André | Zwei am Meer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

André Zwei am Meer

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8321-7131-5
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-8321-7131-5
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit über 80 ist noch lange nicht Schluss, entscheidet Camille. Die alleinstehende alte Dame hat ihre eigenen Bedürfnisse stets zurückgestellt und möchte nun noch einmal etwas erleben. Irgendwann ist auch mal Schluss, entscheidet Isabelle und kündigt ihren Job. Die 48-jährige Juristin ist ausgebrannt, einsam und hat die eigenen Wünsche und Ziele aus den Augen verloren. Das Schicksal führt die ungleichen Frauen auf der Beerdigung von Arnaud, Camilles Sohn und Isabelles Ex-Mann, wieder zusammen. Die beiden haben sich immer gut verstanden, doch über die Jahre ist ihr Kontakt eingeschlafen. Nun merken sie, dass sie viel mehr verbindet als die Trauer um Arnaud. Und sie beschließen, sich einen alten Traum zu erfüllen: eine gemeinsame Reise. Jede soll der anderen die Schönheiten ihrer Heimat zeigen. Die beiden Frauen brechen zu einer Fahrt in die Normandie und die Bretagne auf. Sie stürzen sich in ein Abenteuer, das ihre kühnsten Erwartungen übertrifft ? denn mit dieser Reise ändert sich alles. Fanny André erzählt eine hinreißende Geschichte über Liebe und Freundschaft, darüber, wie wir den Mut finden, Neues zu wagen und Träume zu verwirklichen.

FANNY ANDRÉ, 1984 geboren, lebt in der Bretagne in der Region Côtes d'Armor. Nach dem Studium der Literatur und der bildenden Kunst beschloss sie, sich ganz dem Schreiben zu widmen und hat seit 2015 mehrere Romane veröffentlicht.
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CAMILLE

Ich klebe am Küchenfenster und warte mit klopfendem Herzen auf Isabelle. Ich kann nicht anders. Vorgestern spürte ich noch ein erwartungsvolles Kribbeln: endlich ein Abenteuer! Nach der Beerdigung und dem Besuch am Familiengrab, in dem auch Hervé liegt, brauchte ich eindeutig frischen Wind. Deswegen kam die Idee zu der Reise genau richtig.

Aber als ich vor meinem geöffneten Koffer stand, machte der anfängliche Enthusiasmus einem gewissen Zögern Platz. Würden wir wirklich fahren? Ich war am Morgen schon mit leichten Bauchschmerzen aufgestanden. Nichts Schlimmes, wahrscheinlich der Zweifel, ob Isabelle wirklich auftauchen würde. Und die Frage, was auf mich zukommen würde, wenn sie es täte.

Mir ist klar, dass Isabelle sich verändert hat. Genau wie ich übrigens. Ich bin über achtzig, obwohl ich noch die Beine einer jungen Frau habe … von ein paar Krampfadern einmal abgesehen. Durch das Schwimmen im Meer, die frische salzige Luft und die Sonne bin ich noch immer schlank und beweglich. Eine kleine Wanderung, der Besuch eines Klosters oder was Isabelle sonst auf dem Programm hat, sollte ich durchaus schaffen. Wir machen ja keine Trekkingreise durch Nepal! Trotzdem mache ich mir Sorgen, sie zu enttäuschen. Albern, ich weiß.

Ich bin inzwischen ziemlich einsam, nur Pauline kommt jeden Tag auf einen Kaffee vorbei. Mit ihr zu reden ist etwas anderes, als Marie-Charlotte beim Ticken zuzuhören oder mit meinem Gasherd zu schimpfen, der mit den Jahren seinen eigenen Kopf entwickelt hat. Selbst Rhabarber, meine Kartäuserkatze, die ich nach der Katze von Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany benannt habe, hat mich vor zwei Jahren verlassen. Sie war arroganter denn je geworden und litt an Arthrose. Auf das Bett oder den Sessel konnte das arme Tier da schon längst nicht mehr springen.

Unruhig tigere ich durchs Haus, räume die Küche auf, die längst aufgeräumt ist, und überlege zum hundertsten Mal, ob ich etwas vergessen habe. Im Flur betrachte ich mich im Standspiegel wie eine Elevin vor dem ersten Ball. Ich begutachte meine Ballerinas, die, wie ich hoffe, zeitlos sind. Meine weiße Jeans und meine pflaumenfarbene Tunika dagegen entsprechen nicht mehr ganz meinem Alter. Ich hoffe, dass Isabelle sich wegen mir nicht schämt. Der Gedanke ärgert mich. Ich bin eitler als die alte Madame Boulergue, eine Nachbarin von mir, die sich für Jane Fonda hielt und in einem Alter über ein Lifting nachgedacht hat, in dem es wirklich keinen Sinn mehr hatte.

