Adams / Roberts Doctor Who: SHADA
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86425-456-7
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 420 Seiten
Reihe: Doctor Who
ISBN: 978-3-86425-456-7
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der britische Schauspieler und freiberufliche Autor Gary Russell wurde vor allem durch seine Hauptrolle als Dick Kirrin in der Kinderserie FÜNF FREUNDE Ende der Siebziger bekannt. Als Erwachsener verfolgte er jedoch andere Ziele und so wechselte er nach ein paar Auftritten, u. a. auch im James-Bond-Film 'Octopussy', ins Lager der Schriftsteller. Russell ist ein Whovian durch und durch. 1992 bis 1995 war er der Herausgeber des 'Doctor Who Magazine'. Im Jahr 2000 schrieb er ein Sachbuch über die Entstehung des ersten offiziellen DOCTOR WHO-Spielfilms. Seitdem schreibt er fast ausschließlich an Romanen und Hörbüchern zur britischen Kult-TV-Serie.
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KAPITEL 2
Chris Parsons fühlte sich, als würde die Zeit an ihm vorbeiziehen und ihm davonlaufen. Er hatte nicht die Zeit, darüber nachzudenken, wie die Zeit beides gleichzeitig tun konnte.
Zum einem war er siebenundzwanzig.
Über die Jahre hatte er an sich selbst die unrühmliche Tendenz bemerkt, pro Tag um einen Tag zu altern, und nun, während er mit dem Fahrrad an einem ungewöhnlich sonnigen Oktobernachmittag die kurze Distanz zwischen seiner Wohnung und dem St. Cedd’s College zurücklegte, fühlte er, wie sich ein neuer Tag zu dem Stapel gesellte.
Die alten Straßen und die noch älteren Universitätsgebäude – hoch, fest und mit Stabkreuzfenstern – schienen ihn mit ihrer lässigen Schönheit verhöhnen zu wollen. Hunderte junger Männer mussten sich durch diese Institutionen bewegt haben, hatten studiert, ihren Abschluss gemacht, geforscht und veröffentlicht. Und nun waren sie alle nur noch Staub.
Vor neun Jahren war er direkt von der Schule nach Cambridge gekommen und hatte sein Physikstudium mühelos abgeschlossen. Physik war das Einzige, was er wirklich konnte. Als Doktorand rang er nun mit Sigmateilchen, ein langer und sehr oft auch aufregender Kampf. Er konnte die genaue Zerfallsrate jedes beliebigen Sigmateilchens vorhersagen. Doch heute schien selbst Cambridge, eine Stadt, die er liebte, auch wenn sie für ihn so selbstverständlich geworden war wie das Aufgehen der Sonne am Morgen, zu seinem Gefühl des inneren Zerfalls beizutragen. Er fragte sich oft, ob es auf seinem Forschungsgebiet noch viel zu entdecken gab. Oder, um genau zu sein, auf allen Forschungsgebieten. Die moderne Welt kam ihm manchmal so futuristisch vor, dass er sie kaum noch wiedererkannte. Videokassetten, Digitaluhren, Computer mit eingebautem Speicher und filmische Spezialeffekte, die zumindest Chris hatten glauben lassen, ein Mensch könne tatsächlich fliegen. Konnte die Welt überhaupt noch fortschrittlicher werden?
Er fuhr an einigen Erstsemestern vorbei. Männer wie Frauen trugen Röhrenjeans und Kurzhaarschnitte. Wie war das geschehen? Als Chris an die Universität gekommen war, hatte er Schlaghosen angehabt und das Haar lang getragen, so wie auch heute noch. Er hatte zu jüngeren Generation gehört, der Generation, die endgültig und auf ewig alles verändern würde. Es konnte doch nicht schon wieder eine geben, nicht wenn seine Generation noch nichts wirklich Endgültiges und Ewiges erreicht hatte. Das war ungerecht. Verdammt noch mal, in ein paar Monaten würden die 1980er anbrechen. Die 1980er gehörten eindeutig in die Zukunft. Was fiel ihnen ein, einfach so aufzutauchen, bevor er bereit war?
Ja, die Zeit lief im Allgemeinen ohne ihn ab, aber im Speziellen blieb ihm nur noch wenig davon.
Clare Keightley würde Cambridge am Montag verlassen.
Sie hatte einen Job in einer Forschungseinrichtung in den Staaten angenommen und an der Universität gekündigt. Drei kurze Tage würden noch auf dem Stapel landen, und dann würde er sie nie wiedersehen und nie wieder die Gelegenheit erhalten, eine weitere Unterhaltung mit ihr anzufangen. Sie redeten viel miteinander, sahen sich häufig und Chris verzweifelte am Ende einer jeden Begegnung. Wann immer sie sich trafen, vor allem aber in letzter Zeit, hatte Chris den Eindruck, dass Clare erwartete, er würde etwas Offensichtliches und Wichtiges sagen, aber er hatte keine Ahnung, was. Wieso schüchterte sie ihn so sehr ein? Und wieso war er so verliebt in sie?
Aber er hatte einen letzten Plan ausgeheckt, um sie doch noch zu beeindrucken, eine letzte Ausrede, um mit ihr zu sprechen. Seine tiefgründigen Gedanken würden sie so sehr beeindrucken, dass sie ihm endlich, nach so langer Zeit erklären würde, was sie von ihm hören wollte. Aus diesem Grund bog er durch einen uralten Steinbogen in den wunderschönen Hof vom St. Cedd’s College ein.
