E-Book, Deutsch, Band 1, 613 Seiten
Reihe: Die Hugenotten-Saga
Zinßmeister Das Lied der Hugenotten
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-226-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman: Die Hugenotten-Saga 1 | Um ihr Leben zu retten, müssen sie ihren Glauben leugnen
E-Book, Deutsch, Band 1, 613 Seiten
Reihe: Die Hugenotten-Saga
ISBN: 978-3-98952-226-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Deana Zinßmeister widmet sich seit einigen Jahren ganz dem Schreiben historischer Romane. Bei ihren Recherchen wird sie von führenden Fachleuten unterstützt, und für ihren Bestseller »Das Hexenmal« ist sie sogar den Fluchtweg ihrer Protagonisten selbst abgewandert. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Saarland. Die Website der Autorin: deana-zinssmeister.de Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die Australienromane »Fliegen wie ein Vogel«, »Der Duft der Erinnerung« und den dazugehörigen Spin-Off-Roman »Sturm über dem roten Land«, die Pesttrilogie mit den Romanen »Das Pestzeichen«, »Der Pestreiter« und »Das Pestdorf« sowie die Hexentrilogie mit den Romanen »Das Hexenmal«, »Der Hexenturm« und »Der Hexenschwur«, die Hugenotten-Saga mit den Bänden »Das Lied der Hugenotten« und »Der Turm der Ketzerin« und die Wolfsbanner-Reihe mit den Titeln »Die Gabe der Jungfrau« und »Der Schwur der Sünderin«.
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Kapitel 2
Jacon Desgranges’ Glashütte lag an einem Waldstück, eine Stunde Fußmarsch von Paris entfernt. Im Laufe der Jahre hatte er bescheidenen Wohlstand erlangt, der ihm gewisse Annehmlichkeiten erlaubte. So hatte er sich vor zwei Jahren eine Stadtwohnung am Rand der Innenstadt von Paris leisten können, in der er mit seiner Frau Catherine und dem fünfjährigen Sohn Pierre lebte. Dank der Mitgift seiner Frau war es Jacon möglich gewesen, die geforderte Pacht an den Grundherrn eines großen Waldgebiets zu zahlen. Dadurch konnte er sich das Brennmaterial für die Glashütte auf viele Jahre sichern, während andere Betriebe weiterziehen mussten, wenn ihr Geld nur für kleine Abholzflächen reichte. Ich werde es sicher nicht erleben, dass das Holz zur Neige geht und die Glashütte schließen muss, hatte Jacon damals gedacht, als er die mächtigen Stämme der Bäume betrachtete. Das war nun einige Jahre her, und bis jetzt war nicht einmal ein Viertel des Holzbestands aufgebraucht.
Der Glasfertigungsbetrieb der Desgranges war einer der größten im Umland und ernährte achtzehn Familien. Es war ein anspruchsvolles Handwerk, das im Schichtdienst rund um die Uhr arbeitete. Jeder Werkplatz bestand aus einem Meister, zwei Handwerkern und einem Anfänger. Es gab einen Schmelzer, der die geheimen Glasrezepte und die Rohstoffe kannte, die man für das Gelingen der Schmelze benötigte. Ein Strecker war der Fachmann für die Herstellung von Flachglas, das für Fensterscheiben genutzt wurde. Und ein Hafenbauer baute den Ofen, für dessen Beheizung ein Schürer zuständig war. Zudem benötigte eine Glashütte einen Pottaschensieder, der Holz zu Asche brannte, die zur Glasschmelze gebraucht wurde. Ein Glasmüller zerkleinerte das Quarzgestein, und Holzfäller schlugen das Holz, brachten es zum Ofen, zerhackten es und lagerten es zur Trocknung. Laut Glasmachervorschrift war die Produktionsdauer von Ostern bis zum Martinstag im November befristet, sodass in den Wintermonaten Reparaturen an den Öfen vorgenommen und Brennmaterial fürs nächste Jahr geschlagen werden konnte.
