Behrend | DIE FRAU MIT DEN ROTEN SCHUHEN | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Behrend DIE FRAU MIT DEN ROTEN SCHUHEN

Eine fantastische Geschichte
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95765-688-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine fantastische Geschichte

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-95765-688-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was, wenn du in deine Biografie zurückreisen kannst? Was, wenn du dein Leben ganz neu betrachten kannst, von Anfang an? Was, wenn du all deine Fehler korrigieren kannst? Und was, wenn du genau das nicht darfst? Lillian setzt sich über das Verbot hinweg. Um ihre Familie vor einer Katastrophe zu bewahren, greift sie mithilfe der Time-Peace Corporation in ihr eigenes Leben ein. Und als dies nicht den gewünschten Effekt hat, versucht sie es wieder und wieder und wieder. Der Wunsch, den perfekten Ablauf zu erreichen, wird für sie zur Sucht. Am Ende geht es ihr nur noch darum, die Situation durchzustehen, ohne in Verzweiflung zu versinken. Eine letzte Manipulation soll ihr die Hoffnung zurückbringen. Ob es ihr gelingt? Die Zeit wird es zeigen.

Gabriele Behrend: * geboren 16.01.1974, Regensburg * aufgewachsen im Sachsenwald bei Hamburg * 1994 Abitur in Schwarzenbek erworben * 2003 erste Grafiken für das Science Fiction Magazin Nova erstellt, später Grafikredakteurin für drei Ausgaben * 2005 erste Schreibversuche, erste Veröffentlichung * 2017 Kurd-Laßwitz-Preis für die beste Kurzgeschichte erhalten (Suicide Rooms)
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1 Von Anfang an – Lillian


Als es uns gut ging, wussten wir es nicht zu schätzen. Wir bemerkten es nicht, nahmen an, dass es so sein sollte, dass es ein natürlicher Zustand war. Wir machten uns keine Gedanken deswegen.

Als wir trauerten, schien uns die Welt gänzlich verwehrt. Wir durchmaßen die Dunkelheit, verharrten in ihrer Mitte, in der Stille und Einsamkeit. Anstatt dass uns die Trauer einte, zerriss sie noch die letzten Bande, die sich zwischen uns hindurchschlängelten und ach so verletzlich waren. Es brauchte nicht viel. Hier ein Vorwurf, dort ein bitteres Schweigen, so ging das verloren, dass uns einte.

Als wir glücklich waren und alles eitel Sonnenschein, da hielten wir uns in den Armen, herzten einander und küssten uns, oft und federleicht, wie Schmetterlinge, die mit ihrem Flügelschlag über unsere Haut strichen. Wir waren mitten in der Welt und doch ganz allein in ihr, denn wir hatten uns und das war genug für uns beide. Wir brauchten niemanden und wir wollten niemanden und auf einmal war da doch noch ein Wesen mehr, das unser Glück noch vollständiger machte, als wir es hätten uns denken können, in den Tagen vor seiner Ankunft.

Aber dann war es da, das neue Leben, ein kleiner Babyboy, mit hellblauen Schühchen und einer roten Tolle über einem stupsnasigen Gesicht mit dunkelblauen Augen. Wir nannten ihn Henry. Und als er heranwuchs und mit dem Sprechen begann, da nannte er uns Mom und Dad. Und wir, das waren Lill und Tom.

Und dann kam der Moment, aus dem Mom und Dad Lillian und Thomas wurden. Keine Spitznamen mehr, das Leben war nicht mehr leicht. Das Leben war nicht mehr, nicht mehr am richtigen Platz, nicht mehr in der richtigen Zeit oder der richtigen Ordnung.

Ich bin Lillian und das ist meine Geschichte.

