E-Book, Deutsch, 179 Seiten
Bastian Tango Criminale
1. Auflage 2002
ISBN: 978-3-935877-38-1
Verlag: Verlag der Criminale
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 179 Seiten
ISBN: 978-3-935877-38-1
Verlag: Verlag der Criminale
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
September 2001 in München. Der Schriftsteller Claus-Peter Lustig ist intensiv mit der Vorbereitung eines Kongresses für Krimiautorinnen und -autoren beschäftigt. Sein Freund Gebhard Otto, Kriminalhauptkommissar a.D., Liebhaber der italienischen Küche und des guten Weins, hat andere Sorgen: Er ist gebeten worden, die junge Bedienung eines Cafes am Kurfürstenplatz vor einem aufdringlichen Verehrer zu schützen- eine einfache Sache, wie er glaubt. Leider ein Irrtum.
Otto kommt einem Geflecht von Intrigen auf die Spur, das tief in der bayerischen Lokalpolitik wurzelt- und sein Freund Lustig wundert sich, was bei der Vorbereitung eines Schriftstellertreffens so alles passieren kann.
Das Buch ist der fünfte Band der in München angesiedelten Gebhard-Otto-Serie. Die Handlung spielt vor und während der Criminale 2002 in München. Die Criminale ist das jährliche Krimifestival der Krimi-Autorenvereinigung 'Das Syndikat'.
Der Autor
Till Bastian, Arzt und Schriftsteller, hat sich nach vielen erfolgreichen Sachbüchern zu Friedensforschung, Psychologie und medizinischen Themen dem Kriminalroman zugewandt. Geboren 1949 in München, lebt er mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Söhnen seit 1989 in Isny im Allgäu.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;1 Seitenblicke im Café;8
2;2 Nur wenige Meter entfernt …;11
3;3 Otto folgt dem Mann nach draußen;14
4;4 Claus-Peter Lustig freut sich auf den Abend;17
5;5 Kollaps auf dem Klo;20
6;6 Endstation Wohncontainer;24
7;7 Hat er wieder dasselbe gesagt?;27
8;8 U-Bahnhof Stachus;31
9;9 Die Westendstraße entlang;34
10;10 Keine schöne Gegend;38
11;11 Ein unerträglicher Blick;41
12;12 Schlechte Stimmung;45
13;13 Intensivstation;48
14;14 Konrad Weiß sieht grimmig aus;51
15;15 Haltestelle Trappentreustraße;55
16;16 Ottos Lesebrille;58
17;17 Ein altbewährter Treffpunkt;61
18;18 Nicht mein München;65
19;19 Ein schöner Sonntag;69
20;20 Im Urwaldzelt;72
21;22 Konrad Weiß wundert sich;75
22;22 Wieder die Brille;79
23;23 Immer dasselbe …;82
24;24 Ein echt langweiliger Abend;85
25;25 Nebeneinander auf dem Sofa;88
26;26 Am nächsten Abend im Dukatz;91
27;27 Eine eingetretene Türe;95
28;28 Was in München wichtig ist …;98
29;29 Krankenhausgerüche;102
30;30 Ein schmerzender Knebel;105
31;31 Viele gute Wünsche;108
32;32 Eine unangenehme Verzögerung;112
33;33 Der Mercedes ist verschwunden;115
34;34 Kein schöner Anblick;118
35;35 Im Englischen Garten;122
36;36 Der Kellner hat resigniert;125
37;37 Auf der A 96;129
38;38 Geburtstag Nummer 52;132
39;39 Kinderladen Westend;135
40;40 Nummer 32, ein gesichtsloser Neubau;138
41;41 Der Fall ist abgeschlossen;142
42;42 Man traf sich;145
43;43 Und wieder Schnee …;148
44;44 Eine kleine Notiz;152
45;45 Jana ist nervös;155
46;46 Jana lenkte den Wagen mit sicherer Hand;158
47;47 Der Befreier der Jungfrauen;165
48;48 Wieder zu Hause;168
49;49 In der Bongo-Bar;173
50;Anhang;177
51;Nachwort;179
32 Eine unangenehme Verzögerung (S. 111-112)
Samstag, 22. September, 10 Uhr 20
Es war eine unangenehme Verzögerung, aber es hätte noch wesentlich schlimmer kommen können. Siegmar hatte sich gerade eben mühsam durch das Zimmer gerobbt und war eben dabei, den Spiegel mit dem Kinn oder mit der Nase von dem ihn haltenden Haken abzuheben, damit er zu Boden fallen und zerbrechen würde – in diesem Moment hörte er, wie sich in der Eingangstüre der Diele der Schlüssel drehte. Gott sei Dank ging der Ankömmling, wer immer es war, zunächst eimal geräuschvoll aufs Klo, das gab ihm Zeit, in höchster Eile wieder zu seiner Matratze zurückzuhüpfen und sich völlig atemlos darauf niederfallen zu lassen.
