Beil Die Reise des Engels
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95602-064-3
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 7, 200 Seiten
Reihe: Gontard Krimi
ISBN: 978-3-95602-064-3
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lilo Beil wurde im südpfälzischen Klingenmünster geboren. Die Pfarrerstochter verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dielkirchen bei Rockenhausen und in Winden bei Landau. Ab 1966 studierte sie in Heidelberg Romanistik und Anglistik. Sie unterrichtete von 1972 bis Januar 2008 an der Martin-Luther Schule in Rimbach. Die Mutter dreier erwachsener Töchter lebt mit ihrem Mann im vorderen Odenwald. Besuchen Sie auch Lilo Beils Website: www.lilobeil.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Das Lächeln des Engels oder: Passion
2. Trauerarbeit
3. Wenn Engel reisen
4. Der fremde Tote
5. Gerüchteküche
6. Gasthof zum Engel
7. Feldpost
8. Wilhelmine
9. Der Auswandererbrief
10. Gontards Traum
11. Der Kindergrabstein
12. Osterspaziergang
13. Liebe
14. Samuel Tyler
15. Karl Ziegler
16. Eine Familie
17. Matthias Völcker
18. Blicke
19. Anneliese Thürwächter
20. Angst
21. Sanft entschlafen
22. Trost
23. Wildkräuter
24. Das Pianospiel
25. Liebespaare
26. Das Alibi
27. Das Foto
28. Kein schlimm'rer Engel
29. Frühaufsteher
30. Ein Brief für Gontard
31. Isaak segnet Jakob
4. Kapitel
Der fremde Tote
Ein großer kräftiger Mann, der mit dem Rücken zu Gontard gestanden hatte, fuhr ihn barsch an: »Keine Gaffer hier! Die können wir gar nicht gebrauchen. Das gibt nur Ärger.«
Der Mann hielt inne und rief erstaunt aus: »Chef? Sie hier? Das gibt es doch nicht. Sie sind doch schon lange pensioniert?«
»Manfred Berberich?« Gontards Stimme klang zunächst zögerlich, doch dann rief er: »Natürlich. Das ist Manfred Berberich, mein Lehrling.«
»Ja, Ihr Lehrling von früher. Das ist fünfundzwanzig Jahre her. Oder länger. Ich bin ja auch kein Frischling mehr. Und Chef der Kripo Ludwigshafen. Ich war gerade in Kaiserslautern. Zufall. Wurde vorhin gerufen. War gleich zur Stelle.«
Er redete weiter im Telegrammstil. Gontard kam gar nicht dazu, seine Anwesenheit zu erklären.
»Mordfall auf dem Friedhof. Komisch eigentlich. Die sind doch schon alle tot.« Er unterbrach sich verlegen. »Entschuldigung, Chef. Kein besonders guter Witz.«
»Sie sind jetzt der Chef in Ludwigshafen? Das ist völlig an mir vorbeigegangen. Und Schwerdtfeger? Was ist mit dem?«
»Udo Schwerdtfeger? Der wurde weggelobt, wie es so heißt. Probleme mit den Kollegen. Der ist überall angeeckt und in alle Fettnäpfchen getreten. Macht jetzt Karriere im Osten. Neue Bundesländer, meine ich. Meck’ Pomm. Kripo Schwerin.«
Ach ja, dachte Gontard. Udo Schwerdtfeger hatte nicht »hier« gerufen, als die gute Fee das Talent für Menschenführung ausgeteilt hatte. Aber er war kein schlechter Kriminologe gewesen.
»Aber was ist hier genau passiert?«, fragte er.
Er platzte vor Neugier.
»Ein Mann. Erstochen an der Engelsstatue. Keine Papiere. Wir müssen die Leute vom Dorf fragen, wer das sein kann. Hier kennt doch jeder jeden.«
»Das glaube ich nicht. Schwanweiler ist ein großes Dorf. Es ist nicht mehr wie früher. Es gibt viele Zugereiste.«
Manfred Berberich führte den Chef am Kiesweg entlang hoch zur großen Familiengrabstätte mit dem steinernen Engel. Auf dem Weg dorthin schilderte Gontard kurz, weshalb er hier und jetzt in Schwanweiler war.