Geboren wurde ich als Lillian Jean Fowler, Tochter von Norma Basset und George Fowler, irgendwann vor vierzig Jahren. Die Zeiten rauschen so schnell am menschlichen Geist vorbei, dieser Tage, dass die Ankerpunkte abhandenkommen. Deswegen ist heuer die erinnerte Zeitspanne der eigenen Existenz wichtiger als der Jahrestag des Materialisierens in der Gegenwart, von Altmodischen auch als Geburt benannt. Nun gut, als ich noch klein war, ein bezauberndes Ding mit zu Zöpfen gebundenen Löckchen in einem undefinierten Graubraun, mit einem breiten Lächeln und einer Zahnlücke zwischen den Vorderzähnen, da fand man mich den ganzen Tag auf dem Bürgersteig mit dem Springseil in der Hand. Ich sprang so vor mich hin, mit den geringelten Kniestrümpfen und dem gelbkarierten Hängerchen mit den Rüschenträgern auf den nackten Schultern. Meine Schuhe waren rot, so rot, dass ich auf jeder gelben Ziegelsteinstraße den Weg gefunden hätte, vom Anfang der Geschichte, bis zu ihrem Ende. Aber es gab keinen Zinnmann und die Lande von Oz waren dem einsamen Wanderer schon lange verschlossen. Also sprang ich weiter auf dem zernarbten Zement des Bürgersteiges mit seinen Schrunden und Spalten, Rissen und krautigen Pflanzen, die mehr Leichen, denn Überlebende waren.

Eines Tages erhielt ich wundersamen Besuch. Eine Frau näherte sich mir, hielt inne, beugte sich zu mir herunter und berührte staunend meine Zöpfe, meine Schulter und strich mir leicht über die Wange. Dann richtete sie sich wieder auf, drehte sich auf ihren Ballerinas herum, die ebenso rot waren wie meine Schnallenschuhe, und ging den Bürgersteig hinunter. Fort von mir, die ich zurückblieb, mit einer Frage auf den Lippen, die zu groß war, als dass ich kleines Mädchen sie formulieren konnte. Also zuckte ich mit den Achseln, nahm mein Springseil auf und sprang die Auffahrt zu dem kleinen, windschiefen Haus in der Melrose Avenue, Hausnummer 46, hinauf. Mom wartete bestimmt schon mit dem Mittagessen auf mich und sie mochte es nicht, wenn ich mich verspätete.

Als ich die Highschool besuchte, war Thomas King zwei Klassen über mir im Footballteam. Er war der Quarterback, allerdings nur die Zweitbesetzung. Dass er um mich warb, war dennoch großartig. Außerdem fand ich ihn angenehmer als die Erstbesetzung, er hatte es nicht so nötig, einen auf dicke Hose zu machen. Das erwartete man nicht von ihm und so konnten wir uns über viele Dinge unterhalten, die Chad Baker so ganz und gar abgingen. Zum Beispiel über das Schultheater. Ich hatte gerade angefangen, für die Truppe zu arbeiten. Meine Freundin und ich malten die Kulissen an und waren auch sonst für Kostüm und Requisite verantwortlich. Tom war sich nicht zu schade, beim Sägen und Nageln mit zu helfen. Er war es auch, der mich dazu anspornte, mich im nächsten Jahr auf eine der Rollen zu bewerben. Er hörte meinen Text ab, probte mit mir, ermunterte mich und balgte mit mir, wenn ich einen Fehler mehr als drei Mal wiederholte. Es war eine schöne Zeit, wir wuchsen enger und enger zusammen, sodass ich nur mit einem leisen Bedauern bemerkte, wie sich meine Freundin von mir entfernte. Letztlich war es egal, es war alles egal, solange nur Tom an meiner Seite war.

Im dritten Jahr unserer Liebe bestritt Tom sein Abschlussjahr und ich ergatterte meine erste Hauptrolle. Während er lernte und ich lernte und wir beide weniger Zeit füreinander hatten, wuchs die Angst in mir, was aus uns werden sollte, wenn er erst einmal auf ein College wechselte, wahrscheinlich weit weg von Brunswick, Maine. Toms Vater, Simon King, war plastischer Chirurg, der Chefarzt einer Privatklinik in der Stadt und verständlicherweise war es ihm gelegen, dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat. Doch Tom hatte schon früh genug deutlich gemacht, dass er kein Blut sehen konnte und es demnach nicht angeraten sei, dass man ihn Leute aufschneiden ließ. Dies würde nicht zu dem gewünschten Erfolg beitragen. Auch auf den durchaus berechtigten Einwand, dass es genügend Fachbereiche jenseits der blutigen Chirurgie gab, die man erlernen könnte, hatte Tom die jeweils passende Erwiderung parat. Schließlich, nachdem Tom den Antrag auf die Zulassung zur Yale vernichtend um die Ohren geschlagen bekam, einigte sich die Familie King darauf, ihn nach Bangor auf die private Beale University zu schicken. Dort sollte er Wirtschaft und Gesundheitswesen studieren, sodass er, wenn auch nicht den Beruf des Vaters, zumindest die Leitung seiner Klinik übernehmen konnte.

