E-Book, Deutsch, Band 336, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
Zybell Maddrax 336
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2371-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Facetten der Furcht
E-Book, Deutsch, Band 336, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
ISBN: 978-3-8387-2371-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Da Aruula vermutet, dass sich Maddrax von Mexiko aus nach Waashton gewandt hat, will der Archivar ihn dort abfangen - und zuvor den Weltrat um seine wirkungsvollsten Waffen erleichtern. Mit dem Holo-Projektor besitzt er ein mächtiges Werkzeug, um Angst zu verbreiten und seine Forderungen durchzusetzen - und mit Aruula hat er eine neue, listenreiche Verbündete, die in ihrer neuen Bestimmung aufzugehen scheint.
Was wird Matt Drax, der tatschlich mit Xij auf dem Weg ist, in Washington erwarten?
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Er prallte gegen das Hindernis, verlor die Kontrolle über das Gerät, das er zu testen hatte. Die Griffe entglitten seinen Händen. Das Motorengebrüll entfernte sich, die Woge schlug über ihm zusammen. Auch über seinen Körper verlor er für Sekunden die Kontrolle; ihm wurde schwarz vor Augen und er ging unter. Sein graues Langhaar trieb über ihm wie Seegras, Luftblasen durchperlten es.
Als er wieder zu sich kam, schluckte er Wasser und begriff, dass er das Mundstück seines Schnorchels verloren hatte. Er würde ertrinken, wenn er nicht endlich handelte. Also begann er mit den Armen zu rudern. Auch seine Beine gehorchten ihm wieder – er überwand die Panik und strebte nach oben.
Endlich tauchte er auf, schnappte nach Luft, zog die Taucherbrille ein Stück von der krummen, schon seit Kindesbeinen mehrfach gebrochenen Nase, um das Wasser in ihr abfließen zu lassen. Schnell fand er das Mundstück wieder, klemmte es zwischen Lippen und Zähne.
Mit was um alles in der Welt war er kollidiert? Als er wieder freie Sicht hatte, blickte er sich um.
Gebettet in eine Rettungsinsel schaukelte der Wellenreiter auf den Wogen. Das Testgerät war zum Glück nicht verloren; der Aufprall hatte das Luftkissen aufgeblasen. Der Aufprall … mit was? Mit einem Fisch? Mit Treibgut?
Er drehte sich zum offenen Meer hin und traute seinen Augen kaum: Etwas Großes, Dunkelgraues und Schleimiges wölbte sich aus den Wogen – eine riesige Qualle!
„Ach du Schande!“, entfuhr es ihm. „Was ist denn das?“
Schmatzend öffnete sich ein Spalt in der Qualle, wuchs zu einer Art großem Mund, und etwas Fischartiges glitt daraus hervor.
Wie gebannt betrachtete er das vermeintliche Naturschauspiel. Der fischartige Körper löste sich von der Riesenqualle, tauchte unter und direkt vor ihm wieder auf. Eine entfernt menschliche, aber nur vierfingrige und mit Schwimmhäuten versehene Hand riss ihm die Tauchmaske weg. Er war so erschrocken, dass er an Gegenwehr nicht einmal dachte.
Seltsam gleichgültige Augen fixierten ihn, die Klauenhand legte sich auf seine Stirn – ein greller Blitz, ein stechender Kopfschmerz, und dann schwanden ihm die Sinne …
Monate später
Der Weg war weit. Mehr als dreitausend Kilometer von Campeche in Mexiko bis an die Ostküste Virginias, schätzte Matthew Drax. Wenigstens waren sie motorisiert. Der Mann aus der Vergangenheit hoffte, dass der Treibstoff reichen würde.
Er stand im Ruderhaus am Steuerruder. Im schattigen Fußraum zusammengekrümmt schlief Xij. Auf dem Außendeck des kleinen Fischerbootes konnte man es kaum aushalten: Die Frühlingssonne brannte gnadenlos auf die Deckplanken herab.
