Ziegler | Herabschauender Tod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Ziegler Herabschauender Tod

Yoga-Thriller
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-1765-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Yoga-Thriller

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-7597-1765-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der spannendste Roman zum Thema Entspannung! Wegen seiner Rückenschmerzen soll Werbetexter Hendrik Scharf mit Yoga beginnen. Sein Start in die Kunst der Verrenkung und Versenkung ist ungelenk und kein Spaß, außer für alle anderen Kursteilnehmerinnen. Lediglich Kato, die schöne Yoga-Lehrerin und ehemalige Kriminalpsychologin, bleibt gelassen. Plötzlich aber taucht ein bewaffneter Attentäter auf und alles ist anders: Statt Schweiß fließt Blut, viel Blut. Der Osten ist plötzlich im Westen. Und Kato und Scharf müssen sich auf eine riskante Reise begeben - zur düsteren Seite der Spiritualität ...

Helmut Ziegler, 1958 geboren, lebt und arbeitet in Hamburg.

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Autoren/Hrsg.


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1 Hendrik Scharf kannte die Abkürzung nicht. »L4 L5«, sagte der Notarzt. Nachdem er in seinem Koffer die passende Ampulle gefunden hatte, zog er auf Knien Einweghandschuhe über, entfernte das Zellophan der Spritze, durchstach den Gummistopfen. »Der Klassiker, Herr Scharf.« Dass seine ausgehärtete Rückenmuskulatur zur selben Kategorie zählte wie die Mona Lisa, das konnte sich Scharf zwar nicht vorstellen, angesichts der Hilfeschreie seines Körpers war es ihm aber auch egal. Der Schmerz hatte ihn gestürmt wie eine Spezialeinheit. Direkt nach dem Staubsaugen – eine Peinlichkeit, auf ewig zu verschweigen. Als er sich zur Entspannung hinlegen wollte, blieben nur zwei Möglichkeiten: ausgestreckt oder Embryonalstellung. Der Wechsel zwischen beiden gelang nicht mehr. Darüber hinaus war der Schmerz neu. Kein aufgeschlagenes Knie, kein gebrochener Arm, kein Faustschlag in den Magen, das kannte er. Dieser hier glühte graurot. Irgendwann schlief er erschöpft ein. Als er erwachte, war es dunkel, nur der Schmerz glühte nach wie vor. Scharf robbte zu seinem Smartphone. »In einer halben Stunde ist der Notarzt da«, versprach der medizinische Bereitschaftsdienst. »Dann gehe ich mal zur Tür.« Die Stimme lachte leise. Dabei hatte er gar keinen Witz machen wollen. In Zeitlupe schleppte er sich zum Türrahmen, krallte sich fest, stemmte sich hoch. Jeder Zentimeter riss an seinem Rückgrat. Endlich stand er – mit pumpendem Herz, tränenden Augen und krumm wie in einer früheren Stufe der Evolution. Tapste so steif wie schweißbedeckt durch den Flur zur Wohnungstür. Sekunden später klingelte es. Und nun lag er hilflos auf dem Bauch, ließ zu, dass seine Unterhose ein Stück tiefer gezogen und eine Spritze eng neben dem Rückenmark in sein Fleisch gedrückt wurde. Der kleine Schmerz lenkte den großen ab, versprach, alles würde besser werden. Vielleicht sogar gut. Für einen Moment wurde ihm weiß vor Augen. »Der nächste Orthopäde ist um die Ecke, in der Uferstraße«, sagte der Notarzt und ließ die Verschlüsse seiner Tasche einrasten. »Die Praxis öffnet um acht, bis dahin sollte das Schmerzmittel wirken.« In einer fließenden Bewegung federte er mühelos in die Höhe. »Bleiben Sie liegen, ich finde allein raus.« Wenige Meter von der Praxis entfernt, während eisiger Wind Regen von der Seite reinreichte, wurde Scharf von einer alten Frau überholt. Die Rücklichter ihres Rollators versetzten ihn mit einem Schlag zu breiten Türen, orange gestrichenen Wänden, überheizter Luft und das Odeur jener Frau, die nach der Blasen-OP ihren Beckenboden trainieren sollte, was nicht immer gelang. Während seines Zivildienstes auf der Geriatrischen dosierte er Pillen in Plastikboxen, leitete Hocker-Gymnastik, wärmte Fertiggerichte auf. Freute sich, wenn er aktivieren konnte, war genervt von denen, die aufgaben. Als sein Gedächtnis bei jenem Alten ankam, der nach einem Hirninfarkt lernen musste, Messer und Gabel zu benutzen, ohne sich ins Auge zu stechen, blieb er stehen, wischte sich Feuchtigkeit aus dem Gesicht. Würde er jetzt auch so pergamenten? War er schon ein Gespenst, einsam, unbelebt? Und wollte er das wissen? Zu oft hatte er erlebt, dass geistige Klarheit nicht in jedem Fall zu feiern war. Andererseits war er froh, dass sich diese Erinnerung aufdrängte. Nicht die andere. Nicht die, die er unbedingt verdrängen wollte. Als neuer Patient musste er ewig warten. Die Sitzposition alle zwei Minuten verändernd, googelte er Orthopäden-Witze. Stehen ein guter und ein schlechter Orthopäde gleich weit von einem Topf Gold entfernt. Der Startschuss ertönt. Frage: Wer gewinnt? Antwort: Es gibt keine guten Orthopäden. Irgendwann steckte man ihn in eine Kammer mit einer Rotlichtlampe. Deren Wärme sollte die Durchblutung fördern und Verspannungen lösen. Zwanzig Minuten später kehrte mit der Kälte auch der Schmerz in den Ring zurück und schlug die Fäuste zusammen, weil diese Runde an ihn ging. »Können Sie aufrecht stehen?