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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Bedford Treibsand

Erinnerungen einer Europäerin
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99133-9
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erinnerungen einer Europäerin

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-492-99133-9
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Abschluss des leuchtenden Lebenswerkes von Sibylle Bedford Die Erinnerungen der Kosmopolitin, die in Rom ebenso zu Hause war wie in Paris, London oder an der Côte d'Azur, die Literatur, Malerei und gutes Essen fast so sehr schätzte wie ihre Freundschaften mit den europäischen Künstlern und Dichtern ihrer Zeit, sind eine Fundgrube für all jene Leser, die sich den Reichtum und die Dramatik des 20. Jahrhunderts anhand einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte vor Augen führen möchten. »Champagner in Buchform.« Neue Zürcher Zeitung

Sybille Bedford, geboren 1911 in Berlin als Tochter des Barons von Schoenebeck und seiner englischen Gattin, wuchs in Deutschland, England, Italien und Frankreich auf. Als junges Mädchen lebte sie mit ihrer Mutter und deren zweitem Ehemann, einem Italiener, an der Côte d'Azur, dem Zufluchtsort für viele europäische Künstler und Intellektuelle der Zeit. Alle ihre Romane und Reiseerzählungen schöpfen aus ihrem reichen biographischen Hintergrund. Sybille Bedford hat außerdem viele Jahre als Gerichtsreporterin berühmten Prozessen beigewohnt und darüber für Esquire und Life berichtet. Sie starb 2006 in London.
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Erstes Kapitel


Genf: ein neutraler Tag – Wer war ich? Wo bin ich? – Verzögerungen: Ereignisse, unangemessene Ambitionen, Lebenslust – Anstoß und Ermunterung


Ich werde in der Mitte anfangen und hoffe, von dort aus fortzufahren.

Samstag, 1. August. Vormittag. Aus dem Zug rieselte noch etwas Sand, als ich durch die Waggontür ausstieg, die gestern abend auf dem Bahnsteig in Cannes zugeschlagen worden war; ich folgte dem Wagen des gemächlichen Gepäckträgers durch die doppelte Zollkontrolle … Douane Française Douane Suisse … zur Gepäckaufbewahrung in der Bahnhofshalle und ging für ein paar geschenkte Stunden in die weitläufige, helle, reiche Stadt, überall Wasser und Licht, schneehell über sommerlichem Blau. Quai des Saules, Pont du Rhône, Pont de l’Isle, Quai des Bergues: Der Genfer See, breit und offen, und dort – der Jet d’Eau, eleganteste Fontäne, weißer Wasserkomet, der sich in den Himmel schleudert …

Fünfzig Schritte landeinwärts, und alles ist wie verwandelt. Eine ältere, kleinere, in sich ruhende Welt. Die Dächer niedriger, die Fassaden schlichter, verschwunden das gleißende Licht von See und Gebirge. Platanen auf dem Platz, ein wenig Schatten, Grafikhandlungen, Blumenstände, Cafés. Frauen mit Brot gehen vorbei …

Durch gewundene Gassen in die Altstadt … klettere eine Anhöhe hinauf, stehe wieder vor Neuem – Stille, vornehme Straßenzeilen, Verwaltungsgebäude mit privaten Fassaden, Andeutungen von Gärten hinter Mauern … Und immer weiter, höher, stehenbleiben, sich treiben lassen, gehen: konzentriert und ziellos in der Art eines Reisenden, der weder Verpflichtungen noch Aufgaben hat und keine Sehenswürdigkeiten besuchen muß, der sich über unerwartete Entdeckungen freuen kann, aber weiß, dass er in der Stadt nicht übernachten wird …

Aus: Ein Schweizer Tagebuch

Nun ja … das war August 1953, doch das Tagebuch wurde nicht an jenem Tag, nicht in jenem Sommer geschrieben, sondern, mit unvermindertem Hochgefühl, im Januar des darauffolgenden Jahres, in einer Mansarde im sechsten Pariser Arrondissement, und noch heute, fünfzig Jahre später, spüre ich diese Stimmung des absichtslosen Entdeckens, die Euphorie dieser Stunden in Genf. Als ich damals aus dem Zug stieg, war eine leise Neugier in mir, ich war allein, ungebunden … Minuten später sorgten Berge, Himmel und Wasser für ein Hochgefühl, das den ganzen Tag anhielt.

