E-Book, Deutsch, 386 Seiten
Ziegler Das letzte Buch
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-4615-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 386 Seiten
ISBN: 978-3-6951-4615-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Ziegler wurde 1958 in Hamburg geboren, wo er heute wieder lebt. Er ist Redakteur, Vater, nebenberuflicher Rentner. Und Autor diverser Bücher, darunter die Reihe um »die schönsten Film-Weisheiten«. Zuletzt erschien der Yoga-Thriller »Herabschauender Tod«.
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1
Westlich von Marokko
(Lanzarote, 2007)
Inez de la Muerte bekam schlechte Laune. Wie es die Vorschrift befahl, war die Beauftragte zum Einsammeln der Seelen westlich von Marokko exakt um null Uhr an ihrem Arbeitsplatz eingetroffen und hatte mit einem Blick erkannt, dass die rot blinkende Darstellung einer Sanduhr ihr einen freien Tag versaute.
Ohne diese Anordnung wäre sie vielleicht in den Norden gefahren, zum Surfen oder zum Schwimmen mit Tintenfischen. Über die verwehte Sandpiste nach Famara, an den endlosen weißen Strand, wo der Atlantik so wild anbrandete, dass ein rostiges Schiffswrack bis heute nicht geborgen werden konnte. Damals, 1862, als der Zementfrachter in der Bucht auf Grund gelaufen war, hatte sie Überstunden schieben müssen, sich gleichwohl an der Schönheit des Ortes erfreut.
Oder sie wäre gen Süden gereist, zum Wandern in die Feuerberge. 1730, dem Jahr des ersten Vulkanausbruchs, und 1824, als der bisher letzte erfolgte, hatte sie immer wieder Aushilfskräfte anfordern müssen, Zeitarbeiter, um die Situation in den Griff zu bekommen. Seither herrschte allerdings Ruhe. Bis auf wenige Flechten und kleine, dornige Sträucher, durch die der wenige Regen auf der erkalteten Lava den üblichen, sinnlosen Kreislauf wieder in Gang brachte, gab es dort kein Leben.
Kein Leben, dachte Inez de la Muerte grimmig, keine Arbeit.
Sie war nicht faul, das war es nicht. An ihrem Arbeitsplatz, direkt neben dem Kontrollpult, hingen drei Urkunden für vorbildliche Pflichterfüllung. Aber sie hatte sich absichtlich an diesen abgeschiedenen Ort versetzen lassen, mit seinen gerade mal hunderttausend Bewohnern. Nach den hektischen Jahren des Mittelalters wollte sie als ihren Wirkungskreis begrenzen. In Ruhe über ihr Leben nachdenken. Die Ironie der Begriffswahl war ihr bewusst.
Wie auch immer, Punkt Mitternacht öffnete sie die Tür zum Kontrollraum und ging zu dem elektronischen Pult in der Gewissheit, hier würde heute niemand sterben. Alle Fälle von gestern waren abgehakt. In den übrigen Sanduhren – Symbole als Respekt vor einer längst vergangenen Zeit – ausreichend Zukunft. Die meisten glommen grün, manche gelb. Gelb war kein Grund zur Hektik.
»Verdammte Touristen«, murmelte Inez de la Muerte, als sie auf das zuckende Rot starrte. Immer mehr Reiselustige kamen auf ihre Insel und sorgten für Unregelmäßigkeiten.
Sie berührte das Piktogramm. Informationen bauten sich auf. Erst das Bild eines rothaarigen Mannes, dann dessen Daten.
Name: Kevlar, Jan.
Geboren: 16. Mai 1958.
In: Hamburg, Deutschland.
Beruf: Journalist und Autor.
Familienstand: ledig, Vater eines Sohnes, 14.
Konfession: keine.
Todeszeit: 11 Uhr 50 (Ortszeit).
Todesort: Tahiche, Fundación César Manrique (Innenhof, neben dem Swimming Pool).
Todesursache: verbluten (durchgeschnittene Kehle).
Mit einem Knopfdruck bestätigte sie der Verwaltung den Auftrag. Früher oder später geht es für jeden ans Sterben. In diesem Fall - nun ja, früher eben.
Schade eigentlich. Mit dem gestutzten Vollbart, den wachen blauen Augen und dem schalkhaften Lächeln wirkte dieser Kevlar ganz sympathisch. Außerdem schätzte sie es nicht besonders, Leute holen zu müssen, die noch nicht mal die Fünfzig erreicht hatten, Eltern minderjähriger Kinder schon gar nicht. Aber was solls? Mitgefühl war kein Teil ihrer Arbeitsplatzbeschreibung.
Auch César Manrique, den Inselkünstler, hatte sie gemocht. Schützend hatte er die Hand über seine Heimat gehalten und die Reiseindustrie in Schach. Kein Haus dürfe höher werden als eine Palme, alle weiß gestrichen, mit blauen oder grünen Fensterläden und Türen. Nachdem er betrunken an einem Kreisverkehr überfahren worden war, hatte sie sogar die Zeit über Gebühr gedehnt, um sich ausführlich mit ihm zu unterhalten. Gleichwohl, als es darum ging, zur Stelle zu sein, hatte sie letzten Endes ihren Job erledigt.
Und unterm Strich ruinierte dieser Kevlar ihre Ruhe.
Um 11 Uhr 30 stand sie vor der Fundación. Wie üblich summte sie Zeilen eines alten Liedes vor sich hin: … Den Rest hatte sie vergessen.