Der Engel breitete über dem Schauspiel die Arme aus, das nicht gruseliger hätte sein können. Wie eine arrangierte Theaterszene. Wie ein Tableau, dachte Gontard.
Ein Mann lag mit dem Gesicht nach unten über dem mit einer Marmorplatte bedeckten Grab, in der ausgestreckten Hand eine Lilie.
»Eine Plastikblume«, sagte Berberich. Es klang wie ein Vorwurf.
Der Mann war von hinten erstochen worden. Sein Mantel aus dünnem Tuch wies einen tiefen Riss auf. Der Tote lag in einer Blutlache.
»Weit und breit keine Tatwaffe. Auch keine Fußspuren, keine Reifenspuren.«
»Aber es hat doch stark geregnet? Keine Spuren im Matsch?«, fragte Gontard.
»Alles ist mit Kies bedeckt, und die Parkplätze sind befestigt. Knochensteine. Und die Zufahrt zum Friedhof ist betoniert. Schade.«
»Ja, schade«, gab Gontard dem Kripochef Recht. Aber der ewige Romantiker Friedrich Gontard dachte auch, dass es schade um den schönen alten Grasplatz unter den Kastanienbäumen war, wie er ihn noch vor der Modernisierung gekannt hatte.
Auch den Jugendstilengel hatten sie einfach kaputtschlagen wollen. Aber ein engagierter Heimatforscher aus Schwanweiler hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das wertvolle Kunstwerk zu erhalten.
Familie Adam und Ernestine Bosch stand auf der Grabplatte in schon leicht verwitterten, in Gold aufgetragenen Lettern.
»Der Sohn, Valentin Bosch, hat den Grabstein geschaffen. Und den Engel. Er war Bildhauer und Steinmetz. Ein vielversprechender junger Mann. Er hat die Münchner Kunstakademie besucht. Mit noch nicht einmal zweiundzwanzig Jahren ist er im Ersten Weltkrieg gefallen.«
Berberich schaute seinen ehemaligen Chef fragend an, der aber fuhr fort: »Meine Frau Anna hat mir das alles erzählt. Sie ist ja hier geboren und hat als Kind einige Jahre hier gelebt. Mein Schwiegervater hat sich 1949 in eine andere Pfarrei versetzen lassen, und nach seinem Tod hat meine Schwiegermutter Schwanweiler als Alterssitz gewählt und ist zurückgekommen.«
»Ach so ist das gewesen. Komisch.« Berberich deutete auf den Grabstein. »Das hat er aber nicht eingemeißelt, Ihr Künstler. Oder war er ein Hellseher?«
Er las laut vor: »Valentin Bosch, geboren am 12.10.1894, gefallen am 2.7.1916 für Volk und Vaterland in Thiepval, Frankreich. Das walte Gott. Entschuldigung, schon wieder so ein blöder Witz von mir. Das hat man natürlich später einmeißeln lassen.«
In leicht bitterem Ton fügte er hinzu: »Bestimmt auf das Geheiß der vaterlandsliebenden und gottesfürchtigen Eltern des Toten.«
»Ja, die Familie Bosch, auch das weiß ich von Anna, war frommer als fromm. Bigott. Wenn Sie wissen, was ich meine«, sagte Gontard.
»Natürlich, ist doch klar, Chef. Die waren doch fast alle so drauf früher. Der liebe Gott hat den Krieg gemacht und die Pfarrer haben die Waffen gesegnet. Der Gott, der Eisen wachsen ließ«, zitierte er.
»Ja, leider ist es so gewesen«, bestätigte Gontard. »Aber bitte nennen Sie mich nicht immer Chef. Sie sind doch jetzt der Chef.«
»Geht in Ordnung, Chef. Herr Gontard.«
Berberich fuhr sich durch die kurzgeschorenen blonden Haare: »Warum kommt eigentlich der Gerichtsmediziner nicht? Dieser Dr. von Lehmdorff. Lahmdorff sollte er heißen. Ich möchte den Toten mal inspizieren, mal richtig umdrehen. Ihm ins Gesicht schauen.«
»Da warten wir aber ab, bis der Arzt kommt. Wir wollen doch keine Spuren verwischen.«
»Sie haben Recht, Chef … Herr Gontard.«
Plötzlich erschien ein untersetzter, fülliger Mann um die sechzig und schob die Kripochefs, den ehemaligen und den amtierenden, energisch zur Seite.
