E-Book, Deutsch, 112 Seiten
Reihe: Hanser Berlin LEBEN
Bronsky Essen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28502-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
Reihe: Hanser Berlin LEBEN
ISBN: 978-3-446-28502-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nur wenige Dinge sind so privat und so öffentlich, so zelebriert oder verheimlicht, so omnipräsent und zugleich verdrängt wie die Speisen, die wir zu uns nehmen. Jeder könnte ein Buch über Essen schreiben, das genauso einzigartig wäre wie sein Fingerabdruck, behauptet Alina Bronsky, und schreibt nun ihres: Eine höchst subjektive Erzählung über ihre persönliche Beziehung zu Porridge, Schokolade, Butterbrot, Borschtsch oder der Vogelmilchtorte. Denn für sie sind diese Speisen nicht einfach nur Nahrung, sondern ein Mittel der Fürsorge, Emanzipation, emotionalen Erpressung, das mal nach Heimat schmeckt, mal nach Liebe, Hemmungslosigkeit oder Askese. Ein bittersüßes kulinarisches Lesevergnügen: manchmal komisch und manchmal melancholisch.
Alina Bronsky, geboren 1978, lebt in Berlin. Ihr Debütroman 'Scherbenpark' wurde zum Bestseller und fürs Kino verfilmt. 'Baba Dunjas letzte Liebe' wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert. 2019 und 2021 erschienen 'Der Zopf meiner Großmutter' und 'Barbara stirbt nicht'. 2024 folgte der Roman 'Pi mal Daumen', der monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand und als Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen 2024 ausgezeichnet wurde.
Autoren/Hrsg.
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1 Porridge oder das Heimweh
Es sind die frühen Neunzigerjahre, und es ist mein erster Herbst in Deutschland. Nur wenige Tage nachdem ich in die neue Klasse gekommen bin, steht das erste Schullandheim an. Meine Gefühle ähneln denen von Greg aus der berühmten Comic-Buchreihe, und zwar in dem Teil, in dem der Ich-Erzähler zur Fahrt auf die sogenannte »Schweiß-und-Fleiß-Farm« gezwungen wird. Greg wundert sich, warum alle anderen Teilnehmer im Gegensatz zu ihm große Reisetaschen dabeihaben. Während sie nachts in den mitgebrachten Schlafsäcken schlummern, muss er sich mit einem kleinen Handtuch zudecken.
Genau wie Greg bin ich erstens komplett unvorbereitet, zweitens gruseln mich fremde Gruppen, mit denen ich Schlafräume teilen muss. Das Schlimmste aber für Greg (und mich): die Mahlzeiten. Ich war, damals vielleicht mehr als heute, ein dauerhungriger Mensch. Ich wartete immer darauf, wann es endlich etwas zu essen geben würde. Ich versprach mir gerade in ungemütlichen Lebenslagen viel davon. Doch schon das erste Frühstück in der Jugendherberge gab mir den Rest.
Weiße Brötchen. Butter. Milch. Braunes Pulver mit dem seltsamen Namen Kaba. Kalte, seelenlose Objekte. Ich frage mich, wie verzweifelt Menschen sein müssen, die so etwas essbar finden. Ich misstraue einem Frühstück, für dessen Verzehr man kein Besteck braucht. Die erste Mahlzeit des Tages hat schließlich warm zu sein und muss gelöffelt werden. Mir wird bange: Wir sind doch Kinder, wir wachsen noch, warum hasst man uns hier so?
Dieses traurige Missverständnis ist gut dokumentiert: Viele Jahre später, bei der Pressearbeit für meinen zweiten Roman, erzählte ich einer Mitarbeiterin des von meiner ersten deutschen Klassenfahrt. Ich hatte eigentlich gar nicht vor, so tief in die eigene Vergangenheit einzutauchen. Nach der Horrorfahrt im ersten Jahr hatte es später viel bessere Schulreisen gegeben, auf die ich mich vernünftig vorbereitet hatte, etwa durch einen Schokoriegel-Vorrat.
Die Journalistin und ich saßen bei einer Portion polnischer Teigtaschen zusammen, als sie mich nach meinem Verhältnis zur deutschen Küche fragte. Vielleicht, weil mein zweiter Roman aufgrund des Titels immer wieder für ein Kochbuch gehalten wurde. Und als ich krampfhaft überlegte, was ich ihr erzählen könnte, wurde plötzlich der Klassenfahrt-Albtraum aus meinem dreizehnten Lebensjahr wieder lebendig. Als der Text dann erschien, begann er mit dem Satz: »Alina Bronsky war schockiert.«
Ich muss gestehen: Das ist wahrscheinlich nicht einmal übertrieben. Bis zu dieser Klassenfahrt war mir gar nicht klar gewesen, wie viel mir ein Teller Haferbrei am Morgen bedeutet hatte. Geschmeckt hat er mir nämlich nie. Porridge hat bekanntlich weder Geschmack noch eine nennenswerte Farbe, und als Kind musste ich mit meinen Eltern um jeden Zusatzlöffel Honig feilschen. Die Hafer-Sehnsucht an diesem ersten Morgen im Schullandheim traf mich daher genauso unvorbereitet wie die kratzigen Decken auf den Hochbetten. Ich war nicht nur allein unter noch fremden Mitschülern, ich konnte mich nicht nur schlecht ausdrücken, ich hatte auch noch keinen Haferbrei zum Frühstück: Home is where your porridge is.
Ich war, bis dahin, von der noch frischen Migrationserfahrung meiner Familie eher positiv überrascht gewesen. Ich hatte mich mit meiner ganzen jugendlichen Begeisterung in ein neues Leben gestürzt, in dem vieles bunter, vielfältiger und vor allem verfügbarer war als das, was ich aus meinem Geburtsland kannte. Wer in jener Zeit aus der Sowjetunion ausreiste, hatte in der Regel mit Patriotismus und Heimweh eher wenig am Hut.