Sie hatten das Boot in einem kleinen heruntergekommenen Hafen bei Campeche entdeckt und es sich kurzerhand unter den Nagel gerissen. Nicht die feine englische Art, schon wahr, doch was hätten sie tun sollen? Es ging um Sein oder Nichtsein der Freunde in Schottland, und ohne Hilfe der Freunde in Washington sah Matt keine Möglichkeit, die Insel auf der anderen Seite des Ozeans zu erreichen. Also hatten sie das Boot geklaut, um damit so schnell wie möglich nach Waashton, wie der Sitz des Weltrats heute genannt wurde, zu gelangen.
In diesem Moment öffnete Xij die Augen, gähnte und streckte sich. „Wie lange noch?“ Sie blinzelte zu ihm herauf. Blass sah sie aus und erschöpft.
„Wahrscheinlich haben wir schon die Hälfte des Wegs hinter uns.“ Matt zuckte mit den Schultern. „Eher mehr.“ Seit fünf Tagen waren sie auf dem Meer unterwegs, immer in Küstennähe, um nicht die Orientierung zu verlieren. Das Fischerboot machte nicht mehr als zehn Knoten, also etwa zwanzig Kilometer in der Stunde. Matt überschlug die Zahlen im Kopf. „Knapp zweitausendfünfhundert Kilometer dürften hinter uns liegen.“
„Erst?“ Xij verdrehte die Augen. „Ist noch Trinkwasser da?“
„Nur noch ein paar Liter.“ Mit einer Kopfbewegung deutete Matt hinter sich. Das Fass lag unter Deck. „Teil es dir gut ein.“
Xij kroch an ihm vorbei, verließ das Ruderhaus und stieg unter Deck. Ihre Laune sank von Tag zu Tag ein wenig mehr in den Keller. Matt verstand sie gut: Es ging ihm ähnlich, nur ließ er es sich nicht anmerken.
„Und wenn er uns keinen Gleiter gibt?“ Hinter Matt stieg Xij wieder aus dem Laderaum herauf. Sie sprach von Mr. Black in Waashton. „Ich meine – so ein Ding ist ein unbezahlbares Vehikel in Zeiten wie diesen.“
„Sicher. Aber wenn Black hört, dass Rulfan und Aruula Hilfe brauchen, möglicherweise in Lebensgefahr sind, dann wird er uns schon eines seiner unbezahlbaren Stücke überlassen.“
Die Gleiter stammten aus der Produktion von Takeo Industries; der Android Miki Takeo hatte sie während seines Aufenthalts in Waashton gebaut. Mit einem solchen Fluggerät würden sie die Strecke nach Schottland viel schneller zurücklegen können als mit einem Schiff, daher lohnte sich auch der Umweg.
„Ob Miki es geschafft hat?“ Xij drängte sich an ihm vorbei und machte es sich wieder im Fußraum neben dem Steuerruder bequem; so bequem es eben ging. Natürlich meinte sie die Flucht von der Pyramide bei Campeche – die Flucht vor jenem mysteriösen „Großen Herrn“, der ihnen das marsianische Mondshuttle geklaut und damit nach Schottland geflogen war, um sich das Superior Magtron zu holen, den Supermagneten, den Matt seinem Blutsbruder Rulfan anvertraut hatte. Miki Takeo hatte ihnen bei der Flucht den Rücken freigehalten, damit sie sich in Sicherheit bringen konnten, und den unbekannten Gegner auf eine falsche Fährte gelockt. Darum hatten sie sich von dem Androiden trennen müssen.1)
„Warum sollte er es nicht geschafft haben?“ Matthew Drax erschauerte bei der Erinnerung an die Energiesphäre, in die er geraten war und die ihm für Minuten einen klinischen Tod beschert hatte. Nie wieder wollte er so etwas erleben! „Du hast doch gesehen, wie das Shuttle abgestürzt ist.“ Matt schüttelte den Kopf. „Um Miki mache ich mir keine Sorgen.“ Seine Miene verdüsterte sich. „Viel weniger jedenfalls als um Rulfan, Aruula und die anderen in Canduly Castle.“
Xij legte sich auf die Seite, bettete ihren Kopf auf ihre Hände und starrte Matts Stiefel an. Eine Zeitlang verstummte ihr Gespräch. Weil sie nicht wussten, was der Große Herr – so hatte der Roboter mit der Geiermaske, der die Armee der Metallos bei der Pyramide befehligt hatte, ihn genannt – in Canduly Castle angerichtet hatte.