Es war Dr. von Lehmdorff, seines Zeichens Pathologe des Ludwigshafener Morddezernats.
»Na, da wollen wir doch die Ungeduld der beiden Herren befriedigen«, polterte er los mit seiner auffallend dunklen Stimme. Der süffisante Ton war nicht zu überhören.
Er drehte den Toten um.
Er mochte um die fünfzig Jahre alt sein. Sein lockiges Haar war vom Regen nass, aber es war auch noch in diesem Zustand eindeutig das Haar eines rothaarigen Mannes. Die Augen waren weit aufgerissen und von einem auffallenden Hellblau. Die Haut war weiß und sommersprossig. Die typische Haut der Rotblonden.
»Er sieht irisch aus«, sagte Gontard. »Wenn das Haar trocken ist, wird es feuerrot aussehen.«
»Der ist noch nicht lange tot«, konstatierte der Gerichtsmediziner. »Wer hat den Toten gefunden?«
»Ach, das habe ich Ihnen ja noch gar nicht gesagt«, erklärte Berberich, an Gontard gewendet, als sei der Gerichtsmediziner nicht anwesend. »Eine ältere Frau hat ihn gefunden. Sie wollte vor dem Kirchgang noch Blumen aufs Grab ihres Mannes legen. Das übernächste Grab. Dabei hat sie den Toten entdeckt. Sie ist ganz kopflos ins Dorf zurückgerannt, hat bei den Nachbarn geklingelt und sie gebeten, bei der Polizei anzurufen, da sei ein Toter auf dem Friedhof. Dann ist sie zusammengebrochen. Sie wird medizinisch betreut und ist vorläufig nicht vernehmungsfähig. Das war gegen 8 Uhr 30, also vor rund anderthalb Stunden.«
»Darf ich nun meine Arbeit machen?«, brummte Dr. von Lehmdorff und machte ein bärbeißiges Gesicht.
Er kniete neben dem Toten und kramte in seinem großen Koffer.
»Gut getroffen. Zielsicher«, murmelte er. »Heftig und mit großer Wucht ausgeführt, der Stoß.«
Berberich zupfte Gontard vorsichtig am Ärmel.
»Lassen wir den Fachmann mal machen. Gehen wir ein bisschen beiseite. Meine Güte, was ist das denn?« Er deutete zur Kirchhofmauer hinüber. Vor dem rotweißen Absperrband war schon eine Menschenmenge versammelt. Man sah gereckte Hälse und vernahm aufgeregtes Stimmengewirr.
»Die Gaffer. Es wird auch immer schlimmer. Die gucken einfach zu viel Tatort am Sonntagabend.«
Er rief laut zu einem der Polizisten hinüber: »Schafft mal diese Leute da weg. Die sollen lieber in die Kirche gehen. Es läutet schon seit fünf Minuten.«
Berberich machte aus seinem Herzen keine Mördergrube und keinen Hehl seiner Einstellung der Kirche gegenüber.
»Die sollen für das Seelenheil von dem armen ermordeten Teufel beten. Er tut mir richtig leid. So im Matsch zu liegen. Von hinten ermordet. Wie feige und gemein.«
Bäriges Äußeres, weicher Kern, dachte Gontard. Er hatte Manfred Berberich schon gemocht, als er vor einem Vierteljahrhundert sein Lehrling gewesen war. Er würde nie vergessen, wie er damals bei dem Mordfall an der Nikolauskapelle unterhalb des Pfalzklinikums in Klingenmünster in die Knie gegangen war und ein Gebet gemurmelt hatte, als das geistig behinderte dreizehnjährige Mädchen erwürgt aufgefunden worden war. Ein Sexualverbrechen. Das war 1976 oder 1977 gewesen.
»Ich glaube nicht an Gott«, hatte Berberich gestammelt. »Aber ich bete trotzdem. Ich bete, dass wir den Kerl finden, der das getan hat.«
Der Mörder, ein »unbescholtener Christ und Familienvater« aus Burrweiler, war bald nach der Tat gefasst worden.
»Der, an den ich nicht glauben kann, hat mein Gebet erhört«, hatte Manfred Berberich damals mit einem verlegenen Lächeln gesagt.
Die...