Ich gehe zum Fenster zurück, als das Geräusch eines Autos zu hören ist. Das ist sie! Nervös schaue ich noch mal prüfend in die Küche. Alles blitzsauber und in Ordnung. Es duftet nach Orangen. Ich lege großen Wert darauf, dass es bei mir nicht nach »Alter« riecht, das hätte mir gerade noch gefehlt.

Ich öffne die Tür, und wir stehen uns ein wenig verlegen gegenüber.

»Isabelle, ich freue mich, dich zu sehen! Komm doch rein.«

Ich registriere, wie sie anerkennend den Flur mustert. Auch ich lasse meinen Blick schweifen. Ich habe schon immer Wert darauf gelegt, dass Gäste einen guten Eindruck haben, wenn sie mein Haus betreten. Das ist längst nicht überall so.

»Einen Kaffee?«

Sie schaut mich an und zögert kurz.

»Ehrlich gesagt habe ich vor meiner Abfahrt schon zwei getrunken. Ich fürchte, dann kann ich nicht mehr still sitzen, entschuldige.«

Ich lege einen meiner Lieblingsseidenschals um, safranfarben mit den indisch wirkenden Motiven, und streife die Jacke über. Ich kann mich gerade noch bremsen, eine Drehung zu vollführen und »Ta da!« zu rufen. Ich bin wirklich sonderbar geworden. Nicht so sehr wie meine Nachbarin, aber nah dran.

»Gut, ich bin fertig.«

Ich spüre eine gewisse Unruhe in Isabelle, und das beruhigt mich seltsamerweise. Wenn nur ich Zweifel gehabt hätte, wäre ich mir lächerlich vorgekommen. Wenn wir beide ein wenig verunsichert sind, dann hat das etwas Normales. Nichts eint so sehr, wie gemeinsam etwas Verrücktes zu tun.

Ich greife nach meiner Handtasche, sie nimmt den Trolley. Nachdem ich mich zweimal vergewissert habe, dass ich die Haustür auch richtig abgeschlossen habe, geht es los. Pauline wird sich um die Pflanzen und die Post kümmern. Sie fand die Idee gar nicht gut, aber ich hatte auch den Eindruck, dass sie ein bisschen neidisch war. In unserem Alter ist es schon ein kleiner Triumph, wenn man mehr im Kalender stehen hat als Arzttermine.

Als ich auf dem Beifahrersitz Platz genommen habe, verabschiede ich mich innerlich von meinem Haus und ermahne es im Stillen, sich von seiner besten Seite zu zeigen, wenn interessierte Familien zur Besichtigung kommen. Es hat gute neue Besitzer verdient. Plötzlich sehe ich Arnaud vor meinem inneren Auge, der wie ein Irrer den Weg hinunterrennt, seinem Fußball hinterher, er dürfte sieben oder acht sein. Eine Welle von Gefühlen schwappt über mich, und ich tue alles, um mich nicht umreißen zu lassen.

Als Isabelle sich vorsichtig aus meiner engen Hofeinfahrt herausmanövriert, versuche ich, gelassen und heiter zu wirken, damit sie sich keine Sorgen macht. Sie steigt aus und schließt das Eisentor hinter uns, dessen vertrautes Quietschen mich sofort beruhigt. Ich habe Hervé nie erlaubt, es einzufetten. Bald wird ein Schild mit der Aufschrift »Zu verkaufen« an diesem Tor hängen. Die ersten Besichtigungen werden in meiner Abwesenheit stattfinden, so ist es weniger schmerzhaft. Ich habe Sorge, dass Hervé mich aus der Ferne für diesen Verrat bestrafen könnte. Außer Pauline habe ich niemandem von meiner Entscheidung erzählt, und auch das nur aus Angst, dass sie sonst den Makler anfallen könnte.

Isabelle setzt sich wieder neben mich und schließt die Fahrertür. Ihre Augen glänzen: »Bereit?«

»Absolut! Entdecken wir die Normandie!«

Sie biegt auf die Straße und fährt langsam los. Ich erinnere mich daran, dass Isabelle sonst eine eher hektische Fahrerin ist, und diese neue Ruhe verheißt nur Gutes für die nächsten Tage.

Ich seufze erleichtert und lasse mich in den Sitz sinken. Warum habe ich mich eigentlich so vor diesem Moment gefürchtet? Schlussendlich bin ich froh, hier im Auto zu sitzen. Um sie ein wenig zu necken, sage ich: »Ich bin neugierig, wohin die Reise geht. Ich habe schon ein bisschen spekuliert und habe da so eine Ahnung, was unser erstes Ziel sein könnte.«

Sie zieht die Augenbrauen hoch, hält den Blick aber auf die Straße gerichtet.

