E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Ecco Verlag
Baronsky Die Stimme meiner Mutter
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7530-5005-8
Verlag: Ecco Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-5005-8
Verlag: Ecco Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Und Triumphe waren - das hatte sie in ihrem Leben gelernt - ein guter Ersatz für die Liebe.«
1959 hat die Karriere von Maria Callas ihren Zenit längst überschritten, als sie in Monte Carlo an Bord der Christina geht, der legendären Luxusyacht des griechischen Milliardärs Aristoteles Onassis. Drei Wochen dauert die Kreuzfahrt über die Ägäis bis nach Istanbul, und danach ist nichts wie zuvor. Maria Callas, die amerikanisch-griechische Opernsängerin, die sich aus eigener Kraft ganz an die Spitze gearbeitet hat, findet in Onassis zum ersten Mal einen Mann, dem sie ihre verletzliche Seite zeigen kann. Ungeachtet ihrer Ehepartner, die ebenfalls an Bord sind, werden sie ein Paar - ein Skandal, auf den sich die Presse sofort stürzt.
Ein Roman, der dem Menschen hinter der Maske der Maria Callas zum ersten Mal gerecht wird, denn der Erzähler, ihr ungeborener Sohn Omero, kennt sie wie kein anderer.
»Kurzweilig und mit ironisch liebevollem Blick auf ihre Protagonisten.« Berliner Morgenpost, 08.08.2021
»Dieses Buch ist ein Lesegenuss, weil es brillant geschrieben ist und betörende Bilder schafft.« BR Klassik, 24.08.2021
»Das Buch insgesamt ist so stark.« »Ein literarischer Resonanz-Roman für diese besondere Stimme.« NDR Kultur, 27.08.2021
Eva Baronsky, 1968 geboren und aufgewachsen im Rheingau, studierte Innenarchitektur und Marketingkommunikation und war unter anderem als Journalistin, Marmeladenverkäuferin, Grafikerin und Kommunikationsberaterin tätig. Mittlerweile schreibt sie Romane, Theaterstücke, Libretti und Essays. Für ihren Debütroman , der sich über hunderttausend Mal und in zehn Länder verkaufte, wurde sie mit dem Hölderlin-Förderpreis ausgezeichnet.
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II.
Wenn du das nächste Mal in diesen Spiegel schaust, wird nichts mehr so sein wie zuvor. Der Satz hallte in ihrem Kopf, während sie ihre Schultern langsam drehte, um möglichst dieselbe Position einzunehmen wie damals, am 21. Juli, dem Tag der Abreise, als sie diesen Satz vernommen hatte. Sie schloss die Augen und versuchte sich in jenen Moment hineinzuversetzen, versuchte die Frau, die sie gewesen war, mit der, die nun hier stand, in Verbindung zu bringen. Das Bemerkenswerte war, dass es ihr einerseits vorkam, als trennten sie von diesem Augenblick nichts als drei Ferienwochen, als kehre sie nach einer Kadenz wieder zum Ausgangston zurück, um die vorgeschriebene Melodie weiterzuführen, beinahe so, als habe sie geträumt, andererseits wusste sie mit absoluter Klarheit, dass tatsächlich nichts mehr so war wie zuvor. Ihr Leben war von Grund auf verändert, wie es bisher nur wenige Male geschehen war: als sie Amerika verlassen hatte, als sie Elvira getroffen hatte, als sie nach Verona gerufen wurde, und ja, als sie Battista geheiratet hatte. Allesamt dramatische Wendepunkte, von denen jedoch keiner ihr so gewichtig erschien wie der jetzige. Denn dieses Mal, das erkannte sie plötzlich, tat sie einen selbst gewählten Schritt auf ein Ziel hin, das ihr viel richtiger, viel strahlender erschien als alles Bisherige. Dieses Mal war sie – und bei dem Gedanken legte sie tatsächlich beide Hände auf ihre linke Brust – mit ganzem Herzen dabei. Und die Stimme, die zu ihr gesprochen hatte, hatte alles gewusst, hatte sie geleitet und konnte also niemand anderes sein als Gott selbst. Ein Schauder überlief sie, als sie ihr Spiegelbild betrachtete und sich bekreuzigte. »Mein Herr im Himmel, ich danke dir.« Sie schloss die Augen, spitzte ganz langsam die Lippen und küsste Gott, den Herrn, hingebungsvoll, und wer sie beobachtet hätte, der hätte zweifellos eine Frau gesehen, die voller Verzückung ihr Spiegelbild küsste.
