E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Ackermann Die neue Schweigespirale
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8062-4442-7
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie die Politisierung der Wissenschaft unsere Freiheit einschränkt
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-8062-4442-7
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit: Über die Fallstricke der Identitätspolitik
Wie weit geht Cancel Culture an deutschen Universitäten? Sind Meinungsvielfalt und Pluralismus in Forschung und Lehre nicht längst in Bedrängnis geraten? Wie beeinflussen identitätspolitischer Aktivismus und die Neudefinition von Formen der Diskriminierung und des Rassismus unsere Gesellschaft?
Soziologin und Politikwissenschaftlerin Ulrike Ackermann warnt eindringlich vor den Folgen einer Entwicklung, die bereits heute die Grenzen des Sagbaren zu verschieben droht. Mit kritischem Blick analysiert sie die Forderungen aus dem Umfeld von Gender Studies oder der Critical Race Theory und spürt den historischen Wurzeln der zunehmenden Politisierung innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften nach.
- Schöne neue Identitätspolitik? Plädoyer für Wissenschaftsfreiheit und offene Gesellschaft
- Die Verflechtungen von Wissenschaft und Politik: Ursprünge einer unheiligen Allianz
- Eine Gesellschaft unter Druck: Political Correctness und die Meinungsfreiheit
- Zeitgeschichtliche Analyse: Ursachen für die Spaltung der Gesellschaft
- Mit zahlreichen Fallbeispielen von erschreckender Aktualität
Was läuft schief in unserer Debattenkultur?
Nicht nur im Wissenschaftsbetrieb ist die freie Meinungsäußerung inzwischen unter Beschuss geraten. Mitten in der Öffentlichkeit zeichnet sich ein Kulturkampf ab, der in den USA bereits seinen Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft geleistet hat. Ackermann liefert zahlreiche Beispiele, von unliebsamen Referenten, die kurzfristig ausgeladen wurden, von politischen Akteuren, die sich der Macht des Shitstorms beugen. Die sogenannte Woke Culture betrachtet sie als latente Gefahr für freien Diskurs und die pluralistische Demokratie.
Wie sehr schaden die Trends der Identitätspolitik unserer Wissenschaftsfreiheit? Ulrike Ackermann hat ein mutiges Buch verfasst, das den Weg zurück in eine offene Gesellschaft ebnen möchte.
Autoren/Hrsg.
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2. Kulturkampf an den Universitäten
Wissenschaftsfreiheit in Gefahr
Die Sokratische Methode der Erkenntnisgewinnung, das Abwägen des Für und Wider, die Auseinandersetzung zwischen Position und Gegenposition in Rede und Gegenrede war lange Zeit selbstverständlicher Bestandteil der Hochschuldidaktik und der Erwachsenenbildung. Diese Methode des bewusst von den Lehrenden gelenkten Gesprächs sollte nicht nur neue Erkenntnisse bei den Studierenden ermöglichen, sondern auch als Denk- und Kommunikationsmethode gelehrt und an die Lernenden weitergereicht werden. Doch diese Didaktik und die daraus erwachsende Diskurskultur scheinen aus unterschiedlichen Gründen im universitären Alltag immer mehr auf der Strecke zu bleiben.
Es häufen sich Auftrittsverbote gegenüber Gästen, die von außerhalb eingeladen werden. Freies, unbändiges und kontroverses Denken in offenen Arenen scheint der Vergangenheit anzugehören. Stattdessen sind sogenannte Safe Spaces ausgerufen worden, die das freie Denken und Sprechen einhegen und reglementieren. Die Grenzen des Sagbaren werden enger gezogen, und die Toleranz gegenüber unbekannten oder dem eigenen Weltbild nicht entsprechenden Positionen sinkt. Sie werden als unzumutbar abgewehrt. Es handelt sich dabei nicht um eine staatliche Diskurspolizei, die auf dem Campus unterwegs ist. Der moralisch-politische Druck wird angeführt und aufgebaut von minoritären Gruppen, die eigenmächtig politische Korrektheit gemäß ihren ideologischen Prämissen durchsetzen wollen. Feigheit und Opportunismus der Mehrheit der Studierenden und Lehrenden sind die Komplizen in diesem Feldzug der Tugend und neuen Gewissheiten.