Auch während der kurzen, glühend heißen Bahnfahrt am späten Nachmittag, ein letzter, schmerzhaft heller Blick auf Genfer See und Montblanc, vorbei an den Weinbergen, an grausteinernen Schlössern und dunkelgrünen Hängen des Waadtlands, sanften Weiden, vorbei an Obstgärten, Tannen, Kuckucksuhrenhäusern, Dorfkirchen: eine Bilderbuchschweiz. Es hielt an, dieses stille Hochgefühl, begleitete mich auf dem Spaziergang durch die arkadengesäumten Straßen von Bern, das wie eine traumhafte Kinderwelt anmutete. Auch ohne das fünfzig Jahre alte Tagebuch erinnere ich mich, dass dort »nichts hässlich oder groß oder ärmlich oder schick oder neu« war. Das Hochgefühl war noch am Abend da, als ich, abermals in einem sauberen Schnellzug, in Richtung Vierwaldstätter See fuhr, in einer endlosen Dämmerung, es war da während des reichlichen Abendessens in einem billigen, namenlosen Wirtshaus, die Nacht in einem bescheidenen, unscheinbaren Fremdenquartier (von einem Auskunftsbüro im Bahnhof vermittelt); es hielt an, das Hochgefühl, ruhiger, versonnener, die anschließenden Wochen hindurch, den ausklingenden Sommer … An diesem Tag fuhr ich auf einem hohen weißen Raddampfer über den See, um mich in einem kleinen Ausflugsort mit einem befreundeten Menschen zu treffen.

Und was wollte ich dort?

Wer war ich, was war ich in diesem Lebensabschnitt? Wo stand ich, und woher kam ich? Anfang Vierzig war ich damals, konnte leben, wo (vielleicht sogar wie) ich wollte. Anders als eine unsagbar große Zahl meiner Mitmenschen hatte ich vier Dekaden unseres fürchterlichen Jahrhunderts körperlich unversehrt überstanden, und ich war mir der Privilegien und Gefährdungen meiner Existenz – zeitweilig – bewusst. Auch der Säulen, die mein Dasein seit Kurzem trugen. Die stärkste war die Tatsache, dass einige Monate zuvor ein Buch von mir erschienen war. Ich war nunmehr eine Schriftstellerin, wie ich mir sagte, sehr oft sagte. Endlich. Dieses Buch war kein erster Versuch. Schreiben: Schon als Kind wollte ich jemand werden, der schreibt, Bücher natürlich. Ich sah darin einen Ruf, eine Berufung, mir (von wem?) erteilt, und sei es noch so unverdient … Meine Grenzen waren beträchtlich: so gut wie keine offizielle Schulbildung, fehlende Leichtigkeit, Gedanken mühelos zu Papier zu bringen – la page vide que sa blancheur défend … (schon früh habe ich Französisch gelesen, es hat mich stark geprägt); eine große natürliche Faulheit … Mach, dass ich Schriftstellerin werde, aber erst später. Also keine hingekritzelten Geschichten, die im Kinderzimmer herumliegen, keine Schulaufsätze (bin kaum zur Schule gegangen); nur ein schuldbewusster Kopf voll ungeschriebener Briefe.

Mit zwanzig – wirklich so spät? – hatte ich mich mit zwei pseudointellektuellen Abhandlungen gequält, einer über Baudelaires Ansicht über »l’infâmie de l’imprimerie«, die Gefahren billiger Massendrucke, der anderen über den Prozess gegen Flauberts Madame Bovary. Ungern denke ich an diese hochgestochenen Jugendergüsse zurück. Und doch … Muß ich diese unreife Auseinandersetzung, wie unbeholfen sie sein mochte, mit Baudelaires Kritik der Halbbildung ganz und gar verwerfen? Soll ich meine Faszination an dem Konflikt zwischen einem bigotten Richter und Emma Bovary – hundert Jahre, bevor Constance Chatterley ihre juristische Abfuhr erhielt – mit einem Schulterzucken abtun?