»Sie meinen Trouville? Ich nehme an, Sie kennen die Stadt besser als ich, Camille!«

»Ich dachte eher an Honfleur. Wie die Rue d’Honfleur!«

In diesem Moment wird mir klar, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ihre Lippen werden schmal. Ich könnte mich ohrfeigen. Das Ziel sollte doch eine Überraschung bleiben! Isabelle wirft mir einen kurzen Seitenblick zu, mein Gesicht muss Bände sprechen, denn sie lächelt mich an, weil mir meine Ungeschicklichkeit so peinlich ist.

»Sie waren schon immer ein richtiger Sherlock Holmes! Hervé oder Arnaud konnten Ihnen auch nie etwas vormachen, wenn sie heimlich genascht haben. Und selbst Pauline haben Sie überführt, damals, als sie erzählt hat, dass sie dieses entzückende runde Cafétischchen vom Gebrauchtmöbelmarkt hatte.«

Ich muss lachen.

»Pauline hatte einen wunderbaren Ehemann, aber er umklammerte sein Portemonnaie wie ein Krebs seine Beute. Sie war quasi gezwungen, die Wahrheit ab und zu ein wenig zurechtzubiegen! Deshalb habe ich sie früher auch Flunkerline genannt.«

Isabelle kichert, und ich spüre, wie sich die peinliche Situation auflöst. Sie deutet auf einen Korb voller Proviant: verschiedene Fruchtsäfte, die ich niemals trinken würde, nein danke! Aber auch Bergamottetee, denn sie kennt meinen Geschmack. Und eine Thermoskanne mit Kaffee.

»Du bist eine echte Perle, Isabelle. Warte, ich habe auch an dich gedacht.«

Ich wühle in meiner Tasche, die ich in den Fußraum vor mich gestellt habe. Dabei rutscht mir ein Hosenbein nach oben, das ich rasch wieder runterziehe. Isabelle mit ihren siebenundvierzig Lenzen muss nicht wissen, dass ich Kompressionsstrümpfe trage, weil wir so lange im Auto sitzen werden.

Ich öffne die Tupperdose und zeige ihr den Inhalt. Ihre Hand tippt aufgeregt gegen das Lenkrad.

»Nein! Sie haben Oreillettes gemacht? Mit Orangenblütenwasser?«

Ich nicke. Ich bin stolz wie eine Grundschülerin, die ihren Eltern ihr exzellentes Zeugnis präsentiert. Seit wann hatte ich nicht mehr das Vergnügen, die gute Köchin zu sein, die ihre Liebsten mit Köstlichkeiten verzaubert? Vor allem mit meiner Geheimwaffe, den Oreillettes, für die selbst Pauline niemals das Rezept bekommen wird.

Ich halte ihr eine Rolle Küchenkrepp hin und dann eines der mit Puderzucker bestäubten Teigblätter, die so dünn sind, dass man fast hindurchsehen kann. Isabelle lässt sich nicht lange bitten und beißt herzhaft hinein. Ich betrachte, wie sie kaut, und warte auf ihr Urteil. Sie schließt einen kurzen Augenblick genießerisch die Augen.

»Köstlich, Mammig … oh, entschuldigen Sie! Das ist mir so rausgerutscht, das hat Arnaud immer zu Ihnen gesagt.«

Sie verlangsamt das Tempo und meidet meinen Blick. Ich lächele sie an und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr es mich berührt, dieses Wort zu hören.

»Du musst dich nicht entschuldigen, ich werde schließlich immer Mutter bleiben, auch wenn Arnaud mich nicht mehr so nennen kann.«

Der Blick, den sie mir zuwirft, zeigt mir, dass ich dreinsehen muss, wie alle Menschen, die gerade in ein Fettnäpfchen getreten sind. Einem Blinden die Hand entgegenstrecken, einem Schwarzen erklären, dass es gar nicht auf die Hautfarbe ankomme … oder einer Frau deutlich machen,...


Ickler, Ingrid
INGRID ICKLER studierte nach Stationen in Paris, Rom und Ferrara Übersetzungswissenschaften in Heidelberg und übersetzt heute aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Daneben arbeitet sie als Autorin und Moderatorin.

André, Fanny
FANNY ANDRÉ, 1984 geboren, lebt in der Bretagne in der Region Côtes d’Armor. Nach dem Studium der Literatur und der bildenden Kunst beschloss sie, sich ganz dem Schreiben zu widmen und hat seit 2015 mehrere Romane veröffentlicht.



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