Beil Die schlafenden Hunde
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95602-037-7
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 190 Seiten
Reihe: Gontard Krimi
ISBN: 978-3-95602-037-7
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lilo Beil wurde im südpfälzischen Klingenmünster geboren. Die Pfarrerstochter verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dielkirchen bei Rockenhausen und in Winden bei Landau. Ab 1966 studierte sie in Heidelberg Romanistik und Anglistik. Sie unterrichtete von 1972 bis Januar 2008 an der Martin-Luther Schule in Rimbach. Die Mutter dreier erwachsener Töchter lebt mit ihrem Mann im vorderen Odenwald. Seit frühester Jugend interessierte sich Lilo Beil für Literatur und Kunst. Ihr liegt, sagt sie, das Satirische, schon mal mit einem Schuss in Bösartige, aber es finden sich in ihren Geschichten genauso romantische und nostalgische Elemente, Spannungsmomente und die kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gesellschaft.. Besuchen Sie auch Lilo Beils Website: www.lilobeil.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
- Piraten
- Geburtstagsvorbereitungen
- Madeleine
- Heimfahrt
- Marionetten
- Karl Amann
- Erinnerungen an ein Fest oder: Kerwe
- R.E.
- Das Zimmer
- Franziska
- Die Totenglocke
- Schuhe
- Herr Krollmann
- Frankreich
- Das Archiv
- Der Blitzbesuch
- Das Foto
- Peter Brahms
- Josef Reinfelder
- Ein Traum
- Das Rendezvous
- Noch einmal Rolf Emberger
- Ein Traum
- Leichenschmaus oder: Gerüchteküche
- Franziskas Verdacht
- Lilli
- Die Oper
- Der Brief
- Gift
- Der Pirat
- Love and murder will out
- To a dark lady
4. Kapitel
Heimfahrt
Friedrich Gontard fuhr von Ludwigshafen zurück nachhause in den Odenwald. Manchmal kam er sich ein bisschen lächerlich vor, wenn er in diesem bemalten Bus durch die Gegend fuhr. Ein Hippiebus, das gehört sich doch nicht für den Chef der Ludwigshafener Kripo, witzelten einige Leute im Präsidium, und sie hatten wahrscheinlich Recht. Der »Hippiebus« war ein VW-Bus, der von Anna und Lilli gemeinsam mit naiver Malerei über und über bemalt worden war. Ein Bilderbuch auf vier Rädern, ein richtiger Bus, um in die Ferien zu fahren. Der Bus war dunkelblau, und die Passanten am Straßenrand konnten darauf eine heile Welt bewundern: Fachwerkhäuser mit Zaun und Sonnenblumen und Kindern und Tieren. Hunde, Katzen, Kühe und Vögel, eine Sonne mit lachendem Menschengesicht, weiße Wölkchen. Eine putzige Welt, wie man sie gerne immer hätte.
Es war in den Ferien in Frankreich gewesen, als Anna auf einmal die Idee hatte, den Bus zu bemalen. Lilli, die das Talent der Mutter wohl geerbt hatte, durfte mitmalen, welch ein Riesenvergnügen für die beiden. Normalerweise nahm Anna den Bus, wenn sie zur Schule fuhr. Auch dort entlockte er nicht allen Kollegen freundliche Kommentare.
Gontard erinnerte sich an die Ferien in Frankreich vor zwei Jahren, zuerst Paris, dann die Schlösser an der Loire und zuletzt der Atlantik in der Nähe von Royan. Ein Reisen von Campingplatz zu Campingplatz, und Lilli immer brav dabei, auch bei den Besichtigungen. Lilli, die ein wenig frühreif war für ihr Alter, das typische Einzelkind, das fast immer mit Erwachsenen zusammen ist, ein wenig altklug, aber auch gewitzt und ausgelassen und frech. Das Einzelkind, das ein Geschwisterchen haben sollte, aber dann hatte Anna eine Fehlgeburt erlitten. Er würde nie vergessen, wie Anna damals, als sie vom Krankenhaus heimkam, im Badezimmer alles durcheinander warf, was ihr in die Hände geriet, um ihre maßlose Trauer über das verlorene Baby abzureagieren: Handtücher, Kosmetiktuben, Shampooflaschen, Parfümflakons, Bürsten und Kämme. Ein Spiegel war zu Bruch gegangen. Er hatte gedacht, sie drehe völlig durch, und er hatte sie lange und heftig schütteln müssen, bis sie wieder zur Besinnung gekommen war. Langsam hatte der Schmerz aber nachgelassen, und Lilli machte alles wett.