Doch es geht bei der Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit keineswegs nur um das emsige Treiben von AktivistInnen. Ihre Taktiken und Strategien erinnern an die Praktiken der K-Gruppen der 1970er- und 1980er-Jahre. Damals tummelten sich Altmarxisten, Neomarxisten, Maoisten, Trotzkisten und Spontis auf dem Campus und wollten mit ihren Doktrinen die Welt und die Menschen retten, »umerziehen« und dann zum Marsch ins Paradies auf Erden blasen. Sie wurden mit zunehmendem Alter moderater und machten sich auf zum »Marsch durch die Institutionen« der Bundesrepublik.
Doch beobachten wir heute eine neue Generation, die mit gleicher Verve an den Umsturz des Machtgefüges in der Gesellschaft herangeht – fast noch unerbittlicher als früher, so scheint es. Einerseits beanspruchen viele Studierende die Universität als Schutzraum in Abschottung gegenüber der bösen, kalten Welt. Andererseits dient sie ihnen auch als intellektuelles und soziales Laboratorium für zukünftige gesellschaftliche Experimente und Ideenschmiede für die Transformation der Gesellschaft. Die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlich-politischem Aktivismus, der in den akademischen Betrieb eindringt und die Wissenschaft politisiert auf der einen Seite und die Ideen, die aus der Universität heraus Eingang in Gesellschaft und Politik finden und dort den Aktivismus befeuern, wird uns in den nächsten Kapiteln noch ausführlich beschäftigen. Eine Schlüsselrolle dabei spielt die sogenannte Identitätspolitik, die seit einiger Zeit in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt ist.
Der Ausgang aus der »selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Immanuel Kant) war über die Jahrhunderte hinweg die Selbstermächtigung des Individuums, mit dem Ziel seiner Emanzipation aus kollektiven Zwängen, flankiert von Solidarität und Gemeinsinn. Es war eine gigantische zivilisatorische Leistung, die wir in Europa in großer Mühsal und blutigen Kämpfen vollbracht haben. Die Krönung war dann die verfassungsmäßig statuierte Gleichheit jedes Einzelnen vor dem Recht: unabhängig von Hautfarbe, von Geschlecht, ethnischer Herkunft oder Religion. Natürlich sind diese Ideale aus der Amerikanischen und der Französischen Revolution bis heute auch bei uns nicht vollständig eingelöst. Sie sind aber immer noch Antrieb für die Realisierung und Ausweitung der Chancengerechtigkeit.
Doch das Ideal des autonomen, selbstbestimmten und aufgeklärten Individuums scheint Zug um Zug von der Sehnsucht nach neuen identitätsstiftenden Kollektiven abgelöst zu werden. Ein Hang zum Stammesdenken und der Hordenbildung macht sich breit. Wir beobachten die Zersplitterung der Gesellschaft in immer neue Kollektive, die ihre partikularen Gruppeninteressen vehement durchsetzen wollen. Aufseiten der politischen Rechten finden wir eine Identitätspolitik, die ihr Heil in der ethnisch homogenen Volksgemeinschaft sieht. Europaweit trommelt sie für Abschottung, Schließung der Grenzen und favorisiert die ethnokulturelle Identität. Auch der politische Islam verfolgt mit seiner Agenda eine spalterische Identitätspolitik, indem er im Kampf gegen die Ungläubigen Parallelgesellschaften aufbaut und sich dezidiert von der »Mehrheitsgesellschaft« absetzt. Schnittflächen in dieser Politik der Separierung finden sich auch mit der linken Identitätspolitik. Im Kern ist sie ebenso antiliberal wie die anderen Identitätspolitiken und besonders verankert in den Hochschulen und im Kulturbetrieb. Immer neue soziale Gruppen, die sich jenseits der alten marxistischen Muster der Ungleichheitsanalyse als Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung verstehen, formulieren ihre diversen Opfernarrative und verlangen nach besonderen Rechten für sich. Als aktivistische Gruppen geraten sie in Konkurrenz zueinander und wetteifern, wer als Opfergruppe am schlimmsten betroffen sei. Sie beziehen sich auf eine jeweils kollektive Identität, die abgeleitet wird aus der Erfahrung von Benachteiligung, von Unterdrückung und Verfolgung, die Hunderte Jahre zurückliegen kann. Gemeint sind Frauen, sexuelle Minderheiten, die LGBTQI-Community, Migranten, ethnische und religiöse Minderheiten. Im Zentrum der daraus erwachsenen Identitätspolitik steht die entsprechende kollektive sexuelle, ethnische, religiöse oder kulturelle Zugehörigkeit. Doch aus den anfänglich emanzipatorischen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre ist inzwischen ein ideologischer Feldzug diverser Gruppen gegen die vermeintlich unterdrückende »Mehrheitsgesellschaft« geworden. Hauptfeind Nummer eins ist der alte, heterosexuelle weiße Mann, dem schnellstens die Macht entrissen werden soll.