Chris stellte sein Fahrrad zwischen Reihen gleich aussehender anderer Fahrräder ab, die den Studenten als endlos austauschbare Fortbewegungsmittel dienten. Er zog einen Zettel aus der Satteltasche. . Er sah sich nach dem Pförtner um, aber der machte wohl gerade seine Runde. Also sprach Chris einige der nicht ganz so fremd aussehenden Erstsemester an – einer trug Gott sei Dank ein Jethro-Tull-T-Shirt –, die auf eine Tür in einer efeuüberwachsenen Ecke zeigten.
Chris war zwar in Gedanken und Sorgen über Clare, das Fortschreiten der Zeit usw. versunken, während er durch einen schmalen, holzgetäfelten Gang auf Zimmer P-14 zuging, trotzdem bemerkte ein kleiner Teil seines neugierigen Verstands, wie seltsam die Architektur dieses Gebäudes war. Es sah so aus, als würde der Gang hinter P-13 enden, aber dahinter befanden sich ein Pfeiler, eine Ecke und eine kleine Verlängerung, die in Zimmer P-14 mündete. Das war eigentlich nicht ungewöhnlich, denn die vielen Universitätsgebäude waren immer wieder renoviert und erweitert worden. Merkwürdig war nur, dass es keine erkennbare stilistische Veränderung gab. Die Verlängerung schien zur gleichen Zeit gebaut worden zu sein wie der Rest des Gebäudes, das sie verlängerte. Dies verwirrte Chris auf einer so tief unterbewussten Ebene, dass sein bewusster Verstand nichts davon bemerkte. Ihm fiel jedoch das tiefe elektrische Summen auf, das lauter wurde, je näher er der Tür mit der Aufschrift P-14 PROF. CHRONOTIS kam. Die Verkabelung in diesen alten Gebäuden war eine Katastrophe. Wahrscheinlich hatte Edison selbst sie noch installiert. Chris stellte sich auf einen elektrischen Schlag ein, als er nach dem Türklopfer griff und ihn betätigte.
»Herein!«, rief eine entfernte, kratzige Stimme. Er wusste sofort, dass sie Chronotis gehörte, obwohl er dem Professor nur einmal kurz begegnet war.
Chris trat also ein, bahnte sich seinen Weg an einer Garderobe vorbei, die voller Mäntel, Jacken und Hüte hing, und öffnete die ungewöhnlich schwere, hölzerne Zwischentür. Er fand sich in einem großen, eichengetäfelten Raum mit uraltem Mobiliar wieder. Im ersten Moment fiel es ihm schwer, die Täfelung sowie die Möbel zu erkennen, da jede verfügbare Oberfläche und einige nicht verfügbare mit Büchern bedeckt waren. An den Wänden standen Bücherregale. Die Bücher darin waren zweireihig hineingequetscht worden. Weitere Bücher lagen auf ihnen. Jedes Regal war bis zum Bersten gefüllt. Bücher lagen auf dem Sofa, den Stühlen, dem Tisch. Sie stapelten sich manchmal hüfthoch auf dem Teppich. Gebundene Ausgaben, Taschenbücher, Folianten, Bilderbücher, alle zerknickt und voller Eselsohren und Teeflecken. Einige waren aufgeschlagen, viele mit Notizen auf Papierfetzen versehen und keines schien mit seinem Nachbarn in irgendeiner Verbindung zu stehen. Weder Alter noch Thema noch Größe passten zusammen. lag neben einer verstaubten Abhandlung über Phrenologie aus georgianischer Zeit.
Chris blinzelte. Wie zum Teufel konnte jemand all diese Bücher lesen? Man hätte bestimmt mehrere Leben dafür gebraucht.
Dies war zwar ein extremer Fall, aber Chris war an das exzentrische Verhalten älterer Cambridge-Dozenten gewöhnt. Er hielt sich sogar mit seinem Erstaunen zurück, als er etwas weitaus Seltsameres als Bücher auf der anderen Seite des Zimmers entdeckte.
Es war eine Polizeinotrufzelle.
Chris hatte seit Jahren keine mehr gesehen und in diesem Zimmer hatte er sicherlich nicht mit einer gerechnet. In seiner Kindheit hatte er sie bei Ausflügen nach London an jeder Straßenecke gesehen. Auch diese hier war hoch, blau, aus Holz und wirkte ein wenig mitgenommen. Auf ihrem Dach gab es ein Licht, und an der Tür, hinter der sich das Telefon befand, hing ein Schild. Wirklich seltsam waren jedoch – abgesehen von der Tatsache, dass sie überhaupt in diesem Zimmer stand – die Kanten platt gedrückter Bücher, die unter der Notrufzelle hervorragten. Es schien fast so, als wäre sie aus großer Höhe einfach ins Zimmer gestürzt. Chris warf sogar einen Blick hinauf zu den Deckenbalken, um sich davon zu überzeugen, dass dies nicht geschehen war. Durch die Tür hatte die Notrufzelle jedenfalls nicht gepasst.
Die Stimme von Professor Chronotis drang aus einem Zimmer herüber, bei dem es sich wahrscheinlich um die Küche handelte.
»Entschuldigen Sie bitte den Zustand des Büros. Kreatives Chaos, wissen Sie?«
»Äh, ja, schon klar«, sagte Chris. Vorsichtig ging er weiter in das Zimmer hinein und machte dabei einen Bogen um die Bücherstapel, die am gefährlichsten aussahen. Wie sollte er in diesem Chaos finden, wonach er suchte?
Er wartete darauf, dass der Professor die Küche verließ. Das tat er nicht.
»Äh, Professor Chronotis?«, rief er.
»Tee?«, lautete die Antwort.
»Ja, gerne«, sagte Chris automatisch, obwohl er das seltsame Büro am liebsten verlassen hätte, um sich...