1977 war ein Pechjahr gewesen: Annas Fehlgeburt, der Tod von Annas Vater, im Herbst dann die politische Sache, die Sache mit der Entführung und der Ermordung Schleyers durch die RAF. Gontard erinnerte sich, wie sein Hippiebus damals, als ganz Deutschland in einem Fahndungsfieber ohnegleichen gewesen war, bei einer Kontrolle an der Autobahnausfahrt angehalten worden war. Anna, Lilli und er mussten aussteigen, ein Polizist hielt das Maschinengewehr auf die Reifen des VW-Busses, dann das Zeigen des Ausweises, ein verwundert gestottertes: »Entschuldigung, Herr Kommissar. Entschuldigung, aber ich habe gedacht …« Selten hatte er ein so vor Verlegenheit rotes Gesicht gesehen.
»… Sie haben gedacht, das ist so ein richtig getarntes Terroristenauto. Ein Ehepaar. Und dann noch das kleine Kind. Wirklich die ideale Tarnung. Sehr verdächtig!«
Zynisch hatte er ergänzt: »Und wenn einer dann noch ein bisschen längere Haare hat und Koteletten, dann kann er doch kein rechtschaffener Bürger sein. Da ist was faul. Aber Sie selbst tragen doch auch die Haare länger. Und gucken Sie mich mal genau an: Ich bin über fünfzig. Sie suchen doch Jüngere, oder? Doch Sie tun ja nur Ihre Pflicht«, lenkte er ein, zumal er sich nicht sicher war, ob sein Kollege so viel Ironie verstand oder vertrug. Friedrich Gontard war wütend gewesen und Anna hatte vor Angst gezittert und Lilli ganz fest an sich gedrückt.
Gontard fuhr an der Peterskirche vorbei. Die Weschnitz führte kaum Wasser, kein Wunder bei dieser Trockenheit. Zum Glück würde er bald zuhause sein, aber oje, er hatte nicht an den Lärm gedacht, der ihn daheim erwarten würde. Kindergeburtstag, der alljährliche Aufstand der Zwerge im August. Anna würde am Abend erledigt sein, doch zum Glück hatte sie Madeleine zur Unterstützung. Aber nicht mehr lange.
Was machen wir nur ohne Madeleine, fragte sich Gontard, und immerhin war er nun schon an der Fuchs’schen Mühle angekommen. Die Autokolonne schob und quälte sich durch das malerische Tälchen. Sie hatten es leicht gehabt mit Madeleine, Anna und er, denn die Verantwortung für ein junges, hübsches Mädchen für ein ganzes Jahr zu übernehmen, das war kein Pappenstiel. Doch Madeleine war kein Feger, sie ging eigentlich nie aus, sie war ab und zu zum Einkaufen nach Weinheim, Mannheim oder Heidelberg gefahren mit dem Zug und der OEG. Da war nur dieser eine unangenehme Vorfall gewesen, letztes Jahr im Herbst, nicht lange nach Madeleines Ankunft. Er hatte es verdrängt, aber es war schließlich nichts passiert. Alles war gut ausgegangen.
Wenn sie in der Stadt wohnen würden, da hätten sie sich andere Sorgen machen müssen, aber hier auf dem Land war man doch relativ sicher. Zum Glück hatte Anna damals vor sieben Jahren nachgegeben und war, wenn auch schweren Herzens, mit ihm von Heidelberg in den Odenwald gezogen. Wegen der guten Luft, auch wegen der Ruhe. Es war modern geworden, aufs Land zu ziehen. Es sei gut für Kinder, hier könnten sie besser mit Tieren aufwachsen, freier spielen, hieß es. Und dann die Sicherheit! Dieses letzte Argument allerdings musste der Kripochef als Scheinargument vom Tisch räumen, zumal ihm gerade sein letzter Fall gezeigt hatte, dass das Verbrechen nicht nur in den Großstädten nistete.