Als nächstes schrieb ich drei Romane – eine selbstauferlegte Höllenpein: Stunden, Monate, Jahre der Quälerei, seltene Momente von Euphorie, Panik tags darauf. War es gut genug? Taugte es überhaupt etwas? Drei Romane: beendet, getippt, ein zweites Mal getippt (von mir), an die Londoner und New Yorker Verleger geschickt, von Wohlmeinenden (manchmal) gelesen, zarte Hoffnungen weckend. Abgelehnt. Zu Recht. Sie waren nicht gut genug. Ich war am Boden zerstört. Jedes Mal. Derweil musste ich meinen Lebensunterhalt verdienen (ich hatte kein Geld, es stand auch keines zu erwarten, nachdem ich die Quelle mit leichter Hand sabotiert hatte. Aus moralischen Gründen, dachte ich; unverantwortlich, dachte ich später. Doch das ist eine andere Geschichte, auf die ich wohl noch mal zurückkommen muss).

Heute bin ich froh, dass diese Romane nicht das Licht des Drucks erblickten. Während ich an meinem vierten Buch saß, konnte ich sie als das sehen, was sie waren. Woran hatte es gemangelt, einmal abgesehen von den Anfängerfehlern? Ich hatte zuviel gelesen und wusste zuwenig; unter einer überzeugenden gescheiten Oberfläche war ich wohl das, was meine Mutter mich oft nannte: ein Papagei. Mein armseliges Schreiben war epigonal. Entschlossener als andere junge Novizinnen hatte ich mich an eine erste Inspiration geklammert – in meinem Fall ein in jungen Jahren empfangener, grenzenloser Glaube an Aldous Huxley. Seine Art zu schreiben. Dass mich seine Ideen faszinierten, muss ich nicht betonen. Wie so viele meiner Zeitgenossen verzauberte mich seine schiere Intelligenz. Sie machte staunen, sie begeisterte, war uns ein Wegweiser. Leider ahmte ich auch seinen Stil nach. Adverbien am Satzanfang, der ungestüme Rhythmus gegen Ende eines Absatzes … All das. Ich war überzeugt, dass man nicht besser schreiben könne und dass die Leser mit einer dünneren Version durchaus zufrieden wären. Ich sage leider, weil Aldous’ Sprache überhaupt nicht zu mir paßte. Ich folgte dem Meister, allerdings sehr mangelhaft, verwässerte Aldous Huxley, war ein seichter Huxley.

Ich war neunundzwanzig, als Manuskript Nummer drei von Chatto und von Harpers (New York) abgelehnt wurde, weshalb ich, von gelegentlichen journalistischen Arbeiten abgesehen, jahrelang nicht mehr schrieb. Diese und andere lange Lebensphasen, die ich mit Nichtschreiben vergeudete, lasten schwer auf mir, und nun, in den 2000er Jahren, da diese Zeit unwiderruflich vorbei ist, werde ich oft von Bedauern und ungläubigem Staunen erfasst. Ach, was haben Trägheit, Entmutigung und natürlich Ablenkungen nicht alles verhindert … Die Verlockungen, die täglichen Sirenengesänge, denen ich erlag – durch Zufall, oft auch eigene Entscheidung, verbrachte ich die vergeudeten Jahre an schönen oder interessanten Orten: um zu lernen, zu sehen, zu reisen, durch nächtliche Straßen zu gehen, in warmen Meeren zu schwimmen, Freundschaften einzugehen und zu bewahren, auf sommerlich überrankten Terrassen zu essen und Wein zu trinken, das Lied der Laubfrösche und Zikaden zu hören, mich zu verlieben … (oft, all zu oft.)

Und natürlich der Krieg, der in einem Teil dieser Jahre stattgefunden hatte.

(Hier ist vielleicht der Ort für die Anmerkung am Rande, dass ich 1914 ein kleines Kind war, dem Schrecken und Sinnlosigkeit des Krieges durch eine Mutter vermittelt wurden, die eine lautstarke Gegnerin von militärischer und anderer Gewalt war; dass ich in einem Land geboren wurde, von dem ich am liebsten nichts gewußt hätte – was mir partiell auch gelang … Dass ich in Deutschland geboren wurde und in eine teilweise jüdische Familie. Durch eine Verkettung von Umständen – der frühe Tod meines Vaters, zuvor bereits das Verschwinden meiner Mutter...



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