz zurückgewinnen können, und die Angst vor der Gewöhnlichkeit hatte sich eingeschlichen, hartnäckig und ätzend.
Dass Antoine seit Verlassen der Bretagne auf Menschen traf, die einem eindeutig höheren Milieu entstammten als er, lag nicht nur an den Bildungseinrichtungen, die er nun besuchte. Die Vorbereitungsklassen bestanden, so hatte er irgendwo gelesen, zu 70 Prozent aus Kindern von Professoren und Führungskräften. Obwohl er nicht genau wusste, wann man in seiner Karriere zu einer »führenden« Kraft aufstieg – ebenso wenig, wie er wusste, wann aus einem Besser- ein Spitzenverdiener wurde –, hatte die Statistik Eindruck auf ihn gemacht. Dass diese Gesellschaftsschichten in den Vorbereitungsklassen überrepräsentiert waren, erklärte die Homogenität von Antoines Bekanntenkreis allerdings nicht allein. Auch er hatte daran mitgewirkt, indem er alle, die ihm durch ihre geografische oder soziale Herkunft ähneln könnten, zunächst mied. Er hatte aktiv die Gesellschaft der Pariser Bourgeoisie gesucht, sie hatte ihn angezogen, mit ihrem besonderen Akzent, den seltsam verzögerten Gesten. Er hatte sich dieser Gruppe beharrlich aufgepfropft, auch wenn ihm keine Unterhaltung je einfach erschien. Wenn er, zum Beispiel, von der Bretagne sprach, nickten die anderen wissend, obwohl...




