Baxter Die Zeit-Verschwörung 4: Diktator
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08765-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-08765-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cambridge, 1940: Der junge Ben Kamen, ein Student Kurt Gödels, schläft neben seiner Rechenmaschine ein und setzt damit eine gewaltige Zeit-Verschwörung in Gang. Denn er ist ein Weber, der mit seinen Träumen die Vergangenheit verändern kann. Als Ben bewusst wird, dass er deswegen beeinflusst wird, nimmt er Kontakt mit der Historikerin Mary Wooler auf, um festzustellen, ob Zeitmanipulationen erfolgt sind. Die beiden geraten in die Wirren des Zweiten Weltkriegs, als deutsche Besatzungstruppen an der südenglischen Küste landen und Marys Sohn in Kriegsgefangenschaft gerät. Und auch die Nazis haben von den Fähigkeiten des Juden Kamen gehört …
Stephen Baxter, 1957 in Liverpool geboren, studierte Mathematik und Astronomie, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er zählt zu den international bedeutendsten Autoren wissenschaftlich orientierter Literatur. Etliche seiner Romane wurden mehrfach preisgekrönt und zu internationalen Bestsellern. Stephen Baxter lebt und arbeitet im englischen Buckinghamshire.
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II
Schließlich erreichte sie eine Küstenstadt. Aber welche?
Sie folgte einem Bahngleis bis zu einem kleinen Bahnhof. Keine Namensschilder. Dort stand ein Zug bereit, der offenkundig für Soldaten reserviert war; jemand hatte WILLKOMMEN DAHEIM BEF an einen Waggon geschrieben. Es war durchaus sinnvoll, die zurückgekehrten Soldaten so schnell wie möglich ins Landesinnere zu bringen, weg von den Gefahren der Küste. Aber es waren keine Soldaten da, die weggebracht werden konnten; der Zug stand nutzlos herum.
Sie gelangte zu einer Straße, die am Meer entlangführte, bog links ab und folgte der Küste. Zu ihrer Rechten lag die See, stahlgrau und ruhig, mit schimmernden Glanzlichtern, übersät von Booten. Es herrschte Ebbe, und sie sah einen steinigen, mit Stacheldrahtknäueln und großen Betonquadern bedeckten Kiesstrand. Diese Küstenbefestigungen waren nur die äußere Kruste eines ganzen Landes, das sich in eine Festung verwandelte; die Küstenlinie wurde auf einer Länge von vielen hundert Kilometern verstärkt, und ausgeklügelte Abwehrsysteme erstreckten sich bis tief ins Landesinnere hinein. So weit sie sehen konnte, ging der Strand immer weiter; vor ihr, im Osten, krümmte er sich sanft in eine Bucht. In Hastings gab es einen Hafen, aber hier nicht; sie war also nicht in Hastings.
Sie wusste nicht recht, was sie tun sollte. Sie war ohne Pause von London bis hierher gefahren. Ihre Knochen waren steif, sie hatte Durst, und da sie wenig geschlafen hatte, war sie zum Umfallen müde.
Sie stellte den Wagen an der Strandseite der Straße ab und stieg aus. Es war gegen Mittag. Das Sonnenlicht, die salzige Meeresluft wirkten auf sie wie ein starker Gin. Auf der Küstenstraße herrschte reger Verkehr, und sie sah eine Vielzahl der Uniformen, die sie bereits aus London gewohnt war – das Khaki der Army, das Dunkelblau der Navy, das hellere Schieferblau der Air Force, und Frauen in den Uniformen des Auxiliary Territorial Service, des Heimatschutzdienstes, oder der Wrens, des weiblichen Marinedienstes.
Sie ging ein Stück am Strand entlang. Verbotsschilder untersagten Zivilisten, den Strand zu betreten, und warnten, dass der Kies vermint sei. Und wenn sie an diesem strahlenden Sommertag aufs Meer hinausschaute, konnte sie tatsächlich den Krieg in Europa sehen, das Aufblitzen herabstoßender Flugzeuge, und sie hörte auch fernen Geschützdonner. Weit weg stieg eine Rauchwolke turmhoch empor. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich im Geist Notizen für ihren nächsten Artikel machte. Seit dem Tag der Kriegserklärung im vergangenen September hatte sie sich kaum aus London herausgewagt. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sich diese Szene in ihrer Heimat abspielte, an einer auf ähnliche Weise befestigten Atlantikküste.