Er hatte einen Serientäter verfolgt, der seit gestern hinter Schloss und Riegel saß, Paul Brandner, der in der Pfalz Angst und Schrecken verbreitet hatte. Ein totes Mädchen in einem Waldstück bei Dudenhofen, eines in Schwegenheim in einem Tabakschuppen, eines in einem Maisfeld bei Herxheim, eines in einem Weinberg bei Mußbach und eines hinter der katholischen Kirche von Rheinzabern. Gespenstisch und theatralisch arrangierte Mordszenerien, Ausgeburten eines kranken Hirns. Fünf tote Mädchen, und überall das gleiche Muster. Die Opfer waren alle fünfzehn bis achtzehn Jahre alt gewesen, dunkelhaarig, der südländische Typ, wie man ihn in der Pfalz häufig antrifft. Sie hätten alle fünf fast Schwestern sein können. Gespenstisch, nicht nur, weil alle schrecklich zugerichtet waren. Sie waren alle vergewaltigt und erstochen worden, der Täter hatte ein goldenes Kettchen mit einem Kreuz um den Hals jedes seiner Opfer gelegt. Ein Juwelier in Neustadt hatte Paul Brandner als den Käufer der frommen Kettchen identifizieren können. Ein Psychopath, geplagt von seinen Komplexen, einem übersteigerten Sexualtrieb und religiösen Wahnvorstellungen. Doch fünf Mädchen mussten sterben, bevor untrügliche Indizien ihn überführt hatten. Es war ähnlich wie bei Heinrich Pommerenke damals vor genau zwanzig Jahren, dem »Scheusal vom Schwarzwald«, wie der Frauenmörder im Volksmund genannt worden war. Bei seiner Festnahme hatte er gestanden, dass er absichtlich seine Aktentasche mit dem abgesägten Gewehr darin hatte stehen lassen, damit er endlich gefasst werden würde, »erlöst würde«.
Der Stau löste sich leicht auf, Gontard atmete doppelt auf. Nun war der Fall Brandner abgeschlossen, und er konnte beruhigt für etwa zwei Wochen seinen »Urlaub« genießen, der dieses Jahr kein Urlaub war, denn für Lilli und Anna würde die Schule beginnen, er selbst würde »Vaterferien« machen, Anna und Lilli zuliebe!
Er lächelte, als er an die »zahnluckerte« Kleine dachte. Er würde gerne auf Ferien verzichten, denn schließlich hatten auch Anna und Lilli diesen Sommer auf richtige Ferien mit Strand und Baden verzichten müssen, und alles wegen des religiösen Spinners, dem Goldkettchen-Mörder, wie Paul Brandner überall genannt worden war. Gontard hätte unmöglich in Urlaub fahren können in den letzten sechs Wochen. Die Fahndung war auf Hochtouren gelaufen, es hatte gegolten, ein weiteres Verbrechen zu verhindern. Nun würde er ein wenig den Hausmann spielen, aber mit Franziskas Hilfe würde es schon gehen. Trotzdem: Madeleine würde fehlen.
Der Stau hatte sich keineswegs aufgelöst, es war ein Trugschluss gewesen. Die Autos standen dicht an dicht an der Hammelbrücke und verpesteten die Luft. Gontard las den Spruch an der Hauswand, der eine Sonnenuhr umgab: Gott schuf die Zeit – von Eile hat er nichts gesagt. Der Spruch passte zum Stau.
Laute Musik riss Gontard aus seinen Gedanken. Ein Opel Manta, grasgrün, fuhr mit heruntergekurbelten Scheiben dicht hinter Gontards Hippiebus. Die Bässe dröhnten. Agnetha, Frida, Björn und Benny von der Popgruppe ABBA sangen fröhlich Mamma Mia. Fast wäre der Fahrer auf den Bus aufgefahren, vielleicht war er auch in Gedanken wie Friedrich Gontard. »Opel-Macho«, brummelte Gontard vor sich hin.
Er sah im Rückspiegel ein bekanntes Gesicht: Rolf Emberger, der Dorfcasanova von Hohenkirch. Aber nein, es war gar nicht Rolf Emberger. Diese Typen sahen doch alle gleich aus. Gontard wollte sich umdrehen, um dem Angeber sein Missfallen über seine rabaukenhafte Fahrweise kundzutun, aber in dem Moment ertönte ein Martinshorn. Ein Polizeiauto, dicht gefolgt von einem Ambulanzwagen, bahnte sich den Weg durch die Autoschlange. Alle drängten zur Seite, um Platz zu machen. Die fahren nach Hohenkirch, dachte Gontard. Ein Unfall? Er hatte Rolf Emberger vergessen beziehungsweise dessen Doppelgänger. Der zog, als die Bahn endlich frei war und der Stau sich gelöst hatte, nassforsch an ihm vorbei, den Arm lässig aus dem Fenster gehängt. Der Fuchsschwanz an der Antenne des Opel Manta zitterte und wippte. Im Vorbeifahren machte Embergers...