Die Anklage der weißen, patriarchalischen Tätergesellschaft und ihr angeblich struktureller Rassismus ertönt besonders laut aus dem universitären Raum und dem Kulturbetrieb. Längst sind in den USA an den Hochschulen Safe Spaces etabliert, wo der Diskurs in getrennten Räumen, nach Hautfarbe, Geschlecht, Ethnizität oder Religion separiert wird, um vermeintliche Machtgefüge und Erfahrungsunterschiede zwischen den diversen Herkunftskollektiven auszublenden und damit potenzielle Verletzungen und Traumatisierungen zu vermeiden.
Machtkampf oder Wahrheitssuche?
Entstanden sind die linken Identitätspolitiken an den Universitäten. Ideologisch weiterentwickelt und salonfähig gemacht wurden sie in den letzten Jahrzehnten insbesondere in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften. Einher ging dies mit tiefgreifenden Paradigmenwechseln in diesen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich in der Ausbreitung der Gender Studies, Cultural Studies oder den Postcolonial Studies widerspiegeln. Selbst der musikalische Kanon in den Musikwissenschaften und in der Folge die Aufführpraxis soll zugunsten der Diversität umgepflügt werden, um eine, so wird es begründet, Dominanz etwa der Herren Bach und Beethoven zu canceln. Immer mehr gesellschaftliche Bereiche und Systeme sind mittlerweile von dieser identitären Agenda erfasst.
In Deutschland ist es bisher noch nicht so weit gekommen wie in den USA, wo Lehrende entlassen werden, weil sie den von Hochschulleitungen verlangten Bekenntnissen zu Verhaltensregeln und Schwerpunktsetzungen der sogenannten DEI-Prinzipien (Diversity, Equity, Inclusion) nicht Folge leisten, oder wo sie aufgrund von studentischen Shitstorms relegiert werden. Doch der Konformitätsdruck wächst längst auch an unseren Hochschulen. Inzwischen nimmt die Sorge über eine zunehmende Verengung von Fragestellungen und Themen in der akademischen Forschung zu. Gerade in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften hat sich über die Jahrzehnte ein linker Mainstream etabliert, der abweichende Positionen und Meinungen an den Rand drängt oder moralisch sanktioniert. Immer häufiger zählt nicht mehr das vorgetragene Argument, sondern die Herkunft der SprecherInnen: Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Präferenz oder Religion. Auf dem Campus und in den Seminaren gefährden Cancel Culture und Political Correctness zunehmend eine freie und kontroverse Debatte. Und der Pluralismus, der die Vielfältigkeit der Perspektiven in Forschung und Lehre garantieren soll, schwindet rapide. Wenn heute von Diversität die Rede ist, geht es nicht mehr um die Diversität der Standpunkte, sondern um die Diversität der Herkunft, der Hautfarbe, des Geschlechts oder der Religion.
In Frankreich und Großbritannien, wo wir just die gleichen Phänomene beobachten können, haben die zuständigen Bildungsminister 2021 interveniert. Sie wollten eine Notbremse zugunsten der Wissenschaftsfreiheit ziehen. Eigentlich war es eine große Errungenschaft, dass über die Jahrzehnte die...