Gemäß der Dienstordnung hätte sie in Weiß gekleidet sein müssen, der Farbe des Todes. Aber sie sah das seit Jahren nicht mehr so eng: Ein knapper bronzefarbener Rock ergänzte ihr weißes Shirt und die weißen Turnschuhe. Kevlar dürfte es eh gleichgültig sein.
Dafür sprachen schon die beiden Männer, die am Tor warteten: Kevlars Eskorte in den Tod. Sie hatte viel über dieses Duo gehört, ging es doch ganz in seiner Profession auf. Für ihren Geschmack zu sehr: Sie fand es überflüssig darauf zu achten, dass lebenswichtige Organe möglichst lang möglichst wenig beschädigt wurden.
Kerzengerade stehend blickte sie über die schmale Straße. Die beinah hüfthohe Gartenmauer aus schwarzem Stein. Das weiß gekalkte Haus mit den arabesk anmutenden Türmchen. Die Bäume, deren Blätter sich herbstlich färbten. Die riesige Tonflasche, ein Hinweis, dass Wasser hier ein knappes Gut darstellte. Die Männer hatten die Holztür hinter sich geschlossen, das Knirschen ihrer Schritte auf dem Lavaschotter wurde leiser.
Inez de la Muerte folgte ihnen. Als sie sich dem Swimmingpool näherte, sich auf den sanften Wind konzentrierte, der mit einem Hauch Salz und staubigen Steins ihr Gesicht streichelte, erklang ein Geräusch, als fiele ein schwerer Sack zu Boden. Dann ein Röcheln.
Die Brise ließ nach, sie hörte nichts mehr, rührte sich nicht. Zwei, drei Minuten vergingen. Dann frischte der Wind wieder auf.
»Ich glaube, er will uns etwas sagen, Mister Frost.«
»Mag sein, Mister Wagner, mag sein. Aber wir sind hier nicht bei Flipper, dem klugen Delfin, oder?«
Sie vernahm ein heiseres Kichern. Es klang wie rieselnder Sand.
»Sie haben die Stimmbänder sorgsam durchtrennt, Mister Wagner?«
»Aber sicher.«
Inez de la Muerte seufzte. Waren die Angaben präzise, lag dieser Kevlar auf dem Boden, wohl ohne zu wissen, wie ihm geschah. Neben ihm gluckste das Wasser des Pools, dazu leichter Chlorgeruch, während sich links und rechts von seinem Hals Blutpfützen bildeten. Über ihm kniete bestimmt der Kleinere der beiden, der mit der Wollmütze. Während der Größere, der mit dem Rentnerhütchen und der Krankenkassenbrille, sarkastische Kommentare abgab.
Sie seufzte erneut. Menschen zu quälen, das war so … Sie suchte einen Moment nach dem passenden Wort. So … so … unnötig? Dekadent? Einfach?
Ach egal, die Menschen trugen ja selbst Schuld. Mal waren sie in ihrer Stoffeligkeit anrührend, mal in ihrem Egoismus anwidernd, vor allem aber machten sie sinnlose Pläne, hatten stets unnütze Träume, verlagerten alles in die Zukunft. Statt zu sagen, Schluss jetzt, ich setze das um, warteten sie auf den idealen Zeitpunkt. Der, logisch, nie kam. Dabei vermied es Missverständnisse, war banal, fast schon ein Gassenhauer: Wenn man weiß, worauf die Dinge zusteuern, ergeben sie oft mehr Sinn. Die Menschen mussten also dringend das Ende zuerst schreiben. Mit Erinnerungen sterben, nicht mit Sehnsüchten und Illusionen.
Sie hatte diesen Gedanken schon oft gedacht. Wie jedes Mal fiel ihr direkt im Anschluss auch ein Gleichnis ein, ihr einst zugetragen von einem Shaolin-Meister: Ein General war mit seinen Soldaten zu Pferd unterwegs, als er auf einen Mönch traf, mitten auf dem Weg, tief in Meditation versunken. Der General befahl ihm aus dem Weg zu gehen. Der Mönch blieb regungslos sitzen. Ob er taub sei, rief der General. Aber der Mönch blieb still. Der General wurde zornig und drohte: Er wisse wohl nicht, wen er vor sich habe? Einen Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken töten könne. Da habe der Mönch aufgeschaut und ruhig geantwortet, dass der General wohl nicht wisse, wen er vor sich habe. Einen Menschen, der ohne mit der Wimper zu zucken sterben könne.
Das wars: Die Menschen mussten ihr albernes, kostbares Leben so gestalten, dass sie sterbefein waren. Nur unzufriedene Menschen hatten Angst vor dem Tod. Die zu quälen, die für ihr Ende bereit waren, bereitete niemandem Spaß. Nicht einmal jenen zwei, die jetzt die Fundación verließen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Beiläufig wischte der Kleine sein blutverschmiertes Messer an einem Palmenblatt ab.
Sterbefein, dachte Inez de la Muerte, die Beauftragte zum Einsammeln der Seelen westlich von Marokko. Wie komme ich jetzt auf dieses abgelaufene Wort? Ponderabel, fiel ihr ein, auch so eine fast begrabene Vokabel. Zwischengas. Sogar anno Schnee. Sie hing definitiv zu viel mit alten Menschen ab. Sie seufzte ein drittes Mal und blickte auf ihre Armbanduhr.
11 Uhr 50. Auf die Sekunde.
Sie legte ihre Hände vor der Brust zusammen und verneigte sich. Aus Respekt vor dem Toten. Vor den Toten überhaupt.
Am Swimmingpool sah es so aus, wie sie es erwartet hatte. Neben einer zerdrückten Bierdose lag der Körper von Jan Kevlar ein wenig verdreht auf dem Boden, der Hinterkopf in einer...