Die Evakuierung ging indessen weiter voran. Im tieferen Wasser glitten Schiffe der Navy dahin, blaugraue Silhouetten, während kleinere Schiffe pausenlos zwischen England und Frankreich hin und her fuhren, Trawler, Drifter, Garnelen- und Krabbenfänger, Fischkutter, ein paar Rettungsboote sowie viele Jachten und kleine Motorboote. Große, mit dem Namenszug »Pickfords« geschmückte Lastkähne, deren eigentliche Aufgabe darin bestand, Fracht an der Küste entlang zu befördern, wälzten sich schwerfällig dahin. Ein Teil des Strandes war geräumt worden, damit die Boote landen konnten; man hatte den Stacheldraht zerschnitten und weggezogen und die Panzersperren beiseite geschoben. Mary sah, dass Trupps mit Tragbahren auf dem Kies warteten, und der WVS, der Women’s Voluntary Service, hatte Tische mit Union-Jack-Fähnchen und Schildern aufgestellt, auf denen WILLKOMMEN DAHEIM, JUNGS stand. Tee kochte in riesigen Teemaschinen, und Sandwiches stapelten sich auf Platten. Aber niemand trank den Tee, niemand aß die Sandwiches.
Dies war Operation Dynamo, die Evakuierung aus Frankreich. Die BBC hatte das Thema die ganze Nacht hochgespielt, die kleinen Schiffe Englands, die nach Frankreich fuhren, um der Navy zu helfen, eine besiegte Armee heimzuholen. Erschreckenderweise kamen die kleinen Schiffe jedoch leer zurück.
»Sie können hier nicht parken, Madam.« Mary drehte sich um. Ein ziemlich junger Mann mit einer schweren schwarzen Jacke und einem Tellerhelm, der wie ein Überbleibsel aus dem Weltkrieg 14/18 aussah. Er trug ein Gewehr, einen Segeltuchbeutel mit einer Gasmaske über der Schulter und eine Armbinde, in die »ARP« eingestickt war. Air Raid Precautions, der Luftschutz, noch eine der neuen Freiwilligentruppen Großbritanniens. »Wir versuchen, die Strände und den Weg in die Stadt freizuhalten.«
»Ja, das sehe ich. Tut mir leid. Hören Sie …«
»Und Sie sollten Ihre Gasmaske dabeihaben.«
»Die liegt im Wagen.«
»Laut Vorschrift muss man sie immer bei sich tragen.« Er sprach ein neutrales Englisch, wie sie fand, und klang recht gebildet. Nun musterte er sie eingehender, mit misstrauischer Miene. »Darf ich fragen, was Sie hier machen? Sie scheinen sich verfahren zu haben.«
»Ich möchte nach Hastings. Mein Sohn kommt mit der BEF nach Hause, das hoffe ich wenigstens.«
»Und Sie wissen nicht, wo Hastings ist?«
Sie versuchte sich zu beherrschen. »Ich weiß nicht mal, wo ich bin. Hören Sie, wenn Sie mir einfach den Weg nach Hastings zeigen könnten …«
»Woher kommen Sie? Aus Kanada? Ich weiß, dass es kanadische Einheiten bei der BEF gibt.«
»Nein, ich bin Amerikanerin. Den Fehler macht man leicht.«
Seine Augen wurden schmal, und er trat auf sie zu. Er hinkte ein wenig; vielleicht hatte ihn das vor der Einberufung bewahrt. »Nicht nötig, so einen Ton anzuschlagen, Madam. Sie sind in Bexhill.« Er zeigte nach Osten, die Küstenstraße entlang. »Hastings ist ein paar Kilometer in dieser Richtung. Fahren Sie einfach durch Saint Leonard, dann können Sie’s gar nicht verfehlen.«
»Danke.« Sie eilte zu ihrem Wagen zurück.
Im Rückspiegel sah sie, wie er dort stand und ihr nachschaute. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie sich an der belagerten Küste eines Landes befand, in dem man den starken Verdacht hegte, dass der Feind nicht erst kam, sondern vielleicht schon da war, in der einen oder anderen Verkleidung. Er zurrte seinen Helm fest und setzte seinen Patrouillengang am Strand fort.