Ich war auch an diesem ersten Klassenfahrtmorgen bereit, den Culture Clash lachend zu überbrücken. Ich wollte nicht zulassen, dass ausgerechnet eine warme Grütze mich ausbremste. Todesmutig biss ich in das weiße Brötchen, das in einer Krümelwolke explodierte und mich mit Mehlpartikeln beschneite. Runterschlucken fand ich dann wirklich zu viel verlangt.
Mit etwas mehr Abstand lässt sich sagen, dass ich hier zum ersten Mal eine Zugehörigkeit zu einem kulinarischen Kulturraum wahrnahm. Auch Menschen, die keine slawische Sprache beherrschen, können in der Regel das Wort »Kascha« auf einer Speisekarte korrekt einem Brei oder einer Grütze zuordnen. Und in osteuropäischen Speisekarten findet es sich erstaunlich oft. Leider kann dieses russische Nationalgericht mit den ikonischen internationalen Lieblingen anderer Länder, etwa Pizza oder Paella, nicht mithalten. Kascha macht optisch wenig her, und ihr Ruf außerhalb ihres Kerngebiets liegt irgendwo zwischen Krankenhaus-Schonkost und klebriger Langeweile.
Doch wer Kaschas Understatement auf den Leim geht, verpasst etwas. Man kann es in dieser Frage beim erstbesten Google-Treffer nachlesen, in historischen Kochbüchern recherchieren oder einfach auf den gesunden Menschenverstand vertrauen. Allem Image zum Trotz hat jeglicher Brei aus zerkleinertem oder ganzem Getreide die besten Gründe, als Basis der täglichen Ernährung zu gelten. Er kann so vielfältig sein wie die Auswahl der Körner, wird stundenlang in der Restwärme eines Lehmofens gedämpft oder auf dem Induktionsherd rasch gekocht und kann sich sowohl in einer Betriebskantine als auch in einem Sterne-Restaurant behaupten. Er kann mit kandierten Äpfeln oder frischen Steinpilzen serviert werden, als Beilage, Hauptgericht und Dessert, und dies morgens, mittags und abends. Nicht zuletzt ist er der hochlebendige Erbe einer uralten Tradition: Der Getreidebrei brachte Generationen von Menschen durch Jahrhunderte eisiger ost- und nordeuropäischer Winter, stärkte sie für harte körperliche Arbeit und sorgte danach für geruhsamen Schlaf. Nicht umsonst heißen Feldköche auf Russisch »kaschewary«, was so viel wie Breikocher bedeutet. Es ist eine der einfachsten und günstigsten Varianten, viele Menschen auf einmal satt zu kriegen.
Eines der bekanntesten russischen Märchen heißt und erzählt davon, wie ein pfiffiger Soldat für eine Nacht bei einer geizigen Alten einkehrt und ihr mit List ein leckeres Abendessen abringt. Als die Gastgeberin behauptet, sie hätte nichts zu essen im Haus, entdeckt der Soldat eine Axt unter der Küchenbank und bietet an, daraus einen Brei zu kochen. Die verblüffte Frau sieht zu, wie der Soldat die Axt in Wasser aufkocht und zum Abschmecken um ein wenig Salz bittet. Wenig später sagt er, es sei schon köstlich, nur eine Handvoll Getreide und ein wenig Butter würden noch fehlen. Am Ende sitzen die beiden bei einem schmackhaften Brei beisammen, und die Alte fragt, wann sie denn endlich die Axt essen würden. Die sei doch noch gar nicht durch, sagt der gesättigte Soldat und nimmt das Werkzeug am Ende auch noch mit.
Kein Wunder, dass mein erstes Frühstück ohne Brei mich wie ein brutal abgerissenes Glied einer Kette fühlen ließ. Ich war in einem Land angekommen, das seine eigene Grützentradition längst vergessen, den einst omnipräsenten bäuerlichen Brei vor vielen Jahren durch Toast, Pumpernickel und Laugenzopf ersetzt hatte. Wäre meine Familie weiter im Süden gelandet, hätte ich zum Kakao wenigstens ein Croissant gekriegt.
»Wir haben als Kinder morgens selbstverständlich auch Haferflocken mit Milch gegessen«, protestiert ein deutschstämmiges angeheiratetes Familienmitglied, das die Vereinnahmung des Haferbreis durch mich ungern akzeptieren will. Aber in der Küche kommt es eben auf jedes Detail an. Die Haferflocken seiner Kindheit waren kalt, anschließend musste auch kein Topf geschrubbt werden. Man war damit vielleicht auf dem richtigen Weg, blieb aber aus unerfindlichen Gründen auf halber Strecke stehen.
Seit ich Mutter bin, gibt es bei uns selbstverständlich jeden Morgen Haferbrei, denn ich habe meine Familie lieb. Auch im Urlaub, weswegen ich als erstes lernte, wie Haferflocken auf Französisch oder Italienisch heißen. In südeuropäischen Supermärkten fand man sie in diesen Jahren nur mit viel Glück in der hintersten Öko-Ecke. Meine Kinder werfen es mir bis heute vor. Ihre Freunde auch: »Bei euch gab es morgens immer so klebriges Zeug zum Löffeln.«
Inzwischen haben smarte Menschen aus der Nahrungsmittelindustrie entdeckt, wie viel Geld man für Haferflocken verlangen kann, wenn man circa zwei Löffel davon in einem bunten Einwegbecher verkauft. Dazu eine Anleitung, wie man die Flocken am besten mit heißem Wasser...