Leider waren ihrer Fantasie aber keine Grenzen gesetzt. Sehr unschöne Bilder belagerten Matts Gedanken, wenn er an Rulfan und Aruula dachte. Dass der unbekannte Herr der Roboter mit dem Shuttle zu Rulfans Burg geflogen war, lag auf der Hand: Geiermaske hatte von Matt den Schlüssel des Magtron gefordert, nachdem sein Herr Funkkontakt zu ihm aufgenommen hatte – und von wem außer von Rulfan hätte er davon gewusst haben?
Matt tastete unwillkürlich nach den Umrissen des Schlüssels unter dem Stoff seines Thermoanzugs. Der Schlüssel, den er an einer dünnen Kette um den Hals trug, bestand aus einer unbekannten metallischen Legierung und besaß einen sternförmigen Bart. Allein mit ihm konnte der Supermagnet aktiviert werden. Wenn der Große Herr diesen Schlüssel suchte, hatte er sich das Magtron längst unter den Nagel gerissen; auch das lag für Matt auf der Hand.
„Glaubst du, dass noch jemand lebt in Canduly Castle?“ Xijs Stimme klang brüchig.
Matt antwortete nicht. Die Gesichter der Freunde und Gefährten tauchen erneut vor seinem inneren Auge auf: Rulfan, Myrial und ihr Baby, Aruula, Sir Leonard – und hielt sich nicht auch Juefaan in Canduly Castle auf, der Sohn Rulfans? Ein Kloß schwoll in Matts Hals, das Atmen fiel ihm plötzlich schwer.
„Wer immer dieser Große Herr sein mag – wenn er unseren Freunden in Canduly Castle etwas angetan hat, werde ich ihn zur Rechenschaft ziehen.“ Er schlug mit der flachen Hand auf die Laserpistole im Hüftholster. Im gleichen Moment wurde ihm bewusst, dass die Waffe nutzlos war. Der EMP, der ihn erwischt hatte, hatte auch die Laserpistole unbrauchbar gemacht. Und für eine Reparatur fehlten ihm die Bauteile.
Bedauerlich. Aber nicht zu ändern.
Gegen Abend übernahm Xij Hamlet das Steuerruder. Weil die Sonne längst sank, streckte Matt sich am Heck auf den Deckplanken aus. Er schlief unruhig und träumte schwer in dieser Nacht. Von Aruula, immer wieder von Aruula.
Regentropfen klatschten ihm am Morgen ins Gesicht und weckten ihn. Er blinzelte in den Morgenhimmel – Westwind jagte dunkle Wolkenfetzen nach Osten. Nicht mehr lange, dann würde es richtig zu regnen beginnen.
Matt stand auf, machte ein bisschen Gymnastik und überprüfte danach den Stand des Treibstofftanks. Der war kritisch; weit würden sie nicht mehr kommen.
Er stieg unter Deck, um in den Proviantkisten nach Frühstück zu suchen. Auch hier herrschte weitgehend Ebbe. Mit ein paar alten Früchten, ein wenig getrocknetem Fisch und Resten von Getreidefladen in einer Schüssel und einer Flasche Wasser unter dem Arm stieg er wieder nach oben und trat zu Xij ins Ruderhaus. „Guten Morgen.“ Er küsste sie auf die Wange.
„Moin.“ Xij war bleich und kämpfte mit dem Schlaf. „Ist das alles, was noch da ist?“ Missmutig blinzelte sie in die Schüssel.
„Leider ja. Und der Treibstoff geht auch zur Neige.“ Matt übernahm das Steuerruder, aß und trank im Stehen. Nach dem Essen kauerte sich Xij auf dem Boden neben dem Ruder zusammen und schlief sofort ein.
Gegen Mittag...