Auf der Küstenstraße, die schnurstracks nach Osten führte, waren zahlreiche Lastwagen, Busse und andere Transportfahrzeuge sowie – beunruhigenderweise – Krankenwagen unterwegs.
Sie kam in eine andere Stadt und sah einen Pier, um dessen mächtigen Unterbau sich Boote drängten. Man hatte den Pier vom Land getrennt, damit er nicht von deutschen Invasoren benutzt werden konnte. Sie fuhr weiter, bis die Straße am Fuß eines steil aufragenden Hügels aus Schichtgestein vorbeiführte, auf dem sich die Ruinen einer Burg ausbreiteten. Dies war eine Seestadt mit Hotels und einem Konzertpavillon. An diesem Sommersamstag sah Mary jedoch keine Kinder auf den Straßen. Zweifellos alle ins Landesinnere evakuiert, wegen der Invasionshysterie. Trotzdem war es unheimlich. Und vor ihr tat sich ein äußerst seltsamer Anblick auf, ein Schwarm riesiger silberner Fische, die an straff gespannten Seilen in der Luft schwebten. Es waren Sperrballons; offenbar rechnete man mit Luftangriffen.
Bald sah sie eine Hafenmauer ins Meer ragen. Den Hafen selbst konnte sie jedoch nicht erreichen, weil die Küstenstraße gesperrt war. Überall wimmelte es von Uniformen. Erneut wusste sie nicht, was sie tun sollte; also bog sie landeinwärts ab und hielt Ausschau nach Auskunftsstellen und Polizisten.
Sie passierte einen freien Platz, der offenbar in ein medizinisches Triagezentrum für Flüchtlinge umfunktioniert worden war; freundliche Krankenschwestern und andere Freiwillige kümmerten sich um verwirrt dreinschauende Zivilisten. Ein Arzt im weißen Kittel saß bei einer Frau und versuchte sanft, ihr etwas wegzunehmen. Im Vorbeifahren sah Mary, dass es ein Arm war, der abgetrennte Arm eines Kindes, geschwärzt und verbrannt. Der Anblick verwirrte Mary. Sie war doch eigentlich Journalistin, zumindest zurzeit. Aber wie konnte sie über so etwas schreiben?
Vor einem unbebauten Stück Land geriet sie in einen weiteren Stau. Dies war der Ankerplatz für einen der Sperrballons. Das stahlgraue Monster, eine knapp zwanzig Meter lange, mit Wasserstoff gefüllte Hülle, stand ziemlich tief über den Dächern; man ließ es gerade aufsteigen. Es war durch dicke Stahlseile mit dem Erdboden verbunden, und ein Arbeitstrupp mühte sich ab, die auf massive Winden gewickelten Seile kontrolliert abzuspulen. Es waren zumeist Frauen in den Uniformen des ATS und der Wrens, die sich schwitzend abrackerten, außerdem ein paar WAAFs, Mitglieder der Women’s Auxiliary Air Force, des weiblichen Luftwaffenhilfskorps. Ein Offizier stand daneben und zählte unablässig, um dem Trupp an den Winden einen Rhythmus vorzugeben. Mary schaute zu, fasziniert vom Anblick des Miniaturzeppelins, der von den Straßen dieser Stadt am Meer emporstieg.
Vor ihren Augen verlor eine der WAAF-Frauen ihre Mütze, und leuchtend rotes Haar fiel offen herab. Mary glaubte zu wissen, wer die Frau war. Sie stellte den Wagen hastig ab, ohne auf die Rufe eines anderen ARP-Warts zu achten, stieg aus und lief los. »Hilda! Hilda Tanner!«
Die junge WAAF-Frau drehte sich um. Mary lief winkend auf sie zu. Die Frau sprach ein paar Worte mit dem Offizier, und er entließ sie mit einer energischen Kopfbewegung aus dem Trupp. Hilda hob ihre Mütze auf, stopfte das rote Haar darunter und eilte auf Mary zu.
Eine Woge der Erleichterung spülte über Mary hinweg. Es war nicht Gary, aber sie war ihm schon einen Schritt näher. »Hilda? Sie kennen mich nicht. Wir sind uns noch nie begegnet. Ich kenne Sie nur von den...