«, fragte die Röntgen-Assistentin. Scharf wollte lachen, doch aus ihm kam ein klägliches Geräusch, ein Auauau. »Iliosakralgelenk«, sagte der Orthopäde eine Stunde später und zeigte mit seinem Finger auf eine Stelle des Röntgenbildes. »Der Klassiker?«, fragte Scharf. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. »So schön«, antwortete der Arzt, »dass er als zeitlos gilt, würde ich ihren Rücken nicht einstufen.« Er legte das Bild auf die mit Papier bezogene Liege, griff nach seiner Aktentasche und holte eine Plastikdose hervor, aus der er eine Klappstulle nahm. Irgendein Rotschmiere-Käse, Tilsiter vermutlich. Biss ab. »Keine Mittagspause«, sagte er mit vollem Mund. Kaute, schluckte, atmete aus und sagte übergangslos in die Ammoniak-Wolke: »Bei Spinalkanalstenose empfehle ich Thermoläsion.« Scharf zuckte zusammen. »Eine OP?« »Ich führe einen Katheder in Ihre Bandscheibe. Der Schlauch wird erhitzt, das Gewebe verschmurgelt, schrumpft und entlastet so die Wirbelsäule. Unter Röntgenbeobachtung natürlich.« Bei dem Wort Röntgenbeobachtung flogen Graubrotkrümel aus dem Mund und landeten auf dem weißen Kittel. Der, wie Scharf bemerkte, so weiß nicht war. Er sagte am Empfang, er würde sich melden und dachte, die Krankschreibung in der Hand: Es gibt keine guten Orthopäden. »Lendenwirbelsyndrom«, sagte die Osteopathin, die eingeholte zweite Meinung. Sie hatte Scharf vom Nacken bis zu den Fersen abgetastet und einen Blick auf das Röntgenbild geworfen. »Dazu muss ich kurz ausholen.« In ihrer Praxis gab es weder Plastikhandschuhe noch Ultraschallgeräte, nur Plakate des menschlichen Körpers und des Knochenskeletts. An ihnen erklärte sie, dass sich Beschwerden der Wirbelsäule in dem komplexen System aus Muskeln, Gelenken und Bändern selten auf eindeutige Ursachen zurückführen lassen. »Wann haben Sie die Schmerzen zum ersten Mal gespürt?« Scharf zögerte. Dann gestand er das Staubsaugen doch nicht. »Beim Transport einer Waschmaschine.« Die Osteopathin nickte verständnisvoll. Erläuterte, dass überforderte Muskeln eine eigentlich sinnvolle Schonhaltung annehmen, dafür dann jene krampfen, die ungewohnt viel arbeiten müssten. Daraus resultierende Gewebespannungen schränkten die Beweglichkeit weiter ein. Fragte dann: »Spüren Sie Ihre Füße?« »Klar.« »Keine Taubheit, kein Kribbeln in den Beinen?« »Nein, wieso?« »Dann ist kein Nerv eingeklemmt. Schon mal gut. Was machen Sie beruflich?« »Werbetexter.« »Klingt nach langem Sitzen vor dem Computer.« Er nickte. »Nach Terminstress und entfremdeter Arbeit.« Er nickte wieder. »Aber ich bin oft an Geräten.« »Sieht man. Gut definierte Muskulatur.« »Danke.« »Nutzt aber bloß dem Spiegel, nicht der Haltung.« Sie befahl Scharf auf ihre Liege. Ächzend wälzte er sich in Bauchlage. Minutenlang knetete sie sanft im unteren Rücken, zog die Arme nacheinander hoch, bis er stöhnte, und an jedem einzelnen Finger. »Chronischer Rückenschmerz«, sagte sie, »hat oft mehr mit der Psyche zu tun als mit der Wirbelsäule selbst. Frust, Stress, Wut speist man ja in den eigenen Gefühlshaushalt ein. Sind Sie Perfektionist?« »Wie kommen Sie darauf?« »Ja oder nein?« Sie zog an jedem einzelnen Zeh. »Na, ja. Ich will das, was ich mache, schon so gut wie möglich machen. Gelingt nur nicht oft.« Scharf scheuchte die eine Geschichte aus seinem Kopf, als es überhaupt nicht gelungen war. Die Osteopathin lachte. »Perfekte Beschreibung eines Perfektionisten. Es gibt Begriffe für diese Einstellung: hartnäckig etwa. Oder halsstarrig. Sie arbeiten doch mit Sprache, merken Sie was? Prüfen Sie mal, ob sie Angst davor haben, sich gerade zu machen? Sitzt Ihnen jemand im Nacken? Haben Sie Angst vor einem Hinterhalt? Das knackt jetzt.« Sie hockte sich über ihn, zog die rechte Hand dehnend Richtung linkes Schulterblatt und drückte dabei mit ihren Knien die Oberschenkel auseinander. Er hatte Angst vor zusätzlichen Schmerzen, irgendetwas knackte, aber da kam nichts nach. »Perfektionismus ist gut geeignet für Abwärtsspiralen. Man muss die Latte ja jedes Mal höher legen. Die Gefahr, sie zu reißen, steigt. Die Neigung, dann härter mit sich ins Gericht zu gehen, ebenfalls. Hoher Anspruch, Druck, Scheitern, zertrümmerter Rückhalt des Selbst – erkennen Sie das Muster?« Etwas anderes knackte. Der Schmerz öffnete die Tür und ließ die Erleichterung hinein, die draußen lange ausgeharrt...



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