Jacon hatte ein Gespür dafür, geeignete Arbeiter zu finden, auf die er sich verlassen konnte, sodass er nicht mehr selbst am Schmelzofen stehen musste. Seit geraumer Zeit kümmerte er sich ausschließlich um das Geschäftliche, den Verkauf seiner Glaswaren oder die Anbahnung neuer Aufträge. Trotzdem war es ihm als Hüttenherr wichtig, den Kontakt zu seinen Arbeitern zu halten. Mehrmals im Monat kam er zu der Glashütte, um die Arbeiten zu kontrollieren, aber auch um sich ihre Sorgen, Nöte und Beschwerden anzuhören. Jacon hatte keine Scheu, seine Männer zu rügen, wenn ihm etwas missfiel. Aber genauso lobte er sie für besondere Leistungen.
Die Wohnung des Glasmachers Romain befand sich in einem Gebäude, in dem auch die Unterkünfte der Glasmachergesellen lagen. Die anderen Arbeiter wohnten mit ihren Familien in einfachen kleinen Katen, die abseits der Glashütte, um das zentrale Gebäude des Hüttenbetriebs, platziert waren. In einem aus Holz gezimmerten Langschuppen befanden sich drei Öfen mit unterschiedlichen Funktionen. Im ersten Ofen, dem Frittofen, wurden die Rohstoffe zusammengeschmolzen. Der Klumpen, der dabei entstand, wurde anschließend im Werkofen geschmolzen und zu Gebrauchsgegenständen verarbeitet, die dann im Kühlofen gekühlt wurden. Alle drei Öfen waren aus mit gebrannter Schamotte versetzten Lehmziegeln gemauert. Der Frittofen war mit drei Metern Breite und drei Metern Höhe der größte. In seine untere halbrunde Öffnung wurde das Brennmaterial eingeführt. Aus den oberen Öffnungen entnahm man das flüssige Glas. Bei diesen Arbeitsvorgängen entstand Rauch, der durch das für eine Glashütte typische Rauchdach abzog. Der Hüttenboden aus festgestampftem Lehm sorgte für Kühle und war zudem feuerfest.
Jacon Desgranges und Romain betraten das Werksgebäude. Die sommerliche Augusthitze war schon unerträglich, doch die Hitze, die im Innern der Hütte herrschte, traf die Männer wie ein Keulenschlag. Die Luft war verdichtet von Rauch, Feuer und Wasserdampf. Kaum standen die beiden in der Hütte, brach ihnen der Schweiß aus, sodass ihnen in Sekundenschnelle die Kleider am Körper klebten. Jacons Gesicht lief dunkelrot an, als ob ihn Fieber plagte. Durch den dichten Rauch brannten und tränten seine Augen. Er blinzelte und wischte mit dem Ärmel die Tränen fort.
Romain stellte die Kiste mit dem Weinkelch im Regal für fertige Glaswaren ab und griff nach zwei Bechern, die er mit Bier aus einem Krug füllte. »Trinkt, Monsieur! Ihr seid diese Hitze nicht mehr gewohnt«, sagte er mit lauter Stimme, da er gegen den Lärm angehen musste.
Jacon griff gierig nach dem Becher und leerte ihn in einem Zug. Da bei der Glasherstellung hohe Temperaturen herrschten und zudem die Arbeit sehr anstrengend war, mussten alle Arbeiter ausreichend trinken. Deshalb waren die Hüttenherren vertraglich verpflichtet, genügend Flüssigkeit bereitzustellen. Zahlreiche Krüge mit kühlem Bier standen verteilt um jeden Arbeitsplatz. Ein Lehrjunge war ausschließlich damit beschäftigt, sie immer wieder aufzufüllen und den Schaffenden zu reichen.
Romain zog aus dem Hosenbund ein Tuch hervor. »Diese Hitze ist auch nichts mehr für mich alten Mann«, knurrte er verhalten und wischte sich mit dem Lappen über das gerötete Gesicht. Jacon nickte verständnisvoll und winkte den Lehrjungen herbei, der ihnen hastig nachschenkte.
Nach dem zweiten Becher fühlte Jacon sich erfrischt und trat dichter an einen der Schmelzöfen, den Hafen, heran. Fasziniert sah er den Glasmachern auf der hölzernen Arbeitsbühne zu, auf der sie während ihrer Arbeit standen. Nachdem die Glasmasse zwei Tage und Nächte hindurch geschmolzen worden war, tauchte der Einbläser nun die Glasmacherpfeife ins Glasbad. Er drehte die Eisenhälfte des über ein Meter langen Rohrs und entnahm flüssiges Glas, das er durch Blasen ins hölzerne Ende der Pfeife zur Kugel formte. Seine Wangen blähten sich dabei derart auf, dass es so aussah, als könnten sie Jeden Augenblick platzen. Als der Einbläser mit seiner Arbeit zufrieden war, reichte er die Pfeife weiter an den Meister, der das Glas mit Glastropfen und Glasfäden, die er aus den Glasbatzen zog, verzierte. Dann brachte der Einträger das fertig geformte Glas in den Kühlofen, wo es bei geringerer Temperatur auskühlten musste.
Jacon betrat das Holzpodest, damit seine Arbeiter ihn bemerkten. Wie auf Kommando sahen alle Männer zu ihm auf, grüßten mit einem knappen Nicken und widmeten sich dann sofort wieder ihrer Arbeit. Jacon bemerkte aus dem Augenwinkel eine Bewegung und schaute zum Kühlofen, wo der Glasmeister ihn zu sich winkte. Er ging zu ihm hinüber, als dieser gerade mit dem Zwackeisen, das einer langen Pinzette mit breitem Bügel glich, ein rotes Weinglas aus dem Ofen zog und es in die Höhe hielt.
»Très magnifique! Sehr schön!«, schrie Jacon, da gerade neues Holz in den Ofen gehievt wurde und man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Er klopfte dem Glasmeister wohlwollend auf die Schulter.
»Morgen sind die letzten Gläser fertig«, versprach der brüllend, und Jacon wiederholte das Schulterklopfen. Er ging soeben zurück zu Romain, der die Glasware aus dem Regal in Kisten mit Stroh verpackte, als sich die Tür des Hüttengebäudes öffnete und ein junger Mann eintrat. Sofort schweifte sein Blick suchend umher und blieb an Jacon hängen. Mit eiligen Schritten kam er auf ihn zu.
»Was machst du hier?«, fragte Jacon den Sohn seines Freundes Claude Dupont.
»Mein Vater schickt mich. Ihr sollt schnellstmöglich zu ihm kommen.«
Jacons Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass eine tiefe Spalte zwischen ihnen entstand. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte er verunsichert.
»Das kann ich Euch nicht sagen. Vater sagte nur, dass es dringend wäre«, erklärte der Sechzehnjährige.
Jacon wandte sich Romain zu. »Ich muss zurück nach Paris. Sorg dafür, dass die restlichen Gläser morgen, am Bartholomäustag, ausgeliefert werden können«, rief er und eilte mit dem Jungen nach draußen.
»Claude, du musst einen dringlichen Grund haben, mich so eilen zu lassen«, keuchte Jacon, als sein Freund ihm die Tür öffnete. Trotz der Hitze hatte er sein Pferd angetrieben, sodass der Wallach des Jungen kaum nachkam. Im Hof hatte er dem Burschen die Zügel zugeworfen und war, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaufgehastet.
Nun stand er schwitzend, staubig und durstig vor seinem Kameraden aus Kindertagen, dessen angespannte Miene nicht Gutes verriet. Dupont gab Jacon ein Zeichen, leise zu sein. Dann ließ er ihn eintreten und führte ihn in sein Arbeitszimmer.
»Was ist los?«, fragte Jacon erregt, kaum dass die Zimmertür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Er betrachtete die zahlreichen Papierbögen, die ausgebreitet auf dem Boden lagen und über die er steigen musste, um zu dem Krug zu gelangen, der auf dem Schreibtisch stand. Er goss sich Wein in einen Becher und fragte zwischen zwei Schlucken: »Hast du Schwierigkeiten mit dem Bauvorhaben im Louvre, Claude?« Da sein Freund als Baumeister die Verantwortung für den Umbau des königlichen Stadtschlosses trug, lag diese Vermutung nahe.
»Nein, im Louvre läuft alles bestens ...« Dupont stockte, und Jacon blickte über den Becherrand zu ihm hin. »Man hat heute auf Admiral de Coligny ein Attentat verübt«, erklärte er leise.
»Was?«, rief Jacon und fragte im nächsten Atemzug: »Ist er schwer verletzt?«
Claude schüttelte den Kopf. »Es heißt, dass Gaspard de Coligny Glück im Unglück gehabt hatte. Der Admiral habe sich angeblich in dem Augenblick seinem Pagen zugewandt, als der Attentäter den Schuss abfeuerte. Diese Bewegung soll Coligny das Leben gerettet haben, denn die Kugel...