Natürlich lagen die Dinge sehr viel rationaler, aber jede vernünftige Erklärung hätte meiner Mutter nicht gutgetan, denn sie brauchte ihre romantische Gottesvorstellung zum Überleben. Gott war groß, Gott war allmächtig, etwas Größeres gab es nicht, und eigentlich sollte dieser Allmächtige für alle Menschen da sein, doch meine Mutter empfand es als völlig selbstverständlich, dass er ihr eine Sonderbehandlung zuteilwerden ließ. Er war stets zur Stelle, wenn sie ihn brauchte, erfüllte nicht alle, aber viele ihrer Wünsche, beschützte sie und wies ihr, wie gerade jetzt, die Richtung. Im Großen und Ganzen war Gott ein bisschen so wie ihr Diener Ferruccio, nur dass Ferruccio umgekehrt meine Mutter anbetete und sich zeit ihres Lebens nie darüber beklagte, dass er keinen Lohn von ihr erhielt, sondern nur für Kost und Logis arbeitete, doch das war natürlich Ferruccios Angelegenheit.
Meine Mutter war also felsenfest davon überzeugt, dass es die Stimme Gottes gewesen war, die drei Wochen zuvor zu ihr gesprochen hatte. Gott war gut zu ihr, nicht nur, weil er ihr Gutes zuteilwerden ließ, sondern auch, weil er sie im Vorfeld auf sein Füllhorn aufmerksam machte. Ihre Liebe zu meinem Vater, das wusste sie nun, war gottgewollt. Schicksal. Fügung. Sie waren füreinander bestimmt, weswegen es auch gar keinen Zweck hatte, dagegen anzukämpfen.
Während sie noch überlegte, wie sie Meneghini am besten von Gottes Willen in Kenntnis setzen sollte, klopfte Bruna an die Badezimmertür. Signore Onassis sei am Telefon, wünsche sie zu sprechen, ausdrücklich sie, es sei dringend. Meine Mutter öffnete die Tür, legte den Finger auf die Lippen und zog die verblüffte Bruna ins Bad.
»Bruna«, erklärte sie leise, »es ist etwas geschehen. Du darfst mit niemandem darüber reden, aber der Signore und ich werden uns trennen. Ich habe mich verliebt.«
»Das sehe ich, Signora.«
»Das siehst du?«
»Ja, Signora. Ihre Augen. Sie haben noch nie so sehr gestrahlt.«
Da strahlten die Augen meiner Mutter nicht nur, sie füllten sich auch mit Tränen. Sie zog Bruna an sich und umarmte sie. »Stell mir das Gespräch ins Musikzimmer.« Ihr Herz klopfte heftig. Sie brannte so sehr darauf, die Stimme meines Vaters zu hören, dass sie die letzten Meter bis zum Telefon am liebsten gerannt wäre.
»Maria! Bist du gut angekommen? Ich vermisse dich, ich muss dich sehen.« Er erklärte ihr, dass er am nächsten Tag nach Mailand kommen werde. »Schick deinen Ehemann fort«, wies er sie lachend an.
Er vermisste sie tatsächlich. Auf eine Weise, die ihm erst bewusst geworden war, nachdem sie am Kai von Monte Carlo ins Taxi gestiegen und Richtung Nizza abgefahren war, während er zu seiner Familie auf die Christina zurückkehrte und eine jähe Leere spürte, wie man sie nur empfindet, wenn etwas wirklich Essenzielles zu fehlen beginnt.
»Ich will es versuchen«, versprach meine Mutter, und der Gedanke, dass er, Ari, sie hier besuchen wollte, in ihrem Haus, in ihrem Leben, erfüllte sie mit einer Aufregung, die sie zuletzt als kleines Mädchen erlebt hatte. »Aber was ist mit dir, musst du denn nicht auf der Christina sein?«
»Ich muss gar nichts. Ich bin froh, wenn ich hier wegkomme. Sie öden mich an, diese ganzen Nichtstuer, sie können sehr gut eine Weile auf mich verzichten.«
»Oh Aristo, ich freue mich so sehr, dich zu sehen.«
»Und ich erst. Sobald ich da bin, zeige ich dir, wie sehr ich mich freue.«
Nun ja, mein Vater sagte solche Dinge, und er meinte es, wie er es sagte. Zur Rettung seiner Ehre sei erwähnt, dass es ihm einfach guttat, sich wie ein Mann zu fühlen, was er bei Tina lange Zeit vermisst hatte. Auch Männer sind empfindliche Wesen, mein Vater im Besonderen, und seine Ehefrau gab ihm schon seit Jahren unmissverständlich zu verstehen, dass er aus ihrer Perspektive ein alter Mann war. Meiner Mutter dagegen erschien er jung, immerhin war sie bisher mit einem noch viel älteren Mann verheiratet, einem, der im neunzehnten Jahrhundert geboren war, 1896, um genau zu sein, acht Jahre vor meinem Vater. Mein Vater hätte zwar behauptet, es wären zehn Jahre, doch seine Datumsschwindeleien fallen in dem Zusammenhang nicht allzu sehr ins Gewicht. Dennoch war auch mein Vater beinahe zwanzig Jahre älter als meine Mutter, aber er war – im Gegensatz zu Meneghini – immerhin jünger als mein Großvater Georgios. Doch all das war meiner Mutter herzlich egal, für sie war mein Vater ein dynamischer, humorvoller, welt- und sprachgewandter Mann, dessen Gedanken so jung und frisch waren, dass es zu Meneghini keinen größeren Kontrast hätte geben können. Kurz gesagt: Mein Vater hatte ihren Blick auf Meneghini so vollständig inflationiert, dass sie kaum etwas lieber wollte, als ihn schnellstens loszuwerden.
»Ich schlage vor, dass du fürs Erste nach Sirmione gehst«, erklärte sie ihm also, kaum dass sie das Gespräch mit meinem Vater beendet hatte. »Ich bleibe hier in Mailand, ich brauche etwas Ruhe und muss nachdenken und mich auf die nächsten Auftritte vorbereiten.« Sie ließ es allerdings nicht wie einen Vorschlag klingen, sondern wie einen unzweifelhaften Befehl. »Ferruccio wird dir deine Sachen richten, sodass du gleich morgen früh fahren kannst.« Damit wandte sie sich ab und lief zu Bruna in die Küche, wohin Meneghini ihr am wenigsten folgen würde, ließ sich einen Kaffee bereiten und begann Bruna von den Einzelheiten der Ereignisse in Kenntnis zu setzen.
Natürlich hatte meine Mutter Freundinnen, hin und wieder auch recht enge, doch in den wirklich existenziellen Angelegenheiten, in denen es auf Loyalität ankam, wandte sie sich stets an Bruna. Bruna war nicht einfach eine Hausangestellte, die sich um die Belange ihrer Herrschaft kümmerte, Bruna ging in den Belangen meiner Mutter auf, machte sie so sehr zu ihren eigenen, dass meine Mutter blind auf ihr Urteil zählte. So auch dieses Mal. Bruna lauschte ihren Worten, freute sich mit ihr, äußerte jedoch auch ihre Bedenken. »Man wird ihnen das übel nehmen, Signora. Eine Frau ist in einer solchen Angelegenheit immer im Unrecht, selbst wenn sie nichts Unrechtes getan hat. Sie sollten sehr diskret vorgehen.« Sie legte ihre Hand auf die meiner Mutter. »Sie können sich auf mich verlassen, Signora.«
Auf Anraten von Bruna legte meine Mutter sich so leidend ins Bett, dass es Meneghini richtig erschien, sie in Ruhe zu lassen. Gleich am nächsten Morgen stieg er in seinen Mercedes und fuhr an den Gardasee, traurig zwar, aber noch immer auf den Glauben bauend, alles werde wieder gut. Etwa zum gleichen Zeitpunkt bestieg mein Vater seine Piaggio, ein kleines Amphibienflugzeug, das er auf der Christina mitführte, um zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt aus starten zu können. Den neuen Gästen, die währenddessen auf der Christina die Abfahrt nach Venedig erwarteten, erklärte er, er habe dringende geschäftliche Erledigungen zu machen, was niemand in Zweifel zog, sie waren ohnehin alle mit sich selbst beschäftigt. Zwei Stunden später küsste er meine Mutter. Die Presse hatte von der ganzen Angelegenheit noch nichts mitbekommen, sodass er unbehelligt nach Mailand fliegen und unerkannt in die Villa meiner Mutter gelangen konnte, wo er von Bruna eingelassen wurde.
Es darf erwähnt werden, dass die gute Bruna, deren Lebensziel ausschließlich darin bestand, meine Mutter glücklich zu sehen, von meinem Vater ziemlich begeistert war. Nicht dass sie etwas gegen Meneghini gehabt hätte – er war schließlich der Ehemann meiner Mutter, also diente sie ihm zuverlässig, aber dieser neue Mann, der sie in fließendem Italienisch begrüßte, hatte etwas derart Einnehmendes, dass sie sofort beschloss, dieser Liaison...