Der Knebel brannte ihm im Mund wie vergiftetes Feuer. Der Mann öffnete jetzt polternd die zweite Türe und knipste das Licht an. Siegmar sah seine Vermutung bestätigt – eine Stahltüre. Dann würde sein Plan also doch funktionieren. Wenn es nicht schon zu spät war. Wenn nicht bereits sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Der Mann packte ihn am Pullover und zog ihn brutal nach oben. Dann löste er die Fesseln – Siegmar wäre fast umgefallen, wenn der andere ihn nicht gestützt hätte. »Allmählich wird mir das zu blöd«, murmelte der Typ, aber es schien eine Art Selbstgespräch zu sein.
»Wir kommen auf keinen grünen Zweig so. Diese dumme Abwarterei …« Dann herrschte er Siegmar an: »Schau nicht so blöd aus der Wäsche. Du kannst ein wenig im Zimmer herumlaufen, und dann setzt du dich wieder auf den Schreibtischstuhl da drüben. Alles wie gehabt. Und keine Dummheiten, ja? Sonst setzt es Ohrfeigen …« Sieht nicht so aus, als wolle er mich jetzt gleich umbringen, hatte Siegmar gedacht. Ein letzter Aufschub, mehr brauche ich nicht – vielleicht zwei, drei Stunden. »Was haben Sie eigentlich mit mir vor?«, fragte er leise, während er auf und ab ging.
»Maul halten.« Der Mann zog eine Brezen und eine Milchflasche aus einer braunen Papiertüte hervor und stellte beides auf den Tisch. »Hier ist dein Frühstück. Schluck’s runter, aber schnell. Dann kannst du pissen gehen, und dann wirst du wieder gefesselt. Das habe ich mit dir vor. Aber beeil dich, ich habe es eilig.« Siegmar hätte jubeln können. Er befolgte die Anweisungen des Mannes, so gut und so schnell es ging, und ließ sich danach ohne weitere Fragen und ohne Widerstand fesseln und wieder auf die Matratze legen. Glücklich hörte er die Türen ins Schloss fallen, hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte – erst drinnen, dann draußen. Weg war der Kerl.
Etwa eine Viertelstunde mochte seitdem vergangen sein. Jetzt kommt meine große Stunde, dachte er sich. Nach zehn Minuten hatte er den Spiegel von der Wand gehebelt – er krachte zu Boden und sprang in Scherben, ganz wie beabsichtigt. Mit den Scherben die Fesseln zu zerschneiden, war zwar nicht einfach, aber es ging, auch wenn er sich dabei etliche Schnittwunden holte. Der Boden war blutverschmiert – aber er war frei.
Jetzt kam der vorletzte Akt des Dramas. Er hatte das Deckenlicht angeknipst – eine äußerst trübe Neonröhre, immerhin konnte er sich jetzt im Zimmer orientieren. Er hatte schon vorhin festgestellt, dass dies nicht der ehemalige Verkaufsraum sein konnte – der lag zur Straße hin und hatte ein großes Fenster. Der Raum hier war klein, hatte kein Fenster, sondern nur ein Oberlicht aus Glasbausteinen, vor das man eine Plastikfolie geklebt hatte. Offenbar ein altes Büro oder so etwas. Egal. Die Tür war verschlossen, aber er hätte natürlich versuchen können, sich irgendwie anders einen Weg nach draußen zu bahnen. Doch ihm war klar, dass alles Bemühungen in dieser Richtung nicht anderes gewesen wären als Zeitverschwendung – schiere Zeitverschwendung. Es gab nur einen Weg nach draußen – durch die Türe. Und es gab nur einen, der diese Türe öffnen konnte – der Mann mit dem Schlüssel. Der grobe Kerl mit dem Ledermantel.
Irgendwann musste er ja wiederkommen. Und dann … Doch erst einmal galt es, dafür einige Vorbereitungen zu treffen. Er zog die Zuleitung der Stehlampe aus der Steckdose. Dann schnitt er die Leitung mit einer der Scherben am Fuß der Lampe ab. Die äußere Ummantelung durchtrennte er, ein dreiadriges Kabel kam zum Vorschein. Er sonderte alle drei Stränge säuberlich, trennte die Isolierung ab und spreizte die Enden aus Kupferdraht voneinander ab. Ich muss vorsichtig sein – ein Kurzschluss, und mein Plan ist im Eimer. Die Steckdose war direkt neben der Türe in die Wand eingelassen. Dort kauerte er sich auf den Boden, genau zwischen Türe und Steckdose. Ich muss vorsichtig sein, sagte er sich immer wieder, ganz besonders vorsichtig. Die Strümpfe hatte er sich ausgezogen. Einen hatte er um das Kabel gewickelt, um es besser in der Hand halten zu können. Den anderen Strumpf riss er mit Fingern und Zähnen auseinander, um die Kabelenden besser voneinander zu trennen. Endlich ragten sie einzeln voneinander in die Luft, ein seltsamer Dreizack aus Kupfer.