Bangor war nicht so weit entfernt wie Yale, sodass ich mich nicht so sehr nach Meilen verzehren müsste, aber die Zeit, die Zeit, wie stritt ich mich in schlaflosen Nächten mit den Minuten und Stunden herum, den Tagen und Wochen und Monaten. Aber bevor diese Zeit der Prüfung eintrat, hieß es zunächst: Bühne frei. Vorhang auf.

Als ich auf den Brettern, die die Welt bedeuten sollten, stand, war mir klar, dass mein Platz nicht in der ersten Reihe war. Mir zog ein Schwindel durch den Kopf und die Worte fielen schwer. Ich flüsterte die ersten Zeilen, unsicher stotterte ich mich durch den Text, dem das Publikum atemlos folgte. Je länger ich spielte, je mehr meiner Mitschüler mit einfielen, desto sicherer wurde ich, desto lauter wurde meine Stimme, desto entschiedener wurde mein Spiel. Auch wenn ich mich noch immer für deplatziert hielt, brachte ich das zu Ende, was ich begonnen hatte. Denn eine Lillian Jean Fowler gab nicht so einfach auf. Niemals! Und als ich mich beim Schlussapplaus verneigte, ein-, zwei-, fünfmal, da sah ich sie wieder. Eine Frau, die ich als kleines Kind schon einmal gesehen hatte. Ich musste es nicht sehen, ich wusste einfach, dass sie rote Ballerinas trug. Als ich mich wieder erhob, wurde ich vom Bühnenlicht geblendet. Bei meinem Bad in der Menge hinterher, suchte ich den Platz auf, an dem sie gesessen hatte. Er war leer.

Es hatte viel Lob für meinen Auftritt gegeben. Man rühmte die Authentizität, die Zerbrechlichkeit, das Spröde und teilweise Unnahbare meiner Interpretation. Wenn sie doch nur geahnt hätten, was da wirklich in mir vorgegangen war! Aber die Lobeshymnen taten ihr Bestes. Ich blieb bei der Company, sprach für Nebenrollen vor und erfüllte diese mit Leben. Während Tom unermüdlich an der Beale lernte, paukte ich meine Texte und meine Schulfächer, schrieb E-Mails, telefonierte mit ihm und informierte mich über die Studienmöglichkeiten in Bangor. Unter anderem fiel mir die Penobscot Theater Company auf, für die ich ein erfolgreiches Vorsprechen ergatterte, das mir die Aufnahme bescherte. Kaum hatte ich die Abschlussfeier der Highschool absolviert, Arm in Arm mit Tom, der sich zu diesem besonderen Anlass von Bangor in seine Heimatstadt zurückbewegt hatte, packte ich auch schon meine Koffer und fuhr mit ihm wieder zurück, wo wir ein gemeinsames Appartement bezogen.

Unsere Zeit war wundervoll, es waren die frühsommerlichen Tage unseres gemeinsamen Lebens, wo uns der sanfte Wind voller Blütenduft um die Nase spielte, in denen die Luft von Sonnenstrahlen und Schmetterlingen erfüllt war. Heiterkeit führte die Feder, Verlangen, Lust und Verspieltheit ebneten die steinigen Straßen und im Ganzen konnten und wollten wir uns nicht von dem Kitsch einer jungen, erblühenden Liebe lösen. Wir lebten ihn, wir liebten ihn und lachten darüber. Die Zeit kannte kein Morgen, die Welt war begrenzt auf uns. Wenn wir uns nachts niederlegten, hielten wir uns umschlungen und schliefen im Takt des Herzschlages des anderen ein. Träumten uns durch die Nacht und liebten uns am Morgen, frisch erwacht, aber noch morgenmüde, sodass die Berührungen zart waren, liebevoll, beschützend. Erst wenn wir drohten, wieder in die Umarmung des Bruders Morpheus hineinzufallen, standen wir auf, tranken heißen Kaffee, brieten uns Eier und Speck, rezitierten Gesetzestexte, Verordnungen oder Dialogfetzen, lachten, debattierten über die politische Weltlage, stritten und versöhnten uns. Dann begann der Tag. Unsere Wege trennten sich, Tom schlenderte zur Beale, ich fuhr zur PTC.

Während dieser...



